{"id":2852,"date":"2019-05-17T15:58:10","date_gmt":"2019-05-17T13:58:10","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2852"},"modified":"2020-06-25T16:20:12","modified_gmt":"2020-06-25T14:20:12","slug":"bugaj-michail-jakowitsch-neuer-freitagsbrief-nr-84","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/bugaj-michail-jakowitsch-neuer-freitagsbrief-nr-84\/","title":{"rendered":"Bugaj Michail Jakowitsch &#8211; Freitagsbrief Nr. 84"},"content":{"rendered":"\n<p>Zu Anfang unseres Projekts &#8220;Hilfe f\u00fcr ehemalige sowjetische Kriegsgefangene&#8221; schickten die Empf\u00e4nger unserer Briefe und unserer kleinen Geldleistung in der Ukraine ihre Antworten an uns h\u00e4ufig an unsere Partner in Kiew, die ukrainische staatliche Stiftung &#8220;Verst\u00e4ndigung und Auss\u00f6hnung&#8221;. Die meisten dieser Briefe waren noch nicht \u00fcbersetzt. Der folgende ist ein Brief aus dem Jahr 2005.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bugaj Michail Jakowitsch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ukraine, Tschernigiw<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. Juni 1941 wurde ich durch das\nst\u00e4dtische Milit\u00e4rkommissariat Tschernigow als Freiwilliger zum Armeedienst\neinberufen und nach Sewastopol geschickt, wo ich am 30.06.41 beim\nAusbildungskommando meinen Eid leistete und in die 7. Marinebrigade der 4.\nFront eingeteilt wurde. Dort leistete ich meinen Dienst, bis ich im April 1942\nbei der Landung auf der Halbinsel Kertsch auf der Krim verletzt wurde,\neinschlie\u00dflich einer schweren Kopfverletzung mit Verlust der Rede und des\nGeh\u00f6rs. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach meinem Aufenthalt im Hospital wurde\nich mit dem Genesungskommando an die Bahnstation Rossoschtsch verlegt. Bei\neinem Blitzvorsto\u00df der Deutschen im Juni wurden wir umzingelt und gerieten auf\ndiese Weise in Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschen trieben uns unter\nverst\u00e4rktem Wachschutz zu einer gro\u00dfen Kolonne zusammen. Einen ganzen Tag lang\nliefen wir in Richtung Walujka. Die Deutschen fuhren mit ihren Autos umher,\nwechselten die Wachen im Vorbeifahren aus. Kriegsgefangene, die zu ersch\u00f6pft\nwaren, um weiterzulaufen, wurden gleich auf der Stra\u00dfe niedergeschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs nahmen wir einen Umweg \u00fcber\neinen Feldflugplatz, den wir mit der kompletten Mannschaft von Minen befreien\nmussten. Zum Gl\u00fcck gab es nur zwei Explosionen. Die Toten wurden dort\nliegengelassen, der Rest musste weiter. Vom Bahnhof Kupjansk wurden wir mit\neinem Zug nach Charkow gebracht, dann weiter nach Kirowograd. Zu essen gab es\neinmal am Tag. Von irgendeiner medizinischen Versorgung konnte gar keine Rede\nsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Aufenthalt im Lager Kirowograd\nschickte man uns nach Deutschland. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie\ndie Stadt hie\u00df, etwas wie Tribschiz [Trebschitz B\u00f6hmen?] oder Br\u00fcx [Sudeten],\naber ich erinnere mich, dass es \u201eStalag IV B\u201c war [M\u00fchlberg jetzt Brandenburg,\ngeh\u00f6rte zum Wehrkreis IV Sachsen, wie auch das Stalag Wistritz bei Br\u00fcx].<\/p>\n\n\n\n<p>Bei unserer Ankunft wurden wir in\nArbeitskommandos eingeteilt, und jeder H\u00e4ftling bekam eine Nummer um den Hals.\nMeine war 184141, wenn mich mein Ged\u00e4chtnis nicht im Stich l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedingungen waren furchtbar, das ganze\nLeben war durchgetaktet. Aber die meiste Zeit verbrachten wir bei Kontrollen.\nUnd die konnte auch mitten in der Nacht stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diejenigen, die zum Arbeiten geschickt\nwurden, mussten bei der R\u00fcckkehr ins Lager auf dem Platz stehen und zwei,\nmanchmal drei Stunden warten, bis ihre Nummern kontrolliert wurden. Das Essen\nwar furchtbar, entweder Suppe aus Steckr\u00fcben oder Gr\u00fcnzeug, hei\u00dfes Wasser und\n150g Brot, das zur H\u00e4lfte aus S\u00e4gemehl bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile wurde ich in eine\nAbteilung des Lagers gebracht, die f\u00fcr das Unternehmen \u201e<em>Schottler und Schuster<\/em>\u201c\narbeitete, einen Braunkohletagebau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit war sehr schwer, haupts\u00e4chlich\nBodenstampfen f\u00fcr die Verlegung von Gleisen und die Verschiebung dieser Gleise\nentsprechend dem Arbeitsfortschritt. