{"id":3345,"date":"2019-12-20T13:07:21","date_gmt":"2019-12-20T12:07:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3345"},"modified":"2020-06-25T16:01:31","modified_gmt":"2020-06-25T14:01:31","slug":"galina-pawlowna-j-neuer-freitagsbrief-nr-109","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/galina-pawlowna-j-neuer-freitagsbrief-nr-109\/","title":{"rendered":"Galina Pawlowna J. &#8211; Freitagsbrief Nr. 109"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Brief stammt  aus dem Jahr 2018. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Galina Pawlowna J.<\/strong><br><strong>Belarus, Gebiet Witebsk<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An den Vorstandsvorsitzenden Gottfried Eberle und Sibylle Suchan-Flo\u00df, Projektkoordination<\/p>\n\n\n\n<p>Ich,&nbsp; Galina Pawlowna\n J., wohnhaft in der Landwirtschaftssiedlung Oktjabrskaja, m\u00f6chte Ihnen \nvon Herzen nachtr\u00e4glich ein gl\u00fcckliches neues Jahr w\u00fcnschen, ein frohes \nWeihnachtsfest und alle weiteren Feiertage im Januar. Ich w\u00fcnsche Ihnen \neine feste Gesundheit, Gl\u00fcck im Privaten und viel Erfolg bei Ihrer \nwohlt\u00e4tigen Arbeit. M\u00f6ge ein Schutzengel \u00fcber Sie und Ihre Familien \nwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich danke Ihnen und \nIhrer Organisation \u201eKontakte-Kontakty\u201c von Herzen f\u00fcr Ihre Hilfe. \nVerzeihen Sie, dass meine Antwort so sp\u00e4t kommt. Ich hatte eine schwere \nErk\u00e4ltung, zus\u00e4tzlich zu meinem geschw\u00e4chten Organismus durch meine \neigentliche Erkrankung: chronische lymphatische Leuk\u00e4mie (sehr hohe \nLeukozytwerte), an der ich schon sehr lange leide.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geld, das Sie \ngeschickt haben, kommt \u00fcberaus gelegen: Meine Z\u00e4hne m\u00fcssen gemacht \nwerden. Die Arbeit ist schon bezahlt, aber die Kieferorthop\u00e4den lassen \nauf sich warten. In der Sowjetunion war diese Art von Behandlung f\u00fcr \nRentner kostenfrei, aber 2007 wurden alle Leistungen gestrichen, jetzt \nist diese Behandlung f\u00fcr uns sehr teuer. Wegen meiner Erkrankung muss \nich viel Geld f\u00fcr Medikamente ausgeben, und dann sind da noch die \nkommunalen Dienstleistungen, deshalb war es unm\u00f6glich, diese Summe \nselbst aufzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun zum  Wichtigsten: \u201eErinnerungen an die Verbrechen der deutschen Besatzer und  ihrer Gehilfen\u201c. Ich war f\u00fcnf, als der Krieg begann. Galgen habe ich  keine gesehen. Von Gr\u00e4ueltaten seitens der Besatzer hat man mir nichts erz\u00e4hlt. Ob es in Worony so etwas gab, kann ich nicht sagen. W\u00e4hrend des  Kriegs, bis zur Evakuierung, als die Front aus Richtung Moskau  zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde, waren wir im Nirgendwo. Solche wie mich und meine Schwester, die erst viereinhalb Monate alt war, als der Krieg begann,  gab es damals Tausende. Tausende von Kindern, denen der Krieg die Kindheit genommen und die Jugend schwer gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater ging mit der