{"id":3034,"date":"2019-08-16T12:11:03","date_gmt":"2019-08-16T10:11:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=3034"},"modified":"2020-06-25T16:10:13","modified_gmt":"2020-06-25T14:10:13","slug":"jewdokimow-leonid-nikolajewitsch-neuer-freitagsbrief-nr-94","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/jewdokimow-leonid-nikolajewitsch-neuer-freitagsbrief-nr-94\/","title":{"rendered":"Jewdokimow Leonid Nikolajewitsch  &#8211; Freitagsbrief Nr. 94"},"content":{"rendered":"\n<p>Auch dieser Freitagsbrief\u00a0 stammt aus den Anf\u00e4ngen unseres B\u00fcrger-Engagements f\u00fcr &#8220;vergessene&#8221; NS-Opfer, n\u00e4mlich aus dem Jahr 2005. Er wurde bisher von uns nicht ver\u00f6ffentlicht, weil er uns f\u00fcr dieses Format zu lang erschien. Er ist einer wer wenigen, die auch \u00fcber Kontakte zu anderen Kriegsgefangenen berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>94. Neuer Freitagsbrief<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jewdokimow Leonid Nikolajewitsch <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gebiet Odessa<br>Ismail, Mai 2005<\/p>\n\n\n\n<p>Verehrte Freunde,<\/p>\n\n\n\n<p>es ist schwer, sich an Dinge zu erinnern, die\nmehr als sechzig Jahre zur\u00fcck liegen, aber wenn es sein muss, kann man sich\neiniges ins Ged\u00e4chtnis rufen:<\/p>\n\n\n\n<p>Lang ist es her, und doch scheint es mir, <br>als sei\u2019s erst gewesen: fr\u00fchmorgens um vier<br>An jenem zweiundzwanzigsten Juni,<br>hat man Kiew bombardiert <br>und uns informiert, <br>dass Krieg begonnen hat bei uns hier!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abschlussabend in der Mittelschule Nr. 2 von\nDnjepropetrowsk war am 21. Juni 1941. Den Tag begr\u00fc\u00dften wir am Dnjepr, ohne zu\nwissen, dass bereits Krieg war. <\/p>\n\n\n\n<p>Man riss uns um 11 Uhr 45 aus dem Schlaf, als\nMolotow im Radio sprach. Als Instrukteur der GS[Feldscherkurs]\nschickte man mich zur Feuerwehr, um Erste-Hilfe-Kurse zu geben. Stellen Sie\nsich vor, ein blutjunger Kerl unterrichtet gestandene M\u00e4nner! Aber das dauerte\nnicht lange. Von der Milit\u00e4rkommandantur kam der Einberufungs\u00adbefehl. <\/p>\n\n\n\n<p>Melitopoler Flugschule, Ausbildung zum\nBeobachtungsflieger. Transport von Bomben zu den Feldflugpl\u00e4tzen. Evakuierung\nnach Novousensk, Unterbringung in einem Schulgeb\u00e4ude. Intensive Boden\u00fcbungen,\nfast gar keine Fl\u00fcge. Im Fr\u00fchjahr lie\u00dfen sie von 3 Abteilungen eine \u00fcbrig, uns\nschickten sie \u00fcber das 72. SSP [Pioniereinheit] auf die Halbinsel Kertsch, wo\ndie Vorbereitungen f\u00fcr einen Angriff zur Befreiung von Sevastopol im Gang\nwaren. Auf der Halbinsel Kertsch und auf der Landenge konzentrierten sie zwei\nInfanteriearmeen und eine Luftarmee, verga\u00dfen dabei aber das Hinterland und die\nversetzten Truppenanordnungen an der Front. Ein Angriff der Deutschen auf der\nLandenge, eine kleine Schaluppenlandungstruppe (zwei Kompanien) hinter der\nFront, und alles ging schief. Der Kommandant, ich glaube Koslow, und Mechlis\nvom Hauptquartier sowie einige andere hohe Offiziere setzten sich rechtzeitig\nin Flugzeugen