{"id":3983,"date":"2020-10-01T17:34:35","date_gmt":"2020-10-01T15:34:35","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3983"},"modified":"2020-10-08T15:02:40","modified_gmt":"2020-10-08T13:02:40","slug":"petro-d-freitagsbrief-nr-143","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/petro-d-freitagsbrief-nr-143\/","title":{"rendered":"Petro D. \u2013 Freitagsbrief Nr. 143"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ukraine<\/strong>, <strong>Gebiet Riwne<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>September 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, mein Name ist D. Petro.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich entschlossen, eine kurze Lebensgeschichte zu schreiben. Da ich nicht mit einem Computer umgehen kann, diktiere ich und meine Enkeltochter schreibt Ihnen. In dem Brief, den ich von Ihnen bekommen habe, erreichte mich Ihr Wunsch, dass ich Ihnen meine Geschichte schreibe. Ich werde detailliert berichten, es ist schwer zu vergessen, sogar in meinem hohen Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Lager lebten meine Familie und ich in Polen, im Woiwodschaft Lublin, Powiat Bi\u0142goraj, im Dorf Borowek.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lebten zu sechst als Familie zusammen \u00ad Vater, Mutter, Gro\u00dfvater und Gro\u00dfmutter und noch ein zweij\u00e4hriger j\u00fcngerer Bruder. W\u00e4hrend des Krieges schickte mein Vater meine Mutter in ein nahegelegenes Dorf, weil es nicht in den W\u00e4ldern war, damit sie dort mit den Kindern ruhiger leben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir liefen zu diesem Dorf mit meinem kleinen Bruder, meine Mutter und meine Cousine hatten hatte meinen Bruder auf dem Arm. Und auf dem Weg wurden wir Kleinen und meine Mutter zu einem Lager gebracht. Da war eine Reihe von Besatzern, wir wurden alle zur Stadt Zamo\u015b\u0107 getrieben. Es war eine deutsche Razzia.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab im Lager nichts zu essen und noch nicht einmal Wasser, jeder kam zum Brunnen mit Scherben, um wenigstens ein bisschen Wasser zu sammeln, aber es gab nicht genug f\u00fcr alle. Die Deutschen machten sich einen Spa\u00df und warfen Bonbons vom Wachturm, aber unsere Mutter behielt uns dicht bei sich, damit wir nicht zertrampelt w\u00fcrden. Sie warfen und lachten und nannten alle \u201eVieh\u201c. Die hungrigen Menschen rannten und versuchten irgendetwas zu fangen. Sie aber sa\u00dfen auf dem Wachturm, a\u00dfen Schokolade und spielten auf dem Akkordeon.<\/p>\n\n\n\n<p>Als mein Vater herausfand, wo wir waren, wollte er uns holen und befreien, aber die Deutschen sagten, sie w\u00fcrden uns nur gehen lassen, wenn er einen Eimer K\u00e4se und Butter br\u00e4chte. Zwei Wochen sp\u00e4ter kam mein Vater, um uns abzuholen, aber es gab meinen kleinen Bruder nicht mehr &#8211; er war verhungert, er war eineinhalb Jahre alt. Vater \u00fcbergab, was er gebracht hatte und wir wurden zum Hinterausgang geschickt. Als die Menschen sahen, dass das Tor ge\u00f6ffnet wurde, rannten sie zum Ausgang. Die Deutschen schossen, um alle wegzutreiben, aber wir schafften es, zu entkommen und aus dem Tor zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man Vater brachte uns zur\u00fcck ins Dorf Borowek, wo wir gelebt haben. Zwei Wochen sp\u00e4ter kam eine Gruppe russischer Partisanen zu uns und so waren in jedem Haus 10-12 Partisanen, die essen und sich waschen mussten. Aus Kiew kam der Befehl, die Deutschen weiter zu dr\u00e4ngen. Also musste das ganze Dorf zusammenkommen und mit Pferden die Partisanen weiter ins Land transportieren. Sie wollten nachts aufbrechen, aber die Deutschen griffen an und begannen zu schie\u00dfen. Mit den ersten Sch\u00fcssen t\u00f6teten sie meinen Vater und zwei Kommandeure der Partisanen. Da das Gebiet von den Deutschen besetzt war, verboten sie, die Menschen zu beerdigen und sie wurden erst beerdigt, nachdem ein Befehl aus Kiew [sic!] gekommen war. Dann