{"id":3936,"date":"2020-09-25T12:36:50","date_gmt":"2020-09-25T10:36:50","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3936"},"modified":"2020-09-25T12:41:30","modified_gmt":"2020-09-25T10:41:30","slug":"anatolij-prokofjewitsch-kowalewskij-freitagsbrief-nr-142","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/anatolij-prokofjewitsch-kowalewskij-freitagsbrief-nr-142\/","title":{"rendered":"Anatolij Prokofjewitsch Kowalewskij \u2013 Freitagsbrief Nr. 142"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus, Gebiet Grodno<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie Engler<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Fortsetzung des <a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/248.-Freitagsbrief.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">248. Freitagsbriefs<\/a> und des <a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/anatolij-prokofjewitsch-kowalewskij-freitagsbrief-nr-141\/\">141. Freitagsbriefes<\/a>. Der Bericht stammt aus dem Jahr 2010.<\/em> <em>Mit der Heimkehr von Anatolij Prokofjewitsch Kowalewskij im Jahr 1946 schlie\u00dfen wir&nbsp; die Serie seines Berichts aus der deutschen Kriegsgefangenschaft ab.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Lager, in dem die Franzosen uns so gro\u00dfz\u00fcgig bewirteten, blieben wir nur zwei Tage. Dann brachten sie meinen Weggef\u00e4hrten Wanja in das alte Lager zur\u00fcck und mich in ein Straflager, da ich als Organisator der Flucht galt, wo ich zu einem Monat Einzelarrest verurteilt wurde. Tags\u00fcber wurde ich zur Arbeit gef\u00fchrt, am Abend brachte mich ein Wachsoldat zu einem kleinen Schuppen aus Beton mit einem kleinen Fensterchen und sperrte mich dort ein. Es war schon November und sehr kalt. Ich werde mein ganzes Leben nicht den Deutschen vergessen, der mir half, einen alten Mann, der dort wohnte. Wenn der Wachsoldat sich von Schuppen entfernte, brachte er mir einen Schlafsack und warf ihn mir unbemerkt durch das Fenster hinein. Ich schl\u00fcpfte in diesen Schlafsack, w\u00e4rmte mich darin auf und schlief ein. Am Morgen, bevor der Wachsoldat kam, legte ich den Schlafsack hinten in eine Ecke, damit er ihn nicht bemerkte. Am Tag holte der alte Mann den Schlafsack wieder ab, um ihn mir nachts wieder durchs Fenster zu werfen. Dieser gute Mensch hat mir in dieser Zeit das Leben gerettet. Ich werde seiner immer in Dankbarkeit gedenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich unterschied sich das Straflager nicht sonderlich von den anderen Lagern, nur dass die Bewachung um einiges strenger war und sch\u00e4rfere Disziplin herrschte. Die Arbeit war aber die Gleiche. In diesem Lager lernte ich, kleine V\u00f6gel aus Holz anzufertigen, die, wenn man sie sch\u00fcttelte, anfingen, K\u00f6rner zu picken. Diese V\u00f6gelchen verkaufte ich dann. Es gab Menschen, denen bewusst war, welchen Hunger wir litten und die uns f\u00fcr unsere handgefertigten Spielsachen Lebensmittel gaben. Aus den Gespr\u00e4chen wussten wir, dass die Front immer weiter nach Westen vorr\u00fcckte. Die Behandlung der Gefangenen \u00e4nderte sich zum Besseren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam das Fr\u00fchjahr 