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen war schlecht, wir wurden\nerbarmungslos geschlagen. Besonders flei\u00dfig war der Chef des Tagebaus, ich\nmeine, er hie\u00df Otto Tyz, der immer seine Fertigkeiten im Boxen an uns\ntrainierte. Auch der Meister \u00fcber die Gleisarbeiten, ein Sudeten-Deutscher\nnamens Stande, stand ihm in nichts nach. Seinen Nachnamen kannten wir\nnicht. Die Wachleute schlugen genauso zu wie die Meister. Ich bekam vielleicht\nbesonders viel ab, weil ich stark stotterte, es bereitete ihnen Vergn\u00fcgen, mich\netwas zu fragen, worauf ich stotternd antwortete, um mich dann unter lautem Gel\u00e4chter\nzu verpr\u00fcgeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir ins Lager zur\u00fcckkamen, mussten\nwir lange bei den Kontrollen stehen, viele mussten wegen kleinster Verst\u00f6\u00dfe das\n\u201eWaschen\u201c \u00fcber sich ergehen lassen: Durch einen schmalen, mehr als ein Meter\ntiefen Graben voller Wasser hindurch in die Baracke gehen. Sieh zu, wie du\nwieder trocken wirst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kleidung war sp\u00e4rlich \u2013 ein altes\nUnterhemd und ein blauer Kittel mit einem roten Dreieck am R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter war es bitterkalt. Irgendwie\ngelang es uns, Zements\u00e4cke aus Papier zu beschaffen, aus denen wir Westen\nfabrizierten. Wegen so einer Weste musste ich mich einmal bis zur H\u00fcfte\nausziehen und eine Stunde in der K\u00e4lte stehen, auf den Puffern. Die vielen\nErk\u00e4ltungen rafften die Leute dahin wie die Fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Firma \u201eSchottler und Schuster\u201c\narbeitete ich bis April oder M\u00e4rz 1945. Danach wurde unser Kommando an\nirgendeine Baustelle versetzt, wo wir Fundamente demontierten, wie es hie\u00df, f\u00fcr\nein Elektrizit\u00e4tswerk. Aber das war schon woanders \u2013 wie der Ort hie\u00df, wei\u00df ich\nnicht mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Ende April wurde unser Kommando mit einer\ngro\u00dfen Kriegsgefangenenkolonne von etwa dreitausend Mann zusammengeschlossen.\nDrei oder vier Tage wurden wir unter strenger Bewachung von einem Ort zum\nn\u00e4chsten getrieben, bis wir am Ende in irgendeinem Stollen zusammengepfercht\nwurden. Nur die Wachen blieben oben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann brach mitten in der Nacht eine\nSchie\u00dferei los, und in den Stollen kamen tschechoslowakische Partisanen, die\nuns erz\u00e4hlten, sie h\u00e4tten geh\u00f6rt, dass die Deutschen vorgehabt h\u00e4tten, den\nEingang zum Stollen in die Luft zu jagen und den Schacht zu fluten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, welches Datum das war,\naber die Tschechoslowaken hatten uns erz\u00e4hlt, dass gerade erbitterte K\u00e4mpfe um\nPrag gef\u00fchrt w\u00fcrden. Etwa zwei Tage sp\u00e4ter trafen wir auf Abteilungen unserer\nArmee. Ich glaube, es war irgendwo in der N\u00e4he der Stadt Komotau. <\/p>\n\n\n\n<p>23.04.2005<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Anfang unseres Projekts &#8220;Hilfe f\u00fcr ehemalige sowjetische Kriegsgefangene&#8221; schickten die Empf\u00e4nger unserer Briefe und unserer kleinen Geldleistung in der Ukraine ihre Antworten an uns h\u00e4ufig an unsere Partner in Kiew, die ukrainische staatliche Stiftung &#8220;Verst\u00e4ndigung und Auss\u00f6hnung&#8221;. Die meisten dieser Briefe waren noch nicht \u00fcbersetzt. Der folgende ist ein Brief aus dem Jahr 2005&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-2852","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-briefe-ehemaliger-sowjetischer-kriegsgefangener"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"ru","enabled_languages":["de","ru"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"ru":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"graphy-post-thumbnail-large":false,"graphy-post-thumbnail-medium":false,"graphy-post-thumbnail-small":false,"graphy-page-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"KS","author_link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/author\/kntktbrln999\/"},"uagb_comment_info":15,"uagb_excerpt":"Zu Anfang unseres Projekts &#8220;Hilfe f\u00fcr ehemalige sowjetische Kriegsgefangene&#8221; schickten die Empf\u00e4nger unserer Briefe und unserer kleinen Geldleistung in der Ukraine ihre Antworten an uns h\u00e4ufig an unsere Partner in Kiew, die ukrainische staatliche Stiftung &#8220;Verst\u00e4ndigung und Auss\u00f6hnung&#8221;. Die meisten dieser Briefe waren noch nicht \u00fcbersetzt. Der folgende ist ein Brief aus dem Jahr 2005....","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2852"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2852\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3819,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2852\/revisions\/3819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}