{"id":3704,"date":"2020-06-15T12:19:06","date_gmt":"2020-06-15T10:19:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3704"},"modified":"2020-06-25T13:17:33","modified_gmt":"2020-06-25T11:17:33","slug":"irina-jewgenjewna-l-freitagsbrief-nr-128","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/irina-jewgenjewna-l-freitagsbrief-nr-128\/","title":{"rendered":"Irina Jewgenjewna L. \u2013 Freitagsbrief Nr. 128"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Brief wurde\u00a0 im Dezember 2012 an die belarussische Friedensstiftung, unsere Partnerorganisation in Belarus, geschickt. 2012 hatten wir unsere Solidarit\u00e4tsaktion zugunsten der \u00dcberlebenden der verbrannten D\u00f6rfer in Belarus im Bezirk Werchnedwinsk, Gebiet Witebsk, begonnen. 2014 konnten wir die ersten \u00dcberlebenden aus dem Bezirk Scharkowschtschina beg\u00fcnstigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Irina Jewgenjewna L.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Belarus, Gebiet Witebsk<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Irina Jewgenjewna L., wurde am 3. August 1939 im Dorf Gribly im Gebiet Sharkovshchina, Bezirk Witebsk, geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wohne ich im Dorf Chist,&nbsp;&nbsp; Bezirk Molodetschnenskij,&nbsp; Gebiet Minsk.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Erinnerung m\u00f6chte ich beschreiben, was w\u00e4hrend des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges geschehen ist und wie wir gelebt haben. Sobald der Krieg begann, kam ein Milit\u00e4rchef in unser Dorf: Sein Name Strukow (wie mein Vater mir sagte) hat sich in mein Ged\u00e4chtnis eingeschrieben. Er versammelte alle Dorfbewohner im Freien und forderte alle M\u00e4nner auf, zu den Partisanen zu gehen. Wer sich weigert, hat seine Familie zum letzten Mal gesehen &#8230;. Im Dorf blieben nur Frauen mit Kindern und alte M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich daran, wie mein Vater und mein Bruder sich verabschiedeten, als sie weggingen: Meine Mutter weinte sehr, und ich weinte auch. Zu Hause blieben nur ich, meine Mutter und meine Gro\u00dfeltern. Dann, so erinnere ich mich, wurde unser Dorf sehr heftig bombardiert. Nachts war es besonders be\u00e4ngstigend. Mama schnappte mich und wir rannten zu einem Graben im Gem\u00fcsegarten. Um unser Dorf herum war alles voller Bombentrichter. Tags\u00fcber versteckten wir uns in einem kleinen Wald hinter einem H\u00fcgel jenseits eines Ackers, auf dem etwas ges\u00e4t worden war. Zuerst legten wir uns in die Furchen, und von dort krochen wir unter die B\u00e4ume. Und die Flugzeuge flogen direkt durch die Baumwipfel. Es war sehr be\u00e4ngstigend.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sich entlang unseres Dorfes ein gro\u00dfer Sumpf erstreckt und 2 \u2013 3 Kilometer hinter dem Ende des Dorfes dichte W\u00e4lder bis an die Grenze zu den baltischen Staaten reichten, bestand der Verdacht, dass sich dort Partisanengruppen versteckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir es in den H\u00e4usern nicht mehr aushalten konnten, ging die ganze Bev\u00f6lkerung in den Wald. Wir versteckten uns im Wald: meine Mutter und ich, meine Gro\u00dfeltern und die Schwester meiner Mutter mit zwei Kindern. Leider sind sie schon gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geruch der Bl\u00e4tter zu dieser Zeit bleibt ein Leben lang in Erinnerung. Es gab nichts zu essen. Wir bauten ein paar H\u00fctten. Es war kalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals hat man unser Dorf niedergebrannt. Es war ein schrecklicher Anblick: Nur noch die Kamine waren \u00fcbrig. Dann zogen wir irgendwie aus dem Wald in das Dorf Apashki Bol&#8217;shie, drei Kilometer von unserem Dorf entfernt. Wir wurden von einer Familie aufgenommen, einem Mann und seinem Sohn. Die Frau war durch die Bomben umgekommen. Als ich nach dem Krieg zur Schule ging, unterrichtete dieser Sohn in unserer Klasse Geografie. So ein Zufall!<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Dorf wurde nicht niedergebrannt. Dann zogen wir aus irgendwelchen Gr\u00fcnden in das Dorf Proschki, das n\u00e4her am Bezirkszentrum liegt. