{"id":3909,"date":"2020-08-31T14:07:47","date_gmt":"2020-08-31T12:07:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3909"},"modified":"2020-09-25T12:47:01","modified_gmt":"2020-09-25T10:47:01","slug":"aleksandr-aleksandrowitsch-kobelew-freitagsbrief-nr-138","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/aleksandr-aleksandrowitsch-kobelew-freitagsbrief-nr-138\/","title":{"rendered":"Aleksandr Aleksandrowitsch Kobelew \u2013 Freitagsbrief Nr. 138"},"content":{"rendered":"\n<p>Belarus, Gebiet Gomel<br>November 2005<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Herren,<br>sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm,<br>sehr geehrter Herr Radczuweit,<br>sehr geehrte Beteiligte am Projekt Kontakte!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen f\u00fcr die materielle Hilfe, die Sie mir als ehemaligem Kriegsgefangenen haben zukommen lassen, und f\u00fcr Ihren Brief, der herzerw\u00e4rmend war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie haben vollkommen Recht, dass wir Menschen mit einander Austausch haben m\u00fcssen, um einander zu verstehen. Denn der Mensch wird auf diese Welt geboren, um Gl\u00fcck, Freude, Gutes und Frieden zu erleben. Ich denke, je mehr Menschen das verstehen, umso ruhiger kann unser kleiner Planet Erde sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich, dass es in Deutschland Menschen gibt, die begreifen, welches Leid und welchen Schmerz der Faschismus in Deutschland mit Hitler an der Spitze \u00fcber die Menschen gebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Dank gilt Ihnen f\u00fcr Ihre edelm\u00fctige T\u00e4tigkeit. Und allen guten Menschen in Deutschland w\u00fcnsche ich Gesundheit, Gl\u00fcck, Freude und Wohlergehen im Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Ihre Bitte hin schreibe ich jetzt etwas \u00fcber mich:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Aleksandr Aleksandrowitsch Kobelew, wurde 1919 im Dorf Koschkino, Kreis Wilegod im Gebiet Archangelsk, Russland, geboren. Meine Nationalit\u00e4t ist russisch. Im September 1939 wurde ich einberufen. Ich diente als Gemeiner Soldat der 225. Kfz-Kompanie der 3. Sch\u00fctzendivision der Marineinfanterie. Unsere Einheit lag auf der Insel Saaremaa. Gleich bei Kriegsbeginn sammelten wir die Seeleute bombardierter Schiffe vom Ufer und brachten sie ins Innere der Insel. Es gab drei sowjetische Flugpl\u00e4tze auf Saaremaa. W\u00e4hrend der Okkupation sowjetischen Territoriums und w\u00e4hrend der Blockade Leningrads blieb die Insel frei, und die sowjetische Luftwaffe konnte von hier aus via D\u00e4nemark Angriffe auf Berlin fliegen. Deshalb befahl Hitler, die Insel unter allen Umst\u00e4nden zu erobern. Ab dem 25. August 1941 wurde die Insel erbittert umk\u00e4mpft. Wir leisteten hartn\u00e4ckigen Widerstand, aber am 5. Oktober wurde die Insel erobert und s\u00e4mtliche Teilnehmer an den K\u00e4mpfen wurden gefangen genommen. Wir versuchten zu fliehen und an der schmalsten Stelle (8 Kilometer) das Festland zu erreichen, aber die \u00f6rtliche \u2013 estnische &#8211; Bev\u00f6lkerung wollte uns ertrinken lassen. So blieben wir in deutscher Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden auf Lastk\u00e4hne verfrachtet und nach Tarttu gebracht. Ich unternahm einen Fluchtversuch, aber vergeblich, ich wurde erneut gefangen. Viele von uns kamen um, und wir \u00dcberlebenden wurden sortiert und die einen hierhin, die anderen dorthin geschickt. Ich erinnere, wie ich gefragt wurde \u201eBist du Russe oder Ukrainer?