{"id":3233,"date":"2019-10-11T10:26:56","date_gmt":"2019-10-11T08:26:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3233"},"modified":"2020-06-25T16:05:30","modified_gmt":"2020-06-25T14:05:30","slug":"mykola-kyrylowitsch-fen-neuer-freitagsbrief-nr-101","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/mykola-kyrylowitsch-fen-neuer-freitagsbrief-nr-101\/","title":{"rendered":"Mykola Kyrylowitsch Fen &#8211; Freitagsbrief Nr. 101"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Brief erreichte uns zu Beginn unseres\nB\u00fcrger-Engagements im Jahr 2005, Herr Fen war damals 88 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mykola Kyrylowitsch Fen <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ukraine,&nbsp; Gebiet Winniza<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Brief von einem ukrainischen\nKriegsgefangenen Fen Nikolaj Kirillowitsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Brief richte ich an die Gesellschaft KONTAKTE, an die Deutschen, die so nah die Schicksale der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen empfunden haben.\u00a0 Ich neige das Haupt vor den Menschen, die mich und Tausende meiner Kameraden nicht vergessen haben. Am 12.05. 2004 habe ich in der Zeitung \u201eWinnytschyna\u201c einen Artikel \u00fcber die Entsch\u00e4digungen f\u00fcr die ehemaligen Kriegsgefangenen gelesen. Ich hatte entsprechende Nachweise gesammelt und habe danach Ihre finanzielle Hilfe erhalten. Daf\u00fcr bin ich allen Spendern, ehemaligen Soldaten und ihren Familien dankbar. Wegen meines hohen Alters und der Schw\u00e4che liege ich im Bett. Ihre moralische und materielle Unterst\u00fctzung haben meine Gesundheit positiv beeinflusst. Ich finde am wichtigsten, dass ich mich nach allem, was ich \u00fcberlebt habe, nicht mehr als \u201evergessener Mann\u201c f\u00fchle. Es ist vielleicht kein Fehler, wenn ich im Namen von meinen Kameraden, Toten und noch Lebenden, spreche. Dort, hinterm Stacheldraht, konnte man keine Gerechtigkeit erwarten. Es gab nur eine Form der Gerechtigkeit, n\u00e4mlich der Tod: entweder stirbst du im Lager oder fl\u00fcchtest zu den Landsleuten, die dich sp\u00e4ter als einen Verr\u00e4ter erschie\u00dfen werden. Die Menschen starben massenhaft auf den Wegen des Krieges. Die \u00dcberlebenden blieben verzweifelt und deprimiert zur\u00fcck. Unsere Leiden, die Leiden aller V\u00f6lker w\u00e4hrend des schrecklichen Krieges 1941-1945 sind bereits ausf\u00fchrlich beschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine sp\u00e4tere Ehefrau Staruschkewitsch war damals ein junges M\u00e4dchen. Sie wurde als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt. Sie arbeitete auf einem Werk in der Stadt Esslingen-Mettingen. Der Werkbesitzer hie\u00df Julius Ortlieb. Jetzt sind wir alt und beziehen Rente. Wir haben keine Kinder. Der Staat k\u00fcmmert sich um uns, gew\u00e4hrt uns verschiedene Erm\u00e4\u00dfigungen. Ich bin der deutschen Regierung und den einfachen B\u00fcrger Deutschlands f\u00fcr die Hilfe sehr dankbar, die Sie den vom Krieg betroffenen Ukrainer \u00fcbermitteln. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor dieses Schreibens kann selbst rein physisch nicht mehr schreiben. Die Schreibarbeiten erledigt sein Neffe. Ich m\u00f6chte diese Gelegenheit nutzen und einen Fall aus den Kriegsjahre beschrieben. Ich bin Jahrgang 1939. Ich glaube, es war das Jahr 1943. Es war im Winter. Ich befand mich mit meiner Mutter in unserem Bauernhaus. Pl\u00f6tzlich sagte die Mutter, dass die Deutschen zu uns kommen. Ich sah aus dem Fenster, wie die K\u00f6pfe vor\u00fcber huschten. Die Eingangst\u00fcr knallte zu. Ich verzog mich auf den Ofen und versteckte mich. Dann blickte ich \u00e4ngstlich hinaus. Ich sah vier oder f\u00fcnf M\u00e4nner. Ich h\u00f6rte zum ersten Mal im Leben eine unbekannte Sprache. Die Deutschen setzten sich, nahmen geordnet ihr Essen und begannen Mittag. Ich wurde etwas ruhiger und begann ganz offen, die Fremden zu begucken. Die Deutschen bemerkten mich. Ein junger Soldat, der am Rande des Tisches sa\u00df, zog aus der Tasche eine Schachtel Zigaretten und begann die Zigaretten auszusch\u00fctten. Er stand auf und kam zu mir. Er gab mir diese leere Schachtel. Ich wurde pl\u00f6tzlich wieder \u00e4ngstlich und dr\u00fcckte mich in die Ecke. Der Soldat erkl\u00e4rte meiner Mutter, dass auf ihn zu Hause zwei Kinder warten. Die Deutschen a\u00dfen ihre Lebensmittel bis zu Ende und verlie\u00dfen unser Haus. Die leere Zigarettenschachtel haben meine Mutter und ich als Erinnerungsst\u00fcck aus der Kriegszeit in einen Bildrahmen gefasst. <\/p>\n\n\n\n<p>Uns Ukrainern ist bekannt, dass viele Deutsche,\nauch Soldaten, diesen Krieg nicht gew\u00fcnscht hatten. Wir respektieren die\nDeutschen, die sich f\u00fcr den Frieden und gegen den Krieg in der ganzen Welt\nk\u00e4mpfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Beste Gesundheit und viel Gl\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p><em>aus dem Ukrainischen: Ludmyla\nSchnyr<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Original (\u00dcbersetzer) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Brief erreichte uns zu Beginn unseres B\u00fcrger-Engagements im Jahr 2005, Herr Fen war damals 88 Jahre alt. Mykola Kyrylowitsch Fen Ukraine,&nbsp; Gebiet Winniza Ein Brief von einem ukrainischen Kriegsgefangenen Fen Nikolaj Kirillowitsch. 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