{"id":3039,"date":"2019-08-23T13:31:07","date_gmt":"2019-08-23T11:31:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3039"},"modified":"2020-06-25T16:10:03","modified_gmt":"2020-06-25T14:10:03","slug":"wladimir-danilowitsch-makarewitsch-neuer-freitagsbrief-nr-95","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wladimir-danilowitsch-makarewitsch-neuer-freitagsbrief-nr-95\/","title":{"rendered":"Wladimir Danilowitsch Makarewitsch &#8211; Freitagsbrief Nr. 95"},"content":{"rendered":"\n<p>Diesen Brief erhielten wir 2012.&nbsp; Wir haben bis jetzt gez\u00f6gert, ihn \nzu ver\u00f6ffentlichen, weil&nbsp; dies ein Beispiel daf\u00fcr ist, wie Erinnerungen \nsp\u00e4ter durch neue Berichte und Bilder&nbsp; \u00fcberformt uns eingeordnet werden.\n Wir f\u00fcrchteten, dass die Anmerkungen die Wahrnehmung des gesamten \nBerichts negativ beeinflussen k\u00f6nnten.&nbsp; Herr Makarewitsch und seine Frau\n sind vor einigen Monaten gestorben, und wir haben der Tochter \nversichert, dass wir&nbsp; den Bericht zum Gedenken ver\u00f6ffentlichen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb hier die Anmerkungen: Die sowjetischen Kriegsgefangenen  blieben bis auf Sonderf\u00e4lle &#8211; Bestrafung, Aussonderung von Juden und  &#8220;politisch nicht Tragbaren&#8221; &#8211; im Gewahrsam der Wehrmacht in Stalags (Kriegsgefangenenmannschaftsstammlagern)  und wurden im Allgemeinen von Landessch\u00fctzen bewacht. Es gab keine  Verbrennung von Verstorbenen und keine Bewachung durch SS. Adressiert ist der Brief an unseren fr\u00fcheren Kollegen Dmitri Stratievski.<br> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wladimir Danilowitsch Makarewitsch <\/strong><br><strong>Ukraine, Gebiet Shitomir<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag, Dmitrij!<\/p>\n\n\n\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe sendet Ihnen Galina Wladimirowna. Ich schreibe diesen Brief nach den Worten meines Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde 1921 in einer kinderreichen Familie auf einem Bauernhof  geboren. Wir waren neun Kinder. Ich war das siebte Kind. Meine Schule  war im Nachbardorf. Ich habe vier Schulklassen abgeschlossen, dann bin  ich nicht mehr zur Schule gegangen, denn ich musste zu Hause auf dem Hof  helfen. Die \u00e4lteren Kinder lebten schon selbstst\u00e4ndig, hatten eigene  Familien.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich \u00e4lter war, begann ich bei der Eisenbahn zu arbeiten. Ein Jahr  oder anderthalb Jahre habe ich an der Bahnlinie gearbeitet, bis ich im  Oktober 1940 in die Armee eingezogen wurde. Ich kam gleich zum Dienst in  die Republik Litauen, nach Rietavas im Gebiet \u0160iauliai (18-20 km von  der deutschen Grenze entfernt).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dienst verlief zuerst normal, aber am 20. Juni 1941 wurde unser  ganzes Regiment direkt an die deutsche Grenze verlegt. Am 21. Juni  bekamen wir die Anordnung, Sch\u00fctzengr\u00e4ben auszuheben. Niemand wusste  irgendetwas, obwohl wir ahnten, dass etwas passieren w\u00fcrde. In der Nacht  auf den 22. Juni hatte ich Wache. Um 2:30 Uhr flogen deutsche Flugzeuge  \u00fcber sowjetisches Gebiet, und um 4:00 Uhr folgte die Kriegserkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen beschossen unsere Zelte und schon um vier Uhr morgens  hatten wir Verwundete und Tote zu beklagen. Wir traten den R\u00fcckzug an.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit drei anderen wurde ich zum Erkunden losgeschickt. Das war am 5.  oder am 7. Juli, wir waren schon von den Deutschen eingekesselt, und am  10. Juli wurden wir Vier von den Deutschen gefangen genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt \u0160iauliai [Stalag 336 Schaulen] hatten sie bereits Lager  eingerichtet, in denen schon Tausende Gefangene waren. Die litauischen  Bauern suchten sich aus diesen Lagern Kriegsgefangene zur Arbeit in der  Landwirtschaft aus. Auch ich kam zum Arbeiten zu einem Bauern, er hie\u00df  Anton Lunskis. Ich habe bei ihm bis November 1941 gearbeitet. Es ging  mir sehr gut bei ihm. Er hatte Mitleid mit mir, verpflegt mich gut und  behandelte mich wie den eigenen Sohn, obwohl er viel \u00e4lter war als ich.  