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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Brief von Mikael Papikjan aus Armenien.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI,

ich und die anderen Mitglieder unseres armenischen Vereins der rehabilitierten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs sind über die tragischen Ereignisse in Syrien zutiefst besorgt. Vor dem Krieg gab es in Syrien eine armenische Gemeinde, deren Mitgliederzahl sich auf über 100 000 belief, und die sich hauptsächlich aus den Nachfahren der dem Völkermord im Jahre 1915 entkommenen Armenier/innen zusammensetzte. Sie wohnten in Solidarität und gutem Einvernehmen mit den Arabern und anderen nationalen Bevölkerungsgruppen des Landes. Von dem so genannten „Islamischen Staat“ ebenso bedroht wie die anderen Christen, mussten inzwischen sehr viele von ihnen, nachdem ihre Kirchen zerstört und viele auch getötet wurden, ihr Hab und Gut im Stich lassend, in andere Länder fliehen. Etwa 20 000 haben sich nach Armenien retten können, wo die Regierung ungeachtet der äußerst schweren sozialen Probleme der eigenen Bevölkerung ihnen die notwendigsten Lebensverhältnisse verschafft.

Mikael Papikjan beim Empfang einer von KOHTAKTbI übermittelten Spende.

Die armenischen Kirchen und viele armenische Wohnviertel in den syrischen Städten sind bereits vollständig zerstört worden. Im September 2014 wurde selbst die in Deir ez-Zor erbaute große armenische Kirche der „Heiligen Märtyrer“ gesprengt, unter der sich die Gebeine zahlreicher Opfer des Völkermords an den Armeniern von 1915 befanden. Keine Religion empfiehlt die Tötung unschuldiger Menschen und nichts, was von dem so genannten „Islamischen Staat“ begangen wird, hat was mit dem Islam zu tun. Es sind Terroristengruppen, die an nur einem Tag beseitigt werden könnten, wenn die Mächte in gewisser Übereinstimmung handelten. Diese bleibt leider immer noch aus, und jeder Tag bringt weitere Verluste, während sich die Mächte über ihre Prioritäten in Syrien und solche sinnlosen Dinge streiten, ob die Regierung von Baschar al-Assad legitim sei oder nicht. Diese Frage ist sinnlos, weil die Mehrheit der Bevölkerung Syriens hinter ihm steht.

Was in Syrien vom „Islamischen Staat“ an den Armeniern sowie den anderen christlichen und sonstigen Bevölkerungsgruppen begangen wird, hat einen ausgeprägten genozidialen Charakter. Das betrifft nicht nur die in Syrien bedrohte Nachfolgerschaft der Opfer des Genozids an den Armeniern 1915, sondern auch weitere ebenso bedrohte Bevölkerungsgruppen im Lande. Da ein Genozid ein Verbrechen gegen die Menschheit ist, dürfte dessen Verhütung und Bestrafung doch keineswegs von der Realpolitik einzelner Staaten abhängig gemacht werden. Dies ist aber in Syrien, wo sich geopolitische Interessen vieler Staaten kreuzen, immer noch nicht der Fall. Es haben uns die militärischen Aktionen Russlands in Syrien optimistisch gemacht, dass die Täter endlich bestraft werden und in Syrien wieder Frieden herrschen könnte. Aber auch Russland wird von geopolitischen Interessen anderer Staaten mehrfach behindert.

In Anbetracht der Ereignisse in Syrien kommen ich und viele andere Mitglieder unseres Vereins zu der bitteren Erkenntnis, dass die Realpolitik der Großmächte, die bislang den Massenmord in Syrien duldet, sich leider kaum von der Politik der Großmächte in vergangenen Jahrhunderten unterscheidet, die den noch unbestraften Völkermord an den Armeniern in der Türkei ebenso duldeten und damit den Grundstein für weitere derartige Verbrechen legten.

Wir hoffen trotzdem immer noch darauf, dass Solidarität, Humanismus und Gerechtigkeit die Realpolitik der Mächte kennzeichnen wird, wobei man von KONTAKTE-KOHTAKTbI lernen kann, was diese Begriffe bedeuten … Möge es recht bald geschehen!

Mit herzlichsten Grüßen aus Armenien

Mikael Papikjan.

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Übersetzung aus dem Armenischen: Prof. Dr. Aschot Hayruni, Eriwan.

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