{"id":2933,"date":"2019-06-21T11:18:43","date_gmt":"2019-06-21T09:18:43","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2933"},"modified":"2020-06-25T16:18:57","modified_gmt":"2020-06-25T14:18:57","slug":"grigorij-pawlowitsch-donskoj-neuer-freitagsbrief-nr-88","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/grigorij-pawlowitsch-donskoj-neuer-freitagsbrief-nr-88\/","title":{"rendered":"Grigorij Pawlowitsch Donskoj &#8211; Freitagsbrief Nr. 88"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach dem letzten Freitagsbrief einer Sanit\u00e4terin, die von ihrer\nGefangennahmen bei der Verteidigung von Sewastopol berichtete, folgt\nheute&nbsp; der eines m\u00e4nnlichen Rotarmisten, der ebenfalls bei den K\u00e4mpfen um\nSewastopol gefangen genommen wurde. Er hat uns 2005 zwei Briefe geschrieben,\nden zweiten mit seinem Bericht von der Filtration und Lagerhaft nach seiner\nRepatriierung&nbsp; haben wir in unserem Buch: &#8220;Ich werde es nie\nvergessen&#8221; 2007 ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grigorij Pawlowitsch Donskoj<\/strong><br><strong>Ukraine, Gebiet Donezk<\/strong> <strong><br><\/strong><br>21.11.2005<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Vorstand, geehrte Mitglieder des\nVereins \u201cKontakte\u201d!<\/p>\n\n\n\n<p>Dank unserer unglaublich guten Information habe\nich erst vor kurzem \u00fcber die Existenz des Vereins \u201cKontakte\u201d erfahren, der mit\nseiner T\u00e4tigkeit auch meine Vergangenheit \u2013 das hei\u00dft die Gefangenschaft vom\nMai 1942 bis April 1945 \u2013 ber\u00fchrt. Ihre Bitte, meine Erinnerungen aus dieser\nZeit zu teilen, nehme ich sehr positiv an. Umso mehr, da\u00df sie f\u00fcr so einen\nedlen Zweck gebraucht werden, wor\u00fcber es in Ihrem Brief auch die Rede war. In\nder ehemaligen Sowjetunion war es un\u00fcblich und sogar verboten, \u00fcber die\nSchicksale der Millionen Kriegsgefangenen zu sprechen. Sie waren einfach nicht\nexistent. Und wenn es doch ein paar gab, so waren es keine Gefangenen, sondern\nVaterlandsverr\u00e4ter, und sollten verflucht sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich beginne damit, wie ich in die Gefangenschaft\ngeraten bin. Aus der Nachkriegsliteratur habe ich erfahren, da\u00df die Truppen auf\nder Halbinsel von Kertsch, zu denen ich auch geh\u00f6rte, die Einnahme von\nSewastopol sehr erschwerten. Der Befehlshaber der deutschen Truppen, Erich\nMannstein , beschloss, diese Sowjettruppen loszuwerden. Wenn er sie vernichtet\nh\u00e4tte, k\u00f6nnte er alle Kr\u00e4fte f\u00fcr die Einnahme von Sewastopol verwenden. Und das\nhat er auch getan. Die Operation hie\u00df \u201cTrappvogeljagd\u201d. Die Jagd begann am 8.\nMai 1942 und endete ziemlich bald und erfolgreich. Wenn man nicht l\u00fcgt, sind\ninsgesamt 170 000 Trappv\u00f6gel, d. h. Kriegsgefangene, in die Netze geraten,\ndarunter auch ich. <\/p>\n\n\n\n<p>Also, der 17. Mai 1942 war der Beginn meiner\nGefangenschaft. Einige Tage wurden wir in Feldlagern auf der Krim gehalten\n(Dschankoj, Feodosija). Verpflegung bekamen wir keine, man hielt sich am Leben\nmit Gras oder mit dem, was Gott eben einem schickte. Mein K\u00f6rper begann, sich\nselbst aufzufressen, und ich verlor schnell an Gewicht. In unserem Verhalten\nerinnerte manches schon an Tiere. Nur ein Gedanke blieb im Kopf: Essen zu\nfinden. Au\u00dferdem, waren die ewigen Begleiter des Hungers und der dreckigen\nK\u00f6rper aufgetaucht \u2013 die L\u00e4use. Die gnadenlosen Insekten saugten das wenige in\nuns noch gebliebene Blut aus. Diesen R\u00e4ubern war es egal, da\u00df du ja ein Mensch\nbist \u2013 der Herr der Sch\u00f6pfung. Doch auch solche, halbtote Trappv\u00f6gel hat\nanscheinend jemand gebraucht, und so wurden wir, noch am Leben, mit einem Zug\nnach Schytomir gebracht. Wir wurden in die ehemaligen Kasernen eingesperrt.