ersten Mobilisierungswelle an die Front, und wir h\u00f6rten lange nichts von ihm, bis nach dem Krieg die Todesmitteilung kam. Vor dem Krieg  hatte mein Vater als Meister auf der Schnellstra\u00dfe Witebsk-Smolensk  gearbeitet, beim Stra\u00dfenbauamt. Deshalb stand unser Haus direkt an der Stra\u00dfe. Falls Sie irgendwann einmal von Witebsk nach Smolensk oder nach  Moskau fahren sollten, werden Sie kurz vor dem Dorf Worony auf einem  H\u00fcgel rechts der Stra\u00dfe ein paar uralte Apfelb\u00e4ume sehen \u2013 dort stand  unser Haus, die B\u00e4ume hat mein Vater gepflanzt, noch vor dem Krieg. Unmittelbar nach der Okkupation der Stadt Witebsk fuhren die Besatzer  diese Stra\u00dfe entlang. Sie hielten an den H\u00e4usern an, gingen in die  Scheunen und nahmen das ganze Vieh mit sich. St\u00e4ndig h\u00f6rten wir: &#8220;<em>Matka jajko, matka mleko<\/em>&#8221;\u00a0  [Frau Eier, Milch]. Bald war nichts mehr \u00fcbrig, nur im Keller gab es  noch Kartoffeln und etwas Gem\u00fcse, das wir im Herbst geerntet hatten.  Also \u00fcberlebten wir irgendwie. Wir F\u00fcnfj\u00e4hrigen wurden sehr schnell  erwachsen. Wir haben mit angesehen, wie unser Witebsk gebrannt hat, wie Bomben fielen und explodierten, wie die Flammenzungen bis zum Himmel  aufschossen\u2026 Die Deutschen blieben nie lange, zogen immer weiter. Wir mussten in die Scheune ziehen. Weil die Frontlinie sich schnell  verschob, waren immer neue Wehrmachtssoldaten in unserem Haus. Wie alle  Kinder waren wir neugierig und abenteuerlustig. Manchmal ging ich ins Haus. Ich kann nicht behaupten, dass alle Deutschen Nazis waren: Manche  nahmen mich hoch, setzten mich auf ihren Schoss, gaben mir Pfefferminzbonbons und fragten: &#8220;Wo ist dein Papa?&#8221; Ich wei\u00df nicht mehr, wer mir beigebracht zu sagen: &#8220;Im Krieg, Faschisten t\u00f6ten&#8221;, aber einmal  h\u00e4tte es mir fast das Leben gekostet. Der Deutsche z\u00fcckte seine  Pistole, gut, dass meine Mutter gerade nach mir gesucht hatte. Sie fiel vor ihm auf die Knie und flehte ihn an, ihr das unbesonnene Kind zu geben. Ich durfte unter gar keinen Umst\u00e4nden mehr sagen &#8220;Faschisten  t\u00f6ten&#8221;, stattdessen nur &#8220;im Krieg&#8221;. So ging es weiter bis zum Ende des  Sommers 1943. Die Daten wei\u00df ich von meiner Cousine. Die K\u00e4mpfe auf  belarussischem Boden war schwer und verlustreich. Die Evakuierung wurde  angeordnet. Die Kinder wurden oben auf die Fuhren gesetzt, die  Erwachsenen gingen zu Fu\u00df nebenher. Sie schickten uns ins Dorf Antussi  im Rajon Sennenskij, weit weg von den gro\u00dfen Stra\u00dfen. Wir lebten in  einem Pferdestall, anderen Wohnraum gab es nicht. Pferde waren keine  mehr da \u2013 die k\u00e4mpften auch. So ging es etwa anderthalb Jahre (die  Zeitangaben stammen von meiner Cousine, weil ich noch zu klein war, um  mich an diese Dinge zu erinnern). Dort gab es auch Faschisten, aber die  hielten sich fern von den W\u00e4ldern, weil darin die Partisanen herrschten.  