{"id":2972,"date":"2019-07-19T11:49:57","date_gmt":"2019-07-19T09:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2972"},"modified":"2020-06-25T16:17:45","modified_gmt":"2020-06-25T14:17:45","slug":"baranaw-wassil-michailawitsch-neuer-freitagsbrief-nr-91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/baranaw-wassil-michailawitsch-neuer-freitagsbrief-nr-91\/","title":{"rendered":"Baranaw Wassil Michailawitsch &#8211; Freitagsbrief Nr. 91"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Brief ist ein Zeitungsartikel, den wir\u00a0 2007 erhielten, er wurde erst fast zehn Jahre sp\u00e4ter \u00fcbersetzt. Herr Baranaw war nicht in deutscher, sondern in finnischer Kriegsgefangenschaft, wir haben aber bei unserer Beg\u00fcnstigung keinen Unterschied gemacht, da es auch in Finnland Stalags der Wehrmacht gab und es sich nur um sehr wenige Personen handelte. Es w\u00e4re kaum zu erkl\u00e4ren gewesen, dass wir die einen anerkennen, die anderen nicht. Rudnja, das Dorf aus dem er stammt, geh\u00f6rt zu den verbrannten D\u00f6rfern in Belarus, deren \u00dcberlebende der deutschen Kriegsverbrechen wir derzeit beg\u00fcnstigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Baranaw Wassil Michailawitsch<\/strong><br><strong>Belarus,\u00a0 Gebiet Mogilew<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Artikel<\/strong> aus <strong>\u201eLeninskaje slowa\u201c <\/strong>( Russisch = \u201eLeninskoje slowo\u201c = \u201eLenins\nWort\u201c <br>\nZeitung des Landkreises Slawgarad, Gebiet Mogiljow \/Belarus, erscheint in\nbelorussischer Sprache, hei\u00dft seit 2006 \u201ePryssoshski kraj\u201c \u2013 Land am Fluss\nSsosh)<\/p>\n\n\n\n<p>UND ES KAM EINE GEFALLENENMELDUNG F\u00dcR DEN SOHN \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Artikel ist unterzeichnet von: V.\nKamandsenka Leiterin der L\u00e4ndlichen Bibliothek in Rudnja<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Menschliche Schicksale<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Wassil Michailawitsch Baranaw treffe ich\nziemlich oft zusammen: Hin und wieder im Stadtbus, \u00f6fter jedoch im Dorf\nMichailow, wo er jetzt lebt. Dann unterh\u00e4lt man sich meist \u00fcber Dinge des\nAlltags. Da erinnerten wir uns z.B. daran, was f\u00fcr leckere Torten und Semmeln\ner fr\u00fcher gebacken hat. Noch heute kitzelt dieser Duft in der Nase. Wie viele\nPreise hat dieser Meister im B\u00e4cker- und Konditorhandwerk errungen? Es scheint,\nallzu lang ist das nicht her. Aber wie lang schon ist Wassil Michailawitsch im\nverdienten Ruhestand. \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal bat ich ihn vom Krieg zu erz\u00e4hlen. Die\nErinnerung daran fiel ihm nicht leicht. Vieles ist ihm entfallen, manches\njedoch, so sagt er, vergisst man nie. Die Erinnerungen an die Wunden werden in\njedem Jahr h\u00e4ufiger \u2013 und jetzt ist er schon 85. Immer empfindsamer wird das\nGed\u00e4chtnis in der Erinnerung an das Durchlebte. Er hat ausgehalten,\ndurchgehalten, ist am Leben geblieben. Selbst als die Gefallenenmeldung kam und\ndie Eltern eine Rente bekamen f\u00fcr den gefallenen Sohn \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren ist W. Baranaw im Dorf Nowaja Slabada\n(russ. Nowaja Sloboda) in einer b\u00e4uerlichen Gro\u00dffamilie. Als er 13 war, zog der\nVater mit der Familie in das Gebiet Swerdlowsk, um die Familie durchzubringen.\nArbeit fand er in Kupferbergwerken. Auch Wassil wurde Bergarbeiter. 1940 wurde\ner eingezogen, war 2 Monate zur Ausbildung in der Regimentsschule in Udmurtien,\ndanach wurde er in den Kaukasus geschickt, nach Armenien, wo er bis 1941\ndiente. Dort lernte er auch das Kochen. Unmittelbar vor Kriegsbeginn kam die\nDienstversetzung nach Leningrad, in ein Flakscheinwerferregiment. Dort ereilte\nihn der Krieg. Wassil Michailawitsch wurde nicht nur Scheinwerferf\u00fchrer,\nsondern auch ein guter Sanit\u00e4ter. Die feindlichen Truppen n\u00e4herten sich\nLeningrad, nebenan war die finnische Grenze. Die Scheinwerferf\u00fchrer kamen nicht\nzur Ruhe: Feindliche Flugzeuge bombardierten die Zug\u00e4nge zu Leningrad bei Tag\nund Nacht. Sanit\u00e4ter waren rar. Einmal wurde Wassil Michailawitsch zum Stab\ngerufen, wo er einem verwundeten Finnen helfen sollte. Ein anderes Mal brachte\nman verwundete deutsche Flieger. Die gefangenen Deutschen benahmen sich\nanma\u00dfend, aber als man sie sozusagen in die Enge trieb, packten sie aus,\nerz\u00e4hlten von ihren wichtigen Objekten. Die konnten unsere Flugzeuge dann mit\ngezielten Angriffen vernichten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend eines schweren Kampfes fielen damals\nviele seiner Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wassil Michajlawitsch erlitt ein schweres\nSch\u00e4delhirntrauma, seine Hand wurde verwundet, ohne Bewusstsein geriet er in\nGefangenschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Das war der Anfang seines endlos langen\nUmhergetriebenseins. Als er wieder zu sich kam h\u00f6rte er eine fremde Sprache.