Weglaufen hatte keinen Sinn, die Deutschen oder Litauer h\u00e4tten mich  get\u00f6tet, deshalb habe ich so gut gearbeitet wie ich konnte. Als die  Deutschen mich wieder abholen wollten, da bezahlte der Bauer f\u00fcr mich  nochmal f\u00fcr zwei Wochen, aber danach nahmen mich die Deutschen dann doch  mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurden tausende Gefangene in Z\u00fcgen nach Deutschland deportiert und  kamen ins KZ. Dort gab es ein KZ, in dem Tag und Nacht Menschen  verbrannt wurden. Aber ich blieb dort nicht lange. Ich wurde mit 80 oder  100 anderen Gefangenen nach Hamburg gebracht, und dort mussten wir am  Hafen arbeiten und Schiffe be- und entladen. Wir wurden von Einheiten  der SS bewacht, von jungen Soldaten. Sie schlugen uns oft und  schikanierten und dem\u00fctigten uns. Unsere Verpflegung bestand aus R\u00fcben  und Wasser. Sie zwangen uns Gras zu essen wie das Vieh. Die Gefangenen  a\u00dfen Gras und die Deutschen lachten. Wir schliefen in Stockbetten. Es  gab keine Matratzen, wir schliefen auf dem Bettgestell. Auch Toiletten  gab es keine, wir mussten unsere Notdurft in K\u00fcbeln in den Baracken  verrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war Anfang 1942. Und es ging so weiter bis Ende 1942\/ Anfang 1943.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurden die Wachen ausgetauscht. Die SS-M\u00e4nner wurden abgezogen und  wir wurden nun von ehemaligen Frontk\u00e4mpfern bewacht. Das waren schon  etwas \u00e4ltere M\u00e4nner.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an wurde unsere Verpflegung besser. Wir arbeiteten auf Schiffen  aus Schweden, D\u00e4nemark, Holland, Belgien, Finnland und Norwegen. Anfangs  luden wir Holz, Zement und Kohle aus, sp\u00e4ter auch alle m\u00f6glichen  Lebensmittel (1942-43), und da hatten wir es besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir f\u00fcllten unsere Taschen, die Wachen beobachteten uns nicht immer,  wir arbeiteten selbstst\u00e4ndig. Die Schiffsbesatzungen aus den  verschiedenen L\u00e4ndern behandelten uns sehr gut. Sie kochten uns etwas zu  essen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Baracken gab es 1943 schon saubere W\u00e4sche, die jede Woche  gewechselt wurde. Es wurden auch Toiletten eingerichtet, und in den  Baracken war es sauber. Und so haben wir dann bis zum Kriegsende  gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa am sechsten oder siebten Mai 1945 wurden siebzig Mann abgez\u00e4hlt  und wir mussten losmarschieren, von vier Soldaten bewacht \u2013 wohin,  wussten wir nicht. Wir marschierten von acht Uhr morgens bis elf Uhr  abends und legten 35 Kilometer zur\u00fcck. Dann erfuhren wir, dass wir kurz  vor Magdeburg waren. Die Wachen sperrten uns dort in einen Schuppen ohne  Fenster. Sogar das Dach war vernagelt, damit niemand fliehen konnte.  Als sie uns dort einsperrten, dachten wir: Jetzt z\u00fcnden sie uns an, das  ist unser Ende. Aber die Wachen sperrten einfach ab und gingen weg.  Gegen Morgen fuhren Panzer vor dem Schuppen vor. Wir h\u00f6rten an den  Gespr\u00e4chen, dass es keine Deutschen waren. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass es  Amerikaner und Engl\u00e4nder waren. Wir begannen zu schreien und zu klopfen.  Sie sperrten den Schuppen auf und wir waren frei. Wir wurden gleich  gewarnt: Auf Pl\u00fcnderung, Mord und Vergewaltigung steht der Tod durch  Erschie\u00dfen \u2013 alles andere steht euch frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie boten uns an, nach England oder Amerika zu emigrieren. Die  Versuchung war nat\u00fcrlich gro\u00df und einige von uns willigten ein, da sie  Angst hatten, dass die Sowjetunion uns nicht aufnehmen w\u00fcrde. Als ich  zur Armee gegangen war, hatte meine Mutter mich mit einer Ikone gesegnet  und gesagt: \u201eSo wie du dieses Haus verl\u00e4sst, so sollst du auch in  dieses Haus wieder zur\u00fcckkommen.\u201c Und so wollte ich in die Heimat  zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie brachten uns in Kasernen, in denen vorher Deutsche gelebt hatten,  gaben uns Bettzeug und viermal am Tag Essen. Dort waren mehrere tausend  ehemalige Kriegsgefangene. Dann kamen russische Offiziere, wir wurden  auf Autos verladen und in die Zone gebracht, in der nur sowjetische  Truppen waren, aber noch in Deutschland. Dort lie\u00dfen die Russen etwa  20000 Mann zu einer Kolonne antreten und wir gingen von dort zu Fu\u00df in  die UdSSR. Wir gingen Ende Mai 1945 los und kamen im November in Tula  an. Dort durchliefen wir die sowjetische Sonder\u00fcberpr\u00fcfung. Die Verh\u00f6re  wurden nur nachts durchgef\u00fchrt. Es gab viele, die w\u00e4hrend der  \u00dcberpr\u00fcfung verschwanden und wir haben sie nie wiedergesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich wurde dreimal zum Verh\u00f6r gef\u00fchrt. Nach der \u00dcberpr\u00fcfung, nach  etwa zwei bis drei Wochen, wurde ich mit 30 oder 35 anderen mit dem Zug  zur Arbeit nach Moskau gebracht. Dort lebten wir schon als freie  Menschen. Wir wohnten im Wohnheim und arbeiteten vor allem auf dem Bau.  