{"id":3915,"date":"2020-09-16T12:01:47","date_gmt":"2020-09-16T10:01:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3915"},"modified":"2020-09-25T12:46:37","modified_gmt":"2020-09-25T10:46:37","slug":"jewgenij-pawlowitsch-petrossow-freitagsbrief-nr-140","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/jewgenij-pawlowitsch-petrossow-freitagsbrief-nr-140\/","title":{"rendered":"Jewgenij Pawlowitsch Petrossow  \u2013 Freitagsbrief Nr. 140"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieser Brief aus dem Jahr 2010 ist die Fortsetzung des 331. Freitagsbriefs aus dem Jahr 2013, der <a href=\"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/freitagsbreife-2013\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> zu finden ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Russland, Kruglolesskoje<\/strong> (damals Kreis Stawropol)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Guten Abend alle zusammen<\/em> [dt. im OR],<br>Guten Tag alle zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe Ihnen diesen Brief kurz vor dem 65. Jahrestag des Kriegsendes. Dieser Krieg war eine Trag\u00f6die f\u00fcr alle V\u00f6lker. Ich m\u00f6chte damit beginnen, wie er f\u00fcr mich zu Ende ging, im M\u00e4rz 1945. Ich fand mich an einem Sammelpunkt wieder, er befand sich in der Stadt Olpe , auf dem Territorium einer Fabrik. Daneben stand ein Geb\u00e4ude, offenbar geh\u00f6rte es dem Fabrikleiter, dort hatten sich Amerikaner des 744. Panzerbataillons [70. Division] eingerichtet. Eines Tages holte mich der Sergeant, ich sollte beim Transport von St\u00fchlen aus dem Theater in die Kantine helfen. Ich blieb dort und half in der K\u00fcche aus, bis ich im September 1945 in die sowjetische Besatzungszone nach Wetenberg [Wittenberg?] kam, zur \u00dcberpr\u00fcfung ins Filtriationslager. Nach der \u00dcberpr\u00fcfung konnte ich in meine Heimatstadt Grosny zur\u00fcckkehren. Dort fand ich in einer \u00d6lraffinerie Arbeit als Schwei\u00dfer. Es stellte sich heraus, dass man Spitzel auf mich angesetzt hatte, die meine Gespr\u00e4che belauschten und beim KBG [sic!] Bericht erstatteten, nachts vor meiner Wohnung herumstanden und aushorchten, ob ich im Radio BBC oder die Stimme Amerikas h\u00f6rte. Ich hatte keine Ahnung. Erst als man mich am 27. Mai 1949 verhaftete, erfuhr ich davon. Ich kam in das \u201einnere\u201c Gef\u00e4ngnis der NKWD. Erst in eine normale Zelle, wo ich auch B\u00fccher bekam. Sie schickten zwar Mitarbeiter zu mir in die Zelle, die mich verh\u00f6rten, aber sie bekamen nichts aus mir heraus. Was h\u00e4tten sie auch erreichen k\u00f6nnen, ich habe bei einer amerikanischen Abteilung in der K\u00fcche gearbeitet, ein paar Kinofilme gesehen, aber ich hatte keine Verbindungen zur Spionage, so wie sie es von mir h\u00f6ren wollten, ich hatte keinerlei Kontakte. Zehn Tage lang verh\u00f6rten sie mich Tag und Nacht, aber haben nichts erreicht, also sperrten sie mich in eine Betonzelle. Dann wurde ich von einem Staatsanwalt verh\u00f6rt, dem sagte ich dasselbe, keine Verbindungen zur Spionage. Der Staatsanwalt hatte sich nicht mit dem Ermittler abgestimmt, und der sagte, der Staatsanwalt w\u00fcrde das Verh\u00f6r falsch f\u00fchren. Als wir unter vier Augen waren, sagte er zu mir, ich sei noch jung, geh\u00f6re in die Freiheit, und dass ich noch rauskommen w\u00fcrde. Er meinte: \u201eSag nichts vor Gericht. Ich sorge f\u00fcr eine milde Strafe.\u201c Sie gaben mir 10 Jahre, andere bekamen 25. Als ich nach der Verhandlung in die Zelle gebracht wurde, wunderte sich der Wachmann, dass ich so wenig bekommen hatte. Als wir ins Lager transportiert wurden, war da ein H\u00e4ftling, der 15 Jahre bekommen hatte, weil er vor Gericht geweint hatte. Alle anderen bekamen 25 Jahre. Ich denke, sie haben auch den Staatsanwalt eingesperrt, weil er sich f\u00fcr mich eingesetzt hat. Der Paragraph lautete: Antisowjetische Agitation und Propaganda. Nach diesem Paragraphen sollte man heute alle verurteilen, vom Pr\u00e4sidenten bis zum Arbeiter. Alle bewundern die kapitalistische Lebensweise und ihre Produktionswaren. Alles ist gut, was aus dem Ausland kommt, alle kaufen Mercedes-Autos u.s.w. Wer keine Arbeit hat, f\u00e4hrt ins Ausland, besonders aus der Ukraine. Die einheimischen Fabriken werden zugemacht, weil niemand die Waren kauft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann wurden wir nach dreimonatiger Ermittlung ins Lager geschickt, im September, in die n\u00f6rdliche Taiga. Wir mussten B\u00e4ume roden, bereiteten die Winterstra\u00dfe f\u00fcr die Holzausfuhr vor. An der Oberfl\u00e4che lag Schnee, darunter war es nass, den ganzen Tag musste man mit Segeltuchschuhen im Wasser stehen, die wir noch im Gef\u00e4ngnis bekommen hatten. Manche mussten auf Tragen in die Zone gebracht werden. Ich habe dank meiner guten Gesundheit durchgehalten. Erst als der Frost einsetzte, mit Temperaturen bis zu -40\u00b0C, verteilten sie Fellm\u00fctzen, Windjacken, Filzstiefel, Handschuhe, dann schickten sie uns zur Holzbeschaffung in den Wald. Die Schwachen starben, die Starken \u00fcberlebten. Es waren auch ehemalige deutsche Gefangenen dort, die nach politischen Paragraphen verurteilt worden waren. Ich wusste nicht, wie lang ihre Strafen waren, aber sie wurden sp\u00e4ter freigelassen und zur\u00fcck in die Heimat geschickt, nach Deutschland. Wie die Bedingungen dort waren, dar\u00fcber k\u00f6nnte man lange schreiben, aber sie wissen das wahrscheinlich aus Berichten von Deutschen, die in den Lagern der Taiga gewesen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wiedersehen, ich danke Ihnen sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Je. P.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Brief aus dem Jahr 2010 ist die Fortsetzung des 331. Freitagsbriefs aus dem Jahr 2013, der hier zu finden ist. Russland, Kruglolesskoje (damals Kreis Stawropol) Guten Abend alle zusammen [dt. im OR],Guten Tag alle zusammen. Ich schreibe Ihnen diesen Brief kurz vor dem 65. Jahrestag des Kriegsendes. 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