{"id":3865,"date":"2017-08-18T16:45:00","date_gmt":"2017-08-18T14:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3865"},"modified":"2020-06-30T16:46:20","modified_gmt":"2020-06-30T14:46:20","slug":"mihalina-petrowna-g-freitagsbrief-nr-61","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/mihalina-petrowna-g-freitagsbrief-nr-61\/","title":{"rendered":"Mihalina Petrowna G. \u2013 Freitagsbrief Nr. 61"},"content":{"rendered":"\n<p>Lepel, Belarus<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rz 2017 <\/p>\n\n\n\n<p>An KONTAKTE Berlin<\/p>\n\n\n\n<p>Es wendet sich an Sie eine B\u00fcrgerin von Belarus, Mihalina Petrowna G., geb. Perhurowich, ich bin schon 87, Invalidin der 1. Gruppe, lebe bei meiner Tochter D. Emilia Metscheslawowna (sie schreibt diesen Brief).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich 1930 bin im Dorf Starinki des Pyshnjansker Dorfsowjets, Kreis Lepel, Witebsker Gebiet, geboren, wo ich auch bis zum Zweiten Weltkrieg wohnte. Ich lebte dort mit meiner Mutter Anastasija Antonovna Perhurowich , meinem j\u00fcngeren Bruder Vladimir und meiner Schwester Emilia. Unser Vater, Petr Antonovich Perhurovich, kam 1939 im Finnischen Krieg ums Leben. Unsere Mutter zog uns alleine gro\u00df. In unserem D\u00f6rfchen gab es nur 8 H\u00f6fe, aber die Faschisten kamen sehr oft dorthin, konfiszierten bei uns und den anderen D\u00f6rflern Lebensmittel (Speck, Butter, Milch, Eier, Brot), t\u00f6teten Vieh und Gefl\u00fcgel und nahmen es mit, oder sie ergriffen Kinder, Jugendliche und Alte aus unserem Dorf und anderen nahegelegenen D\u00f6rfern, und jagten uns mit Maschinengewehren im Anschlag und mit Hunden vor sich her wie eine Zielscheibe: Sie trieben uns \u00fcber die Wege, um zu pr\u00fcfen, ob diese nicht vermint waren, oder auch, wenn sie auf Partisanenjagd gingen. Wenn jemand weglaufen wollte, schossen sie, wenn jemand fiel, schossen sie, andere wurden von Minen zerrissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal, als man uns in vermintes Gel\u00e4nde jagte, starben viele, und die \u00dcberlebenden wurden unter Bewachung nach Lepel getrieben, in einen Pferdestall gesperrt, wo wir \u00fcbernachteten, und morgens verlud man uns auf einen Lastwagen und fuhr uns nach Witebsk. Bei mir war der j\u00fcngere Bruder meiner Mutter, Franz Antonovich M. (2 Jahre \u00e4lter als ich). In Witebsk kamen wir in ein Lager (lange Baracken). An die genauen Daten erinnere ich mich nicht, aber es war am Fr\u00fchlingsanfang 1942. Im Lager blieben wir \u00fcber 2 Monate. Wir mussten Sch\u00fctzengr\u00e4ben f\u00fcr die deutschen Soldaten ausheben, Kartoffeln sch\u00e4len und Gefl\u00fcgel rupfen, und zu essen gab man uns so eine Balanda (gekochtes Ged\u00e4rm und Hufe von Tieren) Ich konnte das nicht essen und wurde v\u00f6llig kraftlos. Franz bettelte in der K\u00fcche um wenigstens ein St\u00fcckchen Brotrinde, um mich irgendwie am Leben zu erhalten. Es waren unertr\u00e4gliche Zust\u00e4nde. Nachts war es sehr kalt, die Jacke meines Vaters, die ich anhatte, half ein bisschen. Die Sowjetsoldaten bombardierten die deutsche Garnison, Bomben fielen auch auf das Lager, die Menschen wurden in St\u00fccke gerissen, Arme und Beine wurden ihnen abgerissen, \u00fcberall Schreie und St\u00f6hnen. Ich betete dauernd und bat Gott darum, sofort tot zu sein ohne mich zu qu\u00e4len. Dann waren unsere Leiden im Lager zu Ende, wir wurden in G\u00fcterwagen verladen und irgendwohin gefahren, uns war es ganz egal, wohin wir fuhren, blo\u00df weg aus dieser H\u00f6lle, auch wenn sie uns erschie\u00dfen w\u00fcrden. Wir kamen in das Dorf Surazh, alle wurden abgeladen und in die Banja getrieben. Wir mussten uns ausziehen, weil unsere Kleidung v\u00f6llig verlaust war. Die Kleidung wurde im hei\u00dfen Dampf gereinigt, wir mussten uns waschen und bekamen die Kleidung zur\u00fcck. Dann wurden wir bei