Marija Fjodorowna Sch. – Neuer Freitagsbrief Nr. 82

Marija Fjodorowna Sch.
(geb. 28.04.1936)
Belarus, Witebsk

09.03.2017

Erinnerungen

Selbst in diesem schrecklichen, grausamen Krieg (1941–1945) sind die Menschen doch barmherzig geblieben. Sogar die Soldaten der deutschen Armee zeigten Mitgefühl, leisteten Hilfe. Wir, die Bewohner des Dorfes Nowoselki und anderer Dörfer, wurden weggebracht (nach Deutschland). Gegenstände, Kinder, Alte wurden in große Armeefahrzeuge geladen. Ein Deutscher brachte einen Metallofen (zum Heizen des Hauses), warf Holz, eine Axt, eine Säge und andere Instrumente und notwendige Dinge hinein. Er sagte „Gut, gut“, „Frau, Kinder“. Nach dem Durchgangslager in Witebsk kamen wir in kalte, löchrige Waggons. Dieser Metallofen hat uns gerettet. Wir konnten Wasser warm machen. Wir hielten gefrorene Kartoffelscheiben an den Ofen, bis sie durchgebacken waren, und ernährten uns alle davon. Mein Opa Dorofej Wassiljewitsch und alle Menschen dort (Kinder, Alte, Frauen) dachten voller Dankbarkeit an den guten deutschen Soldaten. Dann kamen wir nach Pinsk. Wurden hinter Stacheldraht gesperrt. Das war das jüdische Ghetto. Alle Erwachsenen mussten arbeiten gehen. Wir Kinder wurden gezwungen, die Straßen um die Häuser herum sauberzumachen. Wir waren entkräftet und hungrig. Ein Soldat brachte ein Brot, bedeutete uns, dass wir es unter die Kleidung stecken sollten und ins Haus rennen, in dem damals unsere Familie lebte. Vielleicht hat auch dieses Brot uns vor dem Tod gerettet.

Dann wurden die Menschen auf die Straße gejagt, wo eine Kolonne von jüdischen und anderen Kindern lief. Sie waren schmutzig, trugen abgerissene Kleidung, viele gingen barfuß, waren dürr und ausgehungert. Aus der Menge löste sich ein Mädchen, klein, dünn, sie rannte zu der Kolonne der Häftlingskinder. Ein Junge streckte seine Hand hinter seinem Rücken aus, das kleine Mädchen legte eine Kartoffel hinein, und er schob sie sich schnell in den Mund. Der deutsche Wachmann ließ es zu. Das ist ein lebendiges Denkmal für das Gute im Menschen.

Dann begann die Auswahl der Leute für den Abtransport nach Deutschland. Die Schwester meiner Mutter Kusmina Marija Fjodorowna wurde mit ihren Kindern Fjodor, Iossif und Nadeshda ausgewählt. Aber Nadeshda hatte Augenschmerzen und sollte bei uns bleiben. Da kam ein deutscher Arzt und brachte ein Medikament, er tropfte es ihr in die Augen und gab die Tropfen meiner Tante. So wurde die Familie nicht auseinandergerissen und zusammen nach Deutschland geschickt.

Auf dass die Liebe und das Gute in den Menschen weiterleben möge.

Frieden, Güte und Wohlergehen.

Hochachtungsvoll

Sch. (Kusmina)

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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