\nHier hat die \u201cSanierung\u201d angefangen: Die Ausl\u00f6schung der Juden. Was sie dem\ndeutschen Volk angetan haben, wusste ich nicht, und war darum sehr verwundert.\nUm diese Menschen zu \u201centlarven\u201d, hat man, wie ich merkte, drei Methoden\nangewandt:<\/p>\n\n\n\n<p>Methode eins &#8211; \u201cM\u00fctze ab!\u201d [im\nOriginal deutsch] Um die K\u00f6pfe besser zu sehen. Nach ihrer Rassentheorie hatten\ndie Juden wohl keine Standardk\u00f6pfe. Ein paar Menschen wurden weggebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Methode zwei. Hier wurden wir alle, ich auch,\nins Bad gebracht. Dort mussten wir uns bis auf das \u201cAdamskost\u00fcm\u201d ausziehen.\nDann wurde jeder von einem Spezialisten, der sich mit Beschneidungen auskannte,\nbegutachtet. Alle Beschnittenen \u2013 egal, ob Moslem oder Jude \u2013 wurden dann ungebadet\nweggebracht. Ganz weit weg, vermutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Methode drei. Es wurde verk\u00fcndet, dass alle, die\nfr\u00fcher Schneider, Musiker, Friseure, kaufm\u00e4nnische Angestellte waren, sich an\ndas Lagerkommando wenden sollten. Angeblich f\u00fcr ihre Anstellung und weitere\nAus\u00fcbung ihres Berufes. Die Ausbeute war diesmal gering, doch es kamen einige.\n&#8230; <\/p>\n\n\n\n<p>Im Lager von Schytomyr bekamen wir endlich\nEssen. Ein St\u00fcckchen Brot, das alles m\u00f6gliche enthielt, nur nicht das, woraus\ndieses Produkt hergestellt werden soll. Das erste, und auch letzte Gericht war\neine Suppe. Die Ingredienzien dieses Di\u00e4tgerichtes sind f\u00fcr mich ein R\u00e4tsel.\nMangels Geschirrs benutzten wir unsere Pilotkas \u2013 die Sommerm\u00fctzen der\nsowjetischen Soldaten. Es stellte sich heraus, dass sie die Fl\u00fcssigkeit ganz\ngut hielten. Nach einiger Zeit verwandelte sich dieses \u201cGeschirr\u201d in eine echte\nemaillierte Kasserolle! Einen L\u00f6ffel brauchten wir nicht, wir tranken die Suppe\naus, da es keinen Bodensatz gab \u2013 das war ja eine Di\u00e4tsuppe. <\/p>\n\n\n\n<p>Was verwunderlich ist, ist der Fakt, dass dieses\nEssen unser Leben unterst\u00fctzt hat, insofern, da\u00df wir noch lebten und nicht\numfielen. Ein Mensch ist ein wahrlich kr\u00e4ftiges Wesen. Was soll&#8217;s, sie w\u00fcrden\nuns wohl nicht mit Kaviar versorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Schytomyr wurden wir dann in ein anderes\nLager nach Sanok (Polen) verlegt. Wir hatten wieder alle Prozeduren, nur\ndiesmal sorgf\u00e4ltiger, weil es ja das letzte Lager vor Deutschland war. Wir\nwurden gewaschen, desinfiziert, und bekamen sogar medizinische Hilfe. In\nDeutschland sollten wir steril ankommen. Und \u2013 na klar \u2013 ohne Juden. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier, im Sanok, war unsere Verpflegung noch\ndi\u00e4tetischer als vorher. Darum mussten wir die Toilette \u00f6fter benutzen. Diese\nToilette sollte man extra erw\u00e4hnen, dabei war sie f\u00fcr Menschen gedacht. Ein\nGraben von 15-20 Metern L\u00e4nge und von 2 Meter Breite und ungef\u00e4hr 1,5 Meter\ntief war das. \u00dcber dem Graben befanden sich ein Paar wackelige Bretter. Es\npassierte manchmal, dass die Menschen einfach in die Exkrementen gefallen sind.\nEntschuldigen Sie mich f\u00fcr solche unappetitliche Details. <\/p>\n\n\n\n<p>Endlich, nachdem unsere interne und externe\nKrankheitserreger vernichtet waren, konnte man uns nach Deutschland schicken,\nn\u00e4her an den Auftraggeber.