{"id":3251,"date":"2019-11-10T22:02:03","date_gmt":"2019-11-10T21:02:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3251"},"modified":"2020-06-25T16:04:30","modified_gmt":"2020-06-25T14:04:30","slug":"grigorij-sawwatejewitsch-andrejew-neuer-freitagsbrief-nr-104","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/grigorij-sawwatejewitsch-andrejew-neuer-freitagsbrief-nr-104\/","title":{"rendered":"Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew &#8211; Freitagsbrief Nr. 104"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Grigorij Sawwatejewitsch <\/strong><strong>Andrejew&nbsp; <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>22. Februar 2008, Moskauer Gebiet<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew, 1914, schreibt die Tochter Galina Grigor\u00b4jewna.<\/p>\n\n\n\n<p>Guten\n Tag und die allerbesten W\u00fcnsche f\u00fcr Sie, unsere unbekannten Freunde aus\n dem fernen Deutschland. So schnell wie m\u00f6glich m\u00f6chte ich Ihnen diesen \nBrief schreiben und Ihnen mitteilen, dass wir die Geldsumme in H\u00f6he von \n300 Euro in Rubel bekommen haben. Wir freuen uns sehr \u00fcber Ihr Interesse\n und Ihre Anteilnahme, auf die ich f\u00fcnfzig Jahre lang gewartet habe. \nMein Vater, der Krieg, Gefangenschaft und Gef\u00e4ngnis \u00fcberlebt hat, hat \nsich irgendwie daran gew\u00f6hnt, alles geduldig und ohne Murren zu ertragen\n und hat immer auf Gott vertraut. Anscheinend ist es f\u00fcr ihn jetzt \noffensichtlich, dass Gott ihn in allen Situationen besch\u00fctzt und ihn \ndurch die Gefangenschaft, durch Himmel, H\u00f6lle und Hunger gef\u00fchrt hat. \nIch, seine Tochter, bin aber vom Naturell her anders, obwohl ich auch \nalle M\u00fchsal geduldig ertragen habe und immer an die lichte Zukunft \ngeglaubt habe. Ich habe als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet, ich \nhatte ein kleines Gehalt, und deshalb betr\u00e4gt meine Rente \ndementsprechend nur 2400 Rubel mit allen Zulagen. Deshalb DANKE an alle \nf\u00fcr diese Spende, nun k\u00f6nnen wir also endlich eine Waschmaschine kaufen.\n Es f\u00e4llt mir schon arg schwer, selbst zu waschen, und Vater hat \nSchmerzen in den Beinen, er behandelt sie mit Salbe und ich muss oft die\n W\u00e4sche wechseln. <\/p>\n\n\n\n<p>Vater\n ist 1942 in Gefangenschaft geraten, bei der bevorstehenden Schlacht am \nFluss Wolchow. Vater h\u00e4lt sich selbst f\u00fcr schuldig an allem, sitzt \ndem\u00fctig da, mit auf der Brust gefalteten H\u00e4nden, er ist gl\u00e4ubig, liest \ndie Heilige Bibel, versteht alles gut, obwohl er nur drei Schulklassen \nbesucht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst  m\u00f6chte ich davon erz\u00e4hlen, wie das Leben nach der Gefangenschaft war.  Vater und die anderen wurden von den Amerikanern befreit, sie waren auf  amerikanischem Gebiet. Es gab damals die M\u00f6glichkeit, nach Amerika  auszuwandern oder in Deutschland zu bleiben. Aber der Soldat wollte nach  Hause, zu seiner Frau, zu seinen Kindern. Er beschloss, nach Russland  zu fahren, nach Hause. Er erz\u00e4hlt, wie sie die franz\u00f6sischen  Kriegsgefangenen empfangen haben \u2013 sie stellten sofort einen Transport  zusammen mit Aufschriften der St\u00e4dte und D\u00f6rfer. Unsere M\u00e4nner aber  wurden auf eine lange und anstrengende Reise durch Polen, die