{"id":2870,"date":"2019-06-08T13:49:59","date_gmt":"2019-06-08T11:49:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2870"},"modified":"2020-06-25T16:19:40","modified_gmt":"2020-06-25T14:19:40","slug":"b-svetlana-aleksandrowna-neuer-freitagsbrief-nr-86","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/b-svetlana-aleksandrowna-neuer-freitagsbrief-nr-86\/","title":{"rendered":"B. Svetlana Aleksandrowna &#8211; Freitagsbrief Nr. 86"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>8<\/strong><em>Diesen Brief erhielten wir im Original mit\ndeutscher \u00dcbersetzung im Januar zusammen mit dem 71. Neuen Freitagsbrief, und\nauch&nbsp; in diesem Fall k\u00f6nnen wir nicht absehen, ob und wann die Schreiberin\nunsere Spende erhalten wird. Allerdings sind wir seit zwei Jahren dabei, im\nGebiet Mogiljow Geld und Briefe zu versenden, aber noch sind wir nicht zum\nBezirk Krichev gelangt. Das im Bericht erw\u00e4hnte Foto&nbsp; wurde uns leider\nnicht geschickt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Guten Tag! <\/p>\n\n\n\n<p>Schon seit langem wollte ich \u00fcber mich schreiben.\nIch bin ein Kriegskind eines der schlimmsten Kriege der Menschheit, den\nNazi-Deutschland am 22. Juni 1941 mit einem Angriff auf die Sowjetunion begann.\nDies ist der Tag meiner Geburt. Auf meiner Geburtsurkunde ist der 27. Juni als\nmein Geburtstag angegeben, das ist ein Fehler. An diesem Tag wurde meine Geburt\nregistriert. Ich wurde im Dorf Mikheevichi, Kreis Krichev im Gebiet Mogilev,\nBelarus, geboren. Dieses Gebiet war von den deutschen Eindringlingen in den\nersten Monaten des Krieges besetzt worden und diese Besatzung dauerte l\u00e4nger\nals drei Jahre. Viele Quellen beschreiben und stellen die Schrecken dieser Zeit\ndar. Ich werde das trotzdem wiederholen. Man kann nicht vergessen, was damals\npassierte. Nat\u00fcrlich habe ich das in dem Alter nicht verstanden, aber meine\nMutter, Boyko Nadezhda Petrovna, und meine Gro\u00dfmutter, Marfa Stanislavovna,\nhaben mir alles bis zum letzten Komma und bis zur letzten Minute ihres Lebens\nerz\u00e4hlt, aber sie haben diese Welt schon lange verlassen. Offensichtlich konnten\ndas Herz meiner Mutter und meiner Gro\u00dfmutter alles nicht ertragen. Ich sage\ngleich, dass der Krieg mich meines Vaters beraubt hat. Ich habe ihn nicht\ngesehen und meine Mutter und ich warteten auf ihn. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Lebensbedingungen f\u00fcr ein Neugeborenes \u2014 unm\u00f6glich\nsie mit Worten zu beschreiben. Nur die nackte Existenz und st\u00e4ndige\nLebensbedrohung waren allt\u00e4glich. W\u00e4hrend Kampfhandlungen sa\u00dfen sie oft im\nKeller, aber es gab nicht genug Luft zum Atmen, und ich wurde nach oben in die\nN\u00e4he der Kellerluke gelegt. Nach jeder Explosion hob meine Mutter den Deckel\nmit ihrem Kopf an und guckte nach, was mit mir war. Die Deutschen t\u00f6teten bald\nPapas Eltern (wir wissen nicht, wof\u00fcr, und sie haben uns so geholfen), haben\nuns aus dem Haus geworfen und haben dort Ihr Hauptquartier eingerichtet. Sie\nnahmen das Ferkel, H\u00fchner, Kartoffeln, obwohl Gro\u00dfmutter auf Knien vor ihnen um\nGnade bat. Wir kamen bei Verwandten unter, wo wir fast drei Jahre lebten. Meine\nTante wurde bei den Armen gepackt und vor alle Leute gezertt und dann nach\nDeutschland geschickt. Ihr Name war Shlomova Vera Petrovna. Im Haus gab es\nSchreie und die Tr\u00e4nen str\u00f6mten. Schon damals weinte ich, als ich sah, wie\nmeine Verwandten get\u00f6tet wurden. Oft gingen sie in den Wald, alles donnerte und\ndie Erde bebte. Wir lebten dort mehrere Tage. Ich erinnere mich, dass der Nefe\nmeiner Gro\u00dfmutter mich auf den Schultern trug, er lebt noch. Mehrfach hat man\nmit der Pistole auf mich gezielt, weil ich schwarzes, lockiges Haar hatte. Man\nhat mich gefragt, zu wem ich geh\u00f6re, wo meine Mutter ist. Meine Angst reichte\nf\u00fcr die Ewigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schicke Ihnen auch ein Foto von mir aus dieser\nZeit. Ich trage ein Kleid, das aus einem Kittel meines Vaters gemacht wurde.\nMein Vater war Soldat und meine Mutter und ich h\u00e4tten ein v\u00f6llig anderes Leben\nf\u00fchren k\u00f6nnen, aber alles war verloren. Meine Mutter und meine Gro\u00dfmutter sahen\nmich an und konnten nicht glauben, dass ich \u00fcberlebt hatte, sie weinten sogar\ndeshalb. Der Krieg raubte nicht nur meine Kindheit, sondern wirkte sich auf\nmein ganzes Leben aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Hochachtungsvoll<\/p>\n\n\n\n<p>B. Svetlana Aleksandrowna<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8Diesen Brief erhielten wir im Original mit deutscher \u00dcbersetzung im Januar zusammen mit dem 71. Neuen Freitagsbrief, und auch&nbsp; in diesem Fall k\u00f6nnen wir nicht absehen, ob und wann die Schreiberin unsere Spende erhalten wird. 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