ab, w\u00e4hrend wir &#8230; einzelne Widerstandsherde konnten sich nicht\nlange halten. Wir versteckten uns in den Steinbr\u00fcchen von Adshimuschkai und in\nden unterirdischen Rohrleitungsg\u00e4ngen der Wojkov-Fabrik, aber wir wurden von\ndort vertrieben durch das Meerwasser oder sie bet\u00e4ubten uns mit giftigem Rauch\nund zogen uns danach halbtot heraus. <\/p>\n\n\n\n<p>Zehntausende gefangener Soldaten und Offiziere\nmussten in einer riesigen Kolonne von der Halbinsel Kertsch zu Fu\u00df durch die ganze\nKrim bis nach Dshankoj marschieren, wo man uns in Viehwagen steckte und durch\ndie ganze Ukraine bis nach Rowno brachte, wo ein gro\u00dfes Durchgangslager\nerrichtet worden war. Dort begann es schon, dass wir EINMAL warmes Essen\nbekamen, wenn sie einen Kessel hatten. Von dort jagten sie uns zu Gelegenheits\u00adarbeiten\nin die Stadt. Dort konnten wir Kontakt mit der Bev\u00f6lkerung aufnehmen. Der\nHunger ist ein wildes Tier, und wir tauschten alles, was wir hatten, gegen\nLebensmittel. Ich tauschte meine Uhr und meinen englischen Tuchmantel ein, &#8211;\nwas sollte er mir auch n\u00fctzen im Sommer? Einige Wochen sp\u00e4ter wurden wir wieder\nin einen G\u00fcterzug verladen und nach Deutschland gefahren. Dass wir auch etwas\nessen mussten, dar\u00fcber hatten sich die Deutschen keine Gedanken gemacht. Einmal\nam Tag \u00f6ffneten sie die Waggont\u00fcren und warfen uns ein paar Kohlstr\u00fcnke,\nSteckr\u00fcben oder Kohlrabi hinein, um die sofort eine Rauferei begann, und die\nDeutschen, die das mit ansahen, lachten sich halbtot dar\u00fcber. So kamen wir ins\nReich, wie durch ein Wunder noch alle am Leben, wenn auch nur halb. <\/p>\n\n\n\n<p>Einige Wochen befanden wir uns in einem riesigen\nDurchgangslager [Stalag IVB\/M\u00fchlberg]. Hier hatte es den Anschein, als wollten\nsie uns zu essen geben, immerhin sp\u00fcrten wir den Geschmack von warmem Essen und\nerholten uns ein wenig. Hier begannen sie auch Gruppen zu formieren und in\nArbeitslager zu schicken. Sie hatten daf\u00fcr eine spezielle Methode: sie f\u00fchrten\nuns auf einen Platz und sagten uns, wir sollten 15 bis 20 Meter laufen. Wer das\nschaffte, wurde in eine Gruppe gesteckt, wer es nicht schaffte, blieb im Lager.\nIn dieser Zeit hattest du nur einen Gedanken: Wie \u00fcberleb\u2018 ich das? Und noch\netwas dr\u00fcckte uns zu Boden: wir wussten von dem Befehl Stalins \u201eNicht einen\nSchritt zur\u00fcck\u201c und davon, dass es in der Roten Armee keine Gefangenen, sondern\nnur Verr\u00e4ter gab. Dieser Gedanke bedr\u00fcckte uns w\u00e4hrend der gesamten\nGefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe die Pr\u00fcfung bestanden \u2013 ich habe die 20\nMeter geschafft. Wieder in den Zug und irgendwohin. Wenn mich mein Ged\u00e4chtnis\nnicht tr\u00fcgt, stiegen wir am Bahnhof Reuder [?]aus, in dessen N\u00e4he ein gro\u00dfes\nArbeitslager war. Wir bauten irgendeine Stra\u00dfe. Wir s\u00e4gten, schleppten Balken,\nverluden und schleppten Steine, ausruhen lie\u00dfen uns die Wachtposten nicht.