Leuten in Surazh untergebracht. Mich nahm eine Frau zu sich. Von dort trieb man uns wieder zum Sch\u00fctzengr\u00e4ben-Ausheben. Dann erkrankte ich an Typhus. Viele wurden krank und wurden erschossen. Warum ich am Leben blieb, wei\u00df Gott allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf wurden die gesunden Kinder und Jugendlichen nach Deutschland transportiert, darunter auch mein Onkel Franz, der dort bis zum Kriegsende blieb und arbeitete. Als es mir etwas besser ging, beschloss ich, nach Hause zu fliehen. Ich fragte die Leute aus, wie ich nach Lepel komme. Sieerkl\u00e4rten es mir, und eines Nachts lief ich weg, zusammen mit anderen Frauen und Jugendlichen, die auch Gr\u00e4ben ausgehoben hatten. Ich ging zu Fu\u00df, manchmal lief ich auf die Landstra\u00dfe und mich nahmen deutsche Soldaten mit. Sie fragten, wer ich sei, woher und wohin ich gehe. Ich sagte, dass ich Sch\u00fctzengr\u00e4ben ausgehoben hatte, da nahmen sie mich mit und schenkten mir ab und zu Schokolade und einen Keks. So kam ich im Herbst zum Dorf Pyshno, wo ich erfuhr, dass sie unser Dorf abgebrannt und alle seine Bewohner get\u00f6tet hatten. Meine Mutter und die kleineren Kinder waren am Leben geblieben. Sie waren zu dieser Zeit in einem anderen Dorf bei Verwandten gewesen (Lipovo im Dokshitser Gebiet). Wir hatten keine Bleibe, gruben eine Erdh\u00f6hle aus, in der wir bis zum Ende des Krieges lebten. Nachts schliefen wir in der Kleidung, weil es kalt war, und weil wir immer auf der Hut waren, um in den Wald zu fliehen, wenn eine Strafexpedition nahte. Und jetzt wendet sich meine Tochter an Sie: Meiner Mutter geht es nicht mehr gut. Manche Daten und Ereignisse verwischen sich im Ged\u00e4chtnis, aber sie ist geistig auf der H\u00f6he. An das Wichtigste und vor allem an die Kriegsereignisse erinnert sie sich sehr gut, nachts schl\u00e4ft sie nicht \u2013 sie tr\u00e4umt vom Krieg, kann keine Kriegsfilme sehen, weint, wenn jemand sie nach dieser schrecklichen Zeit fragt. Alle, die mit ihr in Gefangenschaft waren, sind gestorben, auch die, die nach Deutschland verschleppt wurden, darunter ihr Onkel Franz, er lebt schon seit 20 Jahren nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zweite Weltkrieg hat unserer Familie sehr viel Kummer gebracht. Die Mutter meines Vaters, Elena Kazimirovna G., geboren 1900 aus dem Dorf Wetche, Kreis Ushachsk im Witebsker Gebiet, war zusammen mit ihrem \u00e4lteren Sohn Stanislaw im Konzentrationslager Auschwitz, der&#8230; im Krematorium verbrannt wurde. Die Gro\u00dfmutter trug die eingestanzte Nummer auf dem Arm. Ich wei\u00df sie nat\u00fcrlich nicht mehr, ich war 7 Jahre alt, als sie 1962 starb. Sie war nach dem Krieg lange krank, und konnte sich die letzten zwei Jahre ihres Lebens nicht mehr aus dem Bett bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle \u2013 Kinder, Enkel, halten ihre Erz\u00e4hlungen heilig im Ged\u00e4chtnis und bem\u00fchen uns, sie unseren Kindern weiterzugeben, und wir wissen genau, dass von unserer leidgepr\u00fcften belarussischen Erde niemals eine Bedrohung gegen irgendjemanden auf der Welt ausgehen wird, und hoffen, dass unsere Generation ebenso wenig wie andere solche ungeheuerlichen Dinge erleiden m\u00fcssen wie unsere Eltern. Wir sind dankbar daf\u00fcr, dass der Verein gegr\u00fcndet wurde und dass Sie mit der Trag\u00f6die der V\u00f6lker mitleiden, die unter den Missetaten des Faschismus gelitten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll, M.P. G., E.M. D.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lepel, Belarus M\u00e4rz 2017 An KONTAKTE Berlin Es wendet sich an Sie eine B\u00fcrgerin von Belarus, Mihalina Petrowna G., geb. Perhurowich, ich bin schon 87, Invalidin der 1. Gruppe, lebe bei meiner Tochter D. Emilia Metscheslawowna (sie schreibt diesen Brief). 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