{"id":3861,"date":"2017-09-01T16:38:00","date_gmt":"2017-09-01T14:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3861"},"modified":"2020-06-30T16:39:20","modified_gmt":"2020-06-30T14:39:20","slug":"berta-waisburg-freitagsbrief-nr-64","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/berta-waisburg-freitagsbrief-nr-64\/","title":{"rendered":"Berta Waisburg \u2013 Freitagsbrief Nr. 64"},"content":{"rendered":"\n<p>Ukraine, Mogilew Podolskij<\/p>\n\n\n\n<p>1.3.2010<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Berta Waisburg, bin J\u00fcdin sowohl m\u00fctterlicher- als auch v\u00e4terlicherseits. Als der Krieg begann, war ich zehn Jahre alt. In jenem Sommer war ich in einem Ferienlager. An diesem Sonntag ging das ganze Lager zu einer Zirkusvorstellung in einen Wanderzirkus, der in unserer Stadt gastierte. Die Vorstellung war noch nicht zu Ende, als wir alle nach Hause geschickt wurden. Zu Hause packten meine Eltern f\u00fcr die Abreise. Ein paar Familien liehen sich zusammen einen Karren, auf den wir unsere Sachen packten, was wir eben mitnehmen konnten, dann gingen wir los. Als wir aber in den Ort Czernowitz kamen, wurde mein Vater in die Armee eingezogen. Meine Mutter und ich blieben alleine bei unbekannten Menschen zur\u00fcck und beschlossen, zur\u00fcck nach Hause zu fahren. Gegen Morgen tauchten die ersten deutschen Motorradfahrer auf und fragten uns nach dem Weg nach Borowka. Auf dem Weg nach Hause ins Dorf Skasinzy wurden wir von einer rum\u00e4nischen Patrouille angehalten. Sie brachten uns in einen Raum, in dem schon viele Juden aus Mogilew waren. Meine Mutter, die im Dorf Nemija aufgewachsen ist, begann sich zu bekreuzigen und sagte, dass wir Ukrainer seien, wir w\u00e4ren auf dem Weg ins Dorf, um Sachen gegen Lebensmittel zu tauschen. Sie glaubten ihr und wir wurden getrennt von den anderen untergebracht. Nachts kamen Deutsche, die alle erschossen, uns aber lie\u00dfen die Rum\u00e4nen laufen. Wir rannten so schnell die Stra\u00dfe entlang, dass sie uns nicht h\u00e4tten einholen k\u00f6nnen, auch wenn sie es gewollt h\u00e4tten; wir waren von Todesangst getrieben. In Mogilew wohnten wir einige Zeit in unserem Haus, es war sehr kalt und wir mussten hungern, ich erkrankte an Flecktyphus. Dann kamen rum\u00e4nische Juden. Sie lebten in unserem Haus, halfen uns, nach einer \u00dcberschwemmung aufzur\u00e4umen, gaben uns Kleidung, denn als wir weg waren, waren unsere Sachen alle gepl\u00fcndert worden. Meine Mutter ging arbeiten. Als das Ghetto eingerichtet wurde, wurden wir aus unserem Haus getrieben, unsere Stra\u00dfe befand sich nicht im Ghetto. Wir schliefen im Keller des ehemaligen Schulgeb\u00e4udes. Dann begannen die Deportationen ins Lager \u201ePetschora\u201c, meine Mutter und ich waren gleich im ersten Transport.<\/p>\n\n\n\n<p>[An dieser Stelle scheint eine Seite im Brief zu fehlen]<\/p>\n\n\n\n<p>Wir liefen zusammen. Dann fanden meine Mutter, ihre Schwester und ihre Kinder auf der Rybnaja-Stra\u00dfe eine halb verfallene H\u00fctte, sie sammelten Bretter in den zerst\u00f6rten H\u00e4usern zusammen, vernagelten damit die Fenster, bauten Pritschen, sammelten alte Sachen aus den verlassenen H\u00e4usern zusammen und dort lebten wir dann, bis unsere Armee kam und die Stadt befreite. Jeden Morgen gingen Mutter und ihre Schwester zur Arbeit, das war ganz wichtig, erstens bekamen sie f\u00fcr die Arbeit 200 Gramm Brot, und wir Kinder gingen auch mit den Eltern mit, damit wenigstens auch ein kleines St\u00fcck f\u00fcr uns abfiel. Aber im Winter war es sehr schwer, wir hatten keine warme Kleidung, wir waren geschw\u00e4cht, abgemagert und krank. Es gab auch solche Ukrainer, die unter Lebensgefahr Juden vor dem Hungertod retteten, sie halfen uns, gaben Brot, Mehl, Kartoffeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab Familien, denen es besser ging, die es schafften, auf dem Markt Handel zu betreiben, sie buken Brot und verkauften es oder machten Stiefel f\u00fcr die deutschen Offiziere; diese Familien litten keinen Hunger. Der Vater meiner Mitsch\u00fclerin Hanna war ein sehr guter Schuster, die Familie lebte gut und Hannas Eltern gaben mir nach M\u00f6glichkeit auch etwas zu Essen und ein St\u00fcck Brot f\u00fcr zu Hause. <\/p>\n\n\n\n<p>Einmal gerieten meine Mutter und ich in eine der Razzien, eine Verwandte versteckte uns im Keller unter F\u00e4ssern. Der Polizai, der zuerst in den Keller kam, sah uns, aber er war ein ehemaliger Klassenkamerad meiner Mutter und er verriet uns nicht. So entgingen wir zum zweiten Mal dem Lager und blieben am Leben, denn aus diesem Transport ins Lager wurden alle ohne Ausnahme erschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df noch, dass meine Mutter und ich oft in der Rynaja-Stra\u00dfe in ein kleines Haus gingen, in dem sich oft Menschen versammelten und miteinander sprachen. Dort war oft ein alter Mann, den alle den \u201eB\u00e4rtigen\u201c nannten. Die Erwachsenen unterhielten sich und wir h\u00f6rten zu. Wir waren aber auch schon erwachsen geworden, wussten, dass wir unsere Zunge h\u00fcten mussten, sonst w\u00e4ren wir verloren gewesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages h\u00f6rten wir Sch\u00fcsse, alle versuchten, m\u00f6glichst wenig nach drau\u00dfen zu gehen, es hie\u00df, die unsrigen seien nicht weit. Die Deutschen verlie\u00dfen schnell durch die Stadt, die Rum\u00e4nen sperrten die Br\u00fccken und versuchten, mit dem Erbeuteten zu fliehen. Die Freude war unbeschreiblich, als die ersten sowjetischen Soldaten auftauchten, der erste sowjetische Panzer. Der M\u00e4rz 1944 war f\u00fcr uns ein gro\u00dfes Fest \u2013 die Befreiung. Nat\u00fcrlich war es in der Nachkriegszeit auch oft schwer, aber das betraf Arbeit, Wiederaufbau, Ausbildung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den besten Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n\n\n\n<p>Berta Wajsburg<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie Engler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Mogilew Podolskij 1.3.2010 Ich, Berta Waisburg, bin J\u00fcdin sowohl m\u00fctterlicher- als auch v\u00e4terlicherseits. Als der Krieg begann, war ich zehn Jahre alt. In jenem Sommer war ich in einem Ferienlager. An diesem Sonntag ging das ganze Lager zu einer Zirkusvorstellung in einen Wanderzirkus, der in unserer Stadt gastierte. 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