{"id":3907,"date":"2020-08-31T12:33:26","date_gmt":"2020-08-31T10:33:26","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3907"},"modified":"2020-09-25T12:47:52","modified_gmt":"2020-09-25T10:47:52","slug":"dawid-aleksandrowitsch-dartschija-freitagsbrief-nr-137","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/dawid-aleksandrowitsch-dartschija-freitagsbrief-nr-137\/","title":{"rendered":"Dawid Aleksandrowitsch Dartschija \u2013 Freitagsbrief Nr. 137"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Georgien<\/strong><br><strong>Bezirk Ozurgeti<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Januar 2009, Georgien<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Erinnerungen<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Dawid Aleksandrowitsch Dartschija, bin 1920 in Georgien geboren, in dem kleinen Dorf Natanebi im Berirk Ozurgeti. Ich absolvierte die Feldscher-Ausbildung, wurde zum Milit\u00e4rdienst in der Sowjetarmee einberufen. Da begann gerade der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg. Ich k\u00e4mpfte in der Ukraine und kam 1941 in Gefangenschaft zu den Faschisten. Ich wurde in ein Kriegsgefangenenlager nach Polen gebracht, dann nach Deutschland. Ich erinnere mich, dass das Lager in einem Landesteil war, dessen Name wie Saarland klingt. Es war bei einer kleinen Stadt oder einem Dorf, aber an den genauen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Faschisten gaben uns allen Nummern und riefen uns jeden Morgen und jeden Abend nach diesen Nummern auf zum Z\u00e4hlappell. Die Nummern wurden in Holzbretter eingeritzt und uns um den Hals geh\u00e4ngt. Diese Nummer, habe ich mir f\u00fcr mein ganzes Leben eingepr\u00e4gt und wei\u00df sie noch bis heute \u2013 14104.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Tage brachte man uns zur Arbeit in das n\u00e4chstgelegene Dorf, das waren haupts\u00e4chlich landwirtschaftliche Arbeiten auf den H\u00f6fen bei den Einwohnern, den Bauern. Im Lager wurden wir nur sehr d\u00fcrftig ern\u00e4hrt, es gab so eine Suppe aus Wasser und Kartoffeln. Das Brot reichte nicht aus, und arbeiten musste man den ganzen Tag. Der Hausherr, der so \u00e4hnlich wie Hans M\u00fcller hie\u00df, schrie uns an und lie\u00df uns nicht zum Luftholen kommen. Ich erinnere mich, wie gl\u00fccklich ich mich f\u00fchlte, als ich f\u00fcr den Bauern Kartoffeln ausgraben sollte \u2013 bei mir schlich sich die Hoffnung ein, das ich vielleicht eine Kartoffel stehlen und insgeheim gleich roh essen k\u00f6nnte, solange der Bauer es nicht merkte. Ins Lager h\u00e4tte ich sie nicht mitnehmen k\u00f6nnen, weil die Faschisten mich wegen \u201eDiebstahl am Eigentum des gro\u00dfen deutschen Volkes\u201c verpr\u00fcgelt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem deutschen Lager brachte man uns in ein Lager in Frankreich. Von dort befreiten uns alliierte Truppen, und die Engl\u00e4nder schickten uns, die sowjetischen Kriegsgefangenen, nach Beendigung des Krieges zur\u00fcck in die Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Georgien zur\u00fcckgekehrt war, lernte ich das russische M\u00e4dchen Tatjana Bobrowa kennen und heiratete sie. Wir bekamen einen Sohn und zwei T\u00f6chter, ein Sohn starb. Die damalige sowjetische Regierung verzieh mir nicht, dass ich mich den Faschisten lebend gefangen gegeben hatte und erkl\u00e4rte mich wie auch viele Tausend andere ehemalige Kriegsgefangene zu Verr\u00e4tern. 1953 schickte man mich mit der Familie in das ferne Baschkirien in die Verbannung, wo wir mehr als 10 Jahre lebten und arbeiteten, getrennt von allen Verwandten und Freunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich schon 89 Jahre alt, lebe in Georgien. Ich kann die Tr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten, wenn ich mein Leben und die Jahre \u00fcberdenke, die ich in den faschistischen Lagern und in den Verbannung im eigenen Land mit dem Stempel des Verr\u00e4ters durchgemacht habe. Diese Erinnerungen w\u00fchlten das auf, was ich zu vergessen suchte, woran ich mich nicht erinnern wollte, an das ich nicht denken wollte. Aber ich m\u00f6chte sagen, dass ich den deutschen Menschen dankbar bin, den Gesch\u00e4ftsleuten, die schon eine neue Generation des deutschen Volkes darstellen und uns, den ehemaligen Kriegsgefangenen ihres Landes, tatkr\u00e4ftige Hilfe erweisen und die Schuld anderer abtragen wollen. Ihnen und allen Organisationen, die als Mittler auftreten und die uns gesucht haben, die wir noch leben, und uns kann man doch schon an den Fingern einer Hand abz\u00e4hlen. Dank ihnen daf\u00fcr, dass sie den Namen ihres Landes rehabilitieren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen besonderen Dank m\u00f6chte ich auch jener Organisation bei uns in der Stadt Kutaissi ausdr\u00fccken, die mich in einem fernen, verschneiten Dorf gefunden hat, fern von der Hauptverkehrsstra\u00dfe, abgeschnitten von der \u00fcbrigen Welt durch eine verschneite Unwegsamkeit, um mir pers\u00f6nlich die Hilfe des deutschen Volkes zu \u00fcberbringen. Das war der Vertreter der georgisch-ukrainischen Assoziation \u201eDrushba\u201c aus der Stadt Kutaissi, Herr Nugsar Andguladse, ein Mensch, der mit den N\u00f6ten \u00e4lterer Menschen vertraut ist und seine Zeit und seine Kr\u00e4fte nicht schont, um uns nach M\u00f6glichkeit zu helfen. Ich lege dem Brief Fotografien bei, die an diesem f\u00fcr mich denkw\u00fcrdigen Tag gemacht wurden. Jetzt wei\u00df ich, dass ich aus dieser Welt mit der Erkenntnis gehen werde, dass die Gerechtigkeit doch irgendwann triumphiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Dankbarkeit und Hochachtung<\/p>\n\n\n\n<p>Dawid Dartschija<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Gesine Reinwarth<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GeorgienBezirk Ozurgeti Januar 2009, Georgien Meine Erinnerungen Ich, Dawid Aleksandrowitsch Dartschija, bin 1920 in Georgien geboren, in dem kleinen Dorf Natanebi im Berirk Ozurgeti. Ich absolvierte die Feldscher-Ausbildung, wurde zum Milit\u00e4rdienst in der Sowjetarmee einberufen. Da begann gerade der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg. 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