{"id":3654,"date":"2020-06-03T14:58:33","date_gmt":"2020-06-03T12:58:33","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3654"},"modified":"2020-06-25T13:18:34","modified_gmt":"2020-06-25T11:18:34","slug":"manuk-muradjan-neuer-freitagsbrief-nr-126","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/manuk-muradjan-neuer-freitagsbrief-nr-126\/","title":{"rendered":"Manuk Muradjan \u2013 Freitagsbrief Nr. 126"},"content":{"rendered":"\n<p>Sehr geehrter Herr Radczuweit,<\/p>\n\n\n\n<p>nehmen Sie bitte meinen herzlichsten Dank f\u00fcr Ihren segensreichen Beistand an, den Sie mir und meiner Familie in meiner \u00e4u\u00dferst schweren sozialen und gesundheitlichen Situation \u00fcber unseren Verein haben zukommen lassen. Meine Dankbarkeit hat keine Grenzen&#8230;, weil ich erst dank Ihres Beistands imstande gewesen bin, die M\u00f6glichkeit, die Kraft zum weiteren \u00dcberstehen zu erlangen&#8230; M\u00f6gen Sie gesegnet sein! Mit Freude nahm ich darum die Bitte der Leiter unseres Vereins, Mels Margarjan und Albert Nalbandjan, an, meine Kriegsgefangenschaftsgeschichte zu schreiben und Ihnen zu schicken. Ich versuche, im Folgenden alles, woran ich mich erinnere, aufzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin 1918 in Taschir (Nordarmenien) geboren. Als ich mein Studium an der chemischen Fakult\u00e4t der Staatsuniversit\u00e4t Jerewan beendet hatte, wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente als Telefonist im Milit\u00e4rbezirk von Kiew, in der Division N. 97 (Artillerieregiment N. 9). Wir befanden uns im Juni 1941 westlich von Lwow, an der sowjetisch-polnischen Grenze, und schon vom ersten Tag des Kriegsausbruchs waren wir an der Front. Am zweiten Tage nach dem deutschen \u00dcberfall begannen wir uns in Richtung Lwow-Ternopol-Proskurow-Chorol zur\u00fcck zu ziehen. Bei Chorol wurde ich verwundet und mit den Truppen der Armeen 5, 6 und 26 geriet ich in die Kiewer Belagerung, wo ich am 22. September von den Deutschen gefangen genommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter zu 1942 war ich im Lager von Kamenez-Podolsk, und sp\u00e4ter, im Fr\u00fchjahr 1942, schickte man mich nach Polen in das Lager Ostrow-Masowiecka [Stalag 324]. In diesen beiden Lagern, besonders im Letzteren war die Situation der Kriegsgefangenen \u00e4u\u00dferst schwer. T\u00e4glich starben mehrere hundert Menschen an Hunger und Krankheiten. Im Lager Ostrow-Masowiecka versuchte ich einmal, zusammen mit einigen Kameraden einen unterirdischen Weg zur Flucht zu graben. Wir waren aber erst zum Teil damit fertig, als unser \u201eTunnel\u201c infolge eines starken Regens einfiel. Obwohl die Deutschen es nicht kl\u00e4ren konnten, wer die Gr\u00e4ber gewesen waren, hielten sie trotzdem einige Verd\u00e4chtige, unter ihnen auch mich, in Isolierung und unter besonderer Bewachung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ort dieses Konzentrationslagers [tats\u00e4chlich Stalag] ist von der polnischen Regierung nach dem Kriegsende ein Museum errichtet worden. Soweit ich mich dar\u00fcber richtig informiert habe, soll das Museum gerade an der Stelle unseres \u201eTunnels\u201c gebaut worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit litt ich an einem Magengeschw\u00fcr, und ich hatte auch Blutungen. Deswegen schickte man mich bald in das Lager von Radom. Dort wurden wir je nach unserer nationalen Zugeh\u00f6rigkeit zu kleineren Gruppen aufgeteilt, und mich mit f\u00fcnfzehn Armeniern schickte man zu einem t\u00fcrkischsprachigen Arbeitsbataillon [Aserbaidschaner?] , das sich in der N\u00e4he der Stadt Lwow an einem kleinen Bahnhof namens Selez-Sawoni zu arbeiten hatte. An diesem Bahnhof gab es in der Sowjetzeit eine f\u00fcr milit\u00e4rische Bauarbeiten vorgesehene riesige Ablage. Nach dem Kriegsausbruch hatte man in die dort gelagerten Baumaterialien Minen hingelegt, w\u00e4hrend wir diese Materialien auf die Lastwagen zum Transportieren nach Deutschland aufladen mussten. Es kam w\u00e4hrend der Arbeit mehrmals zu Explosionen, wobei mehrere Zwangsarbeiter starben. Als nur noch wenige aus dem Personal des Bataillons am Leben geblieben waren, lie\u00dfen die Deutschen uns, die \u00dcbriggebliebenen, anderen Bataillonen anschlie\u00dfen. Ich wurde nach Edlinia [?] in Polen geschickt, wo ich innerhalb einer Arbeitsgruppe neben anderen Arbeiten das Territorium einer Dolmetscherschule und ihre R\u00e4ume in Ordnung bringen musste. Im Dezember 1943 wurde die Schule zusammen mit unserer Arbeitsgruppe nach Berlin verschickt, wo die Schule zuerst an der Wilmersdorfer Stra\u00dfe 76[?] und dann an der Stefanstra\u00dfe 2 (im Berliner Viertel \u201eMoabit\u201c) wieder errichtet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 1944, w\u00e4hrend Berlin best\u00e4ndig von den englischen und amerikanischen Flugzeugen bombardiert wurde, schickten die Deutschen uns zu verschiedenen bombardierten Geb\u00e4uden, damit wir das Feuer l\u00f6schten und die betroffenen alten Insassen oder Kinder sowie ihr Inventar in relativ sichere Stellen br\u00e4chten. Da wir dies \u00f6fters im Laufe der Bombardierungen machen mussten, verloren wir 3 unserer Kameraden, die unter den Tr\u00fcmmern blieben. Hauptmann Harms, unser Vorsteher, hat mich einige Male vor der Gruppe wegen meiner selbstlosen und opferbereiten Rettungsarbeit aufs beste gelobt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde im April 1945 von den franz\u00f6sischen [?] Truppen befreit, und meine R\u00fcckkehr in die Heimat erfolgte im Dezember 1945. Ende 1949 wurde ich aber von den Beh\u00f6rden festgenommen und als \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c zu 25 Jahren Verhaftung und Deportation nach Sibirien verurteilt. In der Anklageschrift war darauf hingewiesen worden, dass ich, \u201ew\u00e4hrend die USA und England Berlin bombardierten, die davon betroffenen Berliner gerettet, das Feuer gel\u00f6scht und somit den Deutschen geholfen\u201c habe. Ich kam erst nach dem Tode Stalins, im Oktober 1955, in Freiheit und dann konnte ich wieder nach Armenien zur\u00fcckkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit herzlichsten Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n\n\n\n<p>und allen besten W\u00fcnschen aus Armenien<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Manuk Muradjan<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Armenischen Ashot Hayruni<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Radczuweit, nehmen Sie bitte meinen herzlichsten Dank f\u00fcr Ihren segensreichen Beistand an, den Sie mir und meiner Familie in meiner \u00e4u\u00dferst schweren sozialen und gesundheitlichen Situation \u00fcber unseren Verein haben zukommen lassen. 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