\nDreimal t\u00e4glich gab es zu essen. Das Mittagessen brachte uns eine B\u00e4uerin auf\neinem Wagen direkt zur Arbeit. Wie kalorienreich das Essens war, zeigen diese\nFakten: ich bin 178 cm gro\u00df und habe nach einigen Monaten dort noch 45 kg\ngewogen. Die Leute starben wie die Fliegen. Du legst dich mit Lebenden schlafen\nund wachst unter Toten auf. Das erschreckte sogar die Deutschen: es wurde eine\nKommission von Offizieren zu uns geschickt. Ich wei\u00df nicht, ob sie bei der\nLagerleitung irgendetwas \u00fcberpr\u00fcften, uns jedenfalls untersuchten sie speziell.\nWir kamen in einen Raum, wo einige Offiziere am Tisch sa\u00dfen, sie kn\u00f6pften uns\ndie Hosen auf und lie\u00dfen sie runter, nach einer fl\u00fcchtigen Untersuchung gingen\nsie hinaus. Was sie untersucht und festgestellt haben, wei\u00df ich nicht\n(vielleicht haben sie Juden gesucht?), aber mich schickten sie danach ins\nKrankenhaus. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Lager konnte man auch auf der Arbeit\nkeinen Kontakt mit der Bev\u00f6lkerung aufnehmen. Die Wachhabenden schlugen uns mit\nGewehrkolben auf den R\u00fccken, wenn wir aus der Reihe ausscherten (w\u00e4hrend des\nMarsches liefen einige raus und sammelten R\u00fcbenst\u00fccke und stopfen sie sich in\nden Mund) oder beim Essen die Kartoffeln direkt mit Schale a\u00dfen. Daf\u00fcr bekam\ndas Russenschwein ordentlich Schl\u00e4ge. Aber das geschah nicht aus Mangel an\nManieren, sondern aus schierem Hunger!<\/p>\n\n\n\n<p>Hospit\u00e4ler, Reviere, Krankenh\u00e4user \u2013 ich wei\u00df\nschon gar nicht mehr ihre Namen. Ich war in einigen davon. Die Pfleger waren\nRussen, die \u00c4rzte Franzosen, die Aufpasser Deutsche. Die Atmosph\u00e4re war in\nOrdnung, auch wenn es praktisch keine Behandlung gab. Die Deutschen f\u00fcrchteten\ndie Tuberkulose wie die Pest, deshalb war in allen Revieren das R\u00f6ntgen\nobligatorisch. Verd\u00e4chtige wurden sofort irgendwohin geschickt. Zu Essen gab es\nauch hier viel zu wenig. Im letzten Revier hatte ich Gl\u00fcck: ich traf einen\nPfleger, der wie ich aus Dnjepropetrowsk stammte und mir ein wenig mehr\nzusteckte. Nach einigen Monaten \u201eBehandlung\u201c schickte man mich zu einer\nleichteren Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Man brachte mich in die Stadt Oberlungwitz. Das\nArbeitslager war in einem gro\u00dfen Saal irgendeines Kaffeehauses untergebracht.\nZweist\u00f6ckige Betten, die Matratzen und das Bettzeug mit Stroh gef\u00fcllt,\nWolldecken, Tische und B\u00e4nke zum Essen, &#8211; das war die ganze Einrichtung. Einen\nHof gab es nicht, man lie\u00df uns nicht hinaus. Im Lager waren \u00fcber hundert\nPersonen, die verschiedene Arbeiten verrichten mussten. Ich kam zu einer\nGruppe, die im Nachbarst\u00e4dtchen Hohenstein arbeitete, wir mussten dort einen\ngro\u00dfen Hof der Textilfabrik Robert K\u00f6tz (f\u00fcr die Richtigkeit der Schreibweise\nkann ich mich nicht verb\u00fcrgen) in Ordnung bringen. Der Platz wurde geebnet,\nAbwasserrohre wurden verlegt, der Platz wurde mit Schotter und Kies aufgef\u00fcllt,\nobenauf wurde feink\u00f6rniger Sand gesch\u00fcttet. Nach unserer Ankunft auf der Arbeit\nentfernte sich der Soldat und wir unterstanden einem