{"id":3587,"date":"2020-05-07T18:00:48","date_gmt":"2020-05-07T16:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3587"},"modified":"2020-06-25T13:19:50","modified_gmt":"2020-06-25T11:19:50","slug":"z-marija-iwanowna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/z-marija-iwanowna\/","title":{"rendered":"Z. Marija Iwanowna"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Belarus, Truschtschi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>30.03.2017<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hei\u00dfe Jekaterina und schreibe im Namen von&nbsp; Z. Marija Iwanowna, meiner Mama, weil ihr das Briefeschreiben zu schwer f\u00e4llt. Also schreibe ich ihre Worte auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine schreckliche Zeit. Es sind so viele Jahre vergangen, aber die Angst und das Grauen lassen sich nicht vergessen. Vor dem Krieg lebten wir (ich, Mutter, Vater und zwei Br\u00fcder) im Dorf Lemniza, Gebiet Witebsk. Ich war noch ein Kind, als der Krieg begann. Aber an diese schrecklichen Jahre erinnere ich mich noch gut. Als die Faschisten in unser Dorf kamen, versteckte sich mein Vater unter den Bodendielen (im Speisekeller). Die M\u00e4nner wurden in die Lager getrieben und dann erschossen. Mein Vater hat sich rechtzeitig verstecken k\u00f6nnen, aber als sie weggingen, z\u00fcndeten sie das Haus an. Vater kam aus dem Keller und konnte die Flammen l\u00f6schen. Als die Faschisten zum zweiten Mal kamen, verpr\u00fcgelten sie unseren Vater und unseren \u00e4lteren Bruder grausam, vor unseren Augen, und auch meine Mutter, die Vater zu helfen versuchte, schlugen sie. Unseren Vater nahmen sie mit, brachten ihn ins Lager und erschossen ihn drei Monate sp\u00e4ter. Unser Haus brannten sie nieder. Wir liefen weg und versteckten uns im Wald. Ich hatte schreckliche Angst. Mein \u00e4lterer Bruder Lawrin schloss sich den Partisanen an. Aber bald geriet er in einen Hinterhalt und wurde erschossen. Wir wurden gefangen. Mich, meinen Bruder und unsere Mutter vertrieben die Faschisten nach Polen. Dort blieben wir bis zum Ende des Krieges. Nach dem Krieg kehrten wir in unser Heimatdorf zur\u00fcck. Unser Haus war nicht mehr da, \u00fcberall herrschten Hunger und Zerst\u00f6rung. Meine Mutter grub eine Erdh\u00fctte, wir halfen, schleppten die Erde nach oben. Dann schleppte unsere Mutter auf ihrem R\u00fccken Holz aus dem Wald, um die Erdh\u00fctte abzudecken. Wir lebten lange darin. Nachts, obwohl v\u00f6llig ersch\u00f6pft von der k\u00f6rperlichen Arbeit, schreckten wir immerzu hoch und horchten, ob die Bestrafer kamen. Wir hatten Angst, dass der Krieg wieder losgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Narben hat der Krieg nicht nur auf dem Herzen zur\u00fcckgelassen, sondern auch auf dem K\u00f6rper. Einmal beim K\u00fcheweiden explodierte irgendein Geschoss, und die Splitter zerhackten mir die ganzen Beine. Ich erinnere mich noch an das Gesicht meiner Mutter, als man mich blut\u00fcberstr\u00f6mt zu ihr trug, und wie sie vor Panik schrie, dachte, jetzt w\u00e4re auch ich tot&nbsp;\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Jene Jahre \u2013 das sind Tr\u00e4nen, Tod und Angst. Ich kann mich an keinen einzigen gl\u00fccklichen Tag oder auch nur ein L\u00e4cheln w\u00e4hrend dieser Zeit erinnern. Wegen des Krieges musste ich ohne Vater aufwachsen, nur die Erinnerung h\u00fctet seine gutm\u00fctigen Augen, er wurde ja ermordet, als ich noch ein Kind war. Ich konnte nicht zur Schule gehen, habe nur drei Klassen besucht, weil ich meiner Mutter helfen musste. Als wir zur\u00fcckkehrten, war ja nichts mehr da, weder Haus noch Hof, nichts. Wir mussten die Erde beackern, die \u00fcber die Jahre zugewachsen war. Das machten wir alles mit unseren eigenen H\u00e4nden. Meine Mutter zog den Pflug, und mein Bruder und ich liefen abwechselnd hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke oft dar\u00fcber nach, wie mein Leben verlaufen w\u00e4re, h\u00e4tte es den Krieg nicht gegeben. Dann w\u00fcrde mein Vater leben. Mein gro\u00dfer Bruder. Wir w\u00e4ren eine gro\u00dfe, gl\u00fcckliche Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle m\u00fcssen sich an diesen grausamen Krieg erinnern, niemand darf ihn vergessen. Solange man sich erinnert, leben auch unsere N\u00e4chsten in der Erinnerung weiter. Solange man sich erinnert, gibt es die Hoffnung, dass sich der Krieg niemals wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<p>PS: F\u00fcr die alten Menschen, die diese furchtbaren Kriegsjahre erlebt haben, ist es in der Tat sehr wichtig, dass die Nachkommen der Besatzer sie um Entschuldigung bitten und die Taten ihrer V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter verurteilen, dass sie verstehen, wozu der Krieg f\u00fchrt. Nat\u00fcrlich kann man nichts mehr \u00e4ndern, nichts zur\u00fcckholen, doch man kann verhindern, dass so etwas in der Zukunft geschieht. Bis heute tr\u00e4gt unser Boden die Spuren des Krieges. Man kann immer noch Erdh\u00fctten und Sch\u00fctzengr\u00e4ben sehen, Erdtrichter von Geschossen. Meine Tochter Alina, die Enkeltochter von Marija Iwanowna, betreibt einen Gasthof und empf\u00e4ngt Touristen, arbeitet auf ihrem Heimatboden, bringt den G\u00e4ste den Alltag der belarussischen D\u00f6rfer nahe, die Flora und Fauna unserer Heimatregion. Von klein auf hat sie die Erz\u00e4hlungen ihrer Gro\u00dfm\u00fctter und ihres Gro\u00dfvaters v\u00e4terlicherseits \u00fcber den Krieg geh\u00f6rt. Und sie n\u00e4hrt auf ihre Weise in den jungen Leuten den Wunsch, in dieser Welt zu leben. Rings um den Gasthof gibt es viele Geschosstrichter aus Kriegstagen. Jeden Fr\u00fchling sch\u00fcttet sie zusammen mit ihren G\u00e4sten diese Trichter mit fruchtbarer Erde zu und pflanzt darin Blumen und B\u00e4ume, als Symbol f\u00fcr das Leben und den Frieden. Diese Aktion findet gro\u00dfen Anklang bei jung und alt. Das l\u00e4sst hoffen, dass die Menschen verstehen, wie wichtig der Frieden f\u00fcr die Menschheit tats\u00e4chlich ist, und sie die Fehler der Vergangenheit in der Zukunft nicht wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frieden f\u00fcr Sie und alles Gute!<\/p>\n\n\n\n<p>Z. Marija Iwanowna und ihre Familie<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belarus, Truschtschi 30.03.2017 Guten Tag! Ich hei\u00dfe Jekaterina und schreibe im Namen von&nbsp; Z. Marija Iwanowna, meiner Mama, weil ihr das Briefeschreiben zu schwer f\u00e4llt. Also schreibe ich ihre Worte auf. Es war eine schreckliche Zeit. 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