{"id":3917,"date":"2020-09-16T12:06:27","date_gmt":"2020-09-16T10:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3917"},"modified":"2020-09-25T12:41:57","modified_gmt":"2020-09-25T10:41:57","slug":"anatolij-prokofjewitsch-kowalewskij-freitagsbrief-nr-141","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/anatolij-prokofjewitsch-kowalewskij-freitagsbrief-nr-141\/","title":{"rendered":"Anatolij Prokofjewitsch Kowalewskij \u2013 Freitagsbrief Nr. 141"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus<\/strong>, <strong>Gebiet Grodno<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Brief ist die Fortsetzung des Freitagsbriefs 248 aus dem Jahr 2011, der <a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/248.-Freitagsbrief.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier <\/a>gelesen werden kann.<\/em> <em>Anatolij Prokofjewitsch Kowalewskij aus dem Gebiet Grodno in Belarus schickte uns 2010 seine Lebenserinnerungen, die er f\u00fcr seine Enkel und Urenkel aufgeschrieben hatte. Wir werden den Bericht \u00fcber die Kriegsgefangenschaft in den Lagern der Wehrmacht in mehreren Teilen als Freitagsbriefe ver\u00f6ffentlichen. Das Lager, aus dem er zu Beginn des heutigen Abschnitts berichtet, ist das Stalag 343 Alytus in Litauen im Januar 1942.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Lager brach ein Massensterben aus, ein Litauer brachte mit zwei Pferden die Toten aus dem Lager zu einer Grube, jedes Mal etwa 50 Leichen. Es gab ein spezielles Kommando, das ihm dabei half, die Toten aufzuladen. Als die Leute vom Kommando von der Arbeit zur\u00fcckkamen, erz\u00e4hlten sie uns, der Litauer habe gesagt, es gebe die Anweisung, die Gefangenen zu den Bauern zu bringen. Viele glaubten daran und hofften, bis zu diesem Zeitpunkt am Leben zu bleiben. Wenn man dar\u00fcber nachdenkt, dann war derjenige, der sich diese Geschichte ausgedacht hat, ein guter Psychologe: er gab den Menschen Hoffnung. Eine Zeit lang funktionierte die Geschichte, aber dann h\u00f6rten die Leute auf, an diesen Traum zu glauben, der sich nicht erf\u00fcllen wollte. Im Lager griff der st\u00e4ndige \u201eFreund\u201c des Krieges um sich \u2013 Typhus. Die Gefangenen starben zu Hunderten! Im M\u00e4rz wurde auch ich krank. Ich war etwa eine Woche lang ohne Bewusstsein. Mein Freund tauschte meine Ration Brot gegen einen Becher Wasser und gab mir zu Trinken. Als ich wieder zu mir kam, war ich unendlich schwach und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Die Zahl der Gefangenen im Lager war sehr zur\u00fcckgegangen. Die Deutschen betraten das Lager nicht mehr \u2013 Typhus. Sie warfen Brot und Kartoffeln \u00fcber den Zaun, und auf der anderen Seite \u00fcbernahmen ihre Polizai-Leute das Kommando, so wie es ihnen gefiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1942, als noch 1800 Gefangene in unserem Lager waren \u2013 im Herbst waren es mehr als 24 000 gewesen \u2013 wurden wir mit dem Zug in ein Zentrallager in Sachsen [offensichtlich Stalag 304 Zeithain] gebracht. Dort herrschte eine ganz andere Ordnung: morgens beim Wecken gab es Brot und Tee, dann mussten alle auf den Platz. Unter Mithilfe der Polizai [aus Kriegsgefangenen rekrutierte Lagerpolizei d.\u00dcbers.], die dort hohes Ansehen genossen, wurden wir zu einer Kolonne formiert, mussten marschieren und verschiedene Soldatenlieder singen \u2013 ganz als h\u00e4tten wir eine lustige Zeit. Au\u00dferdem wurden wir einige Male in der Kolonne zur Bahnstation getrieben und mussten dann von dort Platten f\u00fcr die Baracken zur\u00fcck zum Lager schleppen, das waren drei Kilometer. Bald wurde ein Kommando von 180 Personen zusammengestellt und in ein separates Geb\u00e4ude gebracht, umgeben von einem Stacheldrahtzaun, daneben waren zwei Bretterbaracken, in einer von ihnen waren die K\u00fcche und weitere Hauswirtschaftsr\u00e4ume. Dort mussten wir an der Eisenbahnlinie arbeiten. Unser Werkzeug waren Spitzhacke und