{"id":3893,"date":"2020-08-07T16:09:00","date_gmt":"2020-08-07T14:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3893"},"modified":"2020-09-25T12:48:19","modified_gmt":"2020-09-25T10:48:19","slug":"leonid-iosifowitsch-statkewitsch-freitagsbrief-nr-136","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/leonid-iosifowitsch-statkewitsch-freitagsbrief-nr-136\/","title":{"rendered":"Leonid Iosifowitsch Statkewitsch \u2013 Freitagsbrief Nr. 136"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Winnyzja<\/strong>, <strong>Ukraine<\/strong><br><strong>11.2005<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Herren Gottfried Eberle und Eberhard Radczuweit!<\/p>\n\n\n\n<p>Den Brief aus Berlin mit Datum 03.06.2005 habe ich bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin erstaunt und danke den einfachen deutschen B\u00fcrgern die sich entschlossen haben, als wahre Hilfe f\u00fcr ehemalige sowjetische Kriegsgefangene ein Opfer zu bringen. Es gibt ein russisches Sprichwort: \u201eTeuer ist mir dein Geschenk, teuer deine Liebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sechzig Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen. In dieser Zeit wuchsen unsere Kinder und Enkel auf, und es gibt schon Urenkel. Mit meiner Frau habe ich 6 Kinder, und es gibt 12 Enkel und 6 Urenkel. Die ganze Familie besteht aus 36 Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir, d.h. ich und meine Kameraden haben verziehen was wir durchmachen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hegen keinen Zorn auf die B\u00fcrger Deutschlands.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Generation ist f\u00fcr den Faschismus nicht verantwortlich. Die Geschichte hat uns nachdenklich gemacht. Ich w\u00fcnsche nur noch eins, dass unsere und ihre Nachkommen die Schrecken des Krieges nicht kennen lernen. M\u00f6ge die Welt in Frieden und gegenseitigem Verst\u00e4ndnis leben. Der Reiche sollte mit dem Armen teilen, der Gesunde dem Kranken helfen. Auf dieser Welt sind wir vor Gott alle gleich. Jeder Mensch hat nur ein Leben. M\u00f6ge jeder sein Leben so gestalten, dass sich die folgende Generation nicht f\u00fcr ihre Vorfahren sch\u00e4men m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschheit soll sich nicht wegen Hautfarbe oder Glaubensbekenntnis entzweien. Wir sind alle Menschen. In uns allen flie\u00dft Blut ein und derselben Farbe, in jedes Menschen Brust ist ein liebendes Herz, und in jedem Kopf ist Verstand.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Familie gibt es Ukrainer, Russen, Polen, Tschechen, Juden und Deutsche. Unsere Kinder leben in Sewastopol, Nikolajew, Shitomir, Stachanow im Bezirk Lugansk, Lemberg und Winniza.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Kinder haben Wohnung und Arbeit. Allerdings sind der J\u00fcngste &#8211; Georgij \u2013 und seine Frau Irene, eine Deutsche, arbeitslos. Wir haben ihnen im Dorf Rosdolowka eine Datscha gekauft. Im Sommer arbeiten sie auf der Datscha und \u00fcberleben auf diese Weise. Der Sohn hat einen Universit\u00e4tsabschluss als Techniker, Irene desgleichen in Technik und \u00d6konomie, aber Arbeit haben sie in Winniza nicht gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir planen, einen kleinen Laden neben unserem Haus zu bauen, wo sie vielleicht Gem\u00fcse usw. verkaufen k\u00f6nnen und damit eine Arbeitsstelle haben. Die Kinder schreiben uns und telefonieren, und im Sommer kommen sie zu uns zu Besuch. Mit der Frau zusammen bekommen wir eine Rente von 970 Griwen, was ungef\u00e4hr 200 Dollar sind. Wir k\u00f6nnen uns also Brot, Milch, Fleisch, Butter, Eier u.a. kaufen. Es geht uns also gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben eine Wohnung 50 qm die sich in einem Einfamilienhaus im Erdgeschoss befindet. Am Haus ist ein Garten mit Obstb\u00e4umen und Beeten. Wenn es die Gesundheit erlaubt, dann kann man schon leben. Gott hat mir f\u00fcr meine Leiden eine gute Familie und Langlebigkeit gegeben. Ich bin jetzt 92 Jahre und die Frau ist 82 Jahre. Ich freue mich, dass wir einen guten Pr\u00e4sidenten und eine gute Regierung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir