{"id":3891,"date":"2020-07-31T16:01:00","date_gmt":"2020-07-31T14:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3891"},"modified":"2020-09-25T12:48:41","modified_gmt":"2020-09-25T10:48:41","slug":"watschik-howhannisjan-freitagsbrief-nr-135","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/watschik-howhannisjan-freitagsbrief-nr-135\/","title":{"rendered":"Watschik Howhannisjan \u2013 Freitagsbrief Nr. 135"},"content":{"rendered":"\n<p>Armenien, 2009<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Radczuweit, sehr geehrte Mitglieder von KONTAKTE\/KONTAKTY, es war mir wie ein Traum, als ich von der Leitung des armenischen Vereins der ehemaligen Kriegsgefangenen von Ihnen und Ihrem Verein h\u00f6rte, und als gewisse Anerkennung meiner Leiden in der Kriegsgefangenschaft von Ihnen eine Summe von 300 Euro erhielt. Es war mir ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Freudentag, denn ich h\u00e4tte mir zuvor gar nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass diese Schreckensgeschichte, die den ehemaligen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs beschieden war, in Deutschland noch offen und aktuell ist. Jetzt f\u00fchle ich mich von der \u00dcberlast dieser Geschichte erleichtert, und bin Ihnen f\u00fcr Ihre finanzielle, moralische und seelische Unterst\u00fctzung sehr dankbar&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Watschik Howhannisjan, bin am 16. November 1918 in Armenien, in der Stadt Kalinino geboren. Als Absolvent des polytechnischen Instituts Jerewans war ich schon nach Gjumri gefahren, um dort eine Arbeitsstelle zu bekommen, als der Krieg ausbrach, und ich in die Armee einberufen wurde. Zuerst wurde ich nach Nordkaukasus geschickt. Von dort brachte man uns in Richtung Belarus: Es war nicht weit von Minsk, als bei einer schweren Schlacht unser Regiment eingekesselt wurde, und am 8. Juli gerieten wir in Kriegsgefangenschaft. Wir, die Gefangenen, waren an Zahl vielleicht mehr als 50 000. Man trennte von uns denjenigen, die Juden waren oder als solche galten, denn es fand kaum ein richtiges Verh\u00f6r oder eine Untersuchung statt, und sie wurden nicht weit von uns, an einer kleinen Schlucht erschossen und nach unten geworfen, wo es ein Fl\u00fcsschen gab. Nachdem wir f\u00fcnf Tage nichts zu essen oder zu trinken bekommen hatten, und viele von uns innerhalb dieser Tage wegen der Schw\u00e4che oder Verwundungen schon gestorben waren, bildete man kleine Gruppen von je drei Personen, die unter Bewachung zum Fl\u00fcsschen gehen und Wasser holen durften. Als sie zur\u00fcckkamen, konnten sie vom Schrecken kaum sprechen. Das Fl\u00fcsschen war voller Leichen, die dort hingeworfen waren und das tr\u00fcbe Wasser hatte solch einen Gestank, dass es gar nicht einfach war, es zu trinken. Dazu gab man uns t\u00e4glich etwas Brot oder d\u00fcrre Fische, und zwar in solch einer Weise, dass wir es selbst unter uns zu verteilen h\u00e4tten. Die Dr\u00e4ngeleien und Schl\u00e4gereien, die dann begannen, kann ich kaum beschreiben. Die Schw\u00e4cheren bekamen wieder nichts zu essen, und der Hunger machte seine Arbeit weiter. Zwei Monate blieben wir dort, unter dem freien Himmel auf diesem mit Stacheldr\u00e4hten umgebenen Feld. Bald begann auch die K\u00e4lte, die ebenso die Schw\u00e4chsten zum Tode brachte. \u00d6fters beneideten wir sie daf\u00fcr, dass sie nicht mehr zu leiden hatten. Einmal versuchten vier Personen eines von mir nicht weit gelegenen Platzes, zu fliehen. Sie wurden aber wieder gefangen und zusammen mit weiteren 15 Kameraden, die angeblich \u00fcber die Flucht informiert waren und sie verschwiegen, nach vielen schweren Knutenschl\u00e4gen erschossen. Ob und wie konnte man erfahren, dass diese 15 von der Flucht Bescheid wussten, konnte niemand von uns ahnen, denn die Erschie\u00dfungen geschahen in aller Eile, in einer fr\u00fchen regnerischen Morgenstunde, und es fand gar kein Verh\u00f6r statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als die H\u00e4lfte der Gefangenen waren dort schon gestorben, als eines Tages man uns befahl, zu Fu\u00df bis zu einem Waldlager, das etwa 50 km entfernt war, zu marschieren. Auf dem Wege dorthin wurden die Schw\u00e4chsten und die Kranken wieder erschossen. In diesem Lager bekamen wir t\u00e4glich etwas Balanda und 100 Gramm Brot. Dort mussten wir von fr\u00fch bis sp\u00e4t arbeiten, was uns aber ein Gl\u00fcck schien, weil wir uns manchmal von