{"id":3518,"date":"2020-04-20T10:46:59","date_gmt":"2020-04-20T08:46:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3518"},"modified":"2020-06-25T15:43:03","modified_gmt":"2020-06-25T13:43:03","slug":"sinaida-aleksejewna-je-neuer-freitagsbrief-nr-122","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/sinaida-aleksejewna-je-neuer-freitagsbrief-nr-122\/","title":{"rendered":"Sinaida Aleksejewna Je. \u2013 Freitagsbrief Nr. 122"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Sinaida Aleksejewna Je.<\/strong><br>Belarus, Gebiet Mogiljow<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rz 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Gottfried Eberle,<\/p>\n\n\n\n<p>ich verneige mich tief vor Ihnen und all Ihren Kollegen, die daran arbeiten, aus winzigen Erinnerungsfetzen Informationen \u00fcber die Menschen zu sammeln, die als kleine Kinder alle Schrecken des Krieges gesehen haben: K\u00e4lte, Hunger, Krankheiten, zerst\u00f6rte H\u00e4user. All das blieb in ihrem Ged\u00e4chtnis und schmerzt im Herzen bis zum heutigen Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe Ihnen im Namen meiner Mutter, Zinaida Alekseevna Je.. Sie ist 87 Jahre alt. Sie sieht schlecht und kann Ihnen deshalb nicht selbst schreiben und sich f\u00fcr die materielle Hilfe bedanken, die sie von Ihrer Stiftung erhalten hat. Ihnen allen sei Dank f\u00fcr Ihre Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg begann, war Mama 9 Jahre alt. Ihre Familie bestand aus ihren Eltern und noch 4 Kindern. Mama war das dritte Kind, das J\u00fcngste war gerade ein Jahr alt. Sie wohnten im Dorf Pil\u2019niki im Mogilyovsker Gebiet, nicht weit vom Dorf Borki, 7 \u2013 8 Kilometer entfernt. Mama erinnert sich nicht gern an ihre Kindheit in der Zeit der Besatzung. Sie weint, und ich stelle mir voller Entsetzen vor, wie sie das alles \u00fcberstanden haben und wie ihre Familie unbeschadet durchgekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama erz\u00e4hlt, dass unterschiedliche Deutsche in ihr Haus kamen. Die einen fragten: \u201eEier, Milch.\u201c Und Mamas Mutter, also die Gro\u00dfmutter, sagte: \u201eNichts, Pan. Ich habe Kinder.\u201c Und die Deutschen nahmen ihr nichts weg. Wenn sie auf Motorr\u00e4dern die Stra\u00dfe entlangfuhren, staunten die Kinder \u00fcber dieses seltsame Verkehrsmittel, denn sie hatten so etwas bis dahin nie gesehen, und die Deutschen warfen ihnen Bonbons zu. Den Gro\u00dfvater forderten sie auf, in die Polizei einzutreten, aber er versteckte sich so gut wie m\u00f6glich vor ihnen. In ihrem Dorf ging fast niemand zur Polizei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Borki brannte, fuhr der Gro\u00dfvater gerade mit dem Fuhrwerk zur M\u00fchle ins Nachbardorf nicht weit von Borki, um Getreide zu mahlen. Die Gro\u00dfmutter sah den Widerschein eines gewaltigen Feuers am Himmel, und die Nachbarn erhoben ein Geschrei, dass Borki brennt. Die Gro\u00dfmutter wusste nicht wohin mit sich vor lauter Angst, dass der Gro\u00dfvater umkommen k\u00f6nnte. Aber er war auf dem Weg umgekehrt und kam rechtzeitig zur\u00fcck. Und alle Dorfbewohner, ebenso wie auch die Bewohner des Nachbardorfs, flohen in den Wald in die S\u00fcmpfe. Jeder nahm ein B\u00fcndel nur mit dem Allernotwendigsten mit. Die restliche Kleidung und Dokumente stopften sie in ein Fass und vergruben es in der Erde. Sie schlichen sich durch die S\u00fcmpfe in die Tiefe des Waldes. Meine Mutter und ihre Schwester liefen als letzte und gerieten in einen Morast. Der Gro\u00dfvater bemerkte ihre Abwesenheit noch rechtzeitig, rannte zur\u00fcck \u2013 da steckten sie schon bis zum Hals im Morast. Er rettete sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lebten zwei Jahre lang im Moor im Wald. Sie bauten eine Erdh\u00f6hle und a\u00dfen, was sie fanden: verfaulte Kartoffeln, gr\u00fcnes Gras, Beeren, Pilze. Wie sie \u00fcberlebten, wei\u00df nur Gott. Mama sagt, dass noch lange Zeit der furchtbare Gestank verbrannter menschlicher K\u00f6rper, Asche in der Luft hing.