{"id":3427,"date":"2020-02-12T11:00:07","date_gmt":"2020-02-12T10:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3427"},"modified":"2020-06-25T15:59:28","modified_gmt":"2020-06-25T13:59:28","slug":"jewgeni-iwanowitsch-walyka-neuer-freitagsbrief-nr-114","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/jewgeni-iwanowitsch-walyka-neuer-freitagsbrief-nr-114\/","title":{"rendered":"Jewgeni Iwanowitsch Walyka &#8211; Freitagsbrief Nr. 114"},"content":{"rendered":"\n<p>Sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,<\/p>\n\n\n\n<p>ich, ehemaliger Kriegsgefangener im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg, danke Ihnen f\u00fcr Ihre Gr\u00fc\u00dfe und W\u00fcnsche f\u00fcr meine Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von 300 Euro! Das ist f\u00fcr einen  Rentner in unserem armen Land heutzutage eine gro\u00dfe Summe.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese 300 Euro habe ich meinem Enkel gegeben, wovon er sich einen  Hochzeitsanzug und Schuhe gekauft hat und seine Hochzeit ausrichten  konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beschreibe meinen Aufenthalt in deutscher Kriegsgefangenschaft \u00fcber drei Jahre. Nicht an einem einzigen Tag war ich satt, au\u00dfer in Finnland, wo wir, nach der Rettung von dem sinkenden Schiff &#8220;Graf  Hindenburg&#8221;, von den \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden einen Laib Brot erhielten, etwas so K\u00f6stliches, dass ich es bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen  werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verpflegungsnorm in Gefangenschaft war folgende: morgens vor dem  Gang zur Arbeit wurde ein halber Liter Ersatzkaffee mit Zucker  ausgeteilt und ein Laib Brot f\u00fcr f\u00fcnf Personen, und abends nach der  Arbeit ein Liter Kohlr\u00fcbensuppe. Wir arbeiteten den ganzen Tag \u00fcber,  auch bei Frost oder Regen. Unsere Kleidung bestand aus Sommeruniformen.  \u00dcberlebt habe ich diese H\u00f6lle, allen Feinden zum Trotz, dank meines  Glaubens an den Sieg und den hohen Geist des Patriotismus. Ich war  Angeh\u00f6riger der Kertschenski-Feodosinski-Seelandetruppen vom 25.  Dezember 1941 bis 9. Mai 1942. Unsere 2. Reservedivision, in der ich  Sergeant-Richtsch\u00fctzer f\u00fcr war, war zur Verteidigung drei Kilometer  westlich von Akmono auf der Krim eingesetzt. Beim R\u00fcckzug wurde ich im  Steinbruch von Kertsch verwundet und geriet in Gefangenschaft. Die  Wachmannschaft jagte uns \u00fcber ein Minenfeld, viele von uns wurden von  Minen zerrissen und die Verwundeten wurden erschossen. Wir wurden in  G\u00fcterwagen zu je 40-50 Menschen \u00fcber mehrere Tage ohne Wasser und  Toiletten nach Rowno und Danzig gebracht und dann mit dem Frachter &#8220;Graf  Hindenburg&#8221; nach Finnland, wo dieser in der N\u00e4he von Turku von einem  Unterseeboot versenkt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir arbeiteten in den Lagern &#8220;Pentele&#8221; und &#8220;Salo&#8221; auf der Baustelle  einer Schmalspurbahn. 1943 oder 1944 brachte man uns kurzfristig nach  Nordnorwegen, wo wir von englischen Truppen befreit wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Beendigung des Krieges brachte man uns mit der Yacht &#8220;Stella  Polaris&#8221; nach Murmansk, wo wir \u00fcberpr\u00fcft wurden und ins Soldbuch 750.  Artillerieregiment eingetragen wurde, welches gar nicht existierte. Und  deshalb habe ich nicht den Status eines Teilnehmers an Kriegshandlungen und erhalte keinerlei Verg\u00fcnstigungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt ist die Heimat uns Kriegsgefangenen feindlich begegnet, ein Wunder, dass sie uns nicht erschossen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Strafe daf\u00fcr, dass wir Stalins Befehl nicht ausf\u00fchrten, keinen Schritt zur\u00fcckzuweichen und sich nicht zu ergeben, schickten sie uns alle zur Arbeit in die Kohlesch\u00e4chte bei Moskau, wo ich ein Jahr lang arbeitete, bis ich eine Bescheinigung vom Bergbauinstitut bekam, dass ich Student des 4. Kurses des Institutes bin. So entlie\u00dfen sie mich zur Beendigung meines Studiums und 1948 erhielt ich mein Diplom.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Krieg war ich oft krank und erholte mich in Sanatorien im Kaukasus und der Westukraine. Meine Frau und ich zogen zwei Kinder gro\u00df.  Jetzt haben wir zwei Enkels\u00f6hne und eine Enkeltochter. Alle mit Hochschulabschluss, haben sie Arbeit und Auskommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin jetzt 87 Jahre und habe 54 Arbeitsjahre aufzuweisen. Ich erhalte eine Rente von 440 Hryvna, ich f\u00fchle mich gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen sehr daf\u00fcr, dass Sie an uns Leidenstr\u00e4ger denken, sich um uns sorgen und uns eine kr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung geschickt haben.<\/p>\n\n\n\n<p> Hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p> J. Walyka<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit, ich, ehemaliger Kriegsgefangener im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg, danke Ihnen f\u00fcr Ihre Gr\u00fc\u00dfe und W\u00fcnsche f\u00fcr meine Gesundheit. Ich danke Ihnen f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von 300 Euro! Das ist f\u00fcr einen Rentner in unserem armen Land heutzutage eine gro\u00dfe Summe. 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