Deutschen, den wir Meister\nnannten, und seinem Gehilfen. Die Zivilbev\u00f6lkerung behandelte uns wie Menschen,\nFeindseligkeit oder Hochmut bekamen wir nicht zu sp\u00fcren. <\/p>\n\n\n\n<p>Von folgendem Vorfall will ich berichten: Meine\nStiefel waren zerrissen, ich hatte keine Schuhe mehr zum Gehen. Man gab mir\ngrobe Holzpantinen. Sind Sie noch nie in solchen Schuhen gegangen? Versuchen\nSie es, sagte der Meister zu mir. Als er sah, dass ich mir mit diesen Schuhen\ndie F\u00fc\u00dfe verderbe, fragte er offenbar in der Nachbarschaft nach und trieb\neinige Paar richtiger Schuhe auf. Ein Paar passte mir und ich zog sie anstelle\nder Pantinen an. An diesen Vorfall erinnere ich mich voller Dankbarkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt Lichtenstein erkrankte ein\nfranz\u00f6sischer Kriegsgefangener, der einem Bauern in der Wirtschaft geholfen\nhatte. Man schickte mich dorthin. Ich bin in der Stadt aufgewachsen und kenne\nmich mit landwirtschaftlichen Arbeiten nicht aus, aber es blieb mir nichts\nanderes \u00fcbrig. Ich machte die St\u00e4lle sauber, mistete bei den K\u00fchen und Pferden\naus, pflegte sie, machte sie sauber und spannte an, nur pfl\u00fcgen konnte ich\nnicht und sie haben mir das nachgesehen und mich nicht gezwungen. Die Tochter\ndes Bauern, Ruth, lenkte den Pflug, und ich f\u00fchrte die Pferde an der Leine.\nAnfangs begegneten sie mir misstrauisch. Ich wohnte im Lager, das Essen bekam\nich beim Bauern. Zuerst setzten sie mich separat: aus dem B\u00fcffet wurde ein\nBrett herausgezogen, das als Tisch diente. Aber nach einigen Tagen \u2013\nwahrscheinlich, als sie merkten, dass ich \u00fcber alle allgemein-menschlichen\nQualit\u00e4ten verf\u00fcge \u2013 setzten sie Alex \u2013 so nannten sich mich \u2013 an den\ngemeinsamen Tisch. Ich blieb etwa zwei Monate dort, dann schickten sie mich\nnach Oberlungwitz zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p>Ende 1943 hatte ich wahnsinniges Gl\u00fcck. In der\nStadt Meerane war eine kleine Fabrik, die Weinbrennerei Ewald Rothe und\nCompany; damals machten sie Schnaps f\u00fcr die Armee. Dort arbeiteten f\u00fcnf\nrussische Kriegsgefangene und ein Italiener, Gino. Einer von den Unseren\nbetrank sich, daraufhin nahmen sie ihn heraus und schickten mich hin. Gegen\u00fcber\nauf der anderen Stra\u00dfenseite war eine kleine Gie\u00dferei, in der unser\nArbeitslager untergebracht war, in zwei R\u00e4umen im Erdgeschoss und im 1. Stock\n(wiederum 2-st\u00f6ckige Holzbetten, mit Stroh gef\u00fcllte Matratzen und Bettzeug, Wolldecken)\nWir waren etwa drei\u00dfig Personen, die in verschiedenen Betrieben arbeiteten:\neinige in der Gie\u00dferei, einige in der Weinbrennerei, es gab auch Schuhmacher\nund Schneider. Die Wache bestand aus drei Soldaten und einem Gefreiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Arbeit war weder kompliziert noch\nschwierig: wir wuschen Flaschen und Ballons, luden Leergut ab und auf, trugen\nBriketts f\u00fcr den Dampfkessel, f\u00fcllten den Schnaps ab, verschlossen die Flaschen\nund packten die Flaschen schlie\u00dflich in Kisten. In der letzten Zeit, als die\nTotale Mobilmachung