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Abreise gab es eine Bekanntmachung, dass\nim Falle einer Flucht jeder zehnte \u201ces wird schie\u00dfen\u201d[im Original\ndeutsch] Es gab Fl\u00fcchtlinge gleich am ersten Tag. Niemand wurde zwar\nerschossen, aber wir bekamen drei Tage lang kein Essen und kein Wasser. Nach\nder Ankunft wurden aus jedem Waggon Leichen geholt. Ich glaube, wenn sie\ngeschossen h\u00e4tten, h\u00e4tte es weniger Tote gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kamen in ein riesiges Umverteilungslager,\nStaLag VI K [Senne\/Stukenbrock]. Es befand sich auf dem Territorium von Ruhr \u2013\neinem Kohlegebiet, \u00e4hnlich wie unser Donbass. Hier wurden wir gr\u00fcndlich\n\u201cbearbeitet\u201d. Doch erstmal hat die Bewachung uns eine 3-Tages Ration Brot\nausgegeben. Es gab eine Schl\u00e4gerei um Brot, die wurde von den st\u00e4rkeren dieser\nMeute, die schon den Tieren zu \u00e4hneln anfing, provoziert. Brot wurde zerrissen,\nwie die Beute von Raubtieren zerrissen wird. Nach dem Brotraub kam zu uns der\nGeneral \u2013 Kommandant des Lagers, auf einem wei\u00dfen Pferd. Er begr\u00fc\u00dfte uns:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Meine Herren, russische Kriegsgefangene! Sie\nsind Schweine!<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Gefangenen antwortete beleidigt: <\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Und du bist erste! [im Original deutsch] <\/p>\n\n\n\n<p>Der General war h\u00f6flich und nicht verletzbar,\ndoch er hat befohlen, zu unseren Ehren ein Konzert zu geben. Das \u201cKonzert\u201d\ndauerte 3 Tage und hat uns keine Freude gemacht. Jeder bekam Geschenke \u2013\nBeulen, blaue Flecken, Knochenbr\u00fcche und andere Konzertannehmlichkeiten. Das Szenario\nwurde sicher vom General selbst geschrieben, und durchgef\u00fchrt wurde es von den\n\u00dcberl\u00e4ufern aus den Kriegsgefangenen. Nach dem Konzert sollten wir gewaschen\nund desinfiziert werden, und alle unsere Haare mussten entfernt werden. Unsere\nRasierer waren ganz stumpf, und die, die viele Haare hatten, sahen danach\nziemlich blutig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Qualit\u00e4t des Rasierens hat ein\nhochgewachsener lustiger Gefreite \u00fcberpr\u00fcft. Er zwang uns, sich vor ihm\numzudrehen, um die Ergebnisse besser zu sehen. Wir mussten sogar mit dem R\u00fccken\nzu ihm stehen und uns nach vorne beugen, damit auch da auf keinen Fall nur ein\nH\u00e4rchen blieb. Wenn er ein H\u00e4rchen bemerkte, so \u201cliquidierte\u201d er ihn mittels\nseines Feuerzeugs. Dabei hat er fr\u00f6hlich gelacht und gefragt: \u201cGut?\u201d <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Lager bekam jeder Gefangene eine\nNummer aus Aluminium um den Hals. Meine Nummer war 46268 StaLag VI K. Danach,\nmit 150 anderen Gefangenen, kam ich in ein Arbeitslager. Wir wurden dorthin wie\nGentlemen kutschiert, in einem Passagierwaggon. Wir kommen an, ich lese: \u201cBahnhof\nK\u00f6ln-Deutz\u201d. K\u00f6ln kannte ich noch von der Schule \u2013 Geschichte, Geografie. Hier\nwurden wir wieder gewaschen, bekamen neue Bekleidung. Auf dem R\u00fccken und auf\nden Knien waren Buchstaben SU (Sowjet Union). Auf die \u201cBitte\u201d von Bademeister\nhaben wir \u201cWolga-Wolga\u201d gesungen und machten uns auf den Weg zu unserem\nst\u00e4ndigen Wohnort, unsere Holzschuhe donnerten dabei auf dem Kopfsteinpflaster.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gro\u00dfe Fl\u00e4che war mit doppeltem Stacheldraht umz\u00e4unt. Drinnen gab es\nnichts. Wir schliefen auf dem Boden, unter dem ruhigen K\u00f6lner Sternenhimmel,\nund daneben &#8211; \u201cruhig flie\u00dft der Rhein&#8230;[Original deutsch] D\nas war August 1942. Nach einer Woche haben wir unser Lager ausgebaut, und\nwarteten jetzt auf Arbeitgeber, die nicht lange auf sich warten lie\u00dfen. Die\nerste Firma, wo ich arbeitete, hie\u00df \u201cHammacher\u201d. Nach der Registrierung unserer\nNummer schrie der Obergefreite Schmidt mit seinem bayrischen Akzent\n\u201cr-r-r-raus!