Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland und Belarus

Mitglieder der multizentrischen Studiengruppe hören einen Vortrag von Prof. Dr. Henze in Moskau. 2017. Foto: Aleksej Slinin.

Als KONTAKTE-KOHTAKTbI im Januar 1990 gegründet wurde, war Tschernobyl zu einem Menetekel des Atomzeitalters geworden. Die langfristigen Nachwirkungen der Katastrophe lösten vielfältige Hilfsmaßnahmen für die betroffenen Regionen aus. Um ein Zeichen der Solidarität zu setzen, luden wir Kinderärzte und ihre Patienten aus Belarus nach Berlin ein. Es waren leukämiekranke Kinder. Unabhängig davon, ob die Tschernobyl-Katastrophe ihre Erkrankung verschuldet hatte, gerieten die Leukämiekinder in den Mittelpunkt unserer Fürsorge. Denn damals galt diese Krankheit in der UdSSR als unheilbar. Dagegen gelang schon in den 70er Jahren an den Universitätskliniken in Berlin, Frankfurt a. M. und in Münster der Durchbruch mit der Entwicklung des Therapieprogramms „BFM-Protokoll”. In Berlin war der Kinderonkologe Prof. Dr. Günter Henze daran beteiligt.

Der Kalte Krieg hatte den freien Wissenschaftsaustausch zwischen West und Ost verhindert. Nach der Wende nutzten wir die Chance, Kontakte zwischen deutschen und russischen Kinderärzten und Wissenschaftlern zu fördern. Zwei von ihnen wurden zu Geburtshelfern eines modernen, effektiven Therapieprogramms, das seither Tausenden Kindern das Leben gerettet hat: Alexander Isakowitsch Karachunsky aus Moskau und Günter Henze aus Berlin. Es ist ein Therapieschema, das unter dem Namen Moskau-Berlin-Protokoll (ALL-MB) in der internationalen Fachwelt bekannt geworden ist. Seit 1991 finanziert KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. aus Spendenmitteln – Kennwort Kinderleukämie – die weitere Entwicklung des Protokolls, nach dem derzeit jährlich 800 Kinder behandelt werden, die an akuter lymphoblastischer Leukämie (ALL) erkranken. Ihre Überlebenswahrscheinlichkeit wird mit bis zu 90 % angegeben.

Der lange Weg einer Partnerschaft

In der Sowjetunion fehlten statistische Angaben über Krebserkrankungen. So kann nur grob geschätzt werden, dass dort jährlich 3000 Kinder an Leukämien erkrankten, davon 80 % an akuter lymphoblastischer Leukämie (ALL).

Nur sehr wenige konnten geheilt werden. Es fehlte an einer standardisierten Behandlung, an organisierten klinischen Studien, an Erfahrungen bei der Durchführung hoch dosierter Chemotherapie.

1989 nahm der Direktor des russischen Instituts für Kinderhämatologie, Prof. Dr. A. Rumanzew, an einer internationalen Konferenz der Kinderonkologen in Weimar teil. Dadurch wurden in der Sowjetunion erstmals konkrete Angaben über westliche Therapieprotokolle bekannt, die das Überleben der Mehrheit dieser Patienten ermöglichen. Rumanzew organisierte kurz darauf in Partnerschaft mit Universitätskliniken in Wien und Berlin die Studienaufenthalte junger, hoch motivierter Kinderärzte in Österreich und in Deutschland. Nach Berlin kam für ein halbes Jahr der Kinderarzt Alexander Isaakowitsch Karatschunsky. Er hospitierte bei Prof. Günter Henze an der pädiatrischen Abteilung für Onko-Hämatologie des Rudolf-Virchow-Klinikums.

