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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Eberhard Radczuweits langer Trinkspruch zur Jubiläumsfeier am 27. Juni 2015.

Die ersten 10 KOHTAKTbI-Jahre hätte es ohne das ehrenamtliche Engagement von Eva Wertheim nicht gegeben. Denn ohne Büroorganisation und Buchhaltung geht es nicht. Die letzten (fast) 10 Jahre hätte es den Verein aus gleichen Gründen nicht gegeben ohne Sibylle Suchan-Floß. Dazu kommt ihr weitgehend ehrenamtliches Engagement zur Kampagne für vergessene NS-Opfer. Am fernen Chiemsee erleichtert mit ihrem Steuerbüro seit 20 ehrenamtlichen Jahren Traudi Kraus unsere Buchhaltung. APPLAUS den Frauen, denen wir viel zu verdanken haben!

Einige Gründungsmitglieder sind verstorben. Unser Ehrenvorsitzender Walter Huder, mein Mentor, Archivar der Akademie der Künste. Ich denke an Dirk Sager, dem wir zwei wichtige Fernsehsendungen verdanken, an den Bildenden Künstler Prof. Hans Förtsch, der bei uns immer präsent ist durch das geniale Vereinslogo, das er uns schenkte. Wir denken an unseren langjährigen Vorsitzenden Prof. Klaus Meyer, der seine Motivation, Historiker zu werden zurückführt auf seine Erfahrung in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Ehren wir alle Mitglieder, die heute nicht mehr leben. Ich bitte um stilles Gedenken.

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Zu unseren geistigen Wegbereitern zählte der Autor des dickleibigen Bandes „Versuch, beim Verlieren des Bodens unter den Füßen neuen Grund zu gewinnen - Perestrojka-Journal“. Der Versuch misslang und unser Gründungsmitglied Wolfgang Fritz Haugk kündigte schon im ersten Jahr seine Mitgliedschaft. Warum folgte ich ihm nicht? Denn … wer vor 25 Jahren nach Moskau oder Leningrad kam, erlebte Chaos, schreiende Armut und Angst auf nächtlichen Straßen, wo Raub und Totschlag drohten. Ich wohnte oft bei einer befreundeten Familie, in deren Bücherschrank neben Pasternak plötzlich Konsaliks „Arzt von Stalingrad“ auftauchte. Abends im Fernsehen der russisch synchronisierte „DERRICK“ und immer wieder Horrorsendungen gegen den Zarenmörder Lenin und die Bolschewiki anstelle Geschichtsaufarbeitung des Stalinismus. Es wurde nicht Geschichte aufgearbeitet, sondern ein Antikommunismus propagiert, wie ihn Bert Brecht während seiner Anhörung vor dem Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe erlebte. Das erschwerte später unser Bemühen, die Kunst der russischen und frühsowjetischen Avantgarde in deutsch-russischen Projekten zu thematisieren. Denn das waren ja Kommunisten. Wenn Schostakowitsch unter Stalins Antiformalismusdoktrin litt, er aber als Mitglied der KPdSU bis zuletzt kulturpolitische Funktionen ausübte, müssen bis heute Deutungsmuster gefunden werden, die ihn zumindest als inneren Antikommunisten portraitieren. Was damals in der Ökonomie des Landes geschah, kritisierte Dirk Sager in seinem Russlandbuch so: „Dereinst würde die Welt es zu würdigen wissen, wie Jeffrey Sachs und Milton Friedman 150 Millionen Menschen zu Versuchskaninchen ihrer ökonomischen Experimente machten“. Anders als heute, liebte damals die BILD-Zeitung Russland und rief die RUSSLAND-HILFE ins Leben.

