{"id":3843,"date":"2018-07-06T13:17:00","date_gmt":"2018-07-06T11:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3843"},"modified":"2020-06-29T13:18:06","modified_gmt":"2020-06-29T11:18:06","slug":"jurij-iwanowitsch-balaschewitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/jurij-iwanowitsch-balaschewitsch\/","title":{"rendered":"Jurij Iwanowitsch Balaschewitsch"},"content":{"rendered":"\n<p>Russland, Gebiet Rostow<br>Februar 2010<br>[Es schreibt die Tochter]<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren!<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihren Brief, Danke f\u00fcr die Anteilnahme und dass Sie die Kriegsgefangenen nicht vergessen haben!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin die Tochter von Jurij Iwanowitsch Balaschewitsch und schreibe Ihnen auf seine Bitte hin diesen Brief. Unser Vater ist Gott sei Dank am Leben und gesund. Gebe Gott, dass er am 2. Juli seinen 85. Geburtstag feiern kann!<\/p>\n\n\n\n<p>Sich an die Vergangenheit zur\u00fcck zu erinnern f\u00e4llt ihm sehr schwer. Aus seinen Erz\u00e4hlungen wei\u00df ich, dass er im Februar 1943 in die Armee einberufen wurde. Er war damals 17 Jahre und sechs Monate alt. Einen Monat sp\u00e4ter k\u00e4mpfte er schon als Panzerfahrer an der Mius-Front, also an der S\u00fcdfront. Es wurden erbitterte Gefechte gef\u00fchrt, es war das reinste Gemetzel. Im August des gleichen Jahres wurde sein Panzer getroffen und er geriet in bewusstlosem Zustand in Gefangenschaft. Man trieb sie nach Stalino. Sie wurden von den Polizai verpr\u00fcgelt, Schuhe und Kleidung wurden ihnen weggenommen. Dann lud man sie in G\u00fcterwaggons und brachte sie nach Wlodzimier-Wolynski [Stalag 365 Ukraine]. W\u00e4hrend der ganzen sechst\u00e4gigen Fahrt bekamen sie nur einmal einen Eimer Wasser f\u00fcr den ganzen Waggon und jeder ein St\u00fcck Brot. Man lie\u00df sie nichteinmal auf die Toilette gehen. Als sie ankamen, war die H\u00e4lfte der Gefangenen bereits gestorben. Etwa einen Monat hielt man sie unter solch unmenschlichen Bedingungen. Dann wurden sie wiederwie Vieh in Viehwaggons geladen und nach Deutschland gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man brachte sie nach K\u00fcstrin in ein riesiges Konzentrationslager [Stalag III C], das in mehrere Abschnitte unterteilt war, in denen Franzosen, Engl\u00e4nder, Tschechen, Italiener und andere Gefangene waren. Die Russen wurden von allen am schlechtesten behandelt. Sie bekamen einmal am Tag eine Balanda und ein St\u00fcck Brot. Im November wurde Vater mit zwei weiteren Gefangenen zur Kontrolle gerufen, bei der die Gefangenen normalerweise schikaniert und verpr\u00fcgelt wurden, diesmal aber \u00fcbergab man sie \u00fcberraschenderweise einem Wachsoldaten. Er brachte sie zum Bahnhof, setzte sie in einen Zug und brachte sie weg. Sie mussten im Gang des Zuges stehen, erreichten irgendwann die Stadt Wriezen. Dann mussten sie zu Fu\u00df weiter, bis zu einem gro\u00dfen Gutshof mit dem Namen Herzhord [Herzerhof?]