{"id":3882,"date":"2020-07-10T15:32:49","date_gmt":"2020-07-10T13:32:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3882"},"modified":"2020-09-25T12:49:30","modified_gmt":"2020-09-25T10:49:30","slug":"igor-jakowlewitsch-trapicyn-freitagsbrief-nr-132","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/igor-jakowlewitsch-trapicyn-freitagsbrief-nr-132\/","title":{"rendered":"Igor Jakowlewitsch Trapicyn \u2013 Freitagsbrief Nr. 132"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Diesen Brief erhielten wir 2007 \u00fcber einen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen aus der Ukraine. Er war wie viele andere in der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten Hobbyhistoriker und besch\u00e4ftigte sich mit den Relikten des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Kriegs in seinem Wohnort Saporischschja. Er hielt aber auch den Kontakt zu seinen Kameraden, die wie er in den deutschen Kriegsgefangenenlagern in Norwegen gewesen waren, und sammelte Berichte von den Lagern in Norwegen. Wir konnten dem Briefschreiber,&nbsp; Herrn Trapicyn, 2007 unsere finanzielle Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts \u00fcbergeben.<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p>I. Trapicyn (Stadt Moskau), Erbauer von Bunkern. Das Jahr 1941. Der Beginn des Krieges. Ich diente an der Grenze. Die K\u00e4mpfe des 22. Juni bei Brest. St\u00e4ndige Gepl\u00e4nkel mit den Eroberern in der Einkesselung. Ich wurde verwundet, erlitt Quetschungen. Vom Zug blieben nur vier Menschen. Eine Nacht im Schuppen. Doch weiter kam das Schrecklichste, an das man nie zu denken wagte, Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewaltige faschistische Lager auf dem Gebiet Polens \u2013 Bia\u0142a Podlaska, D\u0119blin \u2026 Der Typhus grassierte. Die Kranken lagen auf dem Zementboden. Es starben bis zu zweitausend am Tag\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland. Versch\u00e4rftes Straflager Hammerstein Nr. 315 [in Ostpreu\u00dfen]. Im November des Jahres Zweiundvierzig warfen sie den Kriegsgefangenen graue M\u00e4ntel, spitz zulaufende Helme, sog. Budjonny-M\u00fctzen und Stiefel mit Holzsohlen hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Transport &#8220;Hindenburg&#8221;\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nordfinnland. Zwangsarbeit in den S\u00fcmpfen, aber dann Marsch zur norwegischen Grenze.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast einen Monat gingen die Kolonnen der sowjetischen Kriegsgefangenen durch den Norden Finnlands. Die Menschen schleppten sich mit M\u00fche durch den feuchten Schnee. Der Schlamm patschte. Die Kolonne, die sich \u00fcber zig Kilometer hinzog, beschloss ein &#8220;Sonderkommando&#8221;, ein Strafkommando, das aus eingefangenen Fl\u00fcchtlingen bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ging barfu\u00df zwischen ihnen. Die Beine schwollen an und bluteten. Bei der Rast schnitten der Moskauer Dmitrij Iwanowitsch Ivanow, ein B\u00e4rtiger mit Spitznamen &#8220;Alter&#8221;, und Sascha Filatow aus Narwa M\u00e4ntel, Decken \u2013 fertigten mir so etwas wie M\u00fctzen an, die jedoch sofort auseinander fielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ringsum, wohin du auch schaust, nackte Tundra. Lediglich irgendwo mal ein zwergw\u00fcchsiger Strauch. Der Weg f\u00fchrte einen Berg hinauf. Wir erblickten einen Grenzpfahl. Auf der einen Seite die Aufschrift &#8220;Suomi&#8221;, auf der anderen &#8220;Norge&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ich kann nicht mehr gehen&#8221;, sagte der Moskauer Journalist Nikolaj Matwejewitsch Schelgano.