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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Mitglieder-Rundbrief September 2012.

Liebe Mitglieder,
KOHTAKTbI-Förderinnen und Förderer!

Ein Bericht über die Aktivitäten im Vereinsdomizil seit der Herausgabe des letzten Rundbriefs muss an erste Stelle die fortgesetzte Korrespondenz im Rahmen des „Bürger-Engagements für vergessene NS-Opfer“ setzen. Denn die täglichen Briefe an alte Menschen, die schwer an ihren Erinnerungen tragen, füllen immer noch den größten Teil des Tagewerks. Ohne das wären die übermittelten Geldspenden nur inhaltslose humanitäre Gesten.

Auf die Danksagung der Jüdin L. W. Marchowskaja aus Odessa –

„Es ist erstaunlich, dass man in unserer heutigen Zeit, in der es so viele verschlossene und unzufriedene Menschen gibt, noch solche finden kann, die bereit sind, ihr Erspartes in ein anderes Land zu überweisen, an unbekannte Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges gelitten haben …“ –

folgte eine ebenso ausführliche Antwort wie auf die anderen 125 Briefe, die in den letzten Monaten nach Geldspenden an Ghetto-Überlebende in der Ukraine hier eintrafen. Auch die Korrespondenz mit ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen reißt trotz deren hohen Alters nicht ab. Nur der Dialog mit 140 Überlebenden der verbrannten Dörfer in Belarus, die dieses Jahr schon ermittelt und begünstigt worden sind, ist noch spärlich.

Dafür aber ist die Resonanz aus Moskau bemerkenswert: Die russische Stiftung Historical Memory beschreibt auf ihrer Webseite ausführlich unsere Solidaritätsaktion für Menschen, die damals dem Terror entkamen. Wir gerieten ins Blickfeld russischer Historiker, die erstmals deren Schicksale erforschen.

Diese Moskauer Stiftung unterstützt ein Projekt, das von unserem Mitarbeiter Dmitri Stratievski aus der Taufe gehoben wird: Eine russische Variante unserer Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangene. Das ist in Russland eigentlich kein Tabuthema mehr. Aber nur wenige Historiker dort beschäftigen sich damit.

Der Direktor des staatlichen russischen Museums für Zeitgeschichte – ein Prachtbau aus der Zarenzeit an der Twerskaja – meinte: „Die Zeit ist reif für eine solche Ausstellung“. Ein Projektantrag an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ist gestellt, die Antwort steht noch aus.

Nachdem unsere Ausstellung „Russenlager“ und Zwangsarbeit vom 26. April bis 20. Juli 2012 im Heidelberger Friedrich-Ebert-Haus stand, das Gästebuch dokumentiert eine positive Bilanz , laufen zur Zeit die Vorbereitungen für die 4. Station der Wanderausstellung auf Hochtouren. Vom 25. Oktober bis 6. Dezember wird sie auf Einladung des AStA und mit Unterstützung des FU-Präsidenten in der Freien Universität Berlin stehen.

Näheres dazu und zum Begleitprogramm ist auf unserer Webseite vermerkt. Nur soviel sei hier genannt: Wir luden als Zeitzeugen den 90jährigen Boris Popow zusammen mit seiner Gattin aus Minsk ein, dem am 26. Oktober eine Veranstaltung gewidmet ist. Man erinnere sich: Zum 70. Jahrestag des Beginns des II. Weltkrieges war er Hauptredner bei unserer Kundgebung auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz. Wir hoffen, er ist noch so wortgewaltig und agil wie vor drei Jahren.

Derweil ist der Bremer KOHTAKTbI-Freundeskreis in gleicher Angelegenheit aktiv. Wir besichtigten kürzlich als Ausstellungsort in zentraler Lage das Haus der Wissenschaft und vereinbarten, die Ausstellung dort im Jahr 2014 zu zeigen. Bis dahin soll der Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener als Zwangsarbeiter in Bremen dokumentiert werden. Das erfordert noch viel Archivarbeit.

Das Thema der Ausstellung stößt vielerorts auf Interesse. Der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ ist an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert. So wird uns dieses Projekt noch mehrere Jahre lang beschäftigen.

Ein Ausflug nach Bergen-Belsen sei hier erwähnt, weil er Impulse bot für künftige Aktivitäten. Wir drei täglich im KOHTAKTbI-Domizil Beschäftigten fuhren wegen einer Ausstellung in der hervorragend neu gestalteten Gedenkstätte dorthin, um Anregungen für unsere Arbeit zu finden. In der Nähe liegt der gut gepflegte Friedhof für sowjetische Kriegsgefangene - fast 20 000 namenlos Begrabene. Entlang einer Friedhofsseite stehen Eisengestelle mit von Schülern in Tontafeln geritzten Namen der Toten. Etwa ein Drittel aller Namen sind so veröffentlicht. Es ist ein Projekt mehrerer niedersächsischer Schulen, betreut vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Nun stellen wir uns vor, russische Schülergruppen zu Workcamps dorthin einzuladen, um sie gemeinsam mit deutschen Schülern Tontafeln fabrizieren und über Krieg und Frieden nachdenken zu lassen. Es wäre die Fortsetzung unserer langjährig unterbrochenen Jugendarbeit.

