{"id":2938,"date":"2019-06-28T18:03:00","date_gmt":"2019-06-28T16:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2938"},"modified":"2020-06-25T16:19:08","modified_gmt":"2020-06-25T14:19:08","slug":"nikolaj-iwanowitsch-a-neuer-freitagsbrief-nr-89","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/nikolaj-iwanowitsch-a-neuer-freitagsbrief-nr-89\/","title":{"rendered":"Nikolaj Iwanowitsch A. &#8211; Freitagsbrief Nr. 89"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir\nbeziehen seit einigen Jahren auch die \u00dcberlebenden der R\u00fcckzugsverbrechen der\nWehrmacht in unser Projekt ein, weil es f\u00fcr die \u00dcberlebenden keinen Unterschied\nbedeutet, ob sie ihre Heimat, Eigentum und Angeh\u00f6rige durch Verbrechen der SS\nund Einsatzgruppen oder der Wehrmacht verloren haben und wie das Handeln von\nden T\u00e4tern begr\u00fcndet wurde. Dies ist ein Bericht aus einem Dorf, das bei\nAnn\u00e4herung der Roten Armee von der Wehrmacht in Brand gesteckt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nikolaj Iwanowitsch A.<\/strong><br><strong>Gomel, Belarus<\/strong><br><br>Juni\n2019<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ndanke Ihnen f\u00fcr die Aufmerksamkeit, die Sie all denen &#8211;&nbsp; und auch mir\npers\u00f6nlich &#8211; widmen, die im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg Leid erfahren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nBeginn des Krieges wurde ich gerade sechs. Was Krieg bedeutet, verstand ich,\nals die Frauen unseres Dorfes nach der Mobilisierung mit lautem Weinen ihre\nM\u00e4nner an die Front verabschiedeten. Keiner dieser Frontk\u00e4mpfer kehrte nach dem\nSieg und dem Ende des Krieges in unser Dorf zur\u00fcck; ihre Frauen und ihre\nVerwandten erhielten Benachrichtigungen dar\u00fcber, dass sie in den Schlachten f\u00fcr\ndie Heimat gefallen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nJuni 1941 sah ich zum ersten Mal deutsche Soldaten. Sie fuhren auf Fahrr\u00e4dern\nRichtung Osten durch unser Dorf. Zur gleichen Zeit flogen am Himmel deutsche\nFlugzeuge, man h\u00f6rte Sch\u00fcsse \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter\nwurde im Nachbardorf Rogozno eine deutsche Garnison gebildet. Zu ihr geh\u00f6rte\nnur ein deutscher Offizier, der das Kommando hatte \u00fcber die \u201ePolizaj\u201c, die\nVerr\u00e4ter unter den russischen, belorussischen und ukrainischen Nationalisten.\nIn den N\u00e4chten erschienen im Dorf Rogozno Partisanen und \u00fcberfielen die\nGarnison. Man h\u00f6rte Sch\u00fcsse. Dabei gab es Todesf\u00e4lle unter den Angeh\u00f6rigen der\n\u201ePolizaj\u201c. Aber der Garnisons-Kommandant blieb immer unverletzt.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nunserem Dorf wurde ein Dorf\u00e4ltester bestimmt, der verschiedene Auftr\u00e4ge\nausf\u00fchren musste und die Garnison in Rogozno, die Strafbataillone und die\neinfachen deutschen Soldaten mit Lebensmitteln zu versorgen hatte. Die Garnison\nnahm alle K\u00fche im Dorf an sich, aber einigen Frauen wurde erlaubt, in die\nGarnison zu kommen, ihre K\u00fche zu melken und die Milch mit nach Hause zu nehmen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Ich\nm\u00f6chte auch darauf hinweisen, dass einige der einfachen deutschen Soldaten ab\nund zu in die H\u00e4user gingen und die Bewohner unseres Dorfes warnten, damit die\nM\u00fctter ihre Kinder in Kellern und im Untergrund versteckten, die jungen M\u00e4dchen\n(ihre T\u00f6chter, Schwestern, Nichten), damit sie nicht nach Deutschland zur\nZwangsarbeit verschleppt wurden.