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinten schritten die MPi \u2013 Sch\u00fctzen mit den Hunden. Es waren einige Sch\u00fcsse zu h\u00f6ren. Ich drehte mich heimlich um (dies war streng verboten). Schossen sie wirklich, diese Scheusale? Ja, so war es\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>20. Oktober 1944. Wir waren auf norwegischer Erde. Ringsum keinerlei Anzeichen von Behausungen. Nacktes Hochplateau. In der Ferne das Meer. Die Kr\u00e4fte verlassen mich. Wie aus der Ferne erscholl die Stimme von Dmitrij Iwanow: &#8220;Igorjok, nimm dich zusammen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich biss die Z\u00e4hne zusammen. Bei der Rast schleppten Freunde Steine herbei und errichteten ein M\u00e4uerchen, hinter der wir vor dem Wind Schutz suchten. Wir mauerten ein \u00d6fchen. Sammelten Moos. Zogen oben eine Decke dr\u00fcber und&nbsp; krochen zu f\u00fcnft hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa zehn Tage verbrachten wir unter freiem Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>5. November. Im Tanafjord verlud man uns in einige Dampfer unter Deck. Man zw\u00e4ngte uns so zusammen, dass man keinen Schritt tun konnte, ohne einem Menschen auf die F\u00fc\u00dfe zu treten. Es war schw\u00fcl. Wir hatten Durst. Es tropfte von der Decke und wir sammelten die Tropfen in einem Kesselchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abends. Inmitten des vielstimmigen L\u00e4rms erscholl die Stimme von Dmitrij: &#8220;Br\u00fcder, morgen ist der Vorabend des Oktober. Wo bleibt der Trinkwasserfuhrmann? Wir bitten ihn zu singen und zu erz\u00e4hlen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stellte mich auf den Querbalken, der sich \u00fcber dem Boden des Laderaums erhob. Durch die Luke sahen vom Deck die Wachposten herunter, richteten die Scheinwerfer auf mich. Alles war wie im Theater, nur die B\u00fchne war ein Quadratmeter gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dmitrij \u00fcbernahm die Rolle des Conf\u00e9renciers:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Jetzt wird der K\u00fcnstler \u2013 Trinkwasserfuhrmann uns mit seinem Gesang erfreuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man \u00fcbergab mir eine selbstgebaute Gitarre. Alles verstummte. Nur der gleichm\u00e4\u00dfige Maschinenl\u00e4rm war zu h\u00f6ren. Ich begann meinen Auftritt mit dem Lied &#8220;Es dreht sich die blaue Kugel&#8221;, das ich auf antifaschistische Weise uminterpretierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzert dauerte etwa drei Stunden, bis ich v\u00f6llig heiser war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachts weckte mich Dmitrij und sagte: &#8220;Igorjok, wir m\u00fcssen bald das Schiff verlassen. Die Gestapoleute haben uns erwischt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Vorsicht beschlossen wir, uns zu verabschieden. Im Morgengrauen schloss sich Dmitrij der ersten Abteilung der Kriegsgefangenen an, die ans Ufer gebracht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am siebten November bat man mich erneut aufzutreten und ich selbst war nicht abgeneigt, obwohl ich ein doppeltes Risiko einging.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Freunde!&#8221;, sagte ich. &#8220;Ich glaube, dass dies mein letztes Konzert in Gefangenschaft ist. Den Faschisten steht die Niederlage bevor.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Und erneut h\u00f6rte man mir zu, wobei sie den Atem anhielten und die Wachposten sahen von oben durch die Luke herunter und leuchteten mit den Scheinwerfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der achte November. Nachts, bei Regenwetter, brachte man uns ans Ufer und trieb uns in den Laderaum eines Schleppkahns. Durch einen Spalt sickerte Wasser. Wir legten uns an Bord nieder, wo es etwas trockener war. Es war schwer zu erkennen, wann der Tag der Nacht wich. Es goss. Man ern\u00e4hrte uns nicht und lie\u00df uns nicht hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Kraftlos, im Halbschlaf lagen wir auf dem Grund des Lastkahns.