{"id":3467,"date":"2020-03-13T13:02:00","date_gmt":"2020-03-13T12:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3467"},"modified":"2020-06-25T15:57:58","modified_gmt":"2020-06-25T13:57:58","slug":"wasilij-dawidowitsch-lipartija-neuer-freitagsbrief-nr-118","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wasilij-dawidowitsch-lipartija-neuer-freitagsbrief-nr-118\/","title":{"rendered":"Wasilij Dawidowitsch Lipartija &#8211; Freitagsbrief Nr. 118"},"content":{"rendered":"\n<p>Russland, Gebiet Rostow<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wasilij Dawidowitsch Lipartija<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>02.06.2009<\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, sehr geehrter Dr. Gottfried Eberle,\nEberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski!<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn meines Briefes m\u00f6chte ich Ihnen f\u00fcr\ndie humanit\u00e4re finanzielle Hilfe danken, die ich von Ihrem Verein bekommen\nhabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens danke ich Ihnen f\u00fcr Ihr Interesse an\nuns ehemaligen Kriegsgefangenen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun zu meiner Person. Ich, Wasilij Dawidowitsch\nLipartija, wurde am 23.3.1922 in Schdawa im Bezirk Galskij, Republik Abchasien,\ngeboren. Ich bin Georgier. Ich habe die Schule nach zehn Klassen abgeschlossen\nund wurde 1941 in Kriegskommissariat berufen, da der Krieg begonnen hatte. Ich\nkam in die Fliegerschule in Nowypomynsk, dort wurde ich nur zwei Monate\nausgebildet, da die Schule von den Deutschen bombardiert wurde. Mit den anderen\nOffizierssch\u00fclern wurde ich in die Infanterieschule in Stawropol\u00b4 verlegt. Im\nMai 1942 kam ich als Unterleutnant an die Front bei Charkow. Im Juni 1942 wurde\nich bei einem Gefecht durch Splitter am Arm und am Kopf verwundet. Durch den\nsogenannten \u201eKessel von Charkow\u201c waren wir eingeschlossen. Mit einer Gruppe von\n18 Mann versuchten wir, den Kessel zu durchbrechen, aber w\u00e4hrend eines Gefechts\nmit den Deutschen wurde ich verwundet, ich hatte einen Brustdurchschuss und war\nbewusstlos, wie lange, wei\u00df ich nicht. Als ich wieder zu mir kam, war ich\nvoller Blut, hatte keine Stiefel mehr an den F\u00fc\u00dfen, mit M\u00fche stand ich auf und\nging barfu\u00df los. Ganz in der N\u00e4he war ein Dorf, dort sah ich eine Frau, die ich\num Wasser bat, sie sagte, ich d\u00fcrfe kein Wasser trinken, dann befeuchtete sie\nmir Brust und Hals mit Wasser. Die Frau sagte, dass die Deutschen im Dorf\nseien. Die Deutschen entdeckten mich, aber ich hatte keine Kraft, um\nfortzulaufen, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Zwei junge Deutsche\nkamen auf mich zu, sie schlugen mich nicht, sondern f\u00fchrten mich zu einer\nH\u00fctte, in der ihr Stab war. Zwei deutsche Offiziere traten aus der H\u00fctte, sie\nwarfen einen Blick auf mich und einer der Offiziere sagte etwas, dann gingen\nsie zur\u00fcck in die H\u00fctte zum Essen. Dann kam eine russische Krankenschwester,\neine Kriegsgefangene, zu mir, sie schnitt mein Hemd auf und machte mir einen\nVerband, dann bettete sie mich auf die Erde. So lag ich bis zum n\u00e4chsten Morgen\nauf der Erde. Morgens etwa um sieben Uhr fuhr ein Wagen mit zwei Polizisten\nheran, sie riefen \u201eSteh auf!\u201c und beschimpften mich, aber ich konnte nicht\naufstehen und so hoben sie mich hoch und warfen mich auf den Wagen, auf dem\netwas Heu lag. Wir fuhren etwa zw\u00f6lf Kilometer, wahrscheinlich zur Kreisstadt.\nDort brachten sie mich in den Klub, in dem schon einige Verwundete waren, die\naber laufen konnten. Danach brachten sie mich in einen Pferdestall, in dem\nschwer verwundete Soldaten lagen, etwa 300 Personen. Wir wurden von niemandem\nbewacht, da wir nicht laufen konnten. Meine Wunder infizierte sich und ich\nhatte W\u00fcrmer. Zu Essen bekamen wir nichts, nur die Frauen und alten Frauen aus\ndem Dorf brachten uns manchmal etwas. Nach elf Tagen waren etwa 150 M\u00e4nner\ngestorben. Die Kriegsgefangenen, die noch am Leben waren, wurden auf die Stra\u00dfe\ngetrieben, eine weitere Gruppe Kriegsgefangener stie\u00df zu uns und zusammen\nmarschierten wir etwa 80 Kilometer. Wer hinfiel und nicht mehr gehen konnte,\nwurde an Ort und Stelle erschossen. Wir waren etwa 1000 Mann und sie brachten\nuns in ein offenes Lager in Proskurow [Stalag 355], das mit Stacheldraht\numz\u00e4unt war. Dort lagen und sa\u00dfen wir auf der Erde. Wenn jemand aufstand,\nschossen die Wachleute von ihrem Wachturm herunter. Ich war dort eine Woche.\nDann wurden wir nach Wlodzimier Wolynski [Stalag 365] getrieben, das war ein geschlossenes\nLager, in dem wir in Baracken lebten. Dort war ich zwei Monate. Dann brachten\nsie uns nach Polen in die Stadt Schotakowa [Tschenstochau Stalag 367]. Dort war\nes sehr hart. Wir bekamen 333 Gramm Brot und zweimal am Tag Balanda mit\nKartoffelschalen. Von 30000 Kriegsgefangenen sind etwa die H\u00e4lfte an Hunger und\nK\u00e4lte gestorben. Ich war dort bis 1943. Dann wurde ich nach Deutschland\ngebracht, nach Stuttgart, wo ich in der Schillerschule Nr. 2030 oder 3020 war,\ngenau wei\u00df ich das nicht mehr. Meine Lagernummer war 28880. Dort war ich bis\n1945. Wir wurden zu Schwerstarbeit gezwungen, mussten Zement oder Sand\nausladen, arbeiteten in der Kanalisation, r\u00e4umten die Stra\u00dfen und die\nStra\u00dfenbahnschienen nach den Bombenangriffen der Amerikaner usw. Wir arbeiteten\nvon fr\u00fch bis sp\u00e4t. Die Deutschen behandelten uns Kriegsgefangene schlecht und\nschikanierten uns, f\u00fcr sie waren wir keine Menschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Befreit wurden wir von den Amerikanern. Zwei\nMonate sp\u00e4ter, im August, wurden wir in den Zug gesetzt und nach Ufa gebracht,\nin ein Filtrationslager, in dem \u00fcberpr\u00fcft wurde, wie ich in Gefangenschaft\ngeraten war. 1946 kam die Anordnung, alle diejenigen, die bereits \u00fcberpr\u00fcft\nworden waren, nach Hause zu entlassen. Ich fuhr nach Hause und arbeitete bis\n1948 in der Kolchose. 1948 bekam ich eine Stelle in einer Teefabrik an, erst\nwar ich Facharbeiter, dann Werksleiter. 1982 bin ich in Rente gegangen. Ich\nhabe gut gelebt, in Abchasien, aber dann kam es zwischen Georgien und Abchasien\nzum Konflikt und ich bin mit meiner Familie nach Russland umgezogen, wo ich\nauch heute lebe. Meine Frau ist gestorben, aber ich habe drei T\u00f6chter und einen\nSohn, eine Enkelin und einen Enkel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihrem Verein, dass Sie diese Arbeit\nmachen, die vor allem f\u00fcr die jungen Menschen wichtig ist, damit sie alles \u00fcber\ndie Gr\u00e4uel der Kriegsgefangenschaft erfahren, die wir damals durchlebt haben,\nals wir jung waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon das Wort Krieg ist ein schreckliches,\nunheilverk\u00fcndendes Wort. Es steht f\u00fcr das vergossene Blut von Millionen\nMenschen. Wir brauchen keinen Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6ge auf dem ganzen Planeten mit dem Namen Erde\nimmer Frieden herrschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin f\u00fcr Freundschaft zwischen den V\u00f6lkern,\negal, welcher Nationalit\u00e4t sie sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihrem Verein nochmals sehr f\u00fcr Ihr\nInteresse an uns ehemaligen Kriegsgefangenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wiedersehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Lipartija<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie\nEngler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland, Gebiet Rostow Wasilij Dawidowitsch Lipartija 02.06.2009 Guten Tag, sehr geehrter Dr. Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratievski! Zu Beginn meines Briefes m\u00f6chte ich Ihnen f\u00fcr die humanit\u00e4re finanzielle Hilfe danken, die ich von Ihrem Verein bekommen habe. Zweitens danke ich Ihnen f\u00fcr Ihr Interesse an uns ehemaligen Kriegsgefangenen. Nun zu meiner Person. 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