Ukraine,  Brest geschickt. Unterwegs mussten sie viel und immer wieder umsonst  arbeiten, nach dem Krieg war \u00fcberall alles zerst\u00f6rt und sie brauchten  kostenlose Arbeitskr\u00e4fte. In Dedowsk musste eine Fabrik wieder aufgebaut  werden und sie suchten von den Kriegsgefangenen 30 M\u00e4nner heraus,  z\u00e4hlten sie einfach ab, wie Vieh, luden sie in G\u00fcterwaggons, brachten  sie dorthin und zwangen sie zur Strafarbeit \u2013 die Strafe daf\u00fcr, dass sie  bei den Deutschen in Gefangenschaft gewesen waren. Einfach so. <\/p>\n\n\n\n<p>Vater  versuchte, Verwandte im Dorf ausfindig zu machen, um meine Mutter und  mich zu finden. Aber er war zu sp\u00e4t. Meine Mutter und ich lebten schon  im Ural in Swerdlowsk, das heute wieder Jekaterinburg hei\u00dft. Wir bekamen  eine Rente f\u00fcr den gefallenen Vater. Bis heute wird Vater in den  Dokumenten des Archivs in Podolsk als gefallen gez\u00e4hlt. Ich aber habe auf die Bitte meiner Mutter hin angefangen, ihn zu suchen. Sie sagte zu  mir: \u201eSchreib nach Moskau ans Justizministerium.\u201c Ich war sieben Jahre  alt, ich hatte gerade erst die erste Klasse abgeschlossen und schreiben  gelernt. Es kam die Antwort, dass Vater in Dedowsk lebt. Ich habe ihm  einen freudigen Brief geschrieben \u201eGuten Tag, mein lieber Papa! Ich habe  dich gefunden und m\u00f6chte zu dir!\u201c Er bekam den Brief und schickte uns  Geld. Zu der Zeit wurde Mutter schwer krank und musste ins Krankenhaus  eingeliefert werden. Nun bekamen wir zweimal Geld, von Andrejew G.S. und  die Rente f\u00fcr den gefallenen Andrejew G.S. Als seine Witwe lebte Mutter  bei der Feuerwehr. Vater war vor dem Krieg Feuerwehrmann gewesen. Und  nun konnten wir ihn nicht treffen. Mutter lag schwer krank im  Krankenhaus, mich wollten sie zu irgendwelchen Leuten geben. Zur  gleichen Zeit nahmen sie ihn am Bahnhof fest, er hatte seine Schwestern  zum Zug gebracht, denen er mitgeteilt hatte, dass er am Leben war und  vom Krieg heimgekehrt war, am Bahnhof aber musste man die Papiere  vorzeigen, sie nahmen ihn fest und steckten ihn ins Gef\u00e4ngnis, Paragraf  58 Vaterlandsverrat &#8211; \u201efreiwillig in Gefangenschaft begeben\u201c. In  Wirklichkeit war es folgenderma\u00dfen gewesen. Vater war als Waise  aufgewachsen, er lebte bei seinem Gro\u00dfvater, der f\u00fcr ihn Mutter und  Vater zugleich war und mein Vater hat ihn sehr geliebt. An der Front in  der Kompanie hatte Vater Probleme mit dem Unteroffizier Mersljakow,  wurde von ihm schikaniert. Vater musste st\u00e4ndig nachts Wache stehen, das  Lager bewachen, und am Morgen lie\u00dfen sie ihn nicht schlafen und  schickten ihn zu einer anderen Arbeit. Einmal schlief Vater bei der  Arbeit deshalb fast ein, als jemand von den \u201eOberen\u201c vorbeikam und sie  sagten: Was ist da los, sofort erschie\u00dfen! Vater bekam es mit der Angst,  er wusste, solche Worte wurden nicht ins Leere gesprochen. Damals war  es schon kalt und es gab wenig zu essen, st\u00e4ndig hatte man Hunger. Da  beschloss Vater, aus der Kompanie zu t\u00fcrmen, wohin, wusste er noch  nicht, wohin Gott ihn f\u00fchrt. Zur gleichen Zeit bekam er noch einen Brief  aus dem Dorf von seinem Gro\u00dfvater, oder vielmehr von den Nachbarn, in  dem ihm mitgeteilt wurde, dass der Gro\u00dfvater gestorben war und das Pferd  verhungert war. Wenn Vater davon erz\u00e4hlt, f\u00e4ngt er wie ein Kind an zu  schluchzen. In der Nacht beschloss er dann, auf die andere Seite des  Flusses Wolchow zu fliehen, dort aber standen die deutschen Einheiten.  