{"id":2876,"date":"2019-06-14T16:34:33","date_gmt":"2019-06-14T14:34:33","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2876"},"modified":"2020-06-25T16:19:25","modified_gmt":"2020-06-25T14:19:25","slug":"alexandra-fjodorowna-arssenjewa-neuer-freitagsbrief-nr-87","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/alexandra-fjodorowna-arssenjewa-neuer-freitagsbrief-nr-87\/","title":{"rendered":"Alexandra Fjodorowna Arssenjewa &#8211; Freitagsbrief Nr. 87"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Als 87. Neuen Freitagsbrief\nhaben wir einen der wenigen Briefe von weiblichen sowjetischen Kriegsgefangenen\nausgew\u00e4hlt. Wir erhielten ihn im Jahr 2007;&nbsp; als unbewaffnetes Mitglied im\nSanit\u00e4tsdienst war schon ihre Gefangennahme ein Bruch des allgemeinen\nKriegsv\u00f6lkerrechts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es schreibt Ihnen Alexandra Fjodorowna Arssenjewa, Kriegsteilnehmerin bei der Verteidigung von Odessa und Sewastopol.<\/p>\n\n\n\n<p>Dank dem Einsatz unserer K\u00fcstenarmee haben\nOdessa und Sewastopol die Ehrenbezeichnung \u201eHeldenstadt\u201c bekommen. Sie stand\nunter dem Befehl von General Iwan Jefimowitsch Petrow.<\/p>\n\n\n\n<p>In Sewastopol geh\u00f6rte ich zum 224.\nSanit\u00e4tsbataillon der 172. Division, die in den McKenzy-Bergen\n(\u201eMekensijewskije gory\u201c)* zur Verteidigung eingesetzt war. Das\nSanit\u00e4tsbataillon hatte seinen Standort auf dem Gel\u00e4nde der Maximow-Datsche\n(\u201eMaximowa datscha\u201c)**. Ich habe ein Foto, auf dem ich zusammen mit General\nPetrow in den McKenzy-Bergen aufgenommen wurde. Er war einmal mit dem Bus bei\nuns vorgefahren, versammelte alle Frauen und fuhr mit ihnen in Frontn\u00e4he. Dort\nwurde dieses Foto gemacht \u201ef\u00fcr die Nachkommen\u201c, wie der General sagte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Nina Onilowa ist n\u00e4mlich gefallen und von\nihr ist kein Foto geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kopie dieses Fotos lege ich bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigen Sie bitte meine Handschrift. Die\nHand zittert, das Schreiben f\u00e4llt mir schwer. Aber Sie werden es schon\nverstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Foto sitzt General Petrow in der Mitte,\nich stehe hinter ihm, \u00fcber seinem Kopf. Dann folgt eine Frau, danach der\nDivisionskommandeur Iwan Laskin.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeitung habe ich gelesen, dass\ndiejenigen, die im Krieg gek\u00e4mpft haben und in deutsche Gefangenschaft geraten\nwaren, materielle Hilfe bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Sewastopol gab es grausame K\u00e4mpfe. Irgendwann\nhatten wir keine Munition mehr, keine Waffen, hatten nichts mehr zu essen, kein\nVerbandsmaterial. Vom Festland kam kein Ersatz. Die Vorgesetzten lie\u00dfen sich 2\nU-Boote kommen. Sie fuhren davon und lie\u00dfen uns zur\u00fcck. Wir sa\u00dfen unter den\nFelsen, da kamen die Vorgesetzten vorbei auf dem Weg zu den Booten. Ich fragte\nGeneral Petrow \u201eIwan Jefimowitsch, Sie fahren alle weg, und was wird aus uns?