{"id":3059,"date":"2019-08-30T12:17:52","date_gmt":"2019-08-30T10:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3059"},"modified":"2020-06-25T16:09:28","modified_gmt":"2020-06-25T14:09:28","slug":"makar-iwanowitsch-mazkewitsch-neuer-freitagsbrief-nr-96","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/makar-iwanowitsch-mazkewitsch-neuer-freitagsbrief-nr-96\/","title":{"rendered":"Makar Iwanowitsch Mazkewitsch  &#8211; Freitagsbrief Nr. 96"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags des \u00dcberfalls Deutschlands auf Polen, haben wir einen Freitagsbrief aus dem Jahr\u00a0 2005 ausgew\u00e4hlt. Der Briefschreiber geriet als Soldat der polnischen Armee 1939 in deutsche Kriegsgefangenschaft, da er aus einem Gebiet stammte, das 1922 nach dem polnisch-sowjetischen Krieg durch den Vertrag von Riga polnisch wurde. Die polnischen Kriegsgefangenen\u00a0 wurden v\u00f6lkerrechtswidrig behandelt und &#8220;zivil geschrieben&#8221; und verloren so den Schutz des V\u00f6lkerrechts f\u00fcr Kriegsgefangene.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Belarus Gebiet Brest<br><b>Makar Iwanowitsch Mazkewitsch <\/b><\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">mit tiefer Dankbarkeit schreibt Ihnen Mazkewitsch Makar Iwanowitsch, ein Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges und&nbsp; Kriegsinvalide der 1. Gruppe. Vielen Dank f\u00fcr Ihre Sorge f\u00fcr mich, f\u00fcr einen einfachen Soldaten, f\u00fcr den B\u00fcrger eines anderen Landes. Heute bin ich sehr alt. Ich bedanke mich bei Ihnen f\u00fcr das gro\u00dfe Geld, das Sie als Geschenk zum 60. Jahrestag des Sieges \u00fcber den Faschismus \u00fcberwiesen haben. Haupts\u00e4chlich bin ich f\u00fcr Ihre Worte dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">In den letzten Jahren habe ich als ehemaliger Kriegsgefangener und sp\u00e4ter ein \u201eOstarbeiter\u201c bereits eine ausreichende Entsch\u00e4digung von der heutigen unschuldigen Generation der Deutschen erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Ich habe den Krieg und den Faschismus bereits im September 1939 kennen gelernt. Ich diente an der polnisch-tschechischen Grenze in der N\u00e4he vom St\u00e4dtchen Rabkov-Sbruj [?]. Dort wurde ich gefangen genommen und war in einigen KZs. F\u00fcr das ganze Leben habe ich die Qu\u00e4lerei der KZs im Ged\u00e4chtnis behalten. Wir haben eine unsinnige und unertr\u00e4glich schwere Arbeit geleistet. Wir wurden mit erfrorenen Steckr\u00fcben ern\u00e4hrt. Die Nacht haben wir in den unbeheizten Baracken verbracht und haben direkt auf den Holzbrettern geschlafen. Jeden Morgen wurden aus der Baracke ein paar Leichen weggeschleppt. Das kann man nicht vergessen. Das Leben bei den Bauern sah hingegen nicht wie eine Zuchthausstrafe [Originalausdruck d.\u00dcbers.] aus. Die Bauern haben uns, Soldaten einer feindlichen Armee, menschlich behandelt. F\u00fcr das ganze Leben habe ich einen Namen im Kopf behalten: Emil Skrublin. Sein Sohn hatte an der Ostfront gedient und fiel etwa im Jahre 1941 oder 1942. Trotzdem war unser Arbeitgeber nicht b\u00f6se. Wir waren doch einfache gefangene Soldaten. Er hat verstanden, wer an diesem blutigen Krieg schuldig ist. Als sein Sohn noch am Leben war und sich unweit vom Wohnort meiner Familie befand, besuchte er meine Eltern in einem Dorf bei Baranowitschi und berichtete \u00fcber meinen Aufenthaltsort. Sp\u00e4ter beschrieb er das Leben meiner Eltern in seinem Brief an seinen Vater. W\u00e4hrend unserer Arbeit bei den Bauern wurde uns erlaubt, orthodoxe Feste zu feiern. Wir wurden gut ern\u00e4hrt. Das hat uns eine \u00dcberlebenschance gegeben. Nat\u00fcrlich haben nicht alle dieses Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Zum zweiten Mal bin ich dem Krieg begegnet, als ich nach der Befreiung der Stadt Klajpeda durch die Sowjettruppen in die Rote Armee einberufen worden bin. In den Reihen der 1. Baltischen Front habe ich bei K\u00f6nigsberg gek\u00e4mpft. Es ist schwer, mit Worten zu \u00fcbermitteln, was ein Mensch f\u00fchlt, der ohne \u00dcbertreibung \u00fcber Leichen rennen soll [russ. feste Reedewendung, d.\u00dcbers.]