{"id":3845,"date":"2018-07-13T13:22:00","date_gmt":"2018-07-13T11:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3845"},"modified":"2020-06-29T13:22:36","modified_gmt":"2020-06-29T11:22:36","slug":"jewgenij-porfirjewitsch-piroshanskij-freitagsbrief-nr-65","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/jewgenij-porfirjewitsch-piroshanskij-freitagsbrief-nr-65\/","title":{"rendered":"Jewgenij Porfirjewitsch Piroshanskij \u2013 Freitagsbrief Nr. 65"},"content":{"rendered":"\n<p>Ukraine, Nikolajew<br>06.04.2005<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier einige Informationen zu meiner Person. Im Zuge der Verteidigung von Rostow-am-Don wurde ich verletzt und am 24. Juli 1942 gefangengenommen. Soweit ich wei\u00df, sollten wir 36 Kommandeure (ich war Leutnant, unsere Einheit wurde von einem Oberst angef\u00fchrt) nach Auschwitz geschickt werden. Nach sieben Tagen kamen wir in Kirowograd an, wo wir zum ersten Mal etwas zu essen bekamen. Unterwegs, an den Bahnstationen, lie\u00dfen die Wachen manchmal zu, dass uns die lokale Bev\u00f6lkerung Wasser und Brot gab.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kirowograd (Stalag 305) versteckte man mich im (Kranken]Revier, ich habe nirgendwo gearbeitet. Im Januar 1943 wurde ich per Etappe nach Rowno geschickt. Auch dort habe ich nicht gearbeitet. Im Juni 1943 kam ich nach Pskow, wo ich bei der Trockenlegung eines Sumpfes eingesetzt wurde. Ich erinnere mich an den Namen einer Firma: \u201eSchpek\u201c. Au\u00dferdem an den Namen eines Soldaten \u2013 Walter, ein Holl\u00e4nder. Er rettete mir das Leben, lie\u00df nicht zu, dass ich von einem Wachmann erschossen wurde, der mich geschlagen und gezwungen hatte, alleine Stahleisen zu stemmen, das \u00fcber 50 kg schwer war. Als man mich zwang, in der Drainage zu arbeiten, bis zum Knie im Wasser, begann meine Haut zu faulen, mein Kopf, mein Hals, meine H\u00e4nde waren voller Entz\u00fcndungen, aber im Revier durfte ich mir keinen Verband anlegen. Wieder war es Walter, der mich rettete. Ich wei\u00df nicht, wie er das geschafft hat. Zwei Tage, nachdem er mir eine andere Arbeitbesorgt hatte, wurde er zusammen mit dem Wachtrupp nach Italien abkommandiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende 1943 schickte man mich nach P\u00e4rnu in Estland, dort baute ich Baracken. Im Januar 1944 kam ich nach Riga (Lettland). Unser Lager war in ehemaligen Panzerkasernen untergebracht. Am 10. Januar sperrte man uns Kommandeure wegen des Vorwurfs von Waffenbesitz in eine Todeszelle. Befreit wurden wir am vierten oder f\u00fcnften Tag, nachdem ein Kriegsgefangener (Jegorow-Oreschkin) den tats\u00e4chlichen Besitzer der Pistole verraten hatte \u2013 Hauptmann Michail Potapenko.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Lager lernte ich den Gefreiten Willi Tym kennen. Er stammte aus Magdeburg. Er hat mir sehr geholfen und mich sogar vor drohenden Schl\u00e4gen bewahrt. Geschlagen wurden wir oft und meistens ohne jeden Grund. Die Soldaten selbst schlugen uns zwar nicht, aber sie zwangen unsere Polizisten dazu und belohnten sie oft daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem wurden wir gezwungen, sinnlose Arbeit zu verrichten: Auf der Baustelle lagen Haufen von Pflastersteinen aus Granit, etwa 15, 20 Meter voneinander entfernt. Jeder von uns musste einen nehmen, \u00fcber den Kopf heben und im G\u00e4nsemarsch von einem Haufen zum n\u00e4chsten tragen. Wenn wir nicht durchhielten und stolperten, verpr\u00fcgelten uns unsere Polizisten unter dem schallenden Gel\u00e4chter der Wachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen sah in fast allen Lagern gleich aus: 1 Laib Brot pro 10 Mann, morgens Ersatzkaffee, mittags und abends 0,5 Liter Suppe (Balanda). Weil wir uns nichts zum Dienst bei der Russischen Befreiungsarmee melden wollten, bekam das ganze Lager drei Tage lang kein Essen, die Gefangenen wurden physisch gez\u00fcchtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Riga aus kamen wir im Oktober 1944 nach Danzig, und von dort aus in das Lager Mildau IV [vielleicht