{"id":3470,"date":"2020-03-20T13:14:00","date_gmt":"2020-03-20T12:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3470"},"modified":"2020-06-25T15:57:29","modified_gmt":"2020-06-25T13:57:29","slug":"epschtejn-karl-iosifowitsch-neuer-freitagsbrief-nr-119","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/epschtejn-karl-iosifowitsch-neuer-freitagsbrief-nr-119\/","title":{"rendered":"Epschtejn Karl Iosifowitsch \u2013 Freitagsbrief Nr. 119"},"content":{"rendered":"\n<p>Diesen Bericht aus dem Jahr 1999 schickte uns  Karl Epschtejn, der eine langj\u00e4hrige Korrespondenz mit Eberhard  Radczuweit f\u00fchrte, im Jahr 2015. Seinen Vornamen hat er nach eigenem  Bekunden zu Ehren von Karl Marx erhalten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epschtejn Karl Iosifowitsch<\/strong><br><strong>Ukraine, Uman<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>29.06.1999 <\/p>\n\n\n\n<p>Ich, Epschtejn Karl Iosifowitsch, wurde am 14.02.1930 in \nKrementschug, Oblast Poltawa geboren. Im Jahre 1937, als unsere Familie \nin der Seswjatskaja Stra\u00dfe in Moskau wohnte, wurde mein Vater Epschtejn \nIosif Mejerowitsch als Volksfeind verurteilt, zun\u00e4chst zu sieben Jahren,\n und dann lebenslang. 1957, nach dem Tod Stalins, wurde er \nrehabilitiert. Er verstarb 1974. Nach der Verhaftung meines Vaters \nmussten wir Moskau verlassen, und weil meine Mutter aus der Ukraine \nstammte, fuhren wir zu meiner Gro\u00dfmutter nach Dunajewzy, damals in der \nOblast Kamenezk-Podolsk, heute Chmelnizk.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg brach aus. Es gab zwei Pogrome. Der erste am 8.\n Mai 1942, der zweite am 19. Oktober 1942. Meine Mutter und meine \nSchwester wurden w\u00e4hrend des zweiten erschossen. Ich konnte fliehen. \nZuerst versteckte ich mich im Dorf Gortschischno bei einer ukrainischen \nFamilie, aber eines Nachts, kurz nach dem zweiten Pogrom, klopfte die \nverwundete Lisa Kojschman, dem Ehemann nach Kuperman, an der T\u00fcr \u2013 jetzt\n lebt sie in Israel \u2013, und sie schickten mich fort, weil sie nicht zwei \nMenschen verstecken konnten. Ich ging Richtung Osten. Kam bis Bar in der\n Oblast Winniza. Geriet in eine Razzia. Gab mich als Sabotjuk Wolodja \naus, geboren 1928, Ukrainer. Die Deutschen durchsuchten mich, aber ich \nwar nicht beschnitten, und so glaubten sie mir und trugen mich in eine \nListe zur Entsendung&nbsp; zum Arbeiten nach Deutschland ein. Ich kam nach \nBerlin-Britz, in die Chemiefabrik Riedel (oder Riedel <em>Werke*<\/em>). Ich arbeitete an der Herstellung von Nebelpatronen mit. Der Fabrikvorsteher war der Nazi Herr Pape.\n Herr Pape verpr\u00fcgelte mich einmal heftig in seinem B\u00fcro und ich floh \naus dem Lager Berlin-Britz. Ich streifte mehrere Tage durch Berlin und \nbettelte vor B\u00e4ckereien nach <em>Brotmarken<\/em>, deutsche Frauen gaben \nmir manchmal welche, und einmal nahm mich eine deutsche Frau mit nach \nHause, gab mir zu essen, neue Kleidung und <em>Brotmarken<\/em>, und ich \nging wieder. Dann griff mich ein Polizist auf, und ich kam ins Gef\u00e4ngnis\n von Moabit, wenn ich mich richtig erinnere. Man verurteilte mich zu \nsechs Stockhieben und schickte mich danach in ein anderes Unternehmen \u2013 \nin Berlin-Wei\u00dfensee, N\u00fc\u00dfler Str. 7, Firma \u201eKleckner Deutsch\u201c, gleich \nnebenan war die Firma \u201eErich am Ende\u201c. Dort war ich Hilfsarbeiter und \nwohnte in der Baracke der Firma \u201eErich am Ende\u201c. Ab 1943 oder 1944 \nwohnte ich im Geb\u00e4ude der Firma \u201eDeutsch\u201c zusammen mit Arbeitern aus dem\n Baltikum und den Niederlanden. Einer der Niederl\u00e4nder arbeitete am \nAkkuschleppfahrzeug \u201ePrimus\u201c, und ich war sein Gehilfe. Wir lieferten \nMetall an Unternehmen in ganz Berlin aus, er hie\u00df Genri Rikus. Sein \nVorgesetzter war Herr Wunderlich, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Frau \nWunderlich in der 1. Etage des Fabrikgeb\u00e4udes wohnte. Ihr Sohn, ein \nOffizier