1945. Die Deutschen befanden sich im R\u00fcckzug. Ein benachbartes Lager f\u00fcr Kriegsgefangene wurde von einer SS-Einheit gest\u00fcrmt und etwa 100 unserer Gefangene wurden erschossen. Anfang Mai erreichte die Front Dresden, und das war nicht mehr allzu weit von unserem Lager entfernt. Alles geriet in Bewegung und die ersten Fl\u00fcchtlinge tauchten auf. Zu der Zeit f\u00fchrte die amerikanische Luftwaffe heftige Luftangriffe auf deutsche St\u00e4dte. Die Bombardierungen waren einfach m\u00f6rderisch. Wir Gefangene arbeiteten an der Bahnlinie in der N\u00e4he einer Stadt mit etwa 25 000 Einwohnern. Eines Tages wurde diese Kleinstadt innerhalb von einer halben Stunde vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt, sie wurde in einen Haufen Ruinen verwandelt. Das gleiche Bild bot sich mir dort, wo eine der sch\u00f6nsten St\u00e4dte gewesen war \u2013 Dresden. Sehr viele Architekturdenkm\u00e4ler, Kirchen und andere Kulturg\u00fcter wurden zerst\u00f6rt und ein gro\u00dfer Teil der Zivilbev\u00f6lkerung wurde get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam der 23. Mai 1945 [sic!] und wir waren endlich frei! An diesem Tag befreite uns der KGB einer Armeeeinheit und ordnete an, dass wir uns auf eigene Faust auf den Weg nach Dresden machen sollten, von wo aus wir in die Heimat gebracht w\u00fcrden. Das Wetter war ausgezeichnet, sonnig und warm. Als Erstes mussten wir unsere Kleidung mit dem SU auf der Brust gegen etwas anderes eintauschen, aber das war zu der Zeit nicht schwierig. Viele Gesch\u00e4fte waren gepl\u00fcndert und alles lag einfach herum \u2013 bitte, nimm dir einfach, was du brauchst. Meine Freunde und ich kleideten uns neu ein und machten uns auf den Weg nach Dresden. Bis dorthin waren es mehr als 100 km. Auf allen Stra\u00dfen waren Menschenmassen unterwegs, niemand wusste, wer wohin ging. Wir sahen eine Gruppe von etwa 20 \u2013 30 Zigeunern, die einen hohen zweir\u00e4drigen Karren zogen, auf dem ein Haufen Kinder sa\u00df; manch einer f\u00fchrte seine Habseligkeiten auf einem Fahrrad oder einer Schubkarre mit sich. Ganz Europa war in unterschiedlicher Richtung unterwegs. Nach zehn Tagen erreichten wir Dresden. Ein junger neunzehnj\u00e4hriger Leutnant nahm uns in Empfang, ein KGBler, und machte uns in strengem Ton Vorhaltungen, warum wir in Gefangenschaft geraten waren und nicht wie Soja Kosmodemjanskaj<em>[Russische Partisanin, die zur Heldin der Sowjetunion erkl\u00e4rt wurde, nachdem sie Ende 1941von der deutschen Wehrmacht bei einem Sabotageakt im besetzten Gebiet festgenommen und \u00f6ffentlich hingerichtet wurde. [Anm. d. \u00dcbs.]]<\/em> unser Leben beendet hatten. Wir h\u00f6rten uns diesen Gr\u00fcnschnabel an und jeder dachte bei sich, dass es solche Funktion\u00e4re waren wie er, auf die sich unser System st\u00fctzte. Man brachte uns in ein riesiges Lager, in dem alle zusammengew\u00fcrfelt waren: Milit\u00e4rs, Zivilbev\u00f6lkerung, Frauen, Kinder aus allen Gebieten der Ukraine, Wei\u00dfrusslands, dem Baltikum und Russland. Die SMERSCH-Kommission <em>[Tod den Spionen &#8211; \u00dcberpr\u00fcfungskommission f\u00fcr ehemalige Kriegsgefangene]<\/em> oder vielmehr der KGB