Das war Ende 1945\/ Anfang 1946. Ende Oktober 1946 bekam ich endlich  Urlaub und konnte nach Hause fahren.<\/p>\n\n\n\n<p>So kehrte ich also nach exakt sechs Jahren nach Hause zur\u00fcck. Ich hatte  einen Monat Urlaub. Aber ich fuhr danach nicht mehr zur\u00fcck nach Moskau.  Ich hatte zwar keine Papiere, aber daf\u00fcr war ich endlich zu Hause. Erst  sp\u00e4ter bekam ich einen neuen Pass. Ich wurde gesucht, weil ich zur\u00fcck  zur Arbeit sollte, aber ich hielt mich versteckt. Aber am 6. Januar 1948  wurde ich dann doch entdeckt. Ich war schon verheiratet und mein Sohn  war drei Monate alt. Der \u00f6rtliche Polizist brachte mich in die  Bezirksstadt aufs Polizeirevier. Der Polizeichef unterhielt sich mit mir  und befragte mich nach den letzten Jahren. Als ich alles erz\u00e4hlt hatte,  sagte er: \u201eHier, nimm dein Armeebuch und geh, du hast deine Zeit schon  abgedient und genug gelitten. Eigentlich sollte ich Dich f\u00fcr f\u00fcnf Jahre  ins Gef\u00e4ngnis sperren, weil du eigenm\u00e4chtig den Arbeitsplatz verlassen  hast, aber ich kann es einfach nicht.\u201c Von da an war ich endlich frei  und konnte mir einen neuen Pass ausstellen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe noch eine Weile bei meinen Eltern gelebt. 1950 wurde dort auch  mein zweiter Sohn geboren. Dann haben wir uns ein eigenes Haus gebaut  und wohnten allein, nicht mehr auf dem Hof, sondern im Dorf. 1956 kam  unsere Tochter zur Welt. Zu der Zeit arbeitete ich schon als  Gleisarbeiter an der Bahnlinie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe bis 1982 bei der Bahn gearbeitet, dann bin ich in Rente gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Zeit waren alle mit gegen\u00fcber misstrauisch, weil ich in  der Gefangenschaft gewesen war und ich wurde nicht sehr gut behandelt.  Aber irgendwann Ende der 70er Jahre wurde ich ins  Gebietswehrkommissariat bestellt und ich bekam einen Ausweis als  Kriegsteilnehmer. Als ich diesen Ausweis in der Personalabteilung  vorlegte, da hat sich der Personalchef bei mir vielmals daf\u00fcr  entschuldigt, dass er mich so behandelt hat, nur weil ich in  Gefangenschaft war. Danach wurde ich schon ganz anders behandelt. Ich  wurde auch zu Veranstaltungen am Tag des Sieges eingeladen und bekam  Auszeichnungen. Und als ich im Jahr 2011 neunzig Jahre alt geworden bin,  da ist eine Kommission zu mir nach Hause gekommen und hat mir eine  Bescheinigung ausgestellt, dass ich Kriegsinvalide ersten Grades bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute werde ich von allen sehr gut behandelt, sowohl von Seiten der Bezirksverwaltung als auch vom Dorfsowjet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lebe alleine mit meiner Frau. Sie ist 84 Jahre alt, wir leben schon  66 Jahre zusammen. Unsere Kinder und Enkel besuchen uns. Ich habe vier  Enkel und acht Urenkel. Leider haben wir aber unseren zweiten Sohn im  Jahr 1997 verloren, er war 46 Jahre alt. Wir trauern sehr um ihn, aber  das Leben geht weiter und wir m\u00fcssen leben, so lange Gott es f\u00fcr uns  vorgesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re alles. Es w\u00fcrde mich sehr freuen, falls mein Bericht f\u00fcr Sie interessant sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p> Mit den besten Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n\n\n\n<p> Wladimir Danilowitsch<\/p>\n\n\n\n<p> <em>Aus dem Russischen von Valerie Engler<\/em><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Brief erhielten wir 2012.&nbsp; Wir haben bis jetzt gez\u00f6gert, ihn zu ver\u00f6ffentlichen, weil&nbsp; dies ein Beispiel daf\u00fcr ist, wie Erinnerungen sp\u00e4ter durch neue Berichte und Bilder&nbsp; \u00fcberformt uns eingeordnet werden. 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