\u201c\nGeneral Petrow erwiderte \u201eWir werden Euch eine Staffel schicken\u201c, aber es kam\nkeine Staffel und so gerieten wir in Gefangenschaft. Wir hatten nichts mehr zum\nSchie\u00dfen, nichts zu essen und kein Verbandsmaterial f\u00fcr die Verwundeten. Die\nDeutschen jagten uns von der 35. Batterie bis nach Simferopol [Dulag 241] zu\nFu\u00df. In Simferopol waren wir zun\u00e4chst in einem Gef\u00e4ngnis, dann brachten sie uns\nper Bahntransport nach Slawuta [Stalag 301Z], wo wir uns in Kasernen unserer\nArmee befanden und sp\u00e4ter ging es weiter nach Soest in Deutschland. Bei der\nAnkunft dort hatte ich schon Tropenmalaria. Ich hatte starke Sch\u00fcttelkr\u00e4mpfe,\n40 \u00ba Fieber und konnte nicht mehr laufen. Die Frauen unter uns, die Deutsch\nkonnten, gingen zu den Deutschen und fragten nach Hilfe. Die Deutschen\nschickten uns in ein deutsches Krankenhaus, unsere Frauen trugen mich auf einer\nTrage, das wei\u00df ich noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Krankenhaus best\u00e4tigten sie die Diagnose\n\u201eTropenmalaria\u201c und begannen mit der Behandlung. Aber ich konnte schon nicht\nmehr laufen. Nach der Behandlung h\u00f6rten die Sch\u00fcttelanf\u00e4lle auf, das Fieber\nsank, und dann holte mich ein Deutscher ab, der brachte mich nach \u2026( unles.,\nLippstadt ?) in ein Werk. Dort arbeitete ich dann.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Amerikanern wurden wir befreit, sie\nbrachten uns in ein Lager f\u00fcr russische Kriegsgefangene nach Essen. Von dort\nging es dann mit der Bahn in das Gebiet, wo unsere Truppen waren, nach\n\u2026(unles., L\u00fcdersdorf ?). Zwei \u00c4rzte kamen und baten, dass sich medizinisches\nPersonal meldet f\u00fcr die Arbeit bei ihnen in den Einheiten, denn dort fehlte es.\nIch hatte eine Freundin, Tamara\u2026 (unles., Jelezkaja ?), die war auch\nFeldscher*** in unserer Division. Wir beratschlagten und meldeten uns zur\nArbeit in einer Einheit. Bis 1946 blieben wir, und im September 1946 kam ich\nnach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit in aller K\u00fcrze.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschuldigen Sie, ich habe schlecht\ngeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hand zittert, ich kann (schon) nicht mehr\nschreiben. \u00dcber Hilfe w\u00fcrde ich mich sehr freuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexandra Fjodorowna Arssenjewa<\/p>\n\n\n\n<p>20.08.2007<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbersetzung Sibylle Albrecht<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>* F. McKenzy &#8211; Konteradmiral, geb\u00fcrtiger\nEngl\u00e4nder, seit 1765 im Dienst der Russischen (Schwarzmeer-)Flotte; nach ihm\nbenannte Erhebung in der N\u00e4he von Sewastopol.<\/p>\n\n\n\n<p>** Maximow-Datsche &#8211; bei Sewastopol ehemal.\nGartenschlo\u00df des Grafen Maximow aus dem 19. Jahrh., mit Landschaftspark.<\/p>\n\n\n\n<p>*** Feldscher &#8211; in der russischen Armee\nBezeichnung f\u00fcr unterste Stufe eines Milit\u00e4rarztes; in der Sowjetunion und den\nheutigen Nachfolge-Republiken zivile T\u00e4tigkeit im mittleren medizin. Dienst,\nAusbildung unterhalb des Arztes, aber h\u00f6herwertiger als die der\nKrankenschwestern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 87. Neuen Freitagsbrief haben wir einen der wenigen Briefe von weiblichen sowjetischen Kriegsgefangenen ausgew\u00e4hlt. Wir erhielten ihn im Jahr 2007;&nbsp; als unbewaffnetes Mitglied im Sanit\u00e4tsdienst war schon ihre Gefangennahme ein Bruch des allgemeinen Kriegsv\u00f6lkerrechts. Es schreibt Ihnen Alexandra Fjodorowna Arssenjewa, Kriegsteilnehmerin bei der Verteidigung von Odessa und Sewastopol. 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