{"id":2832,"date":"2019-04-29T11:49:14","date_gmt":"2019-04-29T09:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/?p=2832"},"modified":"2020-06-25T16:20:41","modified_gmt":"2020-06-25T14:20:41","slug":"mihalina-petrowna-g-neuer-freitagsbrief-nr-81","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kontakte-kontakty.de\/ru\/mihalina-petrowna-g-neuer-freitagsbrief-nr-81\/","title":{"rendered":"Mihalina Petrowna G. \u2013 Freitagsbrief Nr. 81"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>81. Neuer Freitagsbrief<br>Mihalina Petrowna G.<\/strong> <br><strong>Belarus, Gebiet Witebsk<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Es wendet sich an Sie eine B\u00fcrgerin von Belarus, Mihalina Petrowna G., geb. P., wohnhaft in der Stadt Lepel, Witebsker Gebiet. Ich bin schon 87, Invalidin der 1. Gruppe, lebe bei meiner Tochter Danilowna Emilia Metscheslawowna (sie schreibt diesen Brief).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich 1930 bin im Dorf Starinki des Pyshnjansker Dorfsowjets, Kreis Lepel,\nWitebsker Gebiet, geboren, wo ich auch bis zum Zweiten Weltkrieg wohnte. Ich\nlebte dort mit meiner Mutter Anastasija Antonovna P. , meinem j\u00fcngeren Bruder\nVladimir und meiner Schwester Emilia. Unser Vater, Petr Antonovich P., kam 1939\nim Finnischen Krieg uns Leben. Unsere Mutter zog uns allein gro\u00df. In unserem\nD\u00f6rfchen gab es nur 8 H\u00f6fe, aber die Faschisten kamen sehr oft dorthin,\nkonfiszierten bei uns und den anderen D\u00f6rflern Lebensmittel (Speck, Butter,\nMilch, Eier, Brot), t\u00f6teten Vieh und Gefl\u00fcgel und nahmen es mit, oder sie\nergriffen Kinder, Jugendliche und Alte aus unserem Dorf und anderen\nnahegelegenen D\u00f6rfern, und jagten uns mit Maschinengewehren im Anschlag und mit\nHunden vor sich her wie eine Zielscheibe: Sie trieben uns \u00fcber die Wege, um zu\npr\u00fcfen, ob diese nicht vermint waren, oder auch, wenn sie auf Partisanenjagd\ngingen. Wenn jemand weglaufen wollte, schossen sie, wenn jemand fiel, schossen\nsie, andere wurden von Minen zerrissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal, als man uns in vermintes Gel\u00e4nde jagte, starben viele, und die\n\u00dcberlebenden wurden unter Bewachung nach Lepel getrieben, in einen Pferdestall\ngesperrt, wo wir \u00fcbernachteten, und morgens verlud man uns auf einen Lastwagen\nund fuhr uns nach Vitebsk. Bei mir war der j\u00fcngere Bruder meiner Mutter, Franz\nAntonovich M. (2 Jahre \u00e4lter als ich). In Witebsk kamen wir in ein Lager (lange\nBaracken). An die genauen Daten erinnere ich mich nicht, aber es war am\nFr\u00fchlingsanfang 1942. Im Lager blieben wir \u00fcber 2 Monate. Wir mussten\nSch\u00fctzengr\u00e4ben f\u00fcr die deutschen Soldaten ausheben, Kartoffeln sch\u00e4len und\nGefl\u00fcgel rupfen, und zu essen gab man uns so eine Balanda (gekochtes Ged\u00e4rm und\nHufe von Tieren) Ich konnte das nicht essen und wurde v\u00f6llig kraftlos. Franz\nbettelte in der K\u00fcche um wenigstens ein St\u00fcckchen Brotrinde, um mich irgendwie\nam Leben zu erhalten. Es waren unertr\u00e4gliche Zust\u00e4nde. Nachts war es sehr kalt,\ndie Jacke meines Vaters, die ich anhatte, half ein bisschen. Die Sowjetsoldaten\nbombardierten die deutsche Garnison, Bomben fielen auch auf das Lager, die\nMenschen wurden in St\u00fccke gerissen, Arme und Beine wurden ihnen abgerissen,\n\u00fcberall Schreie und St\u00f6hnen. Ich betete dauernd und bat Gott darum, sofort tot\nzu sein, ohne mich zu qu\u00e4len. Dann waren unsere Leiden im Lager zu Ende, wir\nwurden in G\u00fcterwagen verladen und irgendwohin gefahren, uns war es ganz egal,\nwohin wir fuhren, blo\u00df weg aus dieser H\u00f6lle, auch wenn sie uns erschie\u00dfen\nw\u00fcrden. Wir kamen in das Dorf Surazh, alle wurden abgeladen und in die Banja\ngetrieben. Wir mussten uns ausziehen, weil unsere Kleidung v\u00f6llig verlaust war.