{"id":3238,"date":"2019-10-18T11:53:38","date_gmt":"2019-10-18T09:53:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3238"},"modified":"2020-06-25T16:05:18","modified_gmt":"2020-06-25T14:05:18","slug":"nikolaj-aleksejewitsch-drotik-neuer-freitagsbrief-nr-102","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/nikolaj-aleksejewitsch-drotik-neuer-freitagsbrief-nr-102\/","title":{"rendered":"Nikolaj Aleksejewitsch Drotik &#8211; Freitagsbrief Nr. 102"},"content":{"rendered":"\n<p>Der folgende Brief stammt wie jener der vorigen Woche aus den  Anfangsjahren unseres B\u00fcrger-Engagements f\u00fcr vergessene NS-Opfer aus dem  Jahr 2005.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nikolaj Aleksejewitsch Drotik<\/strong><br>Ukraine, Gebiet Donezk, Slawjansk <\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br>Dr. Gottfried Eberle, <br>Dr. Hilde Schramm und<br>Leiter des Projekts Eberhard Radczuweit,<\/p>\n\n\n\n<p>Ich  begr\u00fc\u00dfe Sie alle herzlich und w\u00fcnsche Ihnen alle Freuden des Lebens und  vor allem gute Gesundheit und Frieden. Ich m\u00f6chte Ihnen meine  Dankbarkeit f\u00fcr Ihr Engagement f\u00fcr uns ehemalige Kriegsgefangene \u00e4u\u00dfern. Ich bin sehr durch Ihre Aufmerksamkeit f\u00fcr die ehemaligen Soldaten  ber\u00fchrt. Bitte entschuldigen Sie die schlechte Schrift, meine Hand  zittert. In meiner Jugend hatte ich eine gute Schrift und jetzt zittern  die H\u00e4nde. Ich bin 85 Jahre alt (geboren am 30. Januar 1921). <\/p>\n\n\n\n<p>Kurz  etwas \u00fcber mich. Mit 18 Jahren habe ich das Technikum beendet \u2013 Beruf:  Armaturen-Mechaniker. Das hei\u00dft, ich habe Reparaturen am Kessel und an allen Maschinen der Z\u00fcge durchgef\u00fchrt. Ich habe in der Werkstatt der Station Slawjansk gearbeitet. Im Jahre 1940 wurde ich in die Armee einberufen, habe dort in der Infanterie der Stadt Rossejnyj (Litauen)  [Raseinai] im Jahr 1941 an der Grenze gedient, dort hat uns der Krieg  erwischt. Unsere Armee wurde in kleine Gr\u00fcppchen zerschlagen und ich  wurde in der N\u00e4he von Rossejnyj am 28. Juni 1941 gefangen genommen. Wir mussten zu Fu\u00df 18 km bis zur Station Widukle marschieren. Dort wurden  wir in Waggons geladen und nach Deutschland gebracht. Wir kamen in ein  Lager hinter Stacheldraht in der N\u00e4he der Grenze. Kurz danach hat man  uns in ein gro\u00dfes Lager in Fallingbostel geschickt [Stalag XIB], dort  wurden wir registriert, unsere Fingerabdr\u00fccke genommen und ich bekam die  Nummer 4209. Aus diesem Lager hat man eine Gruppe von 30 Leuten in ein Arbeitskommando bei Aspel [?] geschickt. Wir arbeiteten im Wald des Dorfes Wense, Gebiet Dorfmark [Kreis Fallingbostel], in einer sehr  sch\u00f6nen malerischen Gegend. Obwohl ich ein Kriegsgefangener war, habe ich die Natur, die Ordnung und den Wohlstand sehr bewundert. Ich habe Deutschland lieb gewonnen und als wir von den amerikanischen Alliierten  befreit wurden, h\u00e4tte ich die M\u00f6glichkeit gehabt, nicht nach Russland  zur\u00fcckzukehren \u2013 wir hatten Angst vor den stalinistischen Repressionen. Als die Frage nach der Hilfe des Roten Kreuzes f\u00fcr uns erhoben wurde,  sagte Stalin, dass er keine Kriegsgefangenen h\u00e4tte \u2013 nur Verr\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich  habe Deutschland geliebt, aber ich konnte nicht bleiben, weil ich zu  Hause meine Frau und meine Tochter hatte. Ich habe mit 19 Jahren, noch vor der Armee geheiratet. In der Waldbrigade habe ich 2 Jahre gearbeitet. Die Bedingungen waren ertr\u00e4glich, ein kleines Lager und ab und zu haben uns die Einwohner von Wense zu sich zum Arbeiten genommen. Wir haben gut gearbeitet und sie haben uns gut ern\u00e4hrt. Zwei Jahre vergingen. Dann kam wieder Fallingbostel, Waggons und man schickte uns in die Gegend von Essen, in den Schacht Carl Funke, zum Arbeitskollektiv R.53. Im Schacht habe ich unter Tage wie ein Spezialist gearbeitet.  Dann bekam ich ein Ekzem und wurde in ein Krankenhaus der Stadt Minden gebracht. Dort wurde ich geheilt und man lie\u00df mich in dem Lager als Sanit\u00e4ter arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 14. April 1945 haben uns amerikanische Truppen befreit. Ich habe das  Filtrationslager durchlaufen und wurde in eine milit\u00e4rische Einheit \u00fcberwiesen. Die Menschen, die nicht zum Dienst einberufen worden sind, wurden geradewegs nach Sibirien verschickt, zum \u201eHolzschneiden\u201c, bis zum  Jahr 1949.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in der Gefangenschaft war, wurde uns bekannt, dass Stalin seinen eigenen Sohn, der auch von den Deutschen gefangen genommen wurde, nicht  gegen Paulus eingetauscht hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde so gerne wieder nach Deutschland kommen, um die vertrauten Orte und Menschen wieder zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben Sie gesund, meine Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p>mit Hochachtung<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr N. Drotik<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Brief stammt wie jener der vorigen Woche aus den Anfangsjahren unseres B\u00fcrger-Engagements f\u00fcr vergessene NS-Opfer aus dem Jahr 2005. 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