im Gange war, wurde ich Gehilfe des Fahrers Erich (er war\n\u00fcber 60), und wir brachten Kisten mit Spiritus in die L\u00e4den. <\/p>\n\n\n\n<p>Der ganze Vorteil der Arbeit in dieser Fabrik\nbestand darin, dass man \u00fcberhaupt nicht auf uns aufpasste, wir bewegten uns\nfrei in dem Keller, der voll war mit Weinf\u00e4ssern (daraus wurde Schnaps\ngemacht), mit Schnaps, verschiedenen S\u00e4ften und gekochtem Zucker. Der Zucker\nwurde folgenderma\u00dfen gekocht: in einen hermetisch verschlie\u00dfbaren Kessel gie\u00dft\nman 60 Liter Wasser, sch\u00fcttet einen Sack Zucker hinein, verschlie\u00dft den Kessel\nund l\u00e4sst einige Stunden kochen. Und genau das war\u2019s: Du kommst morgens herein,\nwartest den richtigen Moment ab, gie\u00dft in einen Literkrug Zucker und trinkst\nihn in einem Zug aus \u2013 und brauchst den ganzen Tag nichts mehr zu essen. Das\nhat uns gerettet. Und der Schnaps? Schnaps ist f\u00fcr Idioten. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Verhalten uns gegen\u00fcber wechselte je nach\nden Erfolgen der Sowjetarmee. Im Jahr 1944 kam eine Verf\u00fcgung (man informierte\nuns dar\u00fcber), dass man uns als Menschen zu betrachten und menschlich mit uns\numzugehen habe. Es erschienen irgendwelche pro-faschistischen Zeitungen auf\nRussisch. Dort gab es auch Reklame f\u00fcr B\u00fccher auf Russisch und Ukrainisch.\nExtra f\u00fcr die Kriegsgefangenen wurde Geld herausgegeben: die Lagermark. Sie\nwurde auf einfachem bunten Papier gedruckt. In einem normalen Laden konnte man\nnichts damit kaufen. Ich wei\u00df nicht, ob es in den gro\u00dfen Lagern eigene L\u00e4den\ngab. Ich habe damit B\u00fccher bestellt und erhalten. Ich erinnere noch den Titel\neines von dem Schriftsteller Bagrjanyj talentiert geschriebenen Buchs\n\u201eTierj\u00e4ger\u201c. Der Inhalt war nat\u00fcrlich antisowjetisch. Ich musste ein Vorwort\nund ein Nachwort schreiben, in das Buch kleben und es weiter geben &#8230; .<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Stimmung, unser Denken und unser Verhalten\n\u00e4nderten sich im Laufe der Zeit ebenfalls. Anfangs dr\u00fcckte uns der Gedanke an\ndie Gefangenschaft buchst\u00e4blich zu Boden, der Hunger lie\u00df keinen anderen\nGedanken aufkommen als den ans \u00dcberleben. Doch allm\u00e4hlich gew\u00f6hnten wir uns,\npassten uns an und hoben den Kopf. Ich wei\u00df, dass schon in Oberlungwitz im\nLager irgendeine Organisation existierte, deren Mitglieder Gespr\u00e4che f\u00fchrten,\nOptimismus verbreiteten, in uns den Glauben an einen baldigen Sieg weckten,\ndoch diese Arbeit blieb auf das Lager begrenzt. Im Jahr 1944 aber kam es zu\nKontakten zwischen verschiedenen Lagern. Es gab auch irgendwelche Kliniken (die\n\u00c4rzte waren Franzosen), wohin man sich auf Wunsch begeben konnte. Dort traf man\nsich. Und es kam zu Kontakten mit Ostarbeitern, und diese konnten sich frei\nbewegen. Auch unsere Jungs begannen, sowohl mit Ostarbeitern als auch mit\ndeutschen Zivilisten Kontakte zu kn\u00fcpfen. Es gab ziemlich viele Russen in\ndeutscher Uniform, aber mit russischer Kokarde an den Jacken, so genannte\nSoldaten der ROA (russische Befreiungsarmee, Wlasow-Anh\u00e4nger). Wir konnten\nnicht umhin darauf zu reagieren, dass russische M\u00e4dchen sich mit ihnen trafen.