. Dort waren viele Arbeiter, etwa 30 Gefangene. Siewurden dort nicht so schikaniert wie im Lager, aber die Verpflegung war sehr schlecht: 20g Margarine am Tag, 150g Brot, Tee und Kartoffeln. Dort hat Vater dann bis 1945 gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab dort auch Deutsche, die sehr unzufrieden waren mit dem Leben, das die Nazis ihnen aufgezwungen hatten. Als dann unsere Truppen den Br\u00fcckenkopf K\u00fcstrin einnahmen, wurden alle Gefangenen mit Wagen weggebracht, in ein etwa 20 km entferntes Dorf. Von dort versuchte Vater mit zwei anderen Gefangenen die Flucht. Aber sie wurden geschnappt, halbtot gepr\u00fcgelt, dann brachte man sie nach Wriezen und warf sie in irgendein Kellerloch, wo sie ihrem Schicksal \u00fcberlassen wurden. Da aber begann ein heftiger Bombenangriff, die Kellert\u00fcr wurde zerschmettert, so dass sie schnell wieder flohen, sie hatten ja nichts zu verlieren! Sie kamen zu irgendeinem Sumpfgebiet und ruhten sich aus. Sie waren so hungrig, dass sie Rohrkolben a\u00dfen. Dann beschlossen sie weiter zu gehen. Vor ihnen lag eine Siedlung und nicht weit entfernt war eine Stra\u00dfe. Dann sahen sie einen Deutschen, der mit dem Fahrrad zur Stra\u00dfe fuhr; pl\u00f6tzlich wendete er panisch und fuhr wieder zur\u00fcck. Vater dachte sich, dass da etwas auf der Stra\u00dfe sein m\u00fcsste, und alssie n\u00e4her kamen, h\u00f6rten sie unser Lied \u201eKatjuscha\u201c! Sie hatten also unsere Truppen gefunden! Sie wurden nach Pritzwalk geschickt, dort wurden sie behandelt und bekamen Essen. Vater blieb dann bei der Armee, er diente bis April 1949 als Fahrer in Parchim. Dann wurde er aus dem Armeedienst entlassen und fuhr nach Hause nach Russland! Daheim musste er schwer arbeiten, das Land musste wieder aufgebaut werden. Er heiratete noch im selben Jahr, 1949. Hat uns gro\u00dfgezogen, seine zwei T\u00f6chter. Er erm\u00f6glichte uns beiden ein Leben, bei dem wir immer genug hatten und nie Hunger leiden mussten, und er sorgte daf\u00fcr, dass wir studieren konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg war Vater sehr krank, die Schl\u00e4ge machten sich bemerkbar: er hatte Tuberkulose! Aber der Herr befreite ihn von dieser schrecklichen Krankheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat alle Schwierigkeiten zusammen mit meiner Mutter gemeistert. Sie leben ja schon seit mehr als 60 Jahren zusammen! Jetzt haben sie zwei T\u00f6chter, vier Enkel und zwei Urenkel. Und alle habenunser Vater und unsere Mutter gro\u00dfgezogen und geh\u00fctet. Dass wir alle heute in Frieden leben, daf\u00fcrhaben unsere Eltern gek\u00e4mpft und gelitten! Wir lieben sie sehr und sind sehr stolz auf sie!<\/p>\n\n\n\n<p>Und Ihnen danken wir, dass Sie so eine wichtige Arbeit tun. Wenn die Menschen diese Gr\u00e4uel, die unsere V\u00e4ter und M\u00fctter erleben mussten, nicht vergessen und dar\u00fcber Bescheid wissen, dann werden wir, so denke ich, weiter Frieden auf Erden haben. Dann haben unsere Kinder und Enkel eine Zukunft!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcnschen Ihnen alles Gute, gebe Gott Ihnen Erfolg bei Ihrer Arbeit!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie Engle<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland, Gebiet RostowFebruar 2010[Es schreibt die Tochter] Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren! Vielen Dank f\u00fcr Ihren Brief, Danke f\u00fcr die Anteilnahme und dass Sie die Kriegsgefangenen nicht vergessen haben! Ich bin die Tochter von Jurij Iwanowitsch Balaschewitsch und schreibe Ihnen auf seine Bitte hin diesen Brief. 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