\u201d Und entlie\u00df uns in die Welt. Mich und meinen Mitgefangenen hat\nein Arbeiter der Firma begleitet. Unsere Arbeitsstelle war weit weg, und da wir\nzu Fu\u00df gingen, konnte ich mir die Stadt ein bi\u00dfchen anschauen. Um ehrlich zu\nsein, gefiel sie mir sehr gut. Heute kann man in unserem Fernsehen oft Bilder\nvon K\u00f6ln sehen, was mich dazu bringt, mich an die Vergangenheit zu erinnern.\nUnsere Arbeit bestand in der Entladung, Beladung, Transportierung von\nMetallteilen. F\u00fcr uns Schwache und Abgemagerte war es harte Arbeit. Aber was\nerfreulich war, war die menschliche Behandlung, die wir von den deutschen\nArbeitern erfahren haben, die mit uns Seite an Seite schufteten. Sich unserer\nSchw\u00e4che bewusst, versuchten sie, die schwerste Arbeit selbst zu erledigen. Und\nals sie von unserer Di\u00e4tkost erfuhren, so versuchten sie uns auch hier zu\nhelfen, obwohl sie es selbst schwer hatten. Alles war doch normiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Mitgef\u00fchl der Zivilisten, ihre G\u00fcte, ihre\nHilfe mit Lebensmitteln, die Sauberkeit und Ordnung in unserem kleinen Lager,\ndie ertr\u00e4gliche Behandlung unserer Wachm\u00e4nner haben dazu beigetragen, da\u00df ich\nwieder wie ein Mensch aussah. Ich war 19 und hatte vor keiner Arbeit Angst. In\nK\u00f6ln war ich bis Ende von 1943. Arbeitete f\u00fcr verschiedene Firmen (Hammacher,\nBozem, Joka u. a.)Am l\u00e4ngsten arbeitete ich in der Firma\n\u201cKartoffelhandlung\u201d und bei dem Postamt Deutz, wo ich mein Schuldeutsch sehr\nverbessert habe. Ich musste die schreckliche Bombardierung K\u00f6lns durch die\nEngl\u00e4nder miterleben, im Januar 1943. Circa 3000 Bomben wurden in der Nacht auf\ndie Stadt abgeworfen. Es gab viele Opfer, viele zerst\u00f6rte H\u00e4user, Tausende\nwurden obdachlos<sup>. <\/sup>[obdachlos im Original deutsch] Unser Lager, das\neigentlich aus der Luft nicht zu sehen war, brannte lichterloh. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gefangener ist nicht Herr seines Schicksals.\nEnde 1943 wurden aus unserem Lager 20-30 Leute ausgesucht und in die Grube\n\u201cMaria-1\u201d geschickt. Das neue Lager befand sich nahe des Dorfes\nSiersdorf.[Kreis D\u00fcren] Jetzt kannte ich schon die umliegenden St\u00e4dte: K\u00f6ln,\nBonn, Aachen, D\u00fcren u. a. Manchmal wurden die Gefangenen, die Zahnschmerzen\nhatten, nach Bonn gefahren. Insgesamt gab es im Lager 1000 Gefangene. Das sind\nkeine 150 Mann. Es war eng. Und die Arbeit unter Tage ist ja auch kein\nParadies. Kontakt zu Zivilisten war minimal, da waren nur ich und der deutsche\nBergarbeiter. Der Lagerkommandant Feldwebel Hamm nannte die Gefangenen nur\n\u201csauer Hund&#8221; [Original deutsch] und trainierte seinen Sch\u00e4ferhund auf\n\u201cErziehung\u201d der Gefangenen. Die Arbeit war in 3 Schichten, das Essen wieder\nDi\u00e4tkost &#8211; \u201cKohlrabi und Kohl mit Wasser\u201d[Original deutsch] Ich\nbegann wieder dahinzuschwinden. Alles ging in die Richtung, dass ich in die\nDystrophie abglitt, obwohl mein deutscher Kollege mir den \u201czweite fr\u00fcschtik\u201d\n[Original deutsch] gebracht hat. Das schrecklichste war, dass ich beim Husten\nBlut bemerkte. Ich dachte schon, das sei Tuberkulose. Solche Menschen wurden isoliert,\naber nicht behandelt. Die Baracke, wohin sie gebracht wurden, nannten wir nur\nDU (russ. \u201cdom umirajuschtschich\u201d \u2013 Haus der Sterbenden). Das Lager