Zu essen hatten wir nichts, mussten betteln gehen. Aber die Menschen in  den umliegenden D\u00f6rfern hatten ja selbst nichts mehr. Wir liefen in  zerfetzten Lumpen herum, verdreckt. Wir bettelten auch bei den  Deutschen. Die hatten immer Brot. Manchmal warfen sie etwas auf die  Stra\u00dfe, schauten zu, wie wir uns um ein St\u00fcck Brot rissen. Im Winter  warfen sie die hei\u00dfersehnten St\u00fccke in den Schnee, ganz selten gaben sie  uns das Brot einfach in die Hand. Einmal hetzten sie zum Spa\u00df einen  Sch\u00e4ferhund auf uns, aber zu unserem Gl\u00fcck hat er uns verschont. Es gab  auch solche, die einfach ihr Maschinengewehr auf uns richteten, denn f\u00fcr  sie waren wir blo\u00df schmutzige Schweine. Im Laufe der Besatzung lernten  wir ihre Sprache ein wenig, fragten manchmal auf Deutsch nach Brot.<\/p>\n\n\n\n<p>1944, irgendwann im  Sommer, h\u00f6rten wir, wir sollten gehen, wohin wir wollten: Witebsk war  befreit. Welch eine Freude! Nach Hause, auf den Brandplatz, kehrte jeder  zur\u00fcck wie er konnte. Unser Dorf war abgebrannt. Nur noch ein paar  nackte K\u00e4sten standen da: H\u00e4user, die kein Dach, keine Fenster hatten.  Wir zogen mit ein paar anderen Familien in eine Erdh\u00fctte, die die Nazis  in einem H\u00fcgel am See gegraben hatten. Die Deutschen wussten sich gut  einzurichten. Selbst die Erdh\u00fctten bauten sie solide. Nach und nach  kehrten die M\u00e4nner von der Front zur\u00fcck, manche hatten S\u00f6hne, die  langsam heranwuchsen \u2013 eine gro\u00dfe Hilfe f\u00fcr die Eltern. Die Leute fingen  an, ihre H\u00e4user wieder aufzubauen. Wir blieben allein zur\u00fcck in unserer  Erdh\u00fctte \u2013 unsere Mutter und wir zwei M\u00e4dchen. Bald st\u00fcrzte das Dach  ein, wir sa\u00dfen im Schlamm, waren st\u00e4ndig krank, es war furchtbar kalt  und nass. Dann wurden wir auf Anordnung des Dorfrats von Worony bei  Leuten untergebracht, die ihr Haus schon gebaut hatten. Die Hausherren  sagten: &#8220;Hier ist euer Raum: Das Bett und alles darunter.&#8221; In dieser  Zeit kam von irgendwoher Hilfe, ich wei\u00df es nicht genau, aber ich  glaube, von den USA oder den anderen L\u00e4ndern der Sowjetunion: Wir  bekamen Saatkartoffeln. Unsere Mutter kochte in einer Konservenb\u00fcchse  drei St\u00fcck (eine f\u00fcr jeden). In der Erde waren noch gefrorene  Kartoffeln. Die waren ganz bitter und schwarz, aber wir sammelten sie  trotzdem, rieben sie, mischten Gr\u00fcnzeug darunter \u2013 Brennnessel, Giersch,  Melde \u2013 und buken Fladen daraus. Ich w\u00fcnsche keinem, dass er so etwas  jemals essen muss! Salz gab es keins, Seife erst recht nicht. Daf\u00fcr gab  es Gr\u00fcnzeug im \u00dcberfluss. Es wuchs pr\u00e4chtig auf diesem Boden, der vom  Menschenblut durchtr\u00e4nkt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Brot haben wir bis  1947 nicht gesehen. Witebsk war vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Die Menschen waren  halb verhungert, hatten kaum Kleidung und waren Tag und Nacht damit  besch\u00e4ftigt, die Stadt, die Industrie und andere Gewerbe wieder  aufzubauen. In der Stadt gab es bis 1947 ein Lebensmittelmarkensystem,  aber wir hatten Kartoffeln, die uns alles ersetzten. In der Erde buddeln  konnten wir Kinder alle, ungeachtet des Alters, wie die Maulw\u00fcrfe.  