Schaufel, unser Vorarbeiter war ein Tscheche, der auch die Leitung \u00fcber unsere Brigade mit 24 Personen hatte. Unser Brigadier war der Ukrainer Iwan, ein hochgewachsener Mann von etwa vierzig Jahren. Unsere st\u00e4ndigen Begleiter waren au\u00dferdem zwei Wachsoldaten, die sich abwechselten. Um sechs Uhr war Wecken, dann bekamen wir eine Ration Brot und Tee f\u00fcr sechs Personen, dann ging es \u2013 zu Fu\u00df oder per Zug, je nachdem, wo wir arbeiteten \u2013 zur Eisenbahnlinie. Zum Mittag brachten sie uns Balanda, jeder bekam eine kleine Sch\u00fcssel \u2013 die Sch\u00fcsseln trugen wir immer bei uns. Bei dieser Verpflegung und der Arbeit waren nach zwei Monaten nur noch 120 Personen in unserem Kommando \u00fcbrig, die restlichen hatte man ins so genannte Lazarett gebracht, wo sie, die v\u00f6llig Abgezehrten, bald ihr Leben aushauchten. Die Reparaturarbeiten an der Bahnlinie bedeuteten schwere physische Arbeit: Wir mussten eine Zugwinde von 50 kg schleppen, um die Gleise anzuheben und dann mussten wir per Spitzhacke das Gleisbett mit Steinen auff\u00fcllen. Aber ehrlich gesagt war diese Arbeit trotz allem viel besser als das, was unsere Gefangene in den Bergwerken leisten mussten, in verschiedenen Fabriken und anderen Werken mit gesundheitssch\u00e4dlicher Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sommer 1942 ging zu Ende, der Herbst kam und in unserer K\u00fcche tauchten anstelle von K\u00fcrbis und Kohlrabi Kartoffeln in der Suppe auf. Trotzdem blieb das st\u00e4ndige Hungergef\u00fchl. Auf dem Lagergel\u00e4nde gab es einen Keller, wo die Deutschen die Kartoffeln lagerten, &#8211; und einige Gefangene \u00f6ffneten die Luke, lie\u00dfen sich in den Keller hinab, griffen sich Kartoffeln und kamen wieder hoch. Auch ich tat es ihnen nach, um auf diese Weise meine Verpflegung aufzubessern. Ich hatte einen Freund, Iwan aus Sibirien, der f\u00fcr uns beide die Kartoffeln kochte. Aber alles Gute hat mal ein Ende. Einmal lie\u00dfen wir uns wieder zu mehreren in den Keller hinab, und hinterher kamen \u2013 unsere Polizai-Leute. Sie waren zu Dritt, dazu der \u00dcbersetzer Sajzew und dann gab es einen Gehilfen der Polizai, den Sanit\u00e4ter Fjodor. Sie schnappten uns, die anderen kamen mit dem Schrecken davon; aber mich wollte diese Bande aus irgendeinem Grund wohl fertig machen. In den Baracken gab es dreist\u00f6ckige Pritschen, mein Platz war auf der zweiten Etage. Ein Polizai namens Mischka kam zu mir, er war ein kr\u00e4ftiger und gesunder Bursche, der so um die 90-100 kg auf die Waage brachte, und er hatte Kontakt zu den Deutschen. Mischka packte mich am Bein und zog mich von der Pritsche \u2013 von zwei Meter H\u00f6he. Alle Zimmergenossen schrien ihn an: Was machst du denn da?! Als ich sah, dass er mich herunterziehen wollte \u2013 unten war Zementfu\u00dfboden \u2013 kletterte ich selbst herunter. Er hatte einen Stock in der Hand (den Griff einer Schaufel), und mit diesem Werkzeug fuchtelte er herum und wollte mir auf den Kopf schlagen. Ich hob instinktiv die Arme sch\u00fctzend \u00fcber den Kopf und bekam einen Schlag auf den rechten Arm ab. Augenblicklich hing mein Arm wie eine Peitsche herab und der Ellbogen lief vom Bluterguss blau an. Alle meine Freunde waren w\u00fctend auf Mischka, aber gegen seine einflussreiche Bande konnten sie nicht an. Als wir am n\u00e4chsten Morgen zur Arbeit gingen, konnte ich meinen Arm nicht mehr heben, er war ganz schwarz, von der Schulter bis zum Ellbogen. Ich ging zum Vorarbeiter und zeigte ihm meinen Arm \u2013 ich sagte, ich sei hingefallen \u2013 er sch\u00fcttelte den Kopf und sagte: die Spitzhacke kannst du nicht halten, also wirst du die Zugwinde schleppen \u2013 ein halber Zentner Gewicht. Man k\u00f6nnte fragen, warum ich gesagt habe, ich sei gefallen? Wenn ich die Wahrheit gesagt h\u00e4tte, so h\u00e4tte die Geschichte \u00fcber die Deutschen wer wei\u00df wie enden k\u00f6nnen. Die Polizai hatte ihre