{"id":3859,"date":"2017-09-15T16:34:00","date_gmt":"2017-09-15T14:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3859"},"modified":"2020-06-30T16:34:41","modified_gmt":"2020-06-30T14:34:41","slug":"galina-iwanowna-k-freitagsbrief-nr-68","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/galina-iwanowna-k-freitagsbrief-nr-68\/","title":{"rendered":"Galina Iwanowna K. \u2013 Freitagsbrief Nr. 68"},"content":{"rendered":"\n<p>Ukraine, Gebiet Tschernigiw<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p>ich bitte Sie, sich meine Geschichte anzuh\u00f6ren. Ich hei\u00dfe Galina Iwanowna K. (geb. P.), geb. 30.8.1932, Wohnort &#8230;&#8230;, Gebiet Tschernigow.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Beginn des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges lebte unsere Familie in Priluki, Gebiet Tschernigow. Wir waren zu viert. Ich erinnere mich an ein wei\u00dfes einst\u00f6ckiges Geb\u00e4ude mit zwei Eing\u00e4ngen \u2013 direkt hinter der Gartenpforte f\u00fchrten Stufen zur T\u00fcr, auf der anderen Seite des Hauses gab es einen zweiten Eingang.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Haus gegen\u00fcber befand sich der Friedhof, dort stand ein kleiner Glockenturm. Auf dem Hof wuchsen wundersch\u00f6ne Fliederb\u00fcsche. Die Stra\u00dfe hei\u00dft heute Oktjabrskaja-Str. An die Hausnummer kann ich mich nicht erinnern; es war die 100 oder die 98. Meldeunterlagen aus dieser Zeit sind nicht erhalten. Ich habe mich bei der Suche nach Spuren meiner Familie an die Archive dreier Gebiete, die Standes\u00e4mter und Pass\u00e4mter gewandt \u2013 aber mir konnte niemand helfen, da Priluki von den Faschisten besetzt war und die Akten vernichtet wurden. Nach dem Krieg war Priluki mal dem einen, mal dem anderen Gebiet zugeh\u00f6rig.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Kriegsbeginn war ich acht Jahre alt. Mein Vater wurde zur Armee einberufen. Meine Mutter Berta Borisowna B. (ich wei\u00df nicht, wann und wo sie geboren wurde) fl\u00fcchtete mit meiner Schwester Ada (geb. 1939, vermutlich in Malaja Dewiza, Rajon Priluki, Gebiet Tschernigow) und mir. Auf dem Weg wurden wir von deutschen Flugzeugen beschossen. Alles Gep\u00e4ck, das wir hatten, verbrannte oder ging verloren. Uns blieben nur die Kleider am Leib. Wir versteckten uns im Wald. Als die Flugzeuge verschwunden waren, gingen wir ins Dorf Tschernuchi im Gebiet Poltawa. Aber dort waren schon deutsche Truppen. Wir wurden in ein Geb\u00e4ude gesperrt. Dort waren nur Juden \u2013 das war eine Art Ghetto. Meine Mutter klapperte mit Ada die H\u00e4user im Dorf ab und bettelte um Essen. Als [es Winter wurde], hatten wir Gl\u00fcck: die Familie U. (Matrena Sidorowna und Iwan Romanowitsch) nahm mich auf. Sie nahmen mich nur auf, weil mein Vater Ukrainer war, und seitdem war es mir verboten, meine Nationalit\u00e4t zu nennen \u2013 zuerst wegen der Faschisten, und nachdem Krieg \u2013 nun, Juden waren bei uns nicht gerade beliebt; die Angabe dieser Nationalit\u00e4t im Fragebogen bedeutete, sich die Zukunft zu verbauen (oder zumindest eine h\u00f6here Bildung).<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Erz\u00e4hlungen meiner Pflegeeltern und sp\u00e4ter auch einiger Anwohner wei\u00df ich, dass meine Mutter zusammen mit Ada in ein \u201eKrankenhaus\u201c geschickt wurde. Mama hatte Erfrierungen an den Beinen und Ada wurde in der Abteilung f\u00fcr Infektionskrankheiten eingesperrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle j\u00fcdischen Kinder wurden sp\u00e4ter aus Tschernuchi nach Lubny im Gebiet Poltawa gebracht. Anwohner, die das heimlich beobachteten, sahen, wie ein Faschist die kleine Ada \u00fcber die Stra\u00dfe schleppte, er hielt sie am Fu\u00df und sie hing kopf\u00fcber herab \u2013 sie war gerade zwei Jahre alt. In Lubny wurden alle diese Kinder in einer Gaskammer ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter wurde vermutlich 1943 auf dem Gel\u00e4nde des ehemaligen Kindergartens erschossen \u2013 auch das berichteten mir Anwohner.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Kriegsende und der Befreiung von Tschernuchi ging ich zur Schule, die ich auch abschloss. 1949 erhielt ich eine Geburtsurkunde, in der die Nationalit\u00e4t meiner Mutter Berta B. nicht genannt wurde. Mit diesem Dokument wurde ich zum Studium im Lebensmittelindustrie-Technikum in Lochwiza im Gebiet Poltawa zugelassen, das ich 1953 abschloss. Ich heiratete und zog nach B&#8230;., wo ich noch heute lebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll, Galina Iwanowna K.<\/p>\n\n\n\n<p>PS.: Ich bin schon alt und kann nicht nur nicht mit dem Computer umgehen, selbst das Schreiben mit der Hand f\u00e4llt mir schwer. Daher hat meine Tochter Natalija Anatolewna K. diesen Brief f\u00fcr mich aufgeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen Gero Fedtke<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: Das Verstecken von Juden wurde in den besetzten Gebieten der Sowjetunion von den Besatzern &#8211; egal welcher Nationalit\u00e4t &#8211; mit der Todesstrafe bedroht, die auch vollstreckt wurde.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Gebiet Tschernigiw Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte Sie, sich meine Geschichte anzuh\u00f6ren. Ich hei\u00dfe Galina Iwanowna K. (geb. P.), geb. 30.8.1932, Wohnort &#8230;&#8230;, Gebiet Tschernigow. 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