arbeitete auf Hochtouren. Man lud uns vor, notierte alles, was mit uns w\u00e4hrend des Krieges passiert war. Nat\u00fcrlich wurden alle Angaben \u00fcberpr\u00fcft. Es hatte im Lager eine Akte zu jedem von uns gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurde eine Gruppe von etwa 200 Personen abgesondert, alles junge Leute. Einige Zeit sp\u00e4ter kamen Milit\u00e4rs aus verschiedenen Armeeeinheiten, um uns abzuholen: die Armee brauchte neue Soldaten. Auch ich kam zu einer solchen Einheit. Das war Ende Juni 1945. Aber es war gut, dass ich zur Armee kam, denn viele befreite Kriegsgefangene wurden in die Bergwerke, auf den Bau und an verschiedene andere Einsatzorte mit gesundheitssch\u00e4dlichem Klima verschickt, sogar nach Sibirien. Die \u201eK\u00e4ufer\u201c brachten uns zur Einheit, wo wir medizinisch untersucht wurden. Bei mir entdeckten sie eine Krankheit, Kr\u00e4tze, und so kam ich zur Sanit\u00e4tsstelle. Dort gaben sie mir eine Salbe zum Einreiben, ich rieb mich also immer wieder ein und ansonsten erholte ich mich. Die anderen Jungs aber, die mit mir zu dieser Einheit gekommen waren, waren au\u00dfer w\u00e4hrend der Mittagspause die ganze Zeit in Bewegung. Sie mussten marschieren und die Kommandeure waren so \u00fcbereifrig, dass die Jungs sich am Abend vor M\u00fcdigkeit kaum noch bewegen konnten. Ich dagegen einigte mich mit Arzt und Krankenschwester, pflegte ein paar Wochen meine Wehwehchen gesund, dann aber musste ich die Sanit\u00e4tsstelle verlassen und zusammen mit den anderen trainieren \u2013 Aufstehen, Hinlegen, im Laufschritt und weitere Schikanen der Starschina. Eines Tages kam Hauptmann Gorelik (Jude) vom 122. Regiment zu uns und fragte uns: \u201eWer von euch kann angeln oder jagen?\u201c Viele H\u00e4nde gingen in die H\u00f6he. Einige von ihnen notierte er sich. Ich stand dabei und dachte mir, warum bin ich nur kein Fischer oder J\u00e4ger? Sp\u00e4ter ging ich zum Hauptmann und fragte ihn: \u201eVielleicht brauchen Sie einen erfahrenen Metzger, der schlachten und Fleisch verarbeiten kann?\u201c&nbsp;<em> [Kowalewskij war gelernter Schlachter d.\u00dcbers.]<\/em> Er notierte sich meinen Namen in seinem Notizbuch. Etwa f\u00fcnf Tage danach kam Leutnant Altajskij in unsere Einheit und rief mich und drei J\u00e4ger zu sich. So nahm ich also von meinen Freunden Abschied und wir fuhren zum Wirtschaftsstandort des 122. Regiments. Mir wurde die Verarbeitung der Jagdbeute \u00fcbertragen, die mir die J\u00e4ger brachten. Das Regiment war 60 km westlich von Wien stationiert. Eine bergige Gegend, alle Berge waren bewaldet, eine wundersch\u00f6ne Landschaft und ein ausgezeichnetes Klima. Die Menschen waren wunderbar, sie waren sehr nett zu uns. Im Wald und in den Bergen gab es viele wilde Ziegen und Widder, ein ausgezeichneter Landstrich zum Jagen. Unsere J\u00e4ger gingen so eifrig ans Werk, dass ich mit dem Verarbeiten der Tiere und der Lieferung des Fleisches an die Regimentsk\u00fcche kaum nachkam. Nat\u00fcrlich \u00fcbernahm niemand die Verantwortung f\u00fcr diese w\u00fcste Wilddieberei. Das Fleisch der Widder schmeckte sehr gut, es z\u00e4hlte mehr als das Fleisch der Wildziegen. Ich schloss