M\u00fchlberg \/Elbe, Stalag IV B] (auf dem Territorium Polens). In den 13 Tagen dort bekamen wir je 8 feuchte Kartoffeln. Meine Englischkenntnisse kamen mir zugute \u2013 ein britischer Pilot (aus Cape Town), der bei Hamburg abgeschossen worden war, teilte sein Essen mit mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach, am 24. November 1944, brachte man uns nach Wittenberg. Ich arbeitete als Fr\u00e4ser beim Arado-Werk, das auf dem Gel\u00e4nde der Schokoladenfabrik Kant versteckt war. Hier schlug uns oft ein Meister namens Walter (ein Kroate). Mein Vorgesetzter Hans hat mich nicht einmal geschlagen. Anfang April 1945 wurden die Gefangenen aus unserem Lager zu Fu\u00df nach S\u00fcddeutschland getrieben. Unterwegs bekamen wir nichts zu essen. Wenn wir durch D\u00f6rfer kamen, fra\u00dfen wir alles, was man essen konnte, wie die Heuschrecken. Aber wenn wir die Kolonne verlie\u00dfen, wurde auf unsgeschossen. Am 25. April trieben sie uns in den Steinbruch \u201eWalter\u201c [?] bei Falkenheim [Falkenhain im Lossatal in Sachsen?]. Ich wei\u00df nicht, was aus uns geworden w\u00e4re, denn die SS-M\u00e4nner fingen an, uns mit Granaten zu bewerfen und aus Gewehren zu beschie\u00dfen. Nur die pl\u00f6tzlich aufgetauchten US-Panzer retteten uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bin ich Rentner und Invalide, erinnere mich mit Grauen an den Krieg, der unserem und Ihrem Volk riesige Verluste brachte. M\u00f6ge sich so etwas nie wiederholen, auf dass Frieden herrsche. Verzeihen Sie meine schlechte Schrift, ich bin aufgew\u00fchlt, und ich sehe auch nicht mehr gut. <\/p>\n\n\n\n<p>In aufrichtiger Verehrung <\/p>\n\n\n\n<p>Jewgenij Piroshanskij<\/p>\n\n\n\n<p>Aus d<em>em Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Dieser Brief erreichte uns 2005. Damals \u00fcberforderte uns die Flut der Briefe von ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen aus der Ukraine, viele wurden zwar beantwortet, aber nicht \u00fcbersetzt, und landeten in einer Schublade. Jetzt werden nach und nach die interessanten Briefe \u00fcbersetzt.<\/li><li>Dass die Offiziere nach Auschwitz sollten, ist nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen. Der Name &#8220;Walter&#8221; kommt tats\u00e4chlich dreimal in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen vor.<\/li><\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ukraine, Nikolajew06.04.2005 Sehr geehrte Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit. Hier einige Informationen zu meiner Person. Im Zuge der Verteidigung von Rostow-am-Don wurde ich verletzt und am 24. Juli 1942 gefangengenommen. Soweit ich wei\u00df, sollten wir 36 Kommandeure (ich war Leutnant, unsere Einheit wurde von einem Oberst angef\u00fchrt) nach Auschwitz geschickt werden. Nach sieben Tagen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-3845","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe-ehemaliger-sowjetischer-kriegsgefangener"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"ru","enabled_languages":["de","ru"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"graphy-post-thumbnail-large":false,"graphy-post-thumbnail-medium":false,"graphy-post-thumbnail-small":false,"graphy-page-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"KS","author_link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/author\/kntktbrln999\/"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Ukraine, Nikolajew06.04.2005 Sehr geehrte Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit. Hier einige Informationen zu meiner Person. Im Zuge der Verteidigung von Rostow-am-Don wurde ich verletzt und am 24. Juli 1942 gefangengenommen. Soweit ich wei\u00df, sollten wir 36 Kommandeure (ich war Leutnant, unsere Einheit wurde von einem Oberst angef\u00fchrt) nach Auschwitz geschickt werden. Nach sieben Tagen...","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3845"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3846,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3845\/revisions\/3846"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}