{"id":3871,"date":"2017-07-28T17:03:00","date_gmt":"2017-07-28T15:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3871"},"modified":"2020-06-30T17:03:56","modified_gmt":"2020-06-30T15:03:56","slug":"sinaida-wassiljewna-s-freitagsbrief-nr-57","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/sinaida-wassiljewna-s-freitagsbrief-nr-57\/","title":{"rendered":"Sinaida Wassiljewna S. \u2013 Freitagsbrief Nr. 57"},"content":{"rendered":"\n<p>Belarus, Witebsk<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe KONTAKTbI-Aktivisten!<\/p>\n\n\n\n<p>Als erstes m\u00f6chte ich allen Mitgliedern des Vereins danken daf\u00fcr, dass Sie sich an uns, die Kinder des Krieges, erinnert und uns geholfen haben. Es ist keine gro\u00dfe Summe, aber was z\u00e4hlt, ist die Aufmerksamkeit, die menschliche Anteilnahme und das Mitgef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte ein paar Worte schreiben \u2013 meine Erinnerungen an den Krieg. Ich wurde im Oktober 1929 im Dorf Liopino geboren. Als der Krieg begann, war ich ein junges M\u00e4dchen. Aber ich erinnere mich noch gut an jene schrecklichen Tage und das Grauen. Die deutsche Armee besetzte unsere Gegend schon im Juli 1941. Sofort begann die Jagd auf die Juden und ihre Vernichtung. Ich erinnere mich noch an unsere Lehrerin, sie war 23 und hie\u00df Golda Israiljewna, eine sch\u00f6ne junge Frau, sie unterrichtete Mathematik und war immer fr\u00f6hlich, hat viel gesungen und uns von anderen L\u00e4ndern und St\u00e4dten erz\u00e4hlt, wir mochten sie alle sehr. Sie wurde zusammen mit ihrer ganzen Familie am Dorfrand erschossen und in einen Panzerabwehrgraben geworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Dorf Liopino lag am Ufer der Kasplja, ein malerischer Ort, umgeben von Wald, und in diesen W\u00e4ldern versteckten sich die Partisanen. Die ersten Gruppen dieser Volksr\u00e4cher hatten sich bereits in den ersten Tagen des Krieges formiert. Die Partisanen kontrollierten das rechte Flussufer, das Territorium am linken Flussufer hatte die deutsche Armee eingenommen. Tags\u00fcber fielen die Soldaten der Wehrmacht im Dorf ein, raubten H\u00fchner, Schweine und das Gem\u00fcse von den Feldern. Ich habe mir die Buchstaben auf den Abzeichen der Soldaten und Offiziere eingepr\u00e4gt: SS und SD. Sie gingen besonders grausam mit der Bev\u00f6lkerung um: Wenn die Verr\u00e4ter ihnen irgendjemanden anzeigten, der mit den Partisanen in Verbindung stand, wurde derjenigen erschossen oder geh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Familie (Mutter, Vater und meine \u00e4lteren Br\u00fcder, insgesamt sechs Leute) musste aus dem Haus in den Stall ziehen, so lebten wir sechs Monate lang Seite an Seite mit der Kuh und den H\u00fchnern, ins Haus durfte nur unsere Mutter, um Brot f\u00fcr den deutschen Offizier und f\u00fcr uns zu backen. Im September 1943 begannen sie, Jugendliche aus den umliegenden D\u00f6rfern zum Arbeiten nach Deutschland zu verschleppen. Der Offizier der deutschen Armee, der in unserem Haus wohnte, hat unsere Familie gewarnt, und so packten wir ein paar Sachen und etwas zu essen zusammen und gingen in den Wald. Wir gruben eine Erdh\u00fctte aus und verbrachten \u00fcber einen Monat darin. Bei ihrem R\u00fcckzug gingen die deutschen Truppen dazu \u00fcber, D\u00f6rfer in Brand zu setzen, das noch lebende Vieh zu t\u00f6ten und die Flussbr\u00fccken in die Luft zu sprengen. So brannte auch unser Dorf ab, es waren 60 H\u00f6fe. Als wir aus dem Wald zur\u00fcckkehrten, fanden wir nur noch Brandst\u00e4tten. Wieder gruben wir eine Erdh\u00fctte, dieses Mal auf unserem eigenen Grundst\u00fcck, gruben die \u00fcbriggebliebenen Kartoffeln aus, es war auch etwas Getreide in der Erde vergraben \u2013 so haben wir \u00fcberlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der deutschen Okkupation sind in unserer Gegend sehr viele Menschen gestorben, friedliche Bewohner aus unserem und den umliegenden D\u00f6rfern. Bei Surash (etwa 12Kilometer von Liopino entfernt) wurden \u00fcber 1000 Menschen erschossen. Es waren Erwachsene darunter wie auch Kinder jeden Alters, ganz kleine genauso wie \u00e4ltere. Die Menschen wurden aufs Feld hinausgef\u00fchrt, gezwungen, einen Graben zu schaufeln, sich daran entlang aufzustellen, und dann wurden sie erschossen. Alle kamen unter die Erde, auch die Verletzten, man erz\u00e4hlte sich, dass dort noch tagelang St\u00f6hnen zu h\u00f6ren war und die Erde sich bewegte. Heute befindet sich an der Stelle eine Kriegsgr\u00e4berst\u00e4tte zu Ehren der gefallenen sowjetischen Soldaten und ein j\u00fcdischer Friedhof. Der Graben, in dem die zivilen Opfer der Erschie\u00dfung liegen, ist noch immer ein mit Gras bewachsener Graben. Meine \u00e4lteren Br\u00fcder wurden nach der Befreiung in die Armee einberufen, aber sie k\u00e4mpften nur kurze Zeit, fielen beide auf belarussischem Boden. Auch die Zeit nach dem Krieg war sehr hart: Hunger, K\u00e4lte, Not, aber irgendwie haben wir \u00fcberlebt. Jetzt lebe ich bei meiner Tochter, sie ist \u00c4rztin. Ich habe au\u00dferdem einen erwachsenen Sohn, er arbeitet als Pharmazeut. Und ich habe vier Enkel und vier Urenkel. Sie leben in Belarus und in Russland, der \u00e4lteste Enkel lebt in den USA, Staat Pennsylvania, arbeitet im Bereich der innovativen Technologien. Meine Kinder und Enkelkinder sind erwachsen, haben alle studiert, ich bin sehr stolz auf sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen noch einmal f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit und die Erinnerung an die Opfer dieses grausamen Krieges. Sie leisten sehr wichtige Arbeit, um diese Schrecken sich niemals wiederholen zu lassen. Ich w\u00fcnsche Ihnen und all Ihren Lieben Gesundheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p>S. Sinaida Wassiljewna<\/p>\n\n\n\n<p>April 2017, Belarus<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Witebsk Liebe KONTAKTbI-Aktivisten! Als erstes m\u00f6chte ich allen Mitgliedern des Vereins danken daf\u00fcr, dass Sie sich an uns, die Kinder des Krieges, erinnert und uns geholfen haben. Es ist keine gro\u00dfe Summe, aber was z\u00e4hlt, ist die Aufmerksamkeit, die menschliche Anteilnahme und das Mitgef\u00fchl. 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