\nWir erfuhren, dass eine von ihnen, ich habe mir sogar ihren Namen gemerkt: Olga\nMoskalez, offen mit Soldaten der russischen Befreiungsarmee spazieren ging, und\nich schrieb ihr einen Brief &#8230;. Eine Antwort bekam ich nicht, darauf schrieb\nich einen zweiten Brief .. . Es entstand ein Briefwechsel, den wir bis zur\nBefreiung fortf\u00fchrten. Als die Amerikaner n\u00e4her r\u00fcckten, wurden die Ostarbeiter\nirgendwohin evakuiert. Es gab auch einen Briefwechsel mit anderen M\u00e4dchen &#8230;.\nDie Sehnsucht nach der Heimat verlie\u00df mich nie, sie fand ihren Ausdruck in\neinem Gedicht, das erhalten ist \u201eIch liebe!\u201c &#8230;. Einen besonderen Platz nimmt\ndas Gedicht \u201eEs dreht sich, es wendet sich &#8230;\u201c &#8230; . Dort steht, wenn ich\nnicht irre, auch das Datum der Entstehung des Gedichts. Es wurde von Hand\nabgeschrieben und auf verschiedene Art und Weise unter uns verbreitet \u2013 das war\ndie Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte glauben Sie nicht, dass ich besonders viel\nvon meinen dichterischen F\u00e4higkeiten halte, aber man musste doch irgendetwas\ntun. Au\u00dferdem dr\u00fccken sich darin unsere Gedanken, unsere Stimmung aus, was wir\ndachten, wovon wir tr\u00e4umten, was wir erstrebten. Schade nat\u00fcrlich, dass nur so wenige\nSeiten erhalten blieben. Mir ist es gelungen, durch alle Durchsuchungen und\nRazzien hindurch mein Rotarmee-B\u00fcchlein zu retten (ich habe es noch heute), und\ndie erste Seite meines Komsolmolzen-Ausweises, und, was sagen Sie dazu? Man hat\nmich ausgeschlossen, weil ich die Mitgliedsbeitr\u00e4ge nicht bezahlt habe! Die\nerhaltenen Seiten aus dem Heft und die Unterlagen haben mir aber wohl doch\ngeholfen, dass ich nicht in die sowjetischen Konzentrationslager kam, obwohl\ndie Jungs in den halbmilit\u00e4rischen Anz\u00fcgen (des KGB) viele Jahre um mich herum\nscharw\u00e4nzelten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die russischen Kriegsgefangenen unterschieden\nsich von den anderen \u2013 den Franzosen, Italienern und Belgiern &#8211; vor allem durch\nihren Aufzug. Den anderen Kriegsgefangenen hatte das Rote Kreuz geholfen, sie\ntrugen ihre sch\u00f6ne Milit\u00e4runiform, man konnte sehen, dass sie frische Uniformen\nbekommen hatten. Wir aber, die sowjetischen Kriegsgefangenen, waren auf uns\nselbst gestellt. Stellen Sie sich vor, vor ihnen steht ein ehemaliger\nsowjetischer Soldat \u2013 eine Gestalt wie eine Vogelscheuche, eine uralte,\nzerfetzte Soldatenm\u00fctze auf den Ohren, in einer zerrissenen, wieder und wieder\ngeflickte Jacken. Darauf ein Dutzend Flicken verschiedener Farbe und Gr\u00f6\u00dfe, mit\neiner groben Nadel und wei\u00dfem Faden mit ungeschickten Soldatenh\u00e4nden angen\u00e4ht! An den F\u00fc\u00dfen ausgefranste Lappen\nund Holzpantinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, was die Nazipropaganda \u00fcber das\nLeben der Sowjetb\u00fcrger verbreitet hat, \u00fcber unsere Lebensweise, unsere