Kontakte \u2013 bis hinauf zum Kommandeur \u2013 deshalb hatte ich Angst, dem Vorarbeiter alles zu erz\u00e4hlen. Die ersten beiden Tage halfen mir die anderen dabei, die Winde zu schleppen, dann musste ich diese Arbeit alleine mit der linken Hand machen. Am gleichen Tag trat ich nach der Arbeit ans Fenster, um meinen Teller Suppe abzuholen, da stand dieser Mischka und gab die Anweisung, mir keine Suppe zu geben; ich a\u00df dann bei einem Freund Suppe aus einem Teller. Einige Zeit sp\u00e4ter kam ein anderer Polizai, Fjodor, angelaufen und sagte zu mir: Komm mit mir, du sollst dich melden! Ich ging mit ihm, er f\u00fchrte mich in eine neue Baracke, in der es au\u00dfer ein paar B\u00e4nken nichts gab, dabei war es ein gro\u00dfer Raum. Wir wurden schon erwartet: der Polizai Mischka stand dort, mit einem Kabel in der Hand, der Dolmetscher Sajzew und noch zwei ihrer Helfer. Sei stellten eine Bank in die Mitte des Raums und Mischka befahl mir: Leg dich hin. Ich kam seinem Befehl nat\u00fcrlich nicht nach und wollte weggehen. Da packten sie mich und warfen mich auf diese Bank. Einer von ihnen setzte sich auf meine Beine, ein anderer auf den Kopf. Mischka lie\u00df das Kabel auf meinen R\u00fccken herabsausen. Heute wie damals wundert es mich, woher ich so viel Kraft hatte, um zwei meiner Henker zur Seite zu werfen und dann davonzurennen. Ich rannte bis zur T\u00fcr, dort holten sie mich ein und warfen sie mich zu Boden, ich stand wieder auf, sie rannten mir hinterher, wieder warfen sie mich nieder und traten mich mit den F\u00fc\u00dfen. In diesem Moment kam ein Deutscher herein und schrie die Bande an: \u201e<em>Was machen Sie?&#8221;<\/em> &#8211; \u201e<em>Alles weg!<\/em>\u201c &#8211; \u201e<em>Antreten nach Kino!<\/em>\u201c [Original Deutsch d. \u00dcbers.] Das hat mir das Leben gerettet. Zwei Wochen lang schlief ich im Sitzen \u2013 ich war \u00fcberall mit Bluterg\u00fcssen \u00fcbers\u00e4t und konnte nicht liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Monat sp\u00e4ter kam dann das Ger\u00fccht auf, dass unser Lager ins Zentrallager \u00fcberf\u00fchrt werden sollte, und dass in unserem Geb\u00e4ude Italiener untergebracht w\u00fcrden. Das war zu dem Zeitpunkt, als Italien sich weigerte, weiter Deutschlands Verb\u00fcndeter zu sein. Man erz\u00e4hlte sich bei uns im Lager, dass man im Nachbarlager, dessen Insassen schon fr\u00fcher ins Zentrallager \u00fcberf\u00fchrt worden waren, die bestialischen Polizai, die die Gefangenen gequ\u00e4lt und verpr\u00fcgelt hatten, in die Toilette geworfen hatte. Da bekamen es auch unsere Parasiten mit der Angst. Der Polizai Fjodor, der mich zusammen mit Mischka misshandelt hatte, kam zu mir und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerzeih uns bitte, wir wollten dich nicht verpr\u00fcgeln, es ist einfach so gekommen.\u201c Aber nach ein paar Tagen verlie\u00df diese ganze Meute von 25 Leuten unser Lager und kam in ein gesondertes Lager, ohne vorher im Zentrallager gewesen zu sein. Sie waren nicht so angezogen wie die anderen Gefangenen, sondern wie Oberoffiziere. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass der Lagerkommandeur bei ihrer Ankunft im anderen Lager anordnet hatte, ihnen die Kleidung wegzunehmen und ihnen die gleiche Kluft auszugeben wie uns, n\u00e4mlich dunkelblaue Hosen und Jacken, auf denen auf Brust und R\u00fccken mit wei\u00dfer Farbe \u201eSU\u201c stand. Das bedeutete \u201e<em>Sowjetunion<\/em>\u201c [Original Deutsch d.\u00dcbers.].<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie Engler<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet Grodno Dieser Brief ist die Fortsetzung des Freitagsbriefs 248 aus dem Jahr 2011, der hier gelesen werden kann. Anatolij Prokofjewitsch Kowalewskij aus dem Gebiet Grodno in Belarus schickte uns 2010 seine Lebenserinnerungen, die er f\u00fcr seine Enkel und Urenkel aufgeschrieben hatte. 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