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange wir dort lebten. Die Leute halfen uns zu \u00fcberleben, so gut es eben ging, denn es gab ja nichts zu essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein interessanter Zufall. Als nach dem Abschluss der Ausbildung zur Agronomin wurde ich eben diesem Hof zugewiesen, um als Agronomin zu arbeiten, und traf diese Frau wieder. Und ich war ihr sehr dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg zu Ende ging, begannen die Bewohner, die \u00fcberlebt hatten, in das Dorf zur\u00fcckzukehren. Nur ein grauer Haufen Asche war \u00fcbrig davon. Ein Graus! Was jemand in der Erde vergraben hatte, war ebenfalls verbrannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich, dass meine Mutter sch\u00f6ne selbstgewebte Wolldecken gefaltet und in einem Fass vergraben hatte. Sie durchw\u00fchlten und verbrannten alles. Als ich in die Schule kam, n\u00e4hte mir meine Mutter aus diesen (\u00fcbrig gebliebenen) St\u00fcckchen eine Tasche f\u00fcr meine Hefte und B\u00fccher. Es gab keine Schuhe. Im Dorf gab es einen ungelernten Schuster, der mir Stiefel mit einer Holzsohle anfertigte. Sie waren scheu\u00dflich!<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Front kehrten ungef\u00e4hr zwanzig Prozent der M\u00e4nner zur\u00fcck, die das Dorf verlassen hatten. Die Jungen, die zur\u00fcckkamen, waren alle Invaliden. Vater kam von der Front zur\u00fcck; er hatte den linken Arm bis zur Schulter verloren. Ich erinnere mich, dass Mama ihn nicht behandeln konnte. Die Wunde blutete weiter, obwohl er nach dem Krankenhaus in der Stadt Daugavpils war.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle bauten sich selbst Wohnungen, so gut sie konnten. Manche lebten lange Zeit in Erdh\u00fctten, einige errichteten bauf\u00e4llige Behelfs-Unterk\u00fcnfte. Es gab nichts zu essen. Wir sammelten gefrorene Kartoffeln, Reste von verbranntem Getreide, verschiedene Kr\u00e4uter. Das Land wurde von Frauen mit eigener Kraft gepfl\u00fcgt, und wir haben auch etwas geholfen. Es ist schrecklich, sich an diese Zeiten zu erinnern, aber die Menschen versuchten zu \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum waren die Schrecken des Krieges vorbei, begann das Banditentum. Unser Dorf wurde von Banditen heimgesucht, meist nachts. Den Erz\u00e4hlungen zufolge waren sie meist Litauer. Sie forderten mit Nachdruck Nahrung (haupts\u00e4chlich Schinken), Geld und Pelze (Schafsfellm\u00e4ntel), weil Winter war. Papa versteckte, was wir hatten, unter der Bettdecke und unter mir in meinem Bett. Und ich sa\u00df darauf und zitterte (vor Angst). Es war so furchtbar! Und sie haben das ganze Haus durchsucht: im Schrank, unter den Schlafpl\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab F\u00e4lle, in denen D\u00f6rfer niedergebrannt und Sch\u00fcsse abgefeuert wurden, damit nicht gel\u00f6scht werden konnte. Eines Tages t\u00f6teten sie einen Vater und seinen Sohn. Dieser Sohn war Vorsitzender des Dorfrates und war mit seiner Frau zu seinen Eltern gekommen. Sie erschossen den Vater und seinen Sohn und steckten das Haus in Brand. Wie sich die Mutter und ihre Schwiegertochter retteten, wei\u00df niemand. Und dann brannte das Dorf wieder ab. Da unser Dorf praktisch im Wald lag, war es f\u00fcr sie (die Banditen) leicht, sich zu verstecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt leben vier Familien in unserem Dorf:<\/p>\n\n\n\n<p>1. A. Dmitri Wladimirowitsch (geb. 1931).<br>    Alexandra N. B. (1932).<\/p>\n\n\n\n<p>2. Dmitri Wladimirowitsch R. (1943).<\/p>\n\n\n\n<p>3. B. Radion Konstantinowitsch (1943).<\/p>\n\n\n\n<p>4.\u00a0 B. Geronty Nikolajewitsch (1931 b.)\u00a0\u00a0\u00a0 <br>     Je. Galina Nikolajewna (1940) &#8211; lebt: Minsk<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abschluss der Mittelschule Slobodsk ging ich auf das Landwirtschaftliche Technikum Marijnogorsk, danach studierte ich am landwirtschaftlichen Institut in Grodno. Ich arbeitete 36 Jahre lang als Agronomin. Jetzt bin ich Rentnerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte bedenken Sie, mit welchen Problemen wir in der Kriegszeit zu k\u00e4mpfen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigen Sie, wenn ich nicht wohlgeordnet geschrieben habe. Ich habe versucht, mich an alles zu erinnern, aber ich war klein und konnte mir nicht alles merken. Wenn meine Eltern noch am Leben w\u00e4ren, k\u00f6nnten sie die im Krieg erlebten Schrecken genauer beschreiben. Ich erinnere mich, dass mein Vater viel erz\u00e4hlte, aber ich wei\u00df es nicht mehr. Er war Invalide Zweiten, sp\u00e4ter Ersten Grades. Mein Vater wurde 1910 geboren und verstarb 1988. Ich bin ihm sehr, sehr dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll, I.E. L.<\/p>\n\n\n\n<p>14. 12. 2012<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Brief wurde\u00a0 im Dezember 2012 an die belarussische Friedensstiftung, unsere Partnerorganisation in Belarus, geschickt. 2012 hatten wir unsere Solidarit\u00e4tsaktion zugunsten der \u00dcberlebenden der verbrannten D\u00f6rfer in Belarus im Bezirk Werchnedwinsk, Gebiet Witebsk, begonnen. 2014 konnten wir die ersten \u00dcberlebenden aus dem Bezirk Scharkowschtschina beg\u00fcnstigen. Irina Jewgenjewna L. 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