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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Offener Brief an Gontis Ulmanis, Präsident der Republik Lettland.

3. Juli 1998

Sehr geehrter Herr Präsident!

Die Geschichte unserer beiden Völker bietet Anlaß zum gemeinsamen Gedenken.

Im Prozeß der Annäherung europäischer Länder in Ost und West wächst die Verständigung über Werte unserer Zivilisation, die in diesem Jahrhundert durch Diktaturen zertreten wurde. Gibt es Zweifel daran, daß deren Barbarei ihren Gipfel in der Naziherrschaft fand? Kann eine europäische Demokratie nach dem Holocaust und aller anderen Verbrechen, die im Namen dieser Herrschaft verübt wurden, deren Vollstrecker würdigen?

Das lettische Parlament hat jetzt den 16. März zum „Tag des Gedenkens des lettischen Kriegers“ erhoben. Trotz internationaler Proteste wurde seit Jahren an diesem Tage der Aufmarsch von Veteranen des SS-Verbandes „Lettische Legion“ geduldet. Damit wurde des Jahrestags ihres Sieges bei einer Schlacht im besetzten Rußland 1944 gegen Verbände der Sowjetarmee gedacht.

Die „Lettische Legion“, 1943 auf Hitlers Weisung hin einberufen, hatte ihre Basis in jenen lettischen Polizeibataillonen, die 1941 nahezu die gesamte lettisch-jüdische Bevölkerung im Auftrag der deutschen Besatzungsmacht ausrotteten. Sie waren beteiligt an der Ermordung zehntausender Juden aus Deutschland und anderen europäischen Ländern, die nach Riga deportiert worden sind.

Wir sind tief betroffen von dem parlamentarischen Mehrheitswillen, einen Gedenktag im nationalen Kalendarium einzurichten, der diesen geschichtlichen Hintergrund bietet. Die Wahl dieses Datums beleidigt alle, die im Kampf gegen die Nazi-Diktatur ihr Leben ließen. Wir protestieren und wenden uns zugleich gegen staatliche Fürsorge in Deutschland und Lettland zugunsten dieser Veteranen der Lettischen Legion, die im krassen Gegensatz steht zur sozialen Benachteiligung jener Menschen, die in Lettland als Verfolgte oder Widerstandskämpfer die Naziherrschaft überlebten.

Herr Präsident, wir hoffen auf Ihr Veto gegen diesen Gedenktag.

Dr. Norbert Meisner.

Vorsitzender.

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