hatte eine\nSanit\u00e4tsabteilung, doch da kam man nur mit Erlaubnis von Doktor Schr\u00f6der (ich\nglaube, er hie\u00df so) rein, der die Kranken zweimal pro Woche besuchte und nur am\nTag. Also wartete ich darauf, in der III. oder zumindest in der II. Schicht zu\narbeiten. Ich habe es geschafft, zum Doktor zu gelangen, und das hat mein\nSchicksal bis zum Ende der Gefangenschaft gepr\u00e4gt. Der Doktor wunderte sich,\ndass ich zwar schlecht, aber doch verst\u00e4ndlich Deutsch spreche. \u201cJunge, Junge,\u201d\n\u2013 bemitleidete mich der Doktor und befreite mich f\u00fcr 3 Tage von der Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erholung von der schweren Arbeit war schon\ndas beste Medizin. Beim n\u00e4chsten Besuch nahm Doktor Blut und Schleim als Probe.\nUnd er hat mich lange untersucht, mein Herz und Lungen abgeh\u00f6rt. Heimlich,\ndamit es niemand sah, holte er aus seiner Arzttasche \u00c4pfel f\u00fcr mich und sagte\nmir fr\u00f6hlich, da\u00df sie aus seinem Garten stammten. Sagen Sie, ist das nicht der\nwahre Vater? <\/p>\n\n\n\n<p>Endlich waren die Ergebnisse der Untersuchungen\nda, und Doktor sagte, dass alles mit meinen Lungen in Ordnung sei. \u201cAber ins\nBergwerk gehst du bestimmt nicht mehr\u201d, \u2013 sagte er, \u2013 \u201cdu wirst \u00dcbersetzer bei\nder Sanit\u00e4tsabteilung\u201d. Er hat mich sowohl vor der Grubenleitung, als auch vor\nder Lagerleitung besch\u00fctzt. Mit meiner neuen Position lie\u00df sich auch die \u201cDi\u00e4t\u201d\nbesser aushalten. Die gute Erinnerung an Doktor Schr\u00f6der und die Sohnesliebe zu\nihm werde ich bis ans Ende meiner Tage bewahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ende 1944 wurde der Lager evakuiert, weil die\nAlliierten Truppen schon anr\u00fcckten. Ich konnte von der Etappe fliehen und\n\u201cverwandelte\u201d mich in einen Ostarbeiter. Man muss aber sagen, da\u00df zu dieser\nZeit mein Status schon keinen ernsthaft interessierte. Alles deutete auf das\nEnde des Krieges. Nahe der Stadt Frondenburg [Fr\u00f6ndenberg?] wurde ich von den\nAmerikanern befreit. Und so endete mein Leben in der Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Repatriierung begannen aber die neuen\nErprobungen, und manchmal war es schlimmer als in der Gefangenschaft. Wenn Sie\nes erlauben, erz\u00e4hle ich irgendwann davon, wenn ich es schaffe. Ich habe\nnat\u00fcrlich einiges aus der Zeit der Gefangenschaft ausgelassen, da es mir aus\nmeiner heutigen Sicht als nicht so wichtig erscheint. Nur eines m\u00f6chte ich noch\nsagen: Dort, wo die Wehrmacht die Macht hatte, dort herrschte der Befehl, und\nwo die Zivilisten Macht hatten, dort traf man auf Mitgef\u00fchl, W\u00e4rme und Menschlichkeit.\nF\u00fcr dieses Mitgef\u00fchl bin ich bereit, mich vor dem deutschen Volk zu verbeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sei verflucht dieser Krieg, und da\u00df solche\nRegime, wie die von Stalin und Hitler, nie wieder in der Welt herrschen k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p>Gestatte Sie\nmir, von Ihnen Abschied zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf\nWiedersehen! [Original deutsch] <\/p>\n\n\n\n<p>Mit tiefster Achtung, <\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Donskoj. <\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung:\nLucy Shnyr<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem letzten Freitagsbrief einer Sanit\u00e4terin, die von ihrer Gefangennahmen bei der Verteidigung von Sewastopol berichtete, folgt heute&nbsp; der eines m\u00e4nnlichen Rotarmisten, der ebenfalls bei den K\u00e4mpfen um Sewastopol gefangen genommen wurde. 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