{"id":3853,"date":"2017-09-29T16:22:00","date_gmt":"2017-09-29T14:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3853"},"modified":"2020-06-30T16:22:37","modified_gmt":"2020-06-30T14:22:37","slug":"iwan-grigorjewitsch-r-freitagsbrief-nr-73","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/iwan-grigorjewitsch-r-freitagsbrief-nr-73\/","title":{"rendered":"Iwan Grigorjewitsch R.  \u2013 Freitagsbrief Nr. 73"},"content":{"rendered":"\n<p>Belarus, Gebiet Witebsk <\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Iwan Grigorevitsch R., bin am 14. Januar 1938 im Dorf Iwan\u2019kowo des Kravcovsker Dorfsowjets im Surazhskij Bezirk im Witebsker Gebiet geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Ged\u00e4chtnis haben sich bis heute die Ereignisse des Jahres 1941 erhalten, als die deutschen Eroberer in das Gebiet kamen, in dem ich mit meinen Eltern lebte. Wir waren ihnen gleichg\u00fcltig, und sie vollbrachten ihre Missetaten und zwangen uns, alle m\u00f6glichen Arbeiten zu verrichten. Die Missetaten gingen immer weiter, bis hin zur Vertreibung aus den H\u00e4usern, in denen die Bewohner unseres Dorfes wohnten. Die Bewohner wurden dann nach Witebsk transportiert. Sie fingen an, die H\u00e4user der Dorfbewohner vor den Augen von Erwachsenen und Kindern anzuz\u00fcnden. Nach solchen Vorkommnissen flohen viele irgendwohin. Als unser Haus abgebrannt war, richtete meine Mutter zusammen mit Verwandten aus angekohlten Balken ein bunkerartiges H\u00e4uschen auf, weil sie dachte, dass die Missetaten bald aufh\u00f6ren w\u00fcrden. Unsere Familie: meine Mutter, die Schwiegermutter und ich fassten in dieser Situation den Entschluss, uns selbst\u00e4ndig nach Witebsk zu Verwandten durchzuschlagen. Dort wohnten wir kurze Zeit in der Kolhoznaya-Stra\u00dfe. Als die deutschen Okkupanten in Witebsk einmarschierten, organisierten sie den massenhaften Abtransport der Menschen: Kinder, Frauen, alte Menschen wurden in geschlossene deutsche Lastwagen verladen, davon gab es sehr viele. Dieser Menschen-Export ging in den BezirkTschaschnik \u2013 das erfuhren wir, als wir dort ankamen. Im Dorf Potschajewitschi, wurden alle, die die Lastwagen dort hinbrachten, in einem gro\u00dfen Schuppen in einem dichten Wald untergebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren sehr lange in diesem Schuppen ohne zu wissen, was weiter passieren w\u00fcrde. Alle, die in diesem \u201eRaum\u201c untergebracht waren, gingen nach einer Zeit in die umliegenden D\u00f6rfer. Meine Mutter, Gro\u00dfmutter und ich blieben im Dorf Potschajewitschi und wohnten bei einer Familie aus dem Dorf. Aber auch hier gaben die Deutschen keine Ruhe. Sie schnappten die j\u00fcngere arbeitsf\u00e4hige Bev\u00f6lkerung, um sie nach in Deutschland abzutransportieren. Das erfuhren meine Mutter und ich, als wir in die Polizeiwache kamen, wo die Registrierung f\u00fcr den Transport nach Deutschland stattfand. Meine Mutter ahnte Schlimmes und wurde unruhig. Ein Umstand kam uns zu Hilfe. Ich musste dringend auf die Toilette, und der diensthabende Polizist am Hauseingang erlaubte uns, die Toilette hinter dem Haus zu benutzen. Danach sah meine Mutter, dass der Polizist nicht am Hauseingang stand und sagte zu mir: \u201eWir hauen ab.\u201c Sie setzte mich auf ihre Schultern und wir gingen dahin zur\u00fcck, wo wir vorher waren. Als wir in unserem Wohnort ankamen, blieb ich bei meiner Gro\u00dfmutter, und meine Mutter versteckte sich 5 Tage lang in einer Scheune, wo sie sich tief ins Heu vergrub.<\/p>\n\n\n\n<p>Als es ruhig wurde, kam meine Mutter aus dem Versteck, und wir lebten zusammen bis zum Einmarsch der Roten Armee. Nach einiger Zeit setzten unsere Befreier alle in Autos und fuhren uns nach Witebsk.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1944 kehrten wir in das Dorf Iwan\u2019kowo zur\u00fcck. Das sahen wir dort: kein einziges Haus stand mehr, alles war verbrannt. Aber viele Familien kamen schon wieder nach Hause. Sie bauten Erdh\u00f6hlen und arbeiteten auf dem Gel\u00e4nde beim Herrenhaus. Wir fingen von Neuem an zu leben. Meine Mutter arbeitete in der Kolchose. Ich ging in die Schule, besuchte sie bis zur 7. Klasse und dann die tier\u00e4rztliche Hauptschule. Ich leistete den Wehrdienst in der Sowjetarmee, studierte Tiermedizin und arbeitete 17 Jahre als Tierarzt in der Sowchose \u201eSurazhskij\u201c, dann als Direktor der Sowchose \u201eLoswido\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich Rentner. Ich bin 81 Jahre alt. Mein Vater fiel im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg in der N\u00e4he der Stadt Welizh. Meine Mutter starb 1983. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder gro\u00dfgezogen, ein M\u00e4dchen und einen Jungen, und habe drei Enkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber all die Jahre bleibt die Erinnerung an die Leiden, die Unterern\u00e4hrung. Es ist schwer zu vergessen, was in diesen Kriegsjahren geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Wiedergutmachung f\u00fcr die Leiden kann in gewissem Umfang Ihre kleine Hilfe sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bedanke mich im Voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll R.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Gebiet Witebsk Ich, Iwan Grigorevitsch R., bin am 14. Januar 1938 im Dorf Iwan\u2019kowo des Kravcovsker Dorfsowjets im Surazhskij Bezirk im Witebsker Gebiet geboren. In meinem Ged\u00e4chtnis haben sich bis heute die Ereignisse des Jahres 1941 erhalten, als die deutschen Eroberer in das Gebiet kamen, in dem ich mit meinen Eltern lebte. 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