Waldfr\u00fcchten ern\u00e4hren konnten. Dann bin ich mit einem Teil meiner Kameraden nach Polen gebracht worden, wo ich zun\u00e4chst im Lager von Krakau und etwas sp\u00e4ter in dem von Katowitz geblieben bin. Dort arbeiteten wir zumeist in den Kohlensch\u00e4chten. Es war eine extrem anstrengende Arbeit, die vielen meiner Kameraden das Leben kostete. Wir waren ersch\u00f6pft, und sobald einer von uns nicht mehr imstande war, die Schaufel richtig zu bewegen, wurde er grausam geschlagen und wenige Minuten darauf erschossen. Wir befanden uns in einer wahren H\u00f6lle. In der Zeit, wo wir au\u00dferhalb von Sch\u00e4chten arbeiten mussten, versuchten wir, uns mit allem erreichbaren zu ern\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wenigen Monaten brachte man uns in die Tschechoslowakei, wo ich im Lager Bilinowka blieb. Hier haben wir unterschiedliche Arbeiten, haupts\u00e4chlich aber Stra\u00dfenarbeit machen m\u00fcssen. Die Ern\u00e4hrung war hier etwas besser. Wir bekamen t\u00e4glich 200 Gramm Brot und etwas Suppe. Auch die Bev\u00f6lkerung verhielt sich zu uns ziemlich freundlich. Es gab manche F\u00e4lle, wenn man uns unauff\u00e4llig Brot und Fr\u00fcchte gab. Unter unseren Bewachern und Offizieren war einer, der von allen geliebt wurde. Bei seiner Anwesenheit konnten wir uns freier f\u00fchlen, und er verbot uns nicht, gegebenenfalls etwas Essbares von den Einwohnern zu nehmen. Von dort wurden wir nach Deutschland geschickt, wo ich bis zum Kriegsende in Frankfurt, Hamburg, dann in Salzburg (?) Zwangsarbeit leistete. Wir machten ganz unterschiedliche Arbeiten. Im Mai 1945 wurden wir von den amerikanischen Truppen befreit und nach einem Monat den russischen Truppen \u00fcbergeben. Noch acht Monate blieb ich im Milit\u00e4rdienst, wonach die Demobilisation erfolgte. Ich kehrte nach Armenien zur\u00fcck, heiratete dort und war noch auf der Suche nach einer Arbeit, als eines Tages man mich festnahm und als so genannten \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c, der \u201emit Deutschen zusammen gearbeitet h\u00e4tte\u201c nach Sibirien verschickte. Noch weitere 6 Jahre verbrachte ich in Sibirien, wo die Situation mir manchmal schlimmer erschien als die in der Kriegsgefangenschaft. Aber Gott hat mich weiter leben lassen, und diese zweite H\u00f6lle konnte ich ebenso \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fcssen<\/p>\n\n\n\n<p>Watschik Howhannisjan<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung: Dr. Aschot Hayruni<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armenien, 2009 Sehr geehrter Herr Radczuweit, sehr geehrte Mitglieder von KONTAKTE\/KONTAKTY, es war mir wie ein Traum, als ich von der Leitung des armenischen Vereins der ehemaligen Kriegsgefangenen von Ihnen und Ihrem Verein h\u00f6rte, und als gewisse Anerkennung meiner Leiden in der Kriegsgefangenschaft von Ihnen eine Summe von 300 Euro erhielt. Es war mir ein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-3891","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe-ehemaliger-sowjetischer-kriegsgefangener"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"ru","enabled_languages":["de","ru"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"graphy-post-thumbnail-large":false,"graphy-post-thumbnail-medium":false,"graphy-post-thumbnail-small":false,"graphy-page-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"KS","author_link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/author\/kntktbrln999\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Armenien, 2009 Sehr geehrter Herr Radczuweit, sehr geehrte Mitglieder von KONTAKTE\/KONTAKTY, es war mir wie ein Traum, als ich von der Leitung des armenischen Vereins der ehemaligen Kriegsgefangenen von Ihnen und Ihrem Verein h\u00f6rte, und als gewisse Anerkennung meiner Leiden in der Kriegsgefangenschaft von Ihnen eine Summe von 300 Euro erhielt. Es war mir ein...","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3891","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3891"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3891\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3944,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3891\/revisions\/3944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3891"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3891"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3891"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}