\u201c Die Ukrainer wurden nach Hause geschickt, und wir kamen in den Kreis des Tschudskoje-Sees nach Gdow [Peipussee in Estland] und wurden dort in einem Lager untergebracht. Wir mussten in der Forstwirtschaft arbeiten. Wir f\u00e4llten B\u00e4ume, luden die St\u00e4mme auf und schleppten sie weiter. Die Arbeit \u00fcberstieg unsere Kr\u00e4fte, aber es gab kein Entrinnen. Die Jahreszeit wurde schon kalt, aber wir waren immer noch leicht bekleidet und ohne Schuhzeug. Gro\u00dfer Dank geb\u00fchrt der Zivilbev\u00f6lkerung. Sie brachte uns Kleidung, Schuhe und Lebensmittel, und half, wo sie konnte. Ich bekam Filzstiefel, die ich mir passend n\u00e4hte und so W\u00e4rme f\u00fcr die F\u00fc\u00dfe hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>1943 wurden wir nach Estland \u00fcberf\u00fchrt, wo wir im Stra\u00dfenbau arbeiten mussten. Danach kamen wir nach Ostpreu\u00dfen und Polen. Dort wurden wir in Arbeitslagern gehalten und wurden zu schweren und schwierigen Arbeiten im Bau eingesetzt. Das ist nun 60 Jahre her, und immer noch widerstrebt es mir, das Erlebte zu erinnern. So schmerzhaft und belastend ist es, dass die besten Jugendjahre in derartiger M\u00fchsal und Erniedrigung vergangen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Befreiung durch die sowjetische Armee im Juni 1945 wurden wir aus Kibartai in Litauen nach Moskau gebracht, wo ich am Bau des Chemischen Instituts beteiligt war und den Facharbeiterbrief eines Monteurs f\u00fcr Sauerstoffanlagen erwarb. Ich war auf Baustellen in zahlreichen St\u00e4dten t\u00e4tig. In Mosyr [Gebiet Gomel in Belarus] war ich beim Bau des W\u00e4rmekraftwerks besch\u00e4ftigt und erwarb eine weitere zivile Qualifikation, die eines Hochspannungselektrikers. Ich arbeitete in einem Betonwerk und auf anderen zivilen Baustellen. Mit einem Wort, ich half, unser vom Krieg zerst\u00f6rtes Land wieder aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meine Arbeitsleistungen bin ich mehrfach ausgezeichnet worden und habe in diesem Jahr f\u00fcr Verdienste bei Planung und Bau des Bjelorussischen Kraftwerks den Titel \u201eEhrenmitarbeiter des Bjelorussischen Kraftwerks\u201c erhalten und die Jubil\u00e4umsmedaille \u201e60 Jahre Sieg im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg 1941 \u2013 1945\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte Anspruch auf eine staatliche Wohnung, aber wir bauten ein Eigenheim, weil meine Frau so gern im Garten arbeitet. Ich habe einen Sohn gro\u00df gezogen, Jahrgang 1949, der seine Dienstzeit in Deutschland ableistete. Jetzt habe ich einen Enkel und Urenkelkinder.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Grund daf\u00fcr, dass ich am Leben geblieben bin, dass ich die Leiden der Gefangenschaft und die Schrecknisse des Krieges \u00fcberstanden habe, sehe in dem Umstand, dass ich gl\u00e4ubig bin. Ich denke, mein Glaube an Gott den Herrn hat mir geholfen, bis auf diese Tage zu leben. Heute bem\u00fche ich mich ungeachtet meiner Verletzungen und des Verlustes meiner Gesundheit durch die Kriegsjahre, im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten t\u00e4tig zu sein und Gutes zu tun. Ich verstehe, dass jeder sein Kreuz im Leben tragen muss, und bem\u00fche mich, das zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ge Frieden herrschen auf der Welt, dann ist das Gl\u00fcck in jedem Haus!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen allen und Ihren Kindern und allen Menschen guten Willens Gesundheit, Gl\u00fcck, Freude, Zufriedenheit und Erfolg bei allen ihren guten Taten, und ein langes Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Dankbarkeit<\/p>\n\n\n\n<p>der ehemalige Kriegsgefangene<\/p>\n\n\n\n<p>Kobelew Aleksandr Aleksandrowitsch<br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.<\/em>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet GomelNovember 2005 Sehr geehrte Herren,sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm,sehr geehrter Herr Radczuweit,sehr geehrte Beteiligte am Projekt Kontakte! Ich danke Ihnen f\u00fcr die materielle Hilfe, die Sie mir als ehemaligem Kriegsgefangenen haben zukommen lassen, und f\u00fcr Ihren Brief, der herzerw\u00e4rmend war. 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