Sowjetische Kriegsgefangene

 

Boris Popow besuchte am 27. Oktober 2012 das ehemalige Lager Stalag IV B in Mühlberg/Elbe, wo er vom Mai 1942 bis April 45 inhaftiert war, Foto: privat

Der lange im Voraus geplante Krieg gegen die Sowjetunion stand im Zentrum deutscher Eroberungspolitik zur Schaffung „neuen Lebensraums“. Deren Bewohner klassifizierten die Nazis als „minderwertiges Menschenmaterial“, ihr Lebensrecht wurde beschnitten auf die Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft für die deutschen Eroberer. Die Mehrheit sollte verhungern oder über den Ural vertrieben werden. Die Sowjetsoldaten galten als Hauptfeinde, die man „erbarmungslos“ vernichten wollte. In Auschwitz wurden die ersten Vergasungen mit Zyklon B an 600 sowjetischen Kriegsgefangenen durchgeführt. In den ersten 10 Monaten des Vernichtungskrieges starben zwei Drittel der drei Millionen Gefangenen. Generalquartiermeister Eduard Wagner im November 1941: „Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern.“ Wie lesen beispielsweise in den Freitagsbriefen, dass sich die Menschen in den Lagern um die Beschäftigung als Totengräber bewarben, weil es dafür 600 Gramm Brot gab. Die Rüstungsindustrie rief nach Arbeitskräften. Weil die zivilen Zwangsarbeiter aus allen besetzten Ländern Europas nicht ausreichten, wurden auch sowjetische Kriegsgefangene unter verschärften Bedingungen eingesetzt, in der Industrie, im Bergbau, im Steinbruch. Auch der völkerrechtswidrige Einsatz im Kriegsgeschehen, z.B. beim Minenräumen und beim Bau von Schützengräben, war üblich. Die von KONTAKTE-KOHTAKTbI Begünstigten hatten zumeist überlebt, weil sie nach dem „Aufpäppelungsprogramm“, wie es zynisch hieß, der Arbeit in der Landwirtschaft zugeführt worden waren. Dort kamen sie wieder zu Kräften und konnten für die weitere Zwangsarbeit – etwa bei Krupp in der Eisengießerei – verwertet werden. Denn bei der unerwartet langen Kriegsdauer musste pfleglicher mit der „kostbaren Kriegsbeute Arbeitskraft“ verfahren werden, als es die Rasseideologen um Alfred Rosenberg vorsahen.

Die Sterberate bei sowjetischen Kriegsgefangenen blieb im Verhältnis zu anderen Gefangenen des Wehrmacht trotzdem enorm hoch. Starben von westalliierten Militärangehörigen in deutscher Gefangenschaft 3,5 %, so starben von 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen mehr als die Hälfte in deutscher Gefangenschaft. Neben den europäischen Juden erlitten die sowjetischen Kriegsgefangenen während des Zweiten Weltkrieges das schlimmste Schicksal.

Kranzniederlegung am 8. Mai, Foto: Dieter Arbeiter

Am 8. Mai 2008 wurden erstmals am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten jene sowjetischen Soldaten geehrt, die als Gefangene der Deutschen Wehrmacht starben.