Gleich nachdem Witebsk befreit war, wurde in einem der noch stehenden  H\u00e4user eine Schule eingerichtet. Sie hatte weder ein Dach noch Fenster,  und im Winter war es sehr kalt. Wir hatten einen Lehrer f\u00fcr alle vier  Klassen. Niemand konnte schreiben oder lesen. Wir hatten auch nichts zum  Schreiben. Als die Deutschen abgezogen sind, lie\u00dfen sie viele Papiere  zur\u00fcck. Was das f\u00fcr Dokumente waren, wusste niemand, aber Hauptsache die  eine Seite war frei. F\u00fcller oder Tinte hatten wir nicht. Ich wei\u00df noch,  dass wir irgendwelche Dosen gesammelt haben. Was da drin war, wei\u00df ich nicht. Vielleicht Schuhcreme oder irgendwelche Farben, aber jedenfalls  nahmen wir St\u00f6ckchen, spitzten sie an und tauchten sie in dieses Zeug.  So schrieben wir.<\/p>\n\n\n\n<p>1945[?] wurden \nSchulb\u00fccher und sogar Hefte verteilt \u2013 alles, was man f\u00fcr die Schule \nbrauchte. Die Schwierigkeiten hielten uns nicht zur\u00fcck: Wir waren \nbegierig darauf zu lernen \u2013 wie man liest, schreibt, rechnet. Der Staat \nk\u00fcmmerte sich um uns: Zun\u00e4chst wurde in Worony eine Holzschule gebaut, \nwo ich sieben Klassen mit Auszeichnung abschloss, um danach auf die \nBerufsschule in Witebsk zu gehen. Stalin half uns damals allen, \nbesonders gesp\u00fcrt haben wir diese Hilfe, als uns der Kredit erlassen \nwurde, den unsere Mutter f\u00fcr den Bau unseres Hauses aufnehmen musste. \nDie Kredite wurden f\u00fcr Familien erlassen, die ihre Ern\u00e4hrer im Krieg \nverloren hatten. Dieses Haus steht noch heute gleich neben unserem \nGrundst\u00fcck aus der Vorkriegszeit. Die neuen Besitzer haben es von au\u00dfen \nmit Ziegelsteinen neu gemauert, aber im Inneren ist noch fast alles wie \nfr\u00fcher. F\u00fcr uns zwei Kinder erhielt meine Mutter einmalig jeweils zw\u00f6lf \nRubel Halbwaisenrente. Das Leben war hart. Wir arbeiteten genauso wie \ndie Erwachsenen, wir mussten ja irgendwie \u00fcberleben. Nach dem Krieg gab \nes eine furchtbare Plage \u2013 L\u00e4use. Wir wurden kahlgeschoren, unsere \nLumpen in Lauge ausgekocht.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt nach unserer \nR\u00fcckkehr aus der Evakuierung war unsere Mutter ein paar Mal in die \nWestukraine gefahren, die unter dem Krieg weniger gelitten hatte. Gott \nwei\u00df, wie und gegen was sie es eintauschte, aber sie kam mal mit einem \nBeutel voll Korn, mal mit Brot zur\u00fcck. Einmal schaffte sie es aus \nirgendwelchen Gr\u00fcnden nicht mehr ganz in den Waggon und wurde ein St\u00fcck \nweit von dem Zug \u00fcber die Schienen mitgeschleift. Danach war sie lange \nkrank, obendrauf bekam sie Typhus. Meine Schwester und ich liefen \nschmutzverkrustet und verlaust herum. Manchmal gaben uns die Nachbarn \netwas, aber sie hatten ja selbst im Grunde nichts. Im Nachbardorf \nDrjukowo, gleich neben Worony, lebte unsere Tante mit ihrem Mann. Sie \nwar etwas \u00e4lter als unsere Mutter. Wenn es ganz schlimm wurde, gingen \nwir zu ihr. Unser