\nEin junger finnischer Arzt untersuchte seine Hand und behandelte sie\ngewissenhaft. Untergebracht waren die Kriegsgefangenen in einem Stall mit\n2-st\u00f6ckigen Pritschen, dicht gedr\u00e4ngt wie in einem Heringsfass. Sie arbeiteten\nin Steinbr\u00fcchen, beim Stra\u00dfenbau. Schwere, Kr\u00e4fte zehrende Arbeit. Viele der\nGefangenen starben an den Verwundungen und vor Hunger. Und dann die\nVerpflegung! Wassil Michailawitsch erinnert sich: \u201eGlauben Sie mir, nicht mehr\nals 40 Kilo habe ich damals gewogen. Und nicht nur mir ging es so. In einem\nerbitterten Seegefecht erlitten die Finnen ungeheure Verluste. Wir Gefangenen\nwurden pl\u00f6tzlich verlegt. Nicht genug, dass man uns mit Hunger qu\u00e4lte und uns\nP\u00f6kelfleisch gab, die unertr\u00e4gliche K\u00e4lte kam noch dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal kam ein finnischer Bauer ins Lager, um\nsich unter den Gefangenen Arbeiter auszusuchen. Nun musste Wassil\nMichailawitsch auf 40 K\u00fche aufpassen und Milchprodukte herstellen. Die Milch\nwurde etwa 1 km weit zur Hauptstra\u00dfe gebracht, die vollen Milchkannen\nabgestellt, dann ging es zur\u00fcck zum Bauernhof. Niemand nahm etwas weg und die\nleeren Beh\u00e4lter bekam der Bauer zur\u00fcck.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Arbeit beim Gro\u00dfbauern konnte sich\nWassil Michailawitsch die fremde Sprache gut aneignen und las auch die dortige\nZeitung. Vor dem Krieg hatte er die 7-Klassen-Schule in Prapoisk besucht.\nDamals lernten sie Lateinschrift, somit waren ihm die finnischen Schriftzeichen\nverst\u00e4ndlich. Die Zeitungen schrieben vom Vormarsch der Russen. Das wurde mit\nFreude aufgenommen und alle warteten auf die Befreiung. Die kam dann. Zu dem\nBauern kam eines Tages ein Offizier der Roten Armee, der sich nach den\nKriegsgefangenen erkundigen wollte. Wassil Michailawitsch stellte sich als\nRusse vor. Darauf der Offizier: \u201eWarum schwindelst Du, Du bist doch Wei\u00dfrusse.\u201c\n<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Gefangenen wurden abgeholt und in die\nHeimat gebracht. Nur nach Hause kam er erst geraume Zeit nach Kriegsende. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem Lager bei Tula gab es viele, denen es\nwie diesem Gefangenen ergangen war. Wie Tausende ehemalige sowjetische\nKriegsgefangene musste auch er seelische Erniedrigung erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter galten andere Ma\u00dfst\u00e4be, alle wurden\nrehabilitiert. \u00dcber die Kriegszeit spricht er nicht gern, zutiefst schmerzt\ndiese Last.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahre vergingen. Durch nichts l\u00e4sst sich der\nVerlust der Gesundheit kompensieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf meine Frage, wie es ihm gelang zu \u00fcberleben,\nantwortet der Veteran geradeheraus \u201eMeine l\u00e4ndliche Herkunft hat mir geholfen;\nmeine Jugend und meine stabile Gesundheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>1946 kam W. Baranaw nach Hause. Bald lernte er\nseine k\u00fcnftige Frau kennen. Und dann \u00fcbte er einen ganz friedlichen Beruf aus &#8211;\nden des Konditors. Die Einwohner von Slawgarad erinnern sich bis heute an\ndiesen bescheidenen Mann, der mit seinen schmackhaften Erzeugnissen vielen\nMenschen Freude brachte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00dcbersetzung\naus dem Belarussischen Sibylle Albrecht <\/em><\/strong><strong><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Brief ist ein Zeitungsartikel, den wir\u00a0 2007 erhielten, er wurde erst fast zehn Jahre sp\u00e4ter \u00fcbersetzt. Herr Baranaw war nicht in deutscher, sondern in finnischer Kriegsgefangenschaft, wir haben aber bei unserer Beg\u00fcnstigung keinen Unterschied gemacht, da es auch in Finnland Stalags der Wehrmacht gab und es sich nur um sehr wenige Personen handelte. 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