Bekanntschaft mit einigen Offizieren, die Lammfleisch brauchten. Sie hatten einige junge \u00d6sterreicherinnen zum Abend eingeladen, und die Etikette erforderte, sie mit einem Abendessen zu bewirten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber alles Gute hat offensichtlich ein Ende. In \u00d6sterreich wurde eine neue Regierung eingesetzt. Daraufhin wurden unsere Wilderer aus dem Wald entfernt, und ich wurde in den kleinen Ort Hirschwang, etwa 5km weiter, versetzt. Dort gab es einen alten \u00d6sterreicher, einen guten Menschen, der seinen eigenen Schlachthof mit Wurstfabrik hatte. Fr\u00fcher hatte er selbst geschlachtet und das Fleisch verarbeitet, Wurst hergestellt und an die Bev\u00f6lkerung verkauft. Bei diesem Mann, Gott hab ihn selig, habe ich von Oktober 1945 bis Ende April 1946 gearbeitet. Ich fuhr etwa einmal die Woche mit dem Auto nach Ungarn. Dort wandte ich mich dann mit meinen Papieren an die ungarischen Beh\u00f6rden. Von ihnen bekam ich Anweisungen, wohin ich fahren sollte und wer mir 2-3 St\u00fcck Vieh zur Schlachtung abtreten sollte. Ich brachte das Vieh dann zum Schlachthof, wo wir es zusammen mit dem Eigent\u00fcmer schlachteten. Das Fleisch lieferten wir ans Vorratslager ab, den Kopf und die Innereien gab ich nicht ab, das blieb bei dem \u00d6sterreicher, wof\u00fcr er sehr dankbar war. Als wir genug Fleisch abgeliefert hatten, fuhr ich nach Ungarn und sammelte Kohl f\u00fcr eine Konservenfabrik ein, die in der N\u00e4he von Budapest war. Dort gab es riesige F\u00e4sser, wahrscheinlich jeweils f\u00fcr 3-4 Tonnen Kohl. Aus irgendeinem Grund verkauften die Madjaren einen Wodka namens \u201ePalinka\u201c, der sehr stark war, wahrscheinlich hatte er 70% Alkohol, aber leicht nach Kohl roch. Au\u00dferdem fuhr ich noch einige Male nach Ungarn, um Kartoffeln zu holen. Einmal hatte ich mit den Kartoffeln aber gro\u00dfe Schwierigkeiten. Ich kam in ein Dorf, suchte den Dorfvorsteher auf und zeigte ihm ein Dokument, nach dem er angewiesen wurde, drei Tonnen Kartoffeln abzuliefern. Der Dorfvorsteher, ein \u00e4lterer Mann, h\u00e4ngte sich eine Trommel um den Hals, ging mit der Trommel durchs Dorf und rief aus, welcher Dorfbewohner Kartoffeln abliefern sollte und wie viel. Sp\u00e4ter wog ich mit ihm die Kartoffeln ab, die die Dorfbewohner abgeliefert hatten, und wir verluden sie in den Wagen. Als wir die drei Tonnen beisammen hatten, h\u00e4ndigte ich ihm das Dokument aus und gegen Abend fuhren wir ab. Sp\u00e4ter machten wir in einem anderen Dorf Halt zur Nacht, und ich suchte den Dorfvorsteher auf, damit er uns einen Platz zum \u00dcbernachten zuteilte. Er wies uns ein Quartier mitten im Dorf zu. Das Auto stellten wir im Hof ab. Abends hielt ich Wache am Auto, dann beauftragte ich den Soldaten, der mit mir unterwegs war, mit dieser Aufgabe. Am n\u00e4chsten Morgen stand ich auf, ging zum Auto und entdeckte, dass nicht weniger als 500-600 kg Kartoffeln geklaut worden waren. Der Soldat hatte sich schlafen gelegt und da hatten die Madjaren um uns herum losgelegt. Es war nur gut, dass ich in der Einheit, an die ich die Kartoffeln abliefern musste, gute Bekannte hatte. So lie\u00df sich dieser traurige Vorfall