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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Rechenschaftsbericht zur Mitgliederjahresversammlung 2011.

Liebe Mitglieder, liebe Gäste,

unser Verein ist gewachsen: Seit 1. Januar 2011kamen 16 neue Mitglieder hinzu.

Zwei haben ihre Mitgliedschaft gekündigt. Insgesamt haben wir nun 255 Mitglieder, davon 127 Fördermitglieder. Drei Mitglieder sind verstorben:

Unsere drei aktiven Mitglieder bleiben unvergessen!

Ein Höhepunkt dieses Vereinsjahrs war die Ausstellung im Foyer der Humboldt-Universität „Russenlager“ und Zwangsarbeit zum 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion. Deren handwerkliche und inhaltliche Gestaltung durch Eberhard Radczuweit und Sibylle Suchan-Floss war so aufwändig, dass in der ersten Jahreshälfte wenig Zeit für andere Vorhaben blieb. Doch der Reihe nach:

Am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, veranstalteten wir mit dem Schauspieler Wolfram Grüsser eine Lesung aus Briefen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener. Cornelia Boje trug dabei die Idee vor, aus den „Freitagsbriefen“ ein Hörbuch zu gestalten. Gesagt getan: Frau Boje fand als Mäzen das Tonstudio cine-impuls, aus Kassel reiste der Sänger und Gitarrist Jegor Vysotzky zu Aufnahmen an, das Hörbuch mit 2 CDs und in einer Länge von 120 Minuten, gesprochen von Cornelia Boje, Wolfram Grüsser und Eberhard Radczuweit wurde produziert und wird seither zum Selbstkostenpreis verkauft. Die Motivation zum Hörbuch lag im Wunsch, es vor allem Geschichtslehrenden zur Unterrichtsbegleitung anzubieten.

Zum Volksfest am 8. Mai im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst hatten wir mit viel ehrenamtlicher Unterstützung einen Infostand und veranstalteten gemeinsam mit dem Museum und einem russischen Schauspieler eine zweisprachige Lesung aus den „Freitagsbriefen“.

Es folgten die Veranstaltungen zum 70. Jahrestag. Hauptförderer war die Stiftung EVZ. Unsere Gäste aus Russland waren die ehemaligen Kriegsgefangenen Jurij Kusnezow und seine Enkelin Marina Manajenkowa aus Moskau sowie Jewgenij Platonow und seine Enkelin Irina Platonowa aus dem Gebiet Wladimir. Die beiden 90jährigen waren ausgewählt worden wegen ihrer noch stabilen körperlichen und geistigen Verfassung, so dass ihnen ein umfangreiches Programm zumutbar schien. Sie waren Gäste des Protokollchefs des Berliner Senats und des Vizepräsidenten des Bundestages Wolfgang Thierse und waren aktiv bei allen hier aufgelisteten Veranstaltungen. Sie gaben Interviews, z.B. mit dem Deutschlandradio Kultur. Die Pressekonferenz am 22. Juni war allerdings ein Flop. Sie ist zu spät anberaumt worden, zuvor schon gab es die Pressekonferenz einer Trägergruppe, die am Vorabend des Jahrestages ein Gedenkkonzert in der Philharmonie veranstaltet hatte. Es erschienen nur 2 Pressevertreter, obwohl unsere Mitglieder Gisela Hanssen und Heiko Schlottke zuvor tagelang Pressekontakte pflegten. Die Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung im überfüllten Senatssaal der Humboldt-Uni war hingegen höchst eindrucksvoll. Es begrüßte Ingrid Schmidt, der Historiker Prof. Michael Wildt referierte, der Kabarettist Georg Schramm hatte eigens für den Abend ein Programm vorgestellt. Die Vorträge der beiden Zeitzeugen wurden durch einen hervorragenden Dolmetscher übersetzt.

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung: Eine Diskussionsveranstaltung mit Studierenden an der Humboldt-Uni in Zusammenarbeit mit der Schwartzkopf-Stiftung; eine von Dr. Peter Jahn moderierte Veranstaltung im Rathaus Schöneberg mit beiden Zeitzeugen; eine Filmveranstaltung und Diskussion über die Nichtanerkennung sowjetischer Kriegsgefangener als NS-Opfer.

Die Ausstellung wurde lebhaft besucht. Vielsprachige Einträge in unserem Gästebuch beweisen ihre starke Wirkung auf das internationale Publikum. Die grundlegende Idee, mit dem Medium der künstlerischen Portraitfotografie Leidtragende eines Menschheitsverbrechens, die „vergessenen“ NS-Opfer dem Publikum nahe zu bringen, erwies sich als richtig. So wurden auch textlastige Ausstellungstafeln aufmerksam studiert. Wir danken dem Fotografen Lars Nickel, für das Plakat und den Ausstellungskatalog danken wir Kurt Blank-Markart, im Namen des Vorstands danke ich allen ehrenamtlich tätigen Mitgliedern, die den Erfolg möglich machten.

