{"id":3644,"date":"2020-05-18T11:40:49","date_gmt":"2020-05-18T09:40:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3644"},"modified":"2020-06-25T13:19:21","modified_gmt":"2020-06-25T11:19:21","slug":"nadezhda-yakovlevna-l-neuer-freitagsbrief-nr-124","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/nadezhda-yakovlevna-l-neuer-freitagsbrief-nr-124\/","title":{"rendered":"Nadezhda Yakovlevna L. \u2013 Freitagsbrief Nr. 124"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebiet Mogiljow, Belarus<\/strong><br>8.4.2020<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag!<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Nadezhda Yakovlevna L. (M\u00e4dchenname Mikholap), habe Ihren Gru\u00df mit den guten W\u00fcnschen bekommen und mein Mann, Grigorij Andreevich L., unsere Kinder, auch unsere Nachbarn und ich, wir m\u00f6chten Ihnen unbedingt pers\u00f6nlich und mit ebensolchen guten W\u00fcnschen antworten. Hier sitzen neun Menschen vor mir und ich lese vor. Als ich Ihren Brief bekam, glaubten meine N\u00e4chsten nicht, dass er aus Deutschland, aus Berlin, kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich bis zu der Stelle gelesen hatte, wo sie schreiben, dass einige von Ihnen in Khatyn vor der Scheune aus Stein niederknieten, die dem Gedenken der in ihr verbrannten Menschen geweiht ist, liefen nicht nur mir die Tr\u00e4nen herunter \u2013 meinen Zuh\u00f6rern auch. Das sind Tr\u00e4nen der R\u00fchrung \u00fcber die herzlichen Menschen, die mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele die brutalen Verbrechen empfanden, die die Faschisten friedlichen und vollkommen schuldlosen Menschen antaten. Au\u00dferdem erinnerte sich jeder von uns an die von ihm durchlebten Schrecken und Leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>So sind mir einige Episoden aus dieser schrecklichen Zeit in Erinnerung gekommen, wo es mir, meiner Mutter, meinen zwei Br\u00fcdern und anderen Dorfbewohnern durch puren Zufall gelang zu \u00fcberleben. Im Dorf gab es eine leere Scheune, in die die Faschisten alle Dorfbewohner hineintrieben. Vor der Scheune stellten sie Maschinengewehre auf und warteten auf das Kommando anzufangen. Die Eltern nahmen ihre kleinen Kinder auf den Arm, sie waren ja nicht sehr schwer, damit sie eher von einer Kugel sterben w\u00fcrden als lebendig zu verbrennen. So nahm auch mich meine Mama auf den Arm. Aber zum Gl\u00fcck kam zu den Soldaten irgendein gro\u00dfer Vorgesetzter angefahren, sagte etwas und lie\u00df uns aus der Scheune heraus. Aber wo sollten wir hin? W\u00e4hrend wir alle in der Scheune den Tod erwarteten, brannte unser Dorf. Auch unsere Kate war abgebrannt. Alle fragten sich voller Entsetzen: \u201eWie sollen wir weiterleben?\u201c Furchtbar ist die Erinnerung daran, wie wir weiterlebten, barfu\u00df, nackt, hungrig. Im ganzen Dorf waren nur einige Geb\u00e4ude ganz geblieben \u2013 die Banja, ein Schuppen, die etwas entfernt von den H\u00e4usern standen. In der ersten Zeit hielten sich in jedem mehrere Familien auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu haben sie ihren Spott mit kleinen, unschuldigen Kindern getrieben, mit den Alten, \u00fcberhaupt mit der Zivilbev\u00f6lkerung?<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht an Hunger zu sterben, ging man im Sommer in den Wald, Beeren sammeln, auch in den Sumpf, Sauerampfer holen und Brennnesseln. Hinter dem Dorf befand sich der Sumpf, auf dem etwas h\u00f6heren Teil wuchs der Sauerampfer, der andere war furchtbar tief. Die Kinder schickte man los, Sauerampfer holen, und in dieser Zeit veranstalteten die Faschisten eine Razzia im Dorf. Sie sahen uns und hetzten die Hunde auf uns. Alle weinten, schrien, riefen nach ihrer Mutter, und die Faschisten lachten. Erst als sie genug hatten von dieser Schikane, lie\u00dfen sie von uns ab und gingen weg. Die Erwachsenen kamen gerannt, um die Kinder zu retten, weil sie den L\u00e4rm geh\u00f6rt hatten. Aber den Allerkleinsten konnten sie nicht retten. er ging unter, erstickte im Moor.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr im Himmel! Jeder Tag war eine Folter, unbeschreibliche Angst Tag und Nacht. Unm\u00f6glich, das alles zu beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte noch eine Episode erz\u00e4hlen, an die ich mich genau erinnere. Meine Mama sagte, dass nicht alle deutschen Soldaten Tiere seien. Es gab gute, h\u00f6fliche, die zum Wehrdienst gezwungen worden waren. Als unser Dorf verbrannt wurde, gingen wir ins Nachbardorf, wo uns gute Menschen beherbergten. Zusammen mit uns wohnten in einer Kate zwei deutsche Soldaten, die dort einquartiert waren. Sie liebten uns Kinder, nahmen uns auf den Arm, gaben uns von ihren Konserven ab. An deren Geschmack erinnere ich mich bis heute ganz genau. Sie gaben uns Bonbons. Der eine deutsche Soldat spielte gern mit mir. Er sagte, dass er zu Hause ein M\u00e4dchen h\u00e4tte, die mir sehr \u00e4hnlich sei. Und der andere Soldat spielte mit einem anderen M\u00e4dchen, das ihn an seine Tochter erinnerte. Aber das waren Einzelf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Gebe Gott den Nachkommen dieser deutschen Soldaten Gesundheit und ein langes Leben. Solche Erinnerungen habe ich! Jetzt ist Gott sei Dank eine andere Zeit. Mein Mann und ich sehen sehr gern Fernsehsendungen \u00fcber Deutschland. Wir sind begeistert von Ihrer klugen, herzlichen, sch\u00f6nen und weisen Angela Merkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was uns betrifft \u2013 die schrecklichen Kriegsjahre wirkten sich auf unsere Gesundheit aus und auf unser weiteres Leben. Mein Vater fiel an der Front, wir waren drei Kinder und hatten nichts zum Leben, \u201ekeinen Zaunpfahl und keinen Hof\u201c. In allem fingen wir von Null an. Wir hatten weder Kleidung noch Schuhe und hatten Hunger. Wir hatten keine Mittel und h\u00e4tten so gern gelernt. Wir a\u00dfen einmal am Tag und das nicht immer, wir gingen in die Schule und gaben uns M\u00fche etwas zu lernen. Meine Br\u00fcder und ich, hungrig und abgerissen wie wir waren, studierten an der Universit\u00e4t und machten dort unsere Abschl\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles. Noch einmal von Herzen Vielen Dank f\u00fcr Ihr Schreiben und f\u00fcr Ihre \u2013 wie Sie richtig schreiben, bescheidene &#8211; materielle Hilfe<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es jemanden interessiert, habe ich nichts dagegen, dass herzliche, friedliebende Menschen in Deutschland mehr \u00fcber die faschistischen Gr\u00e4uel erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe und herzliche W\u00fcnsche, bleiben Sie gesund, m\u00f6gen wir in Frieden, Freude und Liebe leben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen&nbsp; von Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebiet Mogiljow, Belarus8.4.2020 Guten Tag! [&#8230;] Ich, Nadezhda Yakovlevna L. 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