Kleidung\nund so weiter. Das Aussehen der Gefangenen kam der Propaganda gerade recht. Und\nnun stellen Sie sich vor, dass ich nicht nur Schriftst\u00fccke, sondern auch zwei\nFotografien von zu Hause bei mir hatte. Die Fotos zeigten nichts\nUngew\u00f6hnliches: meinen Vater und meine Mutter und mich mit meinem Bruder. Der\nAltersunterschied zwischen uns ist acht Jahre. Mein Vater im Jackett, meine\nMutter im Kleid, ich auch im Jackett, mein Bruder im Matrosenanzug. Aber Sie\nh\u00e4tten sehen sollen, welchen Eindruck das auf die Deutschen machte! Sie konnten\nes einfach nicht glauben, dass sowjetische Menschen ganz normale Leute sind,\ngenau wie sie selbst. Mein deutscher Meister nahm die Fotos, und behielt sie\neinige Tage. Offenbar zeigte er sie irgendjemandem, wem, wei\u00df ich nicht. Und so\nlebten wir und erfuhren nach und nach immer mehr voneinander. <\/p>\n\n\n\n<p>Ende April 1945 kamen die Amerikaner nach\nMeerane, K\u00e4mpfe gab es nicht. Wir begannen uns frei in der Stadt zu bewegen.\nIch traf mich mit denen, mit denen ich im Briefwechsel stand. Es stellte sich\nheraus, dass es in der Stadt beim Krankenhaus eine Baracke gab, in der kranke\nOstarbeiter untergebracht waren. In der Stadt waren massenhaft Menschen\nverschiedener Nationalit\u00e4ten unterwegs, befreit von den Fesseln der\nNaziherrschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier feierten wir den ersten Mai. Es war ein\nrichtiges Fest, eine Menge Leute war da. Gegen Lagermark kaufte ich bei meinem\nChef einen Ballon (25 Liter) Schnaps und wir tranken zusammen, wie wir es in\nRussland machen. Ich wollte nicht bei den Amerikanern bleiben, statt dessen\nsetzte ich mich daf\u00fcr ein, dass meine Landsleute in die sowjetische Zone kamen\nund bereitete die Evakuierung der Kranken vor. Auf unsere Bitte um Evakuierung\n&#8211; eine Krankenschwester, die franz\u00f6sisch konnte und ich brachte diese Bitte vor\n&#8211; , reagierte der amerikanische Kommandant zustimmend. Es fanden sich einige\nEisenbahnwaggons, wir wurden eingeladen, man verdonnerte irgendeinen\nLokomotivf\u00fchrer und brachte uns in die Gegend von Dresden, wo wir auf den\nGleisen stehen blieben. Ich fand ein Lazarett, setzte mich mit der\nLazarettleitung in Verbindung, die entgegenkommend war und einige Kranke\naufnahm. \u00dcbrig blieben einige M\u00e4nner und Krankenschwestern. Doch schon wenige\nTage sp\u00e4ter wurden die M\u00e4nner angewiesen, sich mit ihren Sachen der Armee\nanzuschlie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs waren wir in irgendeinem ehemaligen\nLager f\u00fcr Ostarbeiter untergebracht (die \u00fcblichen Holzbaracken, zweistockige\nBetten, mit Stroh gef\u00fcllte Matratzen und Bettzeug , Wolldecken). Hier wurden\nwir \u00fcberpr\u00fcft (ob vom KGB oder von der SMERSCH, wei\u00df ich nicht), schlie\u00dflich\ndem 102. Infanterieregiment zugeteilt, und zu Fu\u00df ging es nach \u017ditomir. Dort\nbegann aufs Neue der Milit\u00e4rdienst. <\/p>\n\n\n\n<p>Was soll ich zum Schluss sagen? \u201e&#8230;\u201cDas Leben\nist wie ein gro\u00dfes Feld\u201c sagen die Ukrainer. Aber all das liegt hinter uns und\nist