\nDie Kleidung wurde im hei\u00dfen Dampf gereinigt, wir mussten uns waschen und\nbekamen die Kleidung zur\u00fcck. Dann wurden wir bei Leuten in Surazh\nuntergebracht. Mich nahm eine Frau zu sich. Von dort trieb man uns wieder zum\nSch\u00fctzengr\u00e4ben-Ausheben. Dann erkrankte ich an Typhus. Viele wurden krank und\nwurden erschossen. Warum ich am Leben blieb, wei\u00df Gott allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald darauf wurden die gesunden Kinder und Jugendlichen nach Deutschland\ntransportiert, darunter auch meinen Onkel Franz, der dort bis zum Kriegsende\nblieb und arbeitete. Als es mir etwas besser ging, beschloss ich, nach Hause zu\nfliehen. Ich fragte die Leute aus, wie ich nach Lepel komme. Sie erkl\u00e4rten es\nmir, und eines Nachts lief ich weg, zusammen mit anderen Frauen und\nJugendlichen, die auch Gr\u00e4ben ausgehoben hatten. Ich ging zu Fu\u00df, manchmal lief\nich auf die Landstra\u00dfe und mich nahmen deutsche Soldaten mit. Sie fragten, wer\nich sei, woher und wohin ich gehe. Ich sagte, dass ich Sch\u00fctzengr\u00e4ben\nausgehoben hatte, da nahmen sie mich mit und schenkten mir ab und zu Schokolade\nund einen Keks. So kam ich im Herbst zum Dorf Pyshno, wo ich erfuhr, dass sie\nunser Dorf abgebrannt und alle seine Bewohner get\u00f6tet hatten. Meine Mutter und\ndie kleineren Kinder waren am Leben geblieben. Sie waren zu dieser Zeit in\neinem anderen Dorf bei Verwandten gewesen (Lipovo im Dokshitser Gebiet). Wir\nhatten keine Bleibe, gruben eine Erdh\u00f6hle aus, in der wir bis zum Ende des\nKrieges lebten. Nachts schliefen wir in der Kleidung, weil es kalt war, und\nweil wir immer auf der Hut waren, um in den Wald zu fliehen, wenn eine\nStrafexpedition nahte. <\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt wendet sich meine Tochter an Sie: Meiner Mutter geht es nicht\nmehr gut. Manche Daten und Ereignisse verwischen sich im Ged\u00e4chtnis, aber sie\nist geistig auf der H\u00f6he. An das Wichtigste und vor allem an die\nKriegsereignisse erinnert sie sich sehr gut, nachts schl\u00e4ft sie nicht \u2013 sie\ntr\u00e4umt vom Krieg, kann keine Kriegsfilme sehen, weint, wenn jemand sie nach\ndieser schrecklichen Zweit fragt. Alle, die mit ihr in Gefangenschaft waren,\nsind gestorben, auch die, die nach Deutschland verschleppt wurden, darunter ihr\nOnkel Franz, er lebt schon seit 20 Jahren nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zweite Weltkrieg hat unserer Familie sehr viel Kummer gebracht. Die\nMutter meines Vaters, Elena Kazimirovna G., geboren 1900 aus dem Dorf Wetche,\nKreis Ushachsk im Witebsker Gebiet, war zusammen mit ihrem \u00e4lteren Sohn\nStanislaw im Konzentrationslager Auschwitz, der lebend [sic???]&nbsp; im\nKrematorium verbrannt wurde. Die Gro\u00dfmutter trug die eingestanzte Nummer auf\ndem Arm. Ich wei\u00df sie nat\u00fcrlich nicht mehr, ich war 7 Jahre alt, als sie 1962\nstarb. Sie war nach dem Krieg lange krank, und konnte sich die letzten zwei\nJahre ihres Lebens nicht mehr aus dem Bett bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle \u2013 Kinder, Enkel, halten ihre Erz\u00e4hlungen heilig im Ged\u00e4chtnis\nund bem\u00fchen uns, sie unseren Kindern weiterzugeben, und wir wissen genau, dass\nvon unserer leidgepr\u00fcften belarussischen Erde niemals eine Bedrohung gegen\nirgendjemanden auf der Welt ausgehen wird, und hoffen, dass unsere Generation\nebenso wenig wie andere solche ungeheuerlichen Dinge erleiden m\u00fcssen wie unsere\nEltern. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind dankbar daf\u00fcr, dass der Verein gegr\u00fcndet wurde und dass Sie mit der Trag\u00f6die der V\u00f6lker mitleiden, die unter den Missetaten des Faschismus gelitten haben. <br><br>Hochachtungsvoll,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 M.P. G., E.M. D. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>81. Neuer FreitagsbriefMihalina Petrowna G. 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