hoffen sehr, dass sie auch f\u00fcr unsere Kinder, Enkel und Urenkel Gutes tun. Wir w\u00fcnschten uns, dass uns die L\u00e4nder Europas verstehen w\u00fcrden und helfen, uns auf die Beine zu stellen. Unser Volk ist arbeitsliebend, tapfer und weise, und unser Boden ist fruchtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schicke eine Kopie eines Artikels aus einer \u00f6rtlichen Zeitung , in dem \u00fcber meine Famielie berichtet wird. Das Interview hat meine Frau \u2013 Viktoria Gawrilowna \u2013 gegeben, die 39 Jahre als Lehrerin gearbeitet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald wird es uns nicht mehr geben, da k\u00f6nnen sie mit meinem j\u00fcngsten Sohn \u2013 Georgij \u2013 kommunizieren. Schreiben sie bitte an unsere Adresse.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit m\u00f6chte ich den Brief beenden. Bleiben sie gesund und gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit herzlichem Gru\u00df<\/p>\n\n\n\n<p>Der ehemalige Kriegsgefangene Leonid Josifowitsch Statkewich<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Ich konnte nicht schlafen. Die Gedanken kehren immer wieder in die Vergangenheit zur\u00fcck. Ihr, die deutsche Jugend, seid nicht Schuld daran dass in Eurem Land der Hitler geboren ist mit seinen verr\u00fcckten Ideen die ihre Vorfahren verwirrt haben. Vergebt ihnen wie wir vergeben. M\u00f6ge der Mensch immer ein Mensch bleiben, d.h. m\u00f6ge er eine Familie haben, einen Namen und Vatersnamen aber keine Nummer hinter der sich ein Schicksal und das Leben verbirgt. Ich hatte auch eine Nummer, aber ich habe sie vergessen. Alle Gefangenen haben so eine Nummer gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin in ein Lager in der Stadt N\u00fcrnberg gekommen, und von dort hat man mich zur Arbeit nach R\u00f6thenbach in die Elektrofabrik geschickt welche dem Besitzer Conradi geh\u00f6rte. Gibt es jetzt noch diese Fabrik und diesen Besitzer? Vor dem Krieg haben in dieser Fabrik auch Str\u00e4flinge gearbeitet. Wir wohnten in Baracken welche in Sektionen unterteilt waren. Zu einer Sektion geh\u00f6rten 30-40 Mann. Wir haben auf zweist\u00f6ckigen Pritschen geschlafen. Die Arbeit war schwer und wir wurden geschlagen. So kann man sich nur noch die H\u00f6lle vorstellen: Teer, Kohlen- und Graphitstaub und das wache Auge des Aufsichtsf\u00fchrenden Grimberg, welcher die geschlagen hat, die aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nicht diese schweren Elektroden heben konnten. F\u00fcr einen ausgehungerten Menschen der mit R\u00fcbensuppe und schlechten Kartoffeln ern\u00e4hrt wurde war das furchtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal ist mir eine schwere Elektrode auf meinen verwundeten Fu\u00df gefallen der in Holzlatschen steckte. Der Holzlatschen ist zersplittert und Splitter steckten in meinem Fu\u00df. Ich kam ins Hospital, der Fu\u00df faulte. Das schon bei Ende des Krieges. Wir wurden befreit. Gott sei Dank bin ich am Leben geblieben. Ich bin schon 92 Jahre und mein Lebensweg geht langsam zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ge der Frieden in der ganzen Welt und die Freundschaft zwischen unseren V\u00f6lkern erhalten bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sicherlich nicht der einzige, der ihnen schreibt. Sammeln sie diese Brief und vielleicht kann jemand ein Buch herausgeben \u00fcber Menschenschicksale, dass es die Menschen in Zukunft vor Hitlerismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher hat jede deutsche Familie auch einen lieben Menschen verloren. Bleiben sie gesund.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung<\/p>\n\n\n\n<p>Ehem. Kriegsgefangene Leonid Josifowitsch Statkewitch<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Winnyzja, Ukraine11.2005 Sehr geehrte Herren Gottfried Eberle und Eberhard Radczuweit! Den Brief aus Berlin mit Datum 03.06.2005 habe ich bekommen. Ich bin erstaunt und danke den einfachen deutschen B\u00fcrgern die sich entschlossen haben, als wahre Hilfe f\u00fcr ehemalige sowjetische Kriegsgefangene ein Opfer zu bringen. 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