Onkel hatte eine kleine Baracke gebaut. Aber sie waren\n nur zu zweit, wahrscheinlich hatten sie es etwas einfacher. Unsere \nTante wusch unsere Sachen, gab uns zu essen, und wir gingen wieder \nzur\u00fcck nach Worony, auf den Platz, der uns zugewiesen war. Ich erinnere \nmich nicht, wie lange das so weiterging, aber als unsere Mutter wieder \ngesund war, nahm sie einen Kredit f\u00fcr den Bau eines Hauses auf. Sie \nstarb mit 57 Jahren an Krebs. Sie hat alles f\u00fcr uns getan, wollte, dass \naus uns \u201emal was wird\u201c, wie sie sagte. Ich schloss die Berufsschule ab, \nhatte gute Noten, lebte von einem Stipendium. Es war schwer, aber wir \nwaren jung, voller Hoffnung, wir waren froh, dass Frieden herrschte, und\n was Essen und Kleidung anging \u2013 das war nebens\u00e4chlich. Ich heiratete. \nMein Mann war beim Milit\u00e4r, diente haupts\u00e4chlich in der Ukraine. Ich \nstudierte im Fernstudium in Lwiw, machte meinen Abschluss, arbeitete in \nguten Positionen, wann immer der Dienst meines Mannes es zulie\u00df. Fast 40\n Dienstjahre habe ich hinter mir. Danach erhielt ich die gesetzliche \nH\u00f6chstrente. Die Lebensmittel waren damals g\u00fcnstig. Wir lebten und \nfreuten uns, dachten, es w\u00fcrde immer so bleiben. Mein Mann bekam umsonst\n eine Wohnung in Witebsk. Es gab damals ein Gesetz, wonach einem dort, \nwo man zum Wehrdienst einberufen wurde, eine Wohnung zustand. Der Staat \nhat sich immer um seine B\u00fcrger gek\u00fcmmert. Meine Schwester und ich \nkonnten kostenlos studieren: Wir haben beide einen Berufsschul- und \neinen Hochschulabschluss. Sie lebt mit ihrer Familie heute ebenfalls \nhier in Oktjabrskaja.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam die  &#8220;Perestrojka&#8221;. Gorbatschow, der erste Staatspr\u00e4sident der UdSSR, hat praktisch alles zerst\u00f6rt, was wir nach dem Krieg jahrzehntelang  aufgebaut haben: das Ansehen des Landes, die Beziehungen, die  Wirtschaft, die Industrie, den Wunsch, f\u00fcr das Wohl des Landes zu  arbeiten. Die B\u00fcrger verstanden das sehr wohl, aber wie ein Sprichwort  sagt: \u201eDie Hunde bellen, die Karawane zieht weiter\u201c\u00a0\u2026 Jelzin  unterschrieb offiziell eine Vereinbarung \u00fcber die Aufl\u00f6sung der UdSSR,  gab den Republiken die sogenannte Freiheit, von wem oder was auch immer.  Gorbatschow verlie\u00df das Land. Die Herrschaft \u00fcbernahmen irgendwelche  dahergelaufenen Leute, die uns beibringen wollten, wie man lebt, impften  unseren Kindern ihre seltsamen Werte und Moralvorstellungen ein. Die  Russen hatten es nicht leicht, und auch in Belarus ging es bergab. Die Ver\u00e4nderungen waren f\u00fcr alle sichtbar: Abwertung, alle unsere  Ersparnisse sind \u201everbrannt\u201c, und dabei waren wir nicht arm: Wir hatten  eine Wohnung, hatten uns M\u00f6bel gekauft, ein Auto. Hatten genug Geld  gespart f\u00fcr eine Wohnung und ein Auto f\u00fcr unseren Sohn \u2013 alles war weg.  