Wir fuhren weiter nach Celle zum Gespräch mit dem Historiker Dr. Rolf Keller. Er ist Mitarbeiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Wir besprachen mit ihm das Problem, dass die Bundesregierung trotz gesetzlicher Vorgaben die Kennzeichnung hunderttausender namenloser Massengräber auf „Russenfriedhöfen“ neben den einstigen Lagern verweigert. Wir fordern: „Gebt ihnen ihre Namen zurück!“ Denn rund 800 000 Namen und Begräbnisorte sowjetischer Kriegsgefangener sind inzwischen ermittelt. Herr Keller regte an, es sollte das Problem mit allen Gedenkstättenleitern besprochen werden.

Wir haben immer gesagt, wenn die NS-Opfer nicht mehr leben, beginnt unsere Gedenkarbeit, ein weites Feld.

Auf Einladung von Volker Beck nahm ich am 14. September im Bundestag an einem „Expertengespräch“ von Abgeordneten Bündnis90/Grüne teil. Es ging um unsere seit sechs Jahren im Bundestag liegende Petition, zu der dort die Aktenordner immer dicker werden: Die Anerkennung ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener als NS-Opfer.

Gute Argumente wurden vorgetragen. Aber noch verweigert die CDU/CSU ihre Zustimmung. Viele Mitglieder, Förderinnen und Förderer des Bürger- Engagements für vergessene NS-Opfer schrieben bislang vergebens Protestbriefe an diese Politiker, die anscheinend auf eine „biologische Lösung“ des Problems warten.

Partnerschaft für leukämiekranke Kinder.

Anfang September schrieb Sapura Ibragimova aus Taschkent / Usbekistan:

„Wir sind sehr dankbar für Ihre Hilfe und Unterstützung! In Usbekistan wird seit 2008 das neue Therapieprotokoll Moskau-Berlin-2008  eingeführt - in Zusammenarbeit mit dem Koordinator des Protokolls, Professor Karachunsky, ohne dessen große Hilfe und Unterstützung wir nichts machen könnten. Wir haben über 100 Patienten mit ALL im Protokoll MB 2008 registriert. (…) In unserem Zentrum werden über 100 neu mit All diagnostizierte Patienten im Jahr behandelt; im Ganzen sind im Land ca. 300 Kinder registriert, und wir möchten unbedingt allen helfen.

In den letzten Jahren haben sich die Ergebnisse bei der Behandlung von Kinder-ALL im Zusammenhang mit der Einführung der Behandlung nach dem Programm sehr verbessert. Aber wir verstehen, dass auf Grund unseres Mangels an Kenntnissen und Erfahrung die Hospitationen in Moskauer und deutschen Kinderleukämiezentren zur Weiterbildung notwendig sind.

Ich und die Ärztin Aripova Nazokat sind bereit zu Hospitationen in Deutschland, wenn diese von Ihrer Seite unterstützt werden. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie eine Möglichkeit fänden, uns mit Geräten und Verbrauchsmaterialien, insbesondere mit Einwegteilen für Kinderkatheder, für die endolumbale und Wirbelsäulenpunktion, mit Infusomaten etc. sowie mit einigen teuren Medikamenten und Präparaten zu versorgen. (…)

Was können wir tun? Es wurde beim Berliner Senat ein Antrag auf Aufnahme der neuen Partnerstation in den Bereich der offiziellen Städtepartnerschaft Berlin-Taschkent gestellt. Das kann die vorhandenen Schwierigkeiten mit der Klinikleitung mindern. Danach muss eine Spendenkampagne für die Taschkenter Partnerstation folgen. Denn unsere Ressourcen reichen nicht: Jetzt werden ca. 24 000 € für längst bestellte Broviak-Katheter bezahlt, 11 000 € sind fällig für das letzte Jahresquartal der MB-Studiengruppe, die Novemberkonferenz der MB-Ärztekooperative aus 45 Kinderkliniken kostet mindestens 20 000 €, für die jetzt Sponsoren gesucht werden müssen.

Unsere unter dem Schlagwort „Humanismus im West-Ost-Kontakt“ laufenden Spendenkampagnen lassen uns als pure Hilfsorganisation erscheinen. Aber dass wir mit Spendenvergaben recht hohe gesellschaftspolitische Ansprüche verbinden, wissen sowohl die Naziopfer im Osten wie die mit uns verbundenen Kinderärzte.

Mit freundlichen Grüßen

Eberhard Radczuweit.

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