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rten wir ein nahes Gespr\u00e4ch. Eine Frau \u00fcberzeugte irgendwie den Wachposten. Bald \u00f6ffnete sich die Luke und der tschechische Wachposten, der von der Hitlerarmee rekrutiert worden war, rief einen von uns herbei. W\u00e4hrend er von der Wache eine flache Kiste entgegennahm, bemerkte der hochgewachsene Ukrainer am Fallreep eine \u00e4ltere Frau im Regenmantel und am Ufer in der vorabendlichen D\u00e4mmerung eine Menge Norweger. Im Lastkahn duftete es lecker nach R\u00e4ucherhering. Die Kiste wurde ge\u00f6ffnet. Jeder erhielt einen einzelnen gro\u00dfen Fisch. Wir waren aber sechzig\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Woche, w\u00e4hrend der der Tscheche Dienst tat, versorgten uns die Norweger mit Fisch. Der Tscheche sagte, dass dies die Bewohner von Br\u00f8nn\u00f8ysund seien.<\/p>\n\n\n\n<p>An jedem zehnten Tag lie\u00df man uns aus dem Kahn und f\u00fchrte uns durch die Stadt. Die Norweger gingen auf die Stra\u00dfe und legten die H\u00e4nde zusammen wie zum H\u00e4ndedruck, hoben die Arme \u00fcber den Kopf. Sie warfen Beutel&nbsp; mit belegten Broten und T\u00fctchen mit Konfekt in die Kolonne.<\/p>\n\n\n\n<p>19. November. Wir wurden in einen voll motorisierten Lastkahn verladen. Ein Sturm w\u00fctete. Die kurze \u00dcberfahrt kam uns wie eine Ewigkeit vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Inmitten der schmalen, langen Insel Ulvingen, die fast v\u00f6llig unbewachsen war, erhob sich ein Berg. An seinem Fu\u00df in einem finsteren, felsigen Schacht stand eine Baracke, die von Stacheldraht umgeben war. Mit Wehmut blickte ich zum in der Ferne sichtbaren gastfreundlichen Br\u00f8nn\u00f8ysund her\u00fcber. Am n\u00e4chsten Tag befahlen uns die Wachposten am Berg Steine zu brechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie stie\u00dfen wir auf dem R\u00fcckweg von der Arbeit auf einen gro\u00dfen, gewi\u00df gerade erst gefangenen Fisch, der quer auf dem Weg lag. Nicht selten fanden wir Fische im Lager selbst, hinter dem Stacheldraht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir konnten schon erahnen, wer sich um uns k\u00fcmmerte. Sonntags ging am Lager langsam ein st\u00e4mmiger Bursche in einer Fischerjacke vorbei und nickte zum Gru\u00df mit dem Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>11. Mai 1945. Hurra! Wir sind frei!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Rechte der deutschen \u00dcbersetzung liegen bei KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b. Die Briefe von \u201avergessenen\u2018 NS-Opfern d\u00fcrfen f\u00fcr nicht-kommerzielle Bildungszwecke, wie Lehre, Wissenschaft und Forschung genutzt werden. Keiner der Inhalte darf ver\u00e4ndert oder modifiziert werden. Bei der Nutzung und der Ver\u00f6ffentlichung ist die Angabe \u201eAus dem Archiv vom KONTAKTE-\u041a\u041e\u041d\u0422\u0410\u041a\u0422\u042b e. V.\u201c erforderlich. Wir bitten um eine schriftliche Anfrage an info@kontakte-kontakty.de.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Brief erhielten wir 2007 \u00fcber einen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen aus der Ukraine. Er war wie viele andere in der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten Hobbyhistoriker und besch\u00e4ftigte sich mit den Relikten des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Kriegs in seinem Wohnort Saporischschja. 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