Vater baute sich ein improvisiertes Floss, d.h. er band zwei Holzst\u00e4mme  mit irgendeiner Schnur zusammen, fand irgendwo einen Nagel oder eine  Klammer und befestigte damit die St\u00e4mme aneinander. Im Strafverfahren  wird das als \u201eInstrument zur Wasserfahrt\u201c angesehen, fast als w\u00e4re es  ein U-Boot. Bevor er auf das Flo\u00df stieg, a\u00df er seinen letzten kleinen  Rest Proviant auf, er sagte sich, wenn sie mich t\u00f6ten, dann sterbe ich  wenigstens satt! Das also hat der Soldat gedacht und er hat seine Heimat  NIEMALS und auf keine Weise verraten. Was mich aufregt, ist, dass ich  mich 1994 an alle Instanzen gewandt habe mit der Bitte, Vaters Fall neu  zu \u00fcbersehen, da mein Vater niemanden get\u00f6tet, niemanden erschossen hat  und das auch nicht wollte; stattdessen hat er gedacht, lieber sollen sie  mich erschie\u00dfen. Und sie haben von beiden Seiten auf ihn geschossen,  die einen, als sie sahen, dass Vater mit dem Flo\u00df wegf\u00e4hrt, und vom  anderen Ufer haben die Deutschen das Feuer auf ihn er\u00f6ffnet, als sie  sahen, dass dort jemand auf dem Wasser ist. Vater kam ans andere Ufer,  er war Nacht, kalt, nass, er legte sich auf die Erde und r\u00fchrte sich  nicht. Heute meint er, er h\u00e4tte rennen sollen. Aber jetzt l\u00e4sst sich das  leicht sagen. Die Deutschen f\u00fchrten ihn ab, verh\u00f6rten ihn, gaben ihm  andere Kleidung und Essen&#8230; so wurde er ein Gefangener.<\/p>\n\n\n\n<p>Seltsam,\n aber ich muss immer wieder an eine Episode aus meiner Kindheit denken. \nWir wohnten in Swerdlowsk, auf der Feuerwache. Die deutschen Gefangenen \nwurden zur Arbeit getrieben. Wir h\u00f6rten, was die Erwachsenen sagten, die\n gekommen waren, um sich die Deutschen anzusehen. Ich aber beobachtete \nsie und dachte bei mir: Was f\u00fcr arme, gute M\u00e4nner, warum lassen sie sie \nnicht nach Hause, sie haben doch auch Kinder. Und wirklich, einer der \nDeutschen machte f\u00fcr die Frauen, die zu ihm kamen, aus kleinen M\u00fcnzen \nRinge, die aussahen wie aus Gold, und alle Frauen freuten sich dar\u00fcber. \nDann sprach er mit meiner Mutter \u00fcber irgendetwas, Mutter schnitt ihm \nein St\u00fcck Schwarzbrot ab und bestrich es mit Butter, und er zeigte ihr \nseine Fotos, d.h. die Fotos von seinen Kindern, zwei Jungen und ein \nM\u00e4dchen. Ich schaute sie mir auch an und ich wei\u00df noch, wie h\u00fcbsch sie \nangezogen waren&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Vater\n wurde zu 25 Jahren Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt. Dann nach Stalins Tod \nsetzten sie die Haft auf zehn Jahre hinab. Im Gef\u00e4ngnis folgte Vater \nimmer den Anweisungen und machte jede Arbeit, er war ein sehr guter \nZimmermann und au\u00dferdem der beste Ofensetzer und er hat die ganze Zeit \ngearbeitet. So haben mein Vater und ich uns wieder f\u00fcr viele Jahre aus \nden Augen verloren. Ich wurde erwachsen, zog in den Kaukasus, nach \nKabardino-Balkarien, f\u00fcgte mich irgendwie in das Geschehene, war schon \nMutter von zwei Kindern geworden. Als mein Sohn gr\u00f6\u00dfer wurde, begann