regeln. Aber es ist doch trotz allem wahr, dass die Nationen sich voneinander unterscheiden, in ihren Gewohnheiten, der Lebensweise, dem Verhalten und vielen anderen Dingen. Die \u00d6sterreicher sind ein sehr ehrliches und anst\u00e4ndiges Volk, die Madjaren, ihre Nachbarn, dagegen sind ein Zigeunervolk, sie sind unzuverl\u00e4ssig und neigen zu Diebstahl. Es gab sehr viele Zigeuner in Ungarn. Im April 1946 bekam unsere Einheit die Anweisung, \u00d6sterreich zu verlassen und die Einheit wurde in die Stadt Pe\u010d verlegt, die einige Kilometer von der Grenze zu Jugoslawien entfernt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u00d6sterreich kam es f\u00fcr mich zu einem historischen Ereignis: Ich traf meinen Cousin Konstantin Nikolajewitsch Semzow wieder. Ich hatte aus Hirschwang einen Brief in die Heimat geschickt. Einen Monat sp\u00e4ter bekam ich einen Antwortbrief aus Rudkowschina, von meinem Cousin Konstantin. Er schrieb mir, dass meine Mutter gestorben war; er sei gerade im Heimaturlaub, seine Einheit sei im Westen stationiert. Er nannte mir seine Adresse, und als ich die Nummer seiner Einheit sah, da erinnerte ich mich, dass mir diese Einheit schon mal untergekommen war. Ich stellte Nachforschungen an und fand heraus, dass es in unserer Division eine Pioniereinheit gab, und ihr Kommandeur war \u2013 Hauptmann Semzow. Alles f\u00fcgte sich irgendwie zusammen wie ein Puzzle. Zwei Wochen sp\u00e4ter, am Sonntag, kam Semzow zu mir in die Einheit. Das war vielleicht eine Freude, schlie\u00dflich hatten wir uns sieben Jahre nicht mehr gesehen. Ich ging zu meinem Chef in den Schlachthof und erz\u00e4hlte ihm davon, wie ich meinen Cousin wiedergefunden hatte \u2013 zu der Zeit sprach ich schon ganz anst\u00e4ndig Deutsch -, und dass dieses Ereignis geb\u00fchrend begangen werden musste. Er gab mir eine Flasche bulgarischen Wodka aus dem Jahr 1920, zwei Flaschen Wein, Wurst \u2013 kurzum, alles zusammen eine gro\u00dfe T\u00fcte Lebensmittel. Ich trug all das in die Wohnung, in der mein Cousin auf mich wartete, und wir begannen, dieses denkw\u00fcrdige Treffen nach so vielen Jahren zu feiern. Sp\u00e4ter hat Konstantin immer wieder gesagt, dass er mich nicht so h\u00e4tte empfangen und bewirten k\u00f6nnen, wenn ich damals zu ihm gekommen w\u00e4re. Aber das hatten wir alles dem alten \u00d6sterreicher zu verdanken, der mich sehr mochte und sch\u00e4tzte, wie ich ihn \u00fcbrigens auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Hirschwang ist ein sehr sch\u00f6ner Ort, er liegt in einer Bergschlucht, im Osten ist ein Berg von 2009 m H\u00f6he, er geh\u00f6rt schon zu den Alpen. Vom Berg herunter wurde eine Wasserleitung verlegt, so wird der Ort mit Wasser versorgt sowie die Papierfabrik, die ununterbrochen in Betrieb war. Der Direktor der Fabrik lebte nicht weit entfernt, in einem gro\u00dfen vierst\u00f6ckigen Haus, das exklusiv eingerichtet war: es gab S\u00e4le, in denen Hirschgeweihe, H\u00f6rner von Ziegen und Widdern an den W\u00e4nden hingen. Darunter stand jeweils, wer das Tier erjagt hatte und wann. Die S\u00f6hne des Direktors lebten in Wien, arbeiteten bei der Regierung. Am Berg gab es eine Seilbahn, mit einer