Warum bin ich Wolfgang Fritz Haugk nicht gefolgt? Es war so eine Idee, anstelle sogenannter humanitärer Hilfe Solidarität mit Partnerschaft und Aufklärung zu verbinden. Da macht man so seine Pläne, probiert dies, macht jenes und vieles misslingt. Dann kommt der Zufall zur Hilfe und mir lief Alexander Isaakowitsch Karachunskiy über den Weg. Der junge jüdische Moskowiter, den hier alle nur Sascha nennen, war Gastarzt bei Prof. Günter Henze und schlug mir etwas vor, bei dessen Realisierung wir mittlerweile schon ziemlich alt geworden sind. Nächstes Jahr ist der 25. Jahrestag der Geburtsstunde des Therapieschemas „Moskau-Berlin-Protokoll“. Mit Günter Henzes Hilfe werden wir also bald die nächste 25-Jahresfeier haben. Sascha hofft auf eine Doppelfeier hüben und drüben, in Berlin und Moskau. Dort können wir eine lange Geschichte erzählen. Hier beschränke ich mich auf die Feststellung, dass diese deutsch-russische Partnerschaft schon tausenden Kindern das Leben rettete und somit zu dem Humansten zählt, was in den deutsch-russischen Beziehungen je geschah. Das wäre eine von mehreren möglichen Antworten auf die Frage, warum ich Wolfgang Fritz Haugk nicht folgte.

Schauen Sie sich die Blätter dort an der Wäscheleine an, dieses zufällig aufgelesene Potpourri alter KOHTAKTbI-Veranstaltungen. Peter Roepstorf erinnert sich an unseren Rettungsversuch des usbekischen Naturschutzgebietes Nuratau, Gottfried Eberle an die armenisch- aserbaidschanische Konzerte „Kaukasischer Frieden“; vor 16 Jahren unterstützten wir oppositionelle belorussische Juristen und Andreas Heinemann-Grüder vermissen wir sehr, weil er als Moderator bei Podiumsdiskussionen im Schöneberger Rathaus Widersprüche auf die Spitze trieb und uns Aha-Erlebnisse bescherte. Was Hilde Schramm anstieß mit ihrer Erfindung des Aufrufs „Geben Sie den Tagessatz ihres Einkommens den vergessenen NS-Opfern im Osten!“ sind Summa Summarum 3,7 Millionen Euro, die wir bis heute auszahlen konnten.

Kleinteiliges + Großprojekte gab es, wie die Ausstellung „Shoa in Lettland“ im Bundestag. Mit Sekt hatten wir schon am 22. Mai 2015 angestoßen, als die CDU sich belehren ließ und Bundesmittel als Zeichen der Anerkennung für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene freigibt. Tag für Tag zeichnet Sibylle jetzt in kyrillischer Schrift nach unserer Datenbank die Adressen tausender und abertausender vielleicht noch lebender ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener auf. Aus den möglichen Antworten erwächst eine Adressdatei zur ersten Auszahlung dieser Bundesmittel.

Die letzten 10 Jahre waren wir Sprachrohr von Menschen, die in der als prägend geltenden Jugendzeit als „Untermenschen“ gequält wurden und nur zufällig deutsche Sterbelager überlebten. Aus den ersten 1000 Übersetzungen ihrer Briefe mit Erinnerungen an Krieg und Nachkriegszeit wählten wir 60 Briefe für ein Buch, das immer noch nicht ausverkauft ist. Seit 9 Jahren senden wir jeden Freitag wirklich jeden Freitag außer Karfreitag oder wenn Weihnachten ist, einen ihrer Briefe durchs Internet. Nicht wenige Geschichtslehrer nutzen diese Freitagsbriefe für den Unterricht.

Wenn der letzte von ihnen gestorben ist, leben ihre Erinnerungen als Mahnung gegen Krieg und Nationalismus weiter. Immer wieder staunen Leserinnen und Leser über deren Menschlichkeit, die in der Versöhnung mit uns gipfelt. Die Regalwände des KOHTAKTbI-Domizils mit ihren zigtausenden Briefen aus Russland, der Ukraine, aus Belarus, Armenien bieten Beweisstücke dafür, dass ein humaner, vernünftiger und friedlicher Umgang miteinander möglich ist. Man möge im Kreml, in der Rada, im Kanzleramt, im Pentagon und den Redaktionsstuben unserer und derer Leitmedien begreifen, wie einfach es ist, Stimmen der Vernunft und Humanität vornean zu stellen statt alte und neue Feindbilder zu malen.

In diesem Sinne wünsche ich dem Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion weitere 25 Jahre Arbeit.

Zum Wohl.< />

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