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhatte keine Schwestern, nur einen j\u00fcngeren Bruder, aber zwei Kusinen, Sonja und\nOlga, wurden nach Deutschland zum Arbeiten verschleppt. Nach Kriegsende kamen\nsie in schlechtem Gesundheitszustand nach Hause und erz\u00e4hlten, dass sie beim\n\u201eBauern\u201c [Original so im russischen Text mit kyrillischen Buchstaben] in der\nLandwirtschaft arbeiten mussten. Heute leben sie nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Damals\nhabe ich auf kindliche Weise begriffen, dass es faschistische Okkupanten gab,\naber auch gute Deutsche, die uns in diesen Kriegsgr\u00e4ueln \u00fcberleben halfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bis\nheute erinnere ich mich an einen Wortwechsel mit einem deutschen Soldaten, der\nin unser Haus kam und sagte, er wolle \u201eSchnaps\u201c [Original so im russischen Text\nmit kyrillischen Buchstaben] haben. Ich gab ihm eine Halbliterflasche\nSelbstgebrannten, die meine Mutter unter dem Ofen versteckt hatte. Bevor er die\nFlasche nahm, zwang er mich, einen Schluck von diesem Schnaps zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Im\nJuni 1944 kam f\u00fcr den Bezirk Mogiljow die Befreiung von den faschistischen\nBesatzern durch die Rote Armee. Der deutsche Offizier und die \u201ePolizaj\u201c\nverlie\u00dfen das Dorf. Auf der Landstra\u00dfe, an der die deutsche Garnison lag, waren\nsowjetische Soldaten unterwegs. Ich, als neugieriger Junge, hatte keine Ahnung,\nwas ich riskiere, und durchsuchte das ganze Geb\u00e4ude der deutschen Garnison und\ndie Artilleriestellung mit L\u00f6chern von Durchsch\u00fcssen. Danach ging ich in unser\nDorf zur\u00fcck, in dem noch einige deutsche Soldaten waren. Sie sammelten Balken\nf\u00fcr eine kleine Br\u00fccke, auf der sie Soldaten und Milit\u00e4rtechnik \u00fcber den Bach\nbringen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus\ndem Osten kamen Autos mit deutschen Soldaten heran, und uns kamen Faschisten\nmit Fackeln in den H\u00e4nden entgegen. Sie z\u00fcndeten die Hausd\u00e4cher in unserem Dorf\nan. Mein kriegsverletzter Vater und ich rannten zum rettenden Keller meines\nOnkels, wo schon meine Mutter und mein Bruder waren. Da waren viele Leute, aber\nes gab kein Trinkwasser. In dem Keller verbargen sich auch ungef\u00e4hr zehn\n\u201ePolizisten\u201c in deutscher Uniform. Nach einiger Zeit kam ein hochrangiger\nDeutscher mit einer Ordonnanz, der zwei Pferde angespannt hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nDeutsche befahl allen, den Keller zu verlassen und fragte:\u201c \u201eWifel Minuten\nrussisch Soldaten hier\u2026\u201c [So im Original mit kyrillischen Buchstaben] Niemand\nverstand, was er fragte, auch ich nicht. Als er sah, dass er nicht verstanden\nwurde, winkte er ab und bedeutete uns, dass wir uns wieder im Keller verstecken\nk\u00f6nnten. Danach nahm er die deutschen \u201ePolizisten\u201c in Uniform mit und ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Um\nuns herum brannten die H\u00e4user, die deutschen Soldaten, die im Dorf Ramshino\nwaren, und die sowjetischen Soldaten im Dorf Rogozno, wo die deutsche Garnison\ngewesen war,&nbsp; schossen aufeinander. Als die deutschen Soldaten unser Dorf\nverlie\u00dfen, bombardierten sowjetische Flugzeuge die Kolonnen deutscher\nMilit\u00e4rtechnik irgendwo an der Grenze zwischen den Bezirken Shklowskij und\nKrugljanski, wo es keine D\u00f6rfer mehr gab. <\/p>\n\n\n\n<p>So\nsah die Kindheit vieler belorussischer Kinder in den Kriegsjahren aus, und auch\nmeine. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ndanke Ihnen noch einmal f\u00fcr die finanzielle Hilfe und die Aufmerksamkeit, die\nSie mir schenken. Ich w\u00fcnsche Ihnen Gesundheit&nbsp; Und alles Gute.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nhabe nichts dagegen, dass meine Erz\u00e4hlung in Deutschland ver\u00f6ffentlicht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nikolaj\nIwanowitsch A.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Russischen Karin Ruppelt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir beziehen seit einigen Jahren auch die \u00dcberlebenden der R\u00fcckzugsverbrechen der Wehrmacht in unser Projekt ein, weil es f\u00fcr die \u00dcberlebenden keinen Unterschied bedeutet, ob sie ihre Heimat, Eigentum und Angeh\u00f6rige durch Verbrechen der SS und Einsatzgruppen oder der Wehrmacht verloren haben und wie das Handeln von den T\u00e4tern begr\u00fcndet wurde. 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