wurde mein Vater zusammen mit den Kommandeuren in einem Sarg beerdigt \u2013 mein Vater als Partisan. Jetzt gibt es ein Denkmal im Dorf Samch in der N\u00e4he von Borowek. Etwas sp\u00e4ter kamen deutsche Flugzeuge und bombardierten das Dorf. Meine Mutter lief weg, sie war schwanger und sah, wie eine Granate den Jungen vom Nachbarn traf und so wurde der dritte Sohn schon gezeichnet geboren und lebte nur ein Jahr. Als wir wieder zum Dorf zur\u00fcckkamen, war es vollkommen zerst\u00f6rt und alle H\u00e4user waren verschwunden. Wir mussten und verstecken und die N\u00e4chte in Unterschl\u00fcpfen verbringen. Irgendwann 1945 kam eine russische Abordnung und alle Ukrainer wurde in die Ukraine gebracht, einige nach Saporozhye, einige nach Kherson. Wir kamen nach Zaporozhye.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama arbeitete mit einem Traktoristen auf dem Anh\u00e4nger, um etwas zu essen zu haben. Wir wollten zur\u00fcck nach Polen, aber durften nicht nach Brest. Von Brest in die Ukraine gab es einen Transport mit Steinen und Harz und wir wurden oben auf die offenen Waggons gesetzt und zur\u00fcckgebracht. Der Transport ging nach Riwne. Wir stiegen in Zdolbuniy aus und da gab es eine solche Menge von uns, dass es nicht einmal gen\u00fcgend Platz gab in den Baracken, um eine Tasche abzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unseren Anf\u00fchrern wurde befohlen, nach Zhytyn zu gehen, dort st\u00fcnden H\u00e4user leer und wir lebten dort ein Jahr lang. Danach gaben sie uns Land in Nova Ukrayinka, Osada Krakhovetska, wo Polen lebten. Wir hatten kein eigenes Haus, wir wurden von der Gro\u00dfmutter von jemand anderem aufgenommen. Unser Land wurde einem Truppen\u00fcbungsplatz zugeschlagen. Um etwas zum Essen zu haben, arbeitete meine Mutter auf den Feldern von anderen Leuten und bekam Geld von ihnen, sodass es ein St\u00fcck Brot und ein Glas Milch gab. Wir Kleinen sammelten Korn\u00e4hren in den Feldern von anderen Leuten, aber sie gaben sie uns nicht und vertrieben uns.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 50ern wurden alle Leute vom Land in die D\u00f6rfer umgesiedelt, Grundst\u00fccke wurden f\u00fcr H\u00e4user abgemessen, aber wir hatten damit nichts zu tun. Wir bauten eine Lehmh\u00fctte und trugen Holzschindeln zusammen und lebten bis 1966 in solch einer H\u00fctte. Dann bauten wir ein Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kolchose startete und ich ritt Pferde, versuchte etwas zu verdienen. Als ich 13 war [1954 d. \u00dcbers.] setzte ich mich auf einen Anh\u00e4nger und pfl\u00fcgte das Land mit einem Traktoristen, der Angst hatte, dass ich irgendwo untergepfl\u00fcgt werde, weil ich so klein war, und der mich oft in die Kabine nahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit k\u00fcmmerte sich niemand um Waisen ohne Vater, und diejenigen, die kriegsversehrt waren, bekamen keine Unterst\u00fctzung und hatten Probleme zu \u00fcberleben. Der Faschismus hat die Leben von vielen Menschen schwer besch\u00e4digt, darunter das meiner Familie. Als sie in Polen lebte, hatte sie vier K\u00fche, ein Paar Pferde, Land, Wasser, Wald und ein gutes Haus. Hier musste ich mit meiner Mutter umherziehen, schon ohne Vater, um irgendwie zu \u00fcberleben und ein wenig st\u00e4rker zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mich nicht vergessen haben, und bin Ihrer Organisation dankbar, dass sie mich unterst\u00fctzt. Ich m\u00f6chte Sie bitten, mich finanziell bei der Sanierung meiner Z\u00e4hne zu unterst\u00fctzen. Das ist hier sehr teuer, man muss alles \u00e4ndern, denn es sind nur wenige \u00fcbrig, wie das ukrainische Wappen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet Riwne September 2020 Guten Tag, mein Name ist D. Petro. Ich habe mich entschlossen, eine kurze Lebensgeschichte zu schreiben. Da ich nicht mit einem Computer umgehen kann, diktiere ich und meine Enkeltochter schreibt Ihnen. 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