Unabhängig davon lud KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. im selben Jahr die Leiterin der Onko-Hämatologie des Kinderkrankenhauses Nr. 1 in Minsk / Belarus, Frau Dr. Olga Alejnikowa, nach Berlin ein. Es wurde verabredet, belorussische Patienten zusammen mit den behandelnden Ärzten zum Berliner Virchow-Klinikum einzuladen. Das Berliner Abgeordnetenhaus stellte dafür 500.000 DM über die Lotto-Stiftung zur Verfügung. So kamen die 15jährige Olga Tschujewa aus Minsk mit ihrer Mutter und zwei Ärztinnen nach Berlin. KOHTAKTbI-Mitglieder kümmerten sich während der sechsmonatigen Behandlungsdauer um Mutter und Tochter. Olga erlitt ein schwer behandelbares Rezidiv. Sie starb nach der Rückkehr. Die zwei Ärztinnen hatten ohne Fremdsprachenkenntnisse den Behandlungsverlauf nach dem deutschen Therapieprotokoll BFM kaum verstanden.

Diese Tragödie hätte das frühe Ende einer Partnerschaft für leukämiekranke Kinder bedeutet, wären sich nicht Alexander I. Karatschunsky und der Berliner Initiator der KOHTAKTbI-Partnerschaft, Eberhard Radczuweit, begegnet. Der Moskauer Kinderonkologe konnte überzeugend das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Günter Henze darstellen: der Entwurf eines Therapieschemas, das die besonderen Verhältnisse in Russland berücksichtigt, eine eigene Therapiestudie, mit der sich russische Kinderärzte emanzipieren können: Das MOSKAU-BERLIN-PROTOKOLL.

Nach seiner Rückkehr wurde Karatschunsky Leiter der Onko-Hämatologie am Russischen Republiks-Kinderkrankenhaus. Und so wurde diese Kinderkrebs-Station zum Ausgangspunkt einer Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland, die zunehmend weitere russische Kinderkliniken einbezog. Mit den restlichen Mitteln der Berliner Lottostiftung wurde ein erster Lkw mit Medikamenten und medizinischem Enwegmaterial beladen, dem wegen des andauernden Mangels in den Folgejahren weitere Lkw-Transporte nach Moskau folgten. Neben der unmittelbaren humanitären Hilfe wurde über die Deutsche Ärztegemeinschaft für humanitäre Zusammenarbeit (DÄZ) ein Stipendienprogramm entwickelt, später finanzierte KONTAKTE-KOHTAKTbI aus Spendenmitteln weitere Stipendien. Russische Ärztinnen und Ärzte hospitierten in Günter Henzes Station in der Regel zwischen einem und eineinhalb Jahren, Krankenschwestern ein halbes Jahr lang. Alle mussten vor und während der Stipendiendauer von KONTAKTE-KOHTAKTbI finanzierte Sprachkurse in deutsch absolvieren. Einer der Stipendiaten, dessen Doktorvater Günter Henze war, wurde Leiter der zweiten Partnerstation in der Moskauer Morosow-Kinderklinik. Der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow wurde durch uns zu einem Neubau für die Station angeregt, sodass Mitte der 90er Jahre das damals modernste Behandlungszentrum Russlands für krebskranke Kinder entstand. Im Jahre 2001 regten wir den Neubau für die Onkologie-Hämatologie-Station im Republiks-Kinderkrankenhaus an und beteiligten uns zur Hälfte an den Kosten.

Die Partnerschaft für leukämiekranke Kinder in Russland vereint traditionelle humanitäre Hilfe mit der Förderung wissenschaftlicher Entwicklung, ohne die keine erfolgreiche Behandlung dieser sonst tödlichen Krankheit möglich wäre. In den Mittelpunkt dieser Partnerschaft wuchs die Förderung der kooperativen multizentrischen Studie Moskau-Berlin-Protokoll. Zwischen 2008 und Okt. 2012 wurden nach diesem Therapieschema 2479 Kinder mit akuter lymphoblastischer Leukämie behandelt, von denen 83 % eine gute Überlebenswahrscheinlichkeit haben.

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