vorbei. Ich erinnere mich an die ersten Tage nach der Befreiung von Meerane\ndurch die Amerikaner. Es kam das Gef\u00fchl einer Erleichterung auf, man atmete\nfreier, man konnte sich in der Stadt bewegen wie man wollte. Unsere ehemaligen\ndeutschen Bewacher wurden nur entwaffnet und entlassen. Einen von ihnen, Hans,\ntraf ich auf der Stra\u00dfe. Wir begr\u00fc\u00dften uns, wechselten ein paar Worte und luden\nuns gegenseitig ein. Ich ging mit meinem M\u00e4dchen hin. Eine ganz normale\nFamilie, wie bei uns: Kinder, Frau. Wir setzten uns zu Tisch, tranken, a\u00dfen,\nredeten. Die Sperrstunde hatte begonnen, deshalb \u00fcbernachteten wir dort. Als\nw\u00e4re das ganz normal: Bekannte haben sich getroffen, sind zusammen gesessen,\nhaben geredet und sind wieder auseinandergegangen. Und davor waren wir Sonntags\nbei ihnen und mussten im Garten und bei der Wirtschaft helfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Umgang mit uns war in Ordnung, wir durften\nam Tisch sitzen, man gab uns zu essen, ohne eine Spur von Hass oder\nFeindseligkeit. Offenbar hatte die menschenfeindliche Nazipropaganda nur von\neinem Teil des deutschen Volkes Besitz ergriffen. Es gab Nazis, die sich f\u00fcr\ndie h\u00f6chste Rasse (\u00dcbermenschen) hielten, was hei\u00dft das schon? Auch bei uns gab\nes einen General Wlasow, es gab Verr\u00e4ter, die Russische Befreiungsarmee, \u00fcber\neine Million ehemaliger Sowjetsoldaten k\u00e4mpften gegen die sowjetische Armee.\nIch war in vielen Lagern und habe nicht einen einzigen Verr\u00e4ter getroffen,\nnicht einen einzigen \u00dcberl\u00e4ufer, obwohl russische Milchgesichter in deutscher\nUniform zu uns kamen und agitierten, war die Reaktion immer die gleiche: sie\nwurden jedes Mal am Ende ausgepfiffen und ausgelacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich war weder in faschistischen noch in\nsowjetischen Konzentrationslagern. Ich habe nat\u00fcrlich von Buchenwald, von\nAuschwitz und Majdanek geh\u00f6rt, ich habe auch viel \u00fcber die sowjetischen GULAGs\ngelesen und geh\u00f6rt, aber selber gesehen habe ich sie nicht. Wahr\u00adschein\u00adlich\nist es so, dass man nicht ganz ohne Grund dorthin gekommen ist. Denn mich hat\ndieses Schicksal immerhin nicht ereilt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich hege keinen Hass gegen das einfache deutsche\nVolk, genauso wenig glaube ich alles, was man \u00fcber das Sowjetregime sagt.\nKriege gewinnt man nicht durch Zwang. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlichem Gru\u00df<\/p>\n\n\n\n<p>L.N. JEWDOKIMOW, ehemaliger Kriegsgefangener \/\nStalag IV B 1927I<\/p>\n\n\n\n<p>Kriegsversehrter, Arbeitsveteran.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch dieser Freitagsbrief\u00a0 stammt aus den Anf\u00e4ngen unseres B\u00fcrger-Engagements f\u00fcr &#8220;vergessene&#8221; NS-Opfer, n\u00e4mlich aus dem Jahr 2005. Er wurde bisher von uns nicht ver\u00f6ffentlicht, weil er uns f\u00fcr dieses Format zu lang erschien. Er ist einer wer wenigen, die auch \u00fcber Kontakte zu anderen Kriegsgefangenen berichtet. 94. 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