der Wehrmacht, war in britische Kriegsgefangenschaft geraten. \nDer Unternehmensleiter war der Meister Herr Mancke. Als Buchhalter \narbeitete Herr Schulz, und es gab noch einen jungen Schulz \u2013 16 Jahre \nalt, das war, glaube ich, sein Sohn. Mein Vorgesetzter war Herr Kleist. \nMit mir zusammen arbeiteten die Deutschen Werner Lichtfu\u00df, Schwarz \n(Schwarz war ein ehemaliger Kommunist), Kremer, und an die anderen \nerinnere ich mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Morgens um 6 Uhr fr\u00fch fuhr ich mit Kanistern los, um <em>Br\u00fche<\/em> zu holen und kam zum Fr\u00fchst\u00fcck mit der <em>Br\u00fche<\/em> zur\u00fcck. <em>Bezugsscheine<\/em>\n f\u00fcr Schuhe und Kleidung gab uns der \u00e4ltere Herr Schulz, und Herr \nWunderlich war f\u00fcr uns verantwortlich. In dem Unternehmen arbeitete \nau\u00dfer mir noch ein Ukrainer, Kostja Rasdoroshnyj aus der Oblast \nKirowograd, 4-5 Litauer und 3 Niederl\u00e4nder. Mich kannte man dort unter \ndem Namen Sabotjuk Wladimir Pawlowitsch, geboren 1928. Dass ich Jude \nwar, erz\u00e4hlte ich niemandem. Bevor am 21. April die Russen kamen, waren \nwir heftig bombardiert worden und die Firma hatte gebrannt. Ich rette \ngemeinsam mit den anderen die Habseligkeiten aus den Flammen. Am 21. \nApril verabschiedete ich mich von Herrn und Frau Wunderlich und wei\u00df \nnicht, was seitdem mit ihnen geschehen ist. Aus Angst, Hunger leiden zu \nm\u00fcssen, machte ich mich noch zwei Jahre \u00e4lter \u2013 schrieb also, ich w\u00e4re \n1926 geboren \u2013, und diente bis September 1950 in der deutschen Armee. \nNach meiner Demobilisierung lebte ich in Moskau. 1952 fand ich meinen \nVater. Ich lie\u00df meinen Nachnamen, Vornamen, Vatersnamen und den \nGeburtsort \u00e4ndern. Mehrmals wurde ich zum KGB geschleift und ausgefragt,\n welche Schule ich wann abgeschlossen h\u00e4tte, sie meinten Schule der SS. \nSchlie\u00dflich lie\u00dfen sie mich meinen Namen, das Datum und den Ort meiner \nGeburt \u00e4ndern, und ich wurde Epschtejn Karl Iosifowitsch, Jude, geboren \n1930. 1953 krepierte Stalin und traf ich endlich meinen Vater. 1976 \nbegegnete ich dieser Frau, Lisa Semjonowna Kojschman (nach dem Ehemann \nKuperman). Sie erz\u00e4hlte mir, sie habe ihr Leben lang Gewissensbisse \ngehabt, weil ich wegen ihr die Bauernfamilie verlassen musste, die sie \naufnahm.<\/p>\n\n\n\n<p> * <em>kursiv<\/em> im Original Deutsch<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erg\u00e4nzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am  18. oder 19. April 1945 schickte mich mein Vorgesetzter Herr Mancke mit  einem Lieferwagen los, um Sachen, die unserem Chef geh\u00f6rten, nach  West-Berlin zu bringen. Den Chef kannte ich nicht. Ich brachte die  Sachen hin. Dann ging ich zu Fu\u00df nach Hause zur\u00fcck. Berlin war schon  komplett verbarrikadiert und verteidigte sich. Und da sah ich, wie  unweit des Alexanderplatzes, in Richtung Wei\u00dfensee, am rechten Rand  eines Wasserbeckens Soldaten der SS deutsche Deserteure h\u00e4ngten. Das war  bereits am 20. April. W\u00e4hrend meines Aufenthalts in Berlin von Anfang  November 1942 bis zum 21. April 1945 gab es so gut wie keine Nacht, in  der die Stadt nicht von Amerikanern oder Briten bombardiert worden w\u00e4re.  Wir versteckten uns zusammen mit der Familie der Wunderlichs in einem  Bunker auf dem Unternehmensgel\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p> Karl Epschtejn  <\/p>\n\n\n\n<p> 29. Juni 1999<\/p>\n\n\n\n<p> <em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Bericht aus dem Jahr 1999 schickte uns Karl Epschtejn, der eine langj\u00e4hrige Korrespondenz mit Eberhard Radczuweit f\u00fchrte, im Jahr 2015. Seinen Vornamen hat er nach eigenem Bekunden zu Ehren von Karl Marx erhalten. Epschtejn Karl IosifowitschUkraine, Uman 29.06.1999 Ich, Epschtejn Karl Iosifowitsch, wurde am 14.02.1930 in Krementschug, Oblast Poltawa geboren. 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