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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Neuer Freitagsbrief Nr. 5, aus dem Russischen von Jennie Seitz.

Dmitrijewa Tatjana Fjodorowna
Belarus
Gebiet Witebsk
14.05.2016.

Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender der Organisation „Kontaky“ Gottfried Eberle!

Es wendet sich an Sie die Bürgerin der Republik Belarus Dmitrijewa Tatjana Fjodorowna …

Zunächst, Herr Gottfried Eberle, möchte ich Ihnen für Ihren humanitären Einsatz danken und den Wunsch, den Nazismus A. Hitlers zu verurteilen, seine menschenfeindliche Politik und den grausamen Krieg, den er vielen Völkern Europas aufgezwungen hat, und der, wie sich im Nachhinein herausstellte, sogar für Deutschland selbst sinnlos war – und für die anderen Völker eine schreckliche Tragödie. Ich bin froh, dass es in Deutschland Menschen gibt, die das Wesen von Hitlers Nazipolitik verstehen und bereit sind, sich vor den anderen Völkern für ihren Landsmann zu entschuldigen, der schreckliches Leid über Millionen von Menschen gebracht hat, in meiner Heimat Belarus jedes dritte Menschenleben ausgelöscht hat. Und heute, damit alle Völker der Erde in Frieden und Freundschaft leben können, müssen alle Politiker der Welt die unumstößliche Wahrheit begreifen, dass nämlich alle Völker auf dem Planeten Erde das Recht auf ein Leben in Frieden und Freiheit haben.

Ich bin von Beruf Lehrerin für Russisch und Literatur. Stets habe ich der jungen Generation in meinem Land beigebracht, andere Völker zu respektieren, einschließlich der Deutschen, denn das deutsche Volk trägt nicht die Schuld an der Tragödie des vergangenen Jahrhunderts.

Und nun zu Ihrer Bitte.

Am 21. Juni 1941, genau um 4 Uhr morgens, fielen bereits Bomben auf Kiew. Im Radio wurde verkündet, dass der Krieg begonnen habe. Belarus lag an den westlichen Außengrenze der UdSSR. Die Belarussen bekamen als erste zu spüren, was dieser Krieg, der für uns überraschend kam, bedeutet. Trotz der Heldentaten und der Tapferkeit der Verteidiger der Brester Festung konnte der Vormarsch der mächtigen deutschen Armee nicht aufgehalten werden. Bis nach Mogiljow schritt sie ziemlich schnell voran. Auf dem Bujnitschi-Feld bei Mogiljow gab es am 12. Juli 1941 einen erbitterten Kampf, er dauerte 14 Stunden an. Von Mogiljow bis nach Tschawussy sind es 46 km, und von Tschawussy bis zu meinem Dorf Riminka sind es 17. Die Deutschen überwanden diese Entfernung schnell, marschierten weiter, und wir fanden uns auf besetztem Gebiet wieder, vom 15. Juli 1941 bis zum 25. Juni 1944. Und als die Deutschen wieder auf