<\/p>\n\n\n\n<p>1944 befreite die Rote Armee den Kirov-Bezirk von den Deutschen, und Gro\u00dfvater ging an die Front. Die Familie kehrte in ihr Dorf zur\u00fcck, von dem nichts mehr \u00fcbrig war. Die Deutschen hatten alles verbrannt, auch die Sachen, die sie im Fass vergraben hatten. Und die ganze Familie hatte praktisch weder Kleidung noch Schuhe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfvater k\u00e4mpfte an der Front, wurde verwundet, blieb aber am Leben und kam bis nach Berlin. Er wurde mit Orden und Medaillen ausgezeichnet. Als einer von wenigen kehrte er aus dem Krieg zur\u00fcck, war am Leben geblieben und heil. Viele kamen aus dem Krieg nicht zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Gro\u00dfvater an der Front war, wuchsen die \u00e4lteren Kinder, die S\u00f6hne, heran, halfen beim Bau der Erdh\u00f6hle, und so wurde es f\u00fcr die Gro\u00dfmutter doch ein bisschen leichter. Die Kinder wurden alle schnell erwachsen. Zu essen gab es nichts und auch keine warmen Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfvater kehrte von der Front zur\u00fcck, und sein j\u00fcngster Sohn erkannte ihn nicht. Er f\u00fcrchtete sich, dachte, es sei ein Onkel von der Polizei gekommen. Er war kaum zu beruhigen damit, dass man ihm sagte, das sei sein Papa. Der Gro\u00dfvater flocht den Kindern Bastschuhe. Diese Bastschuhe hielten nicht lange, sie gingen kaputt von der Feuchtigkeit. In die Bastschuhe wurden noch Fu\u00dflappen gelegt; die wurden auch durch und durch nass. Und Gro\u00dfvater schaffte es nicht, allen 5 Kindern Schuhe zu flechten, deshalb gingen viele barfu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mama all das uns, ihren Kindern, erz\u00e4hlte, war es f\u00fcr mich schrecklich, mir dieses Bild vorzustellen. Wir als Generation der 60- 70-J\u00e4hrigen sahen ein anderes &#8211; stabiles, gutes Leben. Wir hatten alles: Kleidung, Schuhe, gutes Essen, kostenlose Bildung, B\u00fccher und Lehrb\u00fccher f\u00fcr alle. Aber Mama ging nur 4 Jahre zur Schule und arbeitete dann in der Kolchose. Sie hatte keine M\u00f6glichkeit, etwas zu lernen, es gab weder Lehrb\u00fccher noch Schreibwerkzeug; sie schrieb mit irgendeiner Feder auf abgerissenem Zeitungspapier. Von Mamas Familie ist nur sie, die Mittlere, noch am Leben. Ihre 2 j\u00fcngeren und 2 \u00e4lteren Geschwister sind schon gestorben, aber Mama lebt noch bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 15. Juni dieses Jahres wird in Borki eine Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer des verbrannten Dorfes eingeweiht. \u00a0Dort kamen ungef\u00e4hr 2200 Menschen um, darunter fielen den Flammen zwei Cousins meiner Mama und die Frau ihres Onkels zum Opfer. Der Sohn ihrer Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits kam nicht aus dem Krieg zur\u00fcck, und ihre Tochter wurde von den Deutschen erschossen. Das Leid der Mutter, die alle verlor, ihre Kinder und ihre Enkel, ist unbeschreiblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00f6chten allen w\u00fcnschen, dass niemand solche entsetzlichen Dinge sehen muss, die das Schicksal unserer Eltern und Gro\u00dfeltern waren. M\u00f6ge immer Frieden auf der Erde sein und Freude dar\u00fcber, dass wir unter einem friedlichen Himmel leben, arbeiten und Kinder gro\u00dfziehen. M\u00f6ge an diesem Himmel immer eine helle Sonne scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Hochachtung Ihnen gegen\u00fcber \u2013 meine Mama Zinaida Alekseevna, ihre Tochter Zoya und meine Schwester Elena.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter hat nichts dagegen, dass ihr Brief in Ihrem Land ver\u00f6ffentlicht wird. Wenn Sie ihn drucken wollen, ist es gut, dass die Menschen erfahren, wie notwendig es ist, das zu sch\u00e4tzen, was wir jetzt haben. Das ist Frieden auf der Erde, unser Land, in dem wir und unsere Verwandten und unsere N\u00e4chsten leben, unsere Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir w\u00fcnschen Ihnen und Ihrer Familie Gesundheit und Ihrer Stiftung jegliche Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen: Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sinaida Aleksejewna Je.Belarus, Gebiet Mogiljow M\u00e4rz 2020 Sehr geehrter Herr Gottfried Eberle, ich verneige mich tief vor Ihnen und all Ihren Kollegen, die daran arbeiten, aus winzigen Erinnerungsfetzen Informationen \u00fcber die Menschen zu sammeln, die als kleine Kinder alle Schrecken des Krieges gesehen haben: K\u00e4lte, Hunger, Krankheiten, zerst\u00f6rte H\u00e4user. 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