Gondel, in der 25 Personen Platz hatten, und die Gondel bewegte sich dann am Seil den Berg hinauf. Oben war ein Restaurant mit den verschiedensten Speisen und Getr\u00e4nken, au\u00dferdem hatten sie dort ein Sortiment verschiedener Skier \u2013 Alpin und Langlaufski. Ich war mit den Kameraden einige Male dort oben. Wenn gutes Wetter war, hatte man einen sehr sch\u00f6nen Ausblick auf die Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann mussten wir diese wundersch\u00f6ne Landschaft verlassen und zogen nach Pe\u010d um. Dort wurde meine Arbeit nicht mehr gebraucht, denn das Fleisch wurde aus dem Lebensmittellager bezogen. Es war Mai. In der N\u00e4he war der Divisionsstab. Auch Semzow war nicht weit entfernt, zusammen mit seiner Frau Sascha. Ich war einige Male bei ihm, nachdem wir nach Pe\u010d verlegt worden waren. Bald darauf kam die Anordnung der Regierung, dass alle Soldaten bis einschlie\u00dflich Jahrgang 1920 aus dem Armeedienst entlassen werden sollten. Das betraf auch mich. Ich machte mich also bereit zur Abfahrt in die Heimat. Ich hatte aus \u00d6sterreich einen Anzug, eine Jacke aus Ziegenleder, eine Hose und einige weitere Kleinigkeiten \u2013 aber wie sollte ich das alles durch den russischen Zoll bringen? In Brest war eine Kommandantur, wo einem alles abgenommen wurde, und es gab nichts, was man dagegen tun konnte. Wir trafen also mit dem Zug in Brest ein, und dort musste unser Zug auf die russischen Gleise umgestellt werden. Da h\u00e4tte ich fast alle meine Sachen verloren. Aber der Herr im Himmel hatte wohl Mitleid mit mir. Wir stiegen in den Zug Brest \u2013 Moskau ein. Meine Papiere waren bis Orscha ausgestellt, ich hatte alle meine Sachen dabei, man hatte mir nichts abgenommen. Ich traf also in Orscha ein und ging zu Archipow (Maria Mokowzewas Mann). Dort blieb ich einen Tag. Archipow war mit mir zusammen in der Gefangenschaft gewesen, in Alytus, sp\u00e4ter wurden wir getrennt. Auch dieses Treffen war voller Erinnerungen an Vergangenes. Am n\u00e4chsten Tag nahm ich mir ein Fahrrad, schnallte meinen Armeesack auf den Gep\u00e4cktr\u00e4ger und machte mich auf den Weg nach Rudkowschina, wo ich schon sechs Jahre lang nicht mehr gewesen war. Ich nahm von Orscha nicht den Weg \u00fcber Gorezkaja, sondern fuhr Richtung Dubrowno. Ich war verwirrt, denn alles schien mir unbekannt zu sein. Ich schrieb das dem Krieg zu \u2013 wahrscheinlich waren die D\u00f6rfer niedergebrannt worden. Dann sah ich eine gro\u00dfe Siedlung vor mir. Ich fragte eine Frau auf dem Weg, was das f\u00fcr eine Siedlung sei, und sie antwortete mir: Dubrowno. Das war wirklich ein Schock f\u00fcr mich. Dann nahm ich den k\u00fcrzesten Weg \u00fcber die D\u00f6rfer. Es war der 20. Juni 1946. Etwa um 18 Uhr kam ich bei meiner Tante Agafja Antonowna an. Eine Menge junger M\u00e4dchen kamen bei meiner Ankunft zusammengelaufen, aber ich erkannte sie nicht, wusste nicht, zu welcher Familie sie geh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet Grodno Aus dem Russischen von Valerie Engler Fortsetzung des 248. Freitagsbriefs und des 141. Freitagsbriefes. Der Bericht stammt aus dem Jahr 2010. 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