Wir hatten nur noch unsere Rente. Mein Mann ist vor zehn Jahren  gestorben. Er war sehr lange krank. Vielleicht haben sich die  gesundheitssch\u00e4dlichen Bedingungen niedergeschlagen, unter denen er sein  Leben lang gearbeitet hat: zuerst in der Luftfahrt, dann in den  Raketentruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;Ich selbst  lebe in einer Wohnung mit allen Annehmlichkeiten, aber f\u00fcr eine  grundlegende Renovierung reicht es nicht. Viel Geld geht in meine  Medikamente. Ich bin in Behandlung in einem Diagnostikzentrum und der  regionalen Poliklinik f\u00fcr Onkologie, beim Endokrinologen. Die  Krankheiten erfordern meine ganze Aufmerksamkeit, und das Alter selbst,  wie Sie sich denken k\u00f6nnen. Meine Nachbarn kommen in materieller  Hinsicht gut aus, besonders wenn es zwei Renteneinkommen gibt und einer  zus\u00e4tzlich arbeiten kann. Sie renovieren, kaufen Autos, technische  Ger\u00e4te. So soll es ja auch sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun habe ich Ihnen in\n K\u00fcrze mein Leben geschildert, von meiner Kindheit an. Die Kriegszeit \nwar hart. Das kann man sich erkl\u00e4ren. Aber was ich mir nicht erkl\u00e4ren \nkann, ist, wie es unsere Regierung in friedlichen Zeiten geschafft hat, \ndass ich, die ich mein Lebtag ehrlich gearbeitet habe, in leitenden \nPositionen, immer Steuern gezahlt habe, heute nicht in der Lage bin, mir\n meine Z\u00e4hne in Ordnung bringen zu lassen&nbsp;\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Krieg ist uns  eine Vielzahl an Mahnmalen, Denkm\u00e4lern f\u00fcr die Opfer, Grabst\u00e4tten  geblieben. In Worony gibt es ein Denkmal f\u00fcr die Gefallenen, auch hier  in der N\u00e4he, im Dorf Schapury, gibt es eine kleinere Begr\u00e4bnisst\u00e4tte. In  jedem Dorf, jeder Siedlung, jeder Stadt gibt es etwas, das an diesen  grausamen Krieg erinnert. \u00dcber 600 D\u00f6rfer wurden verbrannt, zahlreiche  St\u00e4dte zerst\u00f6rt. In Minsk (unserer Hauptstadt) und seiner Umgebung gibt  es sehr viele Grabst\u00e4tten: in der N\u00e4he der Endstation &#8220;Wesnjanka&#8221; gibt  es einen ganzen Friedhof. Mehr als 80 tausend unserer V\u00e4ter und  Gro\u00dfv\u00e4ter liegen hier begraben. Das ist die Geschichte, geschrieben von  unseren N\u00e4chsten, die wir verloren, die uns so sehr gefehlt haben. Viele  Gedenkb\u00fccher sind ver\u00f6ffentlicht worden. Ich wei\u00df nicht, wie viele  B\u00e4nde. Dank einem dieser B\u00fccher habe ich das Grab meines Vaters  gefunden. Danke an unsere Mitb\u00fcrger, die sich dieser gemeinn\u00fctzigen  Sache annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Verzeihen Sie, falls  ich irgendetwas Falsches gesagt habe, ich habe einfach mein Herz  ausgesch\u00fcttet. Vielleicht ist der Brief etwas verworren, aber glauben  Sie mir, ich habe ihn in einem Atemzug geschrieben. Noch einmal vielen  Dank f\u00fcr Ihre Hilfe. Bleiben Sie gesund und gl\u00fccklich. Ihre Arbeit ist  gut und wichtig. Die Menschen werden Ihnen immer sagen: &#8220;Gott beh\u00fcte  Sie!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p>Galina Pawlowna J.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Brief stammt aus dem Jahr 2018. 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