Weitere Stationen der Ausstellung sind im Januar die Technische Universität Berlin, im April die Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg. Ein KOHTAKTbI-Freundeskreis bemüht sich gegenwärtig um die Präsentation im Bremer Rathaus.

Nach den Sommerferien, am 1. September, dem Antikriegstag, hielt Eberhard Radczuweit eine Rede am sogenannten „Russenfriedhof“ im Wald nahe dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager IX A Ziegenhain in Hessen. Am 17. September konnte Eberhard Radczuweit als Nominierter für den „Pantherpreis“ der taz im Deutschen Theater das Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer vorstellen.

Im Februar / März flog Dmitri Stratievski nach Moskau zu Verhandlungen und zur Vertragsunterzeichnung durch die NichtRegierungsOrganisation „Sostradanje“.

Dadurch erhöhen sich allerdings die Sachkosten incl. Bankgebühren auf rund 12%, die aus den Spendenmitteln zu begleichen sind. Wir zahlen „Sostradanje“ monatlich 500 € als Personalbeihilfe für aufwändige Recherchearbeiten und die Kommunikation mit Ämtern und potentiellen Spendenempfängern.

2011 wurden die noch bestehenden nationalen Stiftungen in Russland und der Ukraine, unsere Partner bei der Auszahlung von Spenden an „vergessene NS-Opfer“, abgewickelt. Durch die unsichere Rechtslage konnte die russische Stiftung die Hälfte der 2010 überwiesenen Summe, 60.000 €, nicht auszahlen, sie wurde uns im Oktober von der Abwicklungskommission zurücküberwiesen, ebenso 3.000 €, die in der Ukraine noch nicht ausgezahlt waren. In Russland hat „Sostradanije“ inzwischen die von der Stiftung noch nicht begünstigten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen erreicht, die dort einen abgelehnten Antrag auf „Zwangsarbeiterentschädigung“ gestellt hatten, und sucht erfolgreich nach weiteren. In Armenien und Georgien leisten wir neben Erstbegünstigungen medizinische und „sonstige“ Nothilfe. Ebenso geschieht dies in der Ukraine, wo wir wahrscheinlich alle noch lebenden ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen erreicht haben. Nothilfen werden von der privat­rechtlich organisierten Nachfolgeorganisation der staatlichen ukrainischen Stiftung übermittelt. In Belarus, wo ein solches Projekt 2010 auslief, und Russland planen wir 2012 ebenfalls Projekte für medizinische und sonstige Nothilfe über „Sostradanije“ und die Nachfolgeorganisation der nationalen Stiftung in Minsk.

In der Ukraine begünstigen wir verstärkt über die Allukrainische Assoziation der jüdischen KZ- und Ghettoüberlebenden NS-Opfer, die keine Zahlungen der EVZ oder „Ghetto­renten“ erhalten. Auch hier werden wir den Partner institutionell unterstützen. Durch einen Spendenaufruf des Theologen Prof. Dr. Matthias Kroeger wird die Unterstützung bedürftiger Mitglieder der Assoziation erweitert.

Aus einer zweckgebundenen Zuwendung von 25.000 € können Übersetzungshono­rare für viele Briefe jüdischer NS-Opfer finanziert werden, die bisher unbeantwortet geblieben sind.

Vom 4. bis 12. Oktober reisten 11 Vereinsmitglieder nach Georgien auf Einladung unseres Vertragspartners, der Ukrainisch-Georgischen Freundschaftsgesellschaft. Im Mittelpunkt standen Besuche bei von uns begünstigten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen.

Anfang November reisten die Vorstandsmitglieder Dr. med. Arend von Stackelberg und Eberhard Radczuweit sowie unser Beiratsmitglied Prof. Dr. Günter Henze nach Moskau zur Teilnahme an der aus Spendenmitteln von uns finanzierten Jahrestagung der multizentrischen Studiengruppe ALL-MB 2008, dem sogenannten „Moskau-Berlin-Protokoll“. Rund 100 Kinderonkologen aus ganz Russland, Belarus sowie aus Taschkent / Usbekistan analysierten die Therapieergebnisse der seit dem Jahre 2008 behandelten 1800 leukämiekranken Kinder. Es wurde eine weitere Annäherung der MB-Therapie­erfolge an das in Deutschland etablierte BFM-Protokoll prognostiziert. Eberhard Radczuweit besprach während der Tagung mit drei leitenden Kinderonkologinnen aus Taschkent, deren Kinderkrebs-Zentrum jüngstes Mitglied der MB-Studiengruppe ist, unsere Hilfsmaßnahmen. Es wurde die Finanzierung von Deutschunterricht am Goethe­institut Taschkent für usbekische Kinderärztinnen vereinbart zwecks Vorbereitung von Praktika an der Berliner Charité.