. Die Geschosse explodierten ununterbrochen. Es gab kein Versteck. Die Verletzten konnten nicht in Sicherheit gebracht werden. Im Februar 1945 bin ich auch verletzt worden. Dann habe ich zahlreiche Krankenhausaufenthalte gehabt. Den Tag des Sieges habe ich in einem Spital im Gebiet Tula gefeiert. Der Krieg war zu Ende. Die Menschen haben noch viele Jahre gelitten. Manche Familien leiden auch heute, weil \u00fcber Schicksale ihrer Verwandten nichts wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Zum dritten Mal habe ich erfahren, was der Krieg und der Faschismus bedeuten, als ich nach Hause, nach Wei\u00dfrussland in den Bezirk Baranowitschi, zur\u00fcckkehrte. Alle wissen aus der Geschichte, dass w\u00e4hrend des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges 1941-1944 jeder vierter Einwohner Wei\u00dfrusslands ums Leben kam. Das ist aber nur Statistik. Als ich nach Wei\u00dfrussland zur\u00fcckkam, habe ich zahlreiche zerst\u00f6rte St\u00e4dte, niedergebrannte verw\u00fcstete D\u00f6rfer gesehen. Viele D\u00f6rfer und Ortschaften standen einfach leer, weil viele Juden umgebracht wurden. Vor dem Krieg gab es bei uns viele Juden. Wer konnte eine solche Idee entwickeln, das ganze Volk nur nach dem Prinzip der ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit zu vernichten! Die Wei\u00dfrussen, die Juden und die Polen haben sich gegenseitig geehrt, haben im Frieden gelebt. Niemand hat etwas Schlechtes getan. Die Massenvernichtung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung ist eine schreckliche Trag\u00f6die des Krieges. Rund um Baranowitschi waren unz\u00e4hlige Massengr\u00e4ber mit zivilen Opfer zu sehen. Dort wurden auch einige verschleppte und erschossene Tschechen bestattet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Was kann ich noch sagen? Krieg ist Krieg. Ich meine, die zivilisierten Menschen d\u00fcrfen keine Kriege f\u00fchren. Das hat die Zeit bewiesen. Die Sowjetarmee und die Alliierten haben die faschistische Armee besiegt. Die Deutschen haben mit eigener Kraft auf den Ruinen des Dritten Reiches einen wohlhabenden Staat gebaut. Die Deutschen haben die Ideologie des Krieges endg\u00fcltig besiegt. Nicht zuf\u00e4llig sammeln heute die guten Menschen in Deutschland das Geld f\u00fcr die Kriegsveteranen aus der ehemaligen Sowjetunion. Nicht zuf\u00e4llig sch\u00e4men sie sich. Sie m\u00fcssen auf ihre Erfolge stolz sein. Zugleich ist der Zweite Weltkrieg nicht zu vergessen. Jedes Zeichen des Wiederbelebens der neofaschistischen Bewegungen in Europa und in den L\u00e4ndern der ehemaligen Sowjetunion muss bek\u00e4mpft werden. Der Preis f\u00fcr die falsche Ideologie des Faschismus war zu hoch, um eine Wiederholung des Geschehens zuzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Wie lebte ich nach dem Krieg? Man kann sagen, gut. Ich, Jahrgang 1909, ehemaliger polnischer Soldat, Kriegsgefangener, Ostarbeiter, Rotarmist, der auch eine Verletzung und lange Behandlung \u00fcberlebte, habe heute ein hohes Alter. Jetzt bin ich 96 Jahre alt. Nach dem Krieg habe ich eine Familie gegr\u00fcndet und lebte mit meiner Ehefrau 57 Jahre zusammen. Heute lebt sie nicht mehr. Mein Sohn ist mit einer Behinderung geboren. Ich habe auch eine Tochter, die als \u00c4rztin arbeitet. Mein Stiefsohn ist auch ein Arzt. Ich habe zwei Enkel. Der j\u00fcngste Enkel studiert Medizin. Ich habe ein gutes Haus und eine gute Rente. Ich kann also weiterleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Ich m\u00f6chte noch einmal meine Dankbarkeit f\u00fcr Ihre Worte und f\u00fcr Ihr Geldgeschenk aussprechen. Ich w\u00fcnsche Ihnen alles Gutes und ein gutes Gelingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Beste W\u00fcnsche f\u00fcr die Deutschen von einem ehemaligen Soldat Mazkewitsch Makar Iwanowitsch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\">Baranowitschi, im Mai 2005<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ox-87a024e703-western\"><i>(Unterschrift) <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 80. Jahrestags des \u00dcberfalls Deutschlands auf Polen, haben wir einen Freitagsbrief aus dem Jahr\u00a0 2005 ausgew\u00e4hlt. 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