{"id":2846,"date":"2019-05-10T14:00:38","date_gmt":"2019-05-10T12:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2846"},"modified":"2020-06-25T16:20:28","modified_gmt":"2020-06-25T14:20:28","slug":"galina-wassiljewna-schtsch-neuer-freitagsbrief-nr-83","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/galina-wassiljewna-schtsch-neuer-freitagsbrief-nr-83\/","title":{"rendered":"Galina Wassiljewna Schtsch. \u2013 Freitagsbrief Nr. 83"},"content":{"rendered":"\n<p>Galina Wassiljewna Schtsch. <br>Belarus, Gebiet Mogiljow <br><br>17.03.2018<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gr\u00fc\u00dfe Sie, meine lieben\nHelfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Es schreibt Ihnen Galina&nbsp;\nWassiljewna Schtsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren Brief habe ich erhalten,\nvielen vielen Dank daf\u00fcr, dass Sie sich um ums sorgen, Danke f\u00fcr alles! Das\nGeld habe ich gestern bekommen (15.&nbsp;M\u00e4rz), vielen Dank. Jetzt kann ich\nsterben, kann mit dem Geld die Beerdigung bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun ein wenig \u00fcber mich. Als der Krieg begann, war ich f\u00fcnf Jahre alt. Und obwohl ich noch so klein war, kann ich mich gut erinnern, wie es im Krieg war, wie die Deutschen waren, wie sich sie verhielten, es war f\u00fcr mich kein Traum, sondern Wirklichkeit, auch wenn ich noch so klein war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nicht nach Osaritschi [deutsches KZ in der belorussischen SSR]  gekommen, obwohl wir schon im Auto sa\u00dfen. Aber mein Gro\u00dfvater, er war schon ein alter Mann, fragte einen Deutschen, der am Auto stand, wohin man uns alle bringen wollte. Der Deutsche sagte es ihm. Mein Opa hatte im Krieg gek\u00e4mpft und war vier Jahre in Gefangenschaft, er konnte gut Deutsch. Und man hat ihm erlaubt, uns aus dem Auto zu holen. So sind wir Osaritschi entkommen. Anders als mein Mann, der bis zum Ende des Kriegs dort war. Aber auch f\u00fcr uns war das Leben kein Zuckerschlecken. Sie trieben uns von einem Dorf ins n\u00e4chste, wir durften nicht einmal etwas zu essen kochen. Schlafen mussten wir auf der Stra\u00dfe vor den H\u00e4usern, in die man uns nicht hineinlie\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst als der Krieg vorbei war,\nkonnten wir nach Hause zur\u00fcck. Aber wo sollten wir wohnen, unsere H\u00e4user waren\nja nicht mehr da. Nur noch leere Brandst\u00e4tten \u00fcberall. Also begannen meine\nMutter und ihr Vater, eine Erdh\u00fctte zu bauen, und so lebten wir in dieser\nErdh\u00fctte, bis mein Vater nach Hause zur\u00fcckkehrte. Zu essen hatten wir nichts.\nWir gingen in die Felder und sammelten St\u00e4rke [?], vermischt mit Erde, meine\nMutter briet aus dieser St\u00e4rke Fladen. So lebten wir. Sp\u00e4ter ging meine Mutter\nzusammen mit meiner \u00e4lteren Schwester ins Dorf Moschkowitschi zum Arbeiten, die\nMenschen gaben ihnen daf\u00fcr Kartoffeln, so haben wir \u00fcberlebt. Wir pflanzten\ndiese Kartoffeln in die Erde, und es kamen neue.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann Schtscherbitsch\nGrigorij Petrowitsch war in Osaritschi, er hat mir erz\u00e4hlt, wie schrecklich es\ndort war. Aber auch wir hatten es nicht leicht. Jeden Morgen schlugen uns die\nDeutschen, suchten nach Partisanen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann ist 1995 gestorben.\nAls er noch lebte, haben wir einmal [Deutsche] Mark bekommen. In welchem Jahr,\nwei\u00df ich nicht mehr. Und als sp\u00e4ter noch einmal Geld kommen sollte, habe ich\nnichts bekommen. Sie sagten, dass mir nichts mehr zusteht, weil mein Mann nicht\nmehr lebt. Ich habe mehrere Briefe nach Minsk geschrieben, nur einmal bekam ich\neine Antwort. Ich wei\u00df nicht, ob das alles gerecht war oder nicht. Aber das\nGeld sollte ja kommen, wo es geblieben ist, wer es bekommen hat \u2013 ich wei\u00df es\nnicht. Ich war nicht die Einzige, der es so ging. Das fragten wir uns. Alle,\ndie in Osaritschi waren, sollten Geld aus Deutschland bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann ist am 19. April\n1995 gestorben. Seit 23 Jahren schon lebe ich alleine. Gut, dass ich meine\nKinder habe, zwei S\u00f6hne und eine Tochter, bei der ich gerade lebe. Ich\nverbringe die Winter bei ihr und fahre im Fr\u00fchling zur\u00fcck nach Hause, nach\nBartschizy. Mein \u00e4ltester Sohn lebt in Bobrujsk, genau wie meine Tochter. Der\nandere Sohn lebt wie ich in Bartschizy.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es gut hier, mit\nmeinem Schwiegersohn verstehe ich mich zum Gl\u00fcck gut. Mein \u00c4ltester kommt\nselten, um ehrlich zu sein, war er diesen Winter kein einziges Mal hier. Und\nwas meinen Sohn in Bartschizy angeht, so arbeitet er im Landwirtschaftsbetrieb\nals Tankwart und hat keine Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;. Als ich noch jung war und\ngearbeitet habe, [hatte ich] eine Kuh und Schweine [&#8230;], H\u00fchner, Kaninchen,\n[&#8230;]. Jetzt habe ich nichts mehr, nicht einmal eine Katze, lebe wie ein alter\nEinsiedler. Arbeiten kann ich nicht mehr, habe Schmerzen im Bein, mein\nBlutdruck schwankt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte noch viel\nschreiben, aber ich bin m\u00fcde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wiedersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00fcsse sie ganz fest f\u00fcr\nIhre Hilfe. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Russischen von Jennie Seitz<\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Galina Wassiljewna Schtsch. Belarus, Gebiet Mogiljow 17.03.2018 Ich gr\u00fc\u00dfe Sie, meine lieben Helfer. Es schreibt Ihnen Galina&nbsp; Wassiljewna Schtsch. Ihren Brief habe ich erhalten, vielen vielen Dank daf\u00fcr, dass Sie sich um ums sorgen, Danke f\u00fcr alles! Das Geld habe ich gestern bekommen (15.&nbsp;M\u00e4rz), vielen Dank. 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