er \nnachzufragen: \u201eMama, warum haben wir denn keinen Opa? Wir haben viele \nOmas, aber keinen einzigen Opa\u201c. Da beschloss ich, wieder die Suche \naufzunehmen, ich dachte mir, dass er wahrscheinlich an seinen fr\u00fcheren \nWohnort zur\u00fcckgekehrt ist, und ich wollte ihn wieder finden. Ich schrieb\n einen Brief, und tats\u00e4chlich, Vater war nach Dedowsk zur\u00fcckgekehrt und \ner hatte dort eine andere Frau und ein Kind. Wieder konnten wir uns \nnicht treffen, diesmal wegen der neuen Familienverh\u00e4ltnisse, seine Frau \nhatte Angst, ihn zu verlieren, es gab dann ein Treffen, Enkel und \nGro\u00dfvater lernten sich kennen, aber das war nur kurz und wieder gingen \nwir getrennte Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter\n starb seine Frau und er war alleine, und der Sohn von dieser Frau war \nAlkoholiker, ein kranker Mensch, ich wollte mit ihm Kontakt aufzunehmen,\n er tat mir Leid, als Mensch und als Frau und als Schwester hatte ich \nMitleid mit ihm, er war ein verlorener Mensch. Er erz\u00e4hlte mir, dass sie\n ihn als Kind in der Schule geh\u00e4nselt hatten: \u201eSeht nur, das ist der \nSohn eines Verr\u00e4ters.\u201c Als ich erfuhr, dass mein Vater einen Sohn hat, \nhabe ich mich gefreut, ich dachte damals, der hat Gl\u00fcck, er w\u00e4chst bei \nseinem Vater auf, bekommt eine Ausbildung. Nun, so geht es im Leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich  m\u00f6chte Ihnen f\u00fcr alles danken, Sie sind gute Menschen. Sie k\u00f6nnen gerne  Fragen stellen, ich werde Vater alles fragen und Ihnen dann alles  schreiben, was er mir erz\u00e4hlt, vor allem von der Gefangenschaft in  Polen, in Estland und dann in Deutschland. Ich kann Ihnen auch Fotos  schicken, die ich habe abfotografieren lassen. Ich m\u00f6chte mich immer  wieder tief vor Ihren Freunden verneigen, f\u00fcr ihre G\u00fcte und Anteilnahme,  und daf\u00fcr, dass sie den Willen und den Ehrgeiz hatten, dieses Projekt  \u2013\u201eNiemand und nichts ist vergessen\u201c\u2013 zu organisieren. Sie haben mich  wirklich sehr aufgebaut, denn ich war deprimiert und traurig, weil ich  das ganze Leben nur gearbeitet und gearbeitet habe und letztendlich  leben wir nun in einer Einzimmerwohnung, haben kein Geld, um sie zu  renovieren. Ich meine damit nicht modernisieren, sondern nur das  N\u00f6tigste ausbessern. Bis vor Kurzem habe ich noch gearbeitet,  schlie\u00dflich m\u00f6chte man gut leben, so wie die anderen, so konnte ich das  Bad und die Toilette wenigstens neu machen. Aber die K\u00fcche! Nun bin ich  schon fast siebzig Jahre alt und hatte nie eine gute K\u00fcche. Aber  wenigstens k\u00f6nnen wir dank Ihnen endlich eine Waschmaschine kaufen. Noch  einmal vielen Dank, m\u00f6ge der Herr Sie segnen und besch\u00fctzen und Sie  begleiten bei Ihren guten Taten der N\u00e4chstenliebe. <\/p>\n\n\n\n<p>Grigorij Sawwatejewitsch und Galina.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Valerie Engler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew&nbsp; 22. Februar 2008, Moskauer Gebiet F\u00fcr Grigorij Sawwatejewitsch Andrejew, 1914, schreibt die Tochter Galina Grigor\u00b4jewna. Guten Tag und die allerbesten W\u00fcnsche f\u00fcr Sie, unsere unbekannten Freunde aus dem fernen Deutschland. 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