Nach der Tagung gab es einen von der Hamburger Firma Medac finanzierten festlichen Empfang anlässlich der 20jährigen Existenz des Moskau-Berlin-Protokolls. Dies bezeichnet Eberhard Radczuweit als zweiten Höhepunkt im diesjährigen Vereinsleben. Den Wert der Partnerschaft für leukämiekranke Kinder veranschaulichten in ihren Reden zwei junge Moskauerinnen, die vor 20 Jahren an Leukämie erkrankten und dank unserer Mithilfe gerettet wurden.

Im Bereich des MB-Protokolls 2008 haben sich die Anforderungen an unsere Unterstützung 2011 erhöht. Es werden Zahlungen an ein molekulargenetisches Labor notwendig, wir haben einen Deutschkurs für russische Ärztinnen bezahlt, die Zuwendungen für die in der Studienzentrale Teilzeit arbeitenden Ärztinnen erhöht, damit sie im teuren Moskau nicht auf einen weiteren Job angewiesen sind. Da die der Studie angeschlossenen Krankenhäuser keine Extramittel für die Durchführung der Studie zugewiesen bekommen, arbeiten zudem seit dem Sommer ein Medizin­student und ein Doktorand in der Studienzentrale, um die relevanten Daten der Krankenhäuser regelmäßig zu erheben. Beiden zahlen wir Zuwendungen.

Das Spendenaufkommen für dieses Langzeitprojekt ist rückläufig. Wir hören häufig, dass das reiche Russland die Behandlung solcher Patienten selbst bezahlen könne. Das geschieht auch, zum Beispiel zahlt eine Moskauer Stiftung gegenwärtig für ein von uns zuvor gefördertes sibirisches Kind, den kleinen Wadim Isaak, für eine Knochenmark-Transplantation in der Uniklinik Marburg 150.000 Euro. Die meisten teuren, in Russland verfügbaren Medikamente zur Chemotherapie zahlt die russische Krankenversicherung. Russland, bzw. Gasprom, finanziert ein mit deutschem Knowhow gebautes Kinderkrebszentrum in Moskau, das vielleicht das modernste Europas wird. Aber unser in der internationalen Fachwelt geschätztes „Moskau-Berlin-Protokoll“ fällt aus dem Rahmen des russischen Gesundheitswesens. Eine demokratisch strukturierte Ärztekooperative, die nach einheitlichem, nach selbstbestimmtem Protokoll in ständiger Absprache miteinander landesweit die Therapie ihrer Patienten regelt, ist in Russland und Belarus einmalig. Deren Existenz kann nur durch sogenannte Drittmittel finanziert werden, wie in Westeuropa z.B. durch EU-Sondermittel. Dies ist im Falle Russlands unmöglich. So werden wir die Spendenkampagne sogar erweitern müssen, denn es kommen immer mehr Patienten hinzu. Da das MB-Protokoll im Gegensatz zu Studien z.B. in Deutschland für die angeschlossenen Krankenhäuser und Ärzte zwar Mehrarbeit aber keine zusätzliche Finanzierung bedeutet, steigen die Kosten in der Studienzentrale, die ausschließlich durch KOHTAKTbI finanziert werden bei sinkenden Spendeneinnahmen.

Kurze Auflistung der Titel unserer Jour-fixe-Veranstaltungen:

Januar:

„Und eigentlich fühle ich mich auch als Russin“. Die Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff im Gespräch

Februar:

Miloserdie – von der Rückkehr eines verbotenen Wortes. Daniil Granins Erfahrungen mit der Barmherzigkeit, Einführung: Helmut Ruppel, Musik: Christian Lau

März:

Das „Moskau-Berlin-Protokoll“, Bericht: Dr. med. Arend von Stackelberg

April:

Eduard Kotschergin: Die Engelspuppe. Erzählungen, vorgetragen von Prof. Dr. Monika Richarz und Helmut Ruppel

Mai:

Rückblick auf die Ära Jelzin und die Folgen. Der Journalist Dirk Sager im Gespräch

September:

Lieber Iwan Iwanowitsch. Schostakowitsch schreibt an seinen Freund Sollertinski – Dr. Gottfried Eberle am Klavier

Oktober:

„Es ist leichter, ein Atom zu zertrümmern als Vorurteile abzubauen.“ (Einstein) Dr. Peter Jahn spricht über „Die deutsche Russophobie“.

November:

Ilja Ilf, Jewgenij Petrow: Das eingeschossige Amerika – Helmut Ruppel trug vor, am Klavier Dr. Gottfried Eberle

Als weiterer Jour fixe hat sich im KOHTAKTbI-Domizil das monatliche „Montagskino“ etabliert. Initiator ist Peter Lind. Im Berichtszeitraum wurden neun Spielfilme aus sowjetischer Zeit gezeigt, darunter zwei Stummfilme von Sergej Eisenstein, die am Klavier von Gottfried Eberle begleitet wurden: „Streik“ aus dem Jahr 1925 und „Die Generallinie“ von 1929. Alle Veranstaltungen wurden gut besucht.

Berlin-Schöneberg, 1. Dezember 2011 Dr. Gottfried Eberle

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