{"id":3438,"date":"2020-02-21T12:48:24","date_gmt":"2020-02-21T11:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3438"},"modified":"2020-06-25T15:59:06","modified_gmt":"2020-06-25T13:59:06","slug":"anna-iosifowna-m-neuer-freitagsbrief-nr-115","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/anna-iosifowna-m-neuer-freitagsbrief-nr-115\/","title":{"rendered":"Anna Iosifowna M. &#8211; Freitagsbrief Nr. 115"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Anna Iosifowna M.<\/strong> <br><strong>Ukraine, Nikolajew<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Krieg bestand\n unsere Familie aus sechs Menschen: mein Vater, meine Mutter und ihr \nBruder, meine Gro\u00dfmutter, ich und eine Ukrainerin, die wie ein \nFamilienmitglied mit uns lebte. Als ich klein war, war meiner Gro\u00dfmutter\n Brucha auf dem Markt eine Frau um die 30 aufgefallen, die viel \u00e4lter \naussah. Sie hatte einen aufgebl\u00e4hten Bauch, offenbar aus Hunger. Meine \nGro\u00dfmutter bot ihr an, bei uns zu wohnen und daf\u00fcr auf mich aufzupassen.\n Sie war eine angenehme, f\u00fcrsorgliche D\u00f6rflerin, an die ich mich \nnat\u00fcrlich schnell gew\u00f6hnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das Leben so \nspielt, hat die Hilfe meiner Gro\u00dfmutter, die sie dieser einfachen Frau \nerwiesen hatte, unserer Familie w\u00e4hrend der Okkupation wohl das Leben \ngerettet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben sie, Gorpyna Boiko, war es, die uns sp\u00e4ter Essen ins Ghetto brachte, ohne das wir unm\u00f6glich \u00fcberlebt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Krieg \nausbrach, war ich sieben Jahre alt. Genau in dem Monat war ich gerade \nsieben geworden. Wir hatten nicht die geringste Ahnung, wie sich unser \nLeben bald ver\u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater wurde an \ndie Front eingezogen. Ich wei\u00df nicht mehr, wann die die Deutschen \neinmarschiert sind, aber im September erfuhr ich, was es hie\u00df, eine \nJ\u00fcdin zu sein, ein Judas und ein Jide. Alle Juden mussten im Ghetto \nleben, sich einen sechszackigen Stern n\u00e4hen und ihn links an der Brust \nund hinten am R\u00fccken tragen, wahrscheinlich, damit die Deutschen besser \nzielen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren schwere \nZeiten angebrochen. Das Leben, das gerade noch so leicht erschienen war,\n war pl\u00f6tzlich erf\u00fcllt von Leid, Schmerz und Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>3,5 Jahre Ghetto, Zwangsarbeit, Erniedrigungen, Ungewissheit, Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen, die zu Verzweiflung wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod war immer pr\u00e4sent. Meine Gro\u00dfmutter Brucha und der Bruder meiner Mutter Onkel Elik, mein Onkel, starben an Bauchtyphus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich, \nwie meine Mutter mit mir an der Hand, sich versteckte und vor den \nDeutschen wegrannte. Irgendwelche R\u00e4ume, T\u00fcren. Wir hatten es geschafft.\n Alles scheint gut. Aber dann ein Schuss, meine Mutter sinkt zu Boden. \nNeben mir. Ich wei\u00df nicht mehr, was ich in diesem Moment f\u00fchlte, aber \nwas kann ein Kind schon f\u00fchlen, das seine Mutter sterben sieht, w\u00e4hrend \nes sie an der noch warmen Hand h\u00e4lt. Gerade noch war sie am Leben, nur \nein kleiner Augenblick, und die Welt ver\u00e4ndert sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnschte mich zur\u00fcck in die Zeit vor dem Krieg. Blauer Himmel, sorglose Kindheit, Vater und Mutter sind bei mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an Stimmen, Schreie: \u201eSie haben unsere Polja ermordet!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter wurde durch das Fenster ins Zimmer gehoben und Sonja Soroker half ihr, bei uns zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute, am 28. M\u00e4rz 1944, hat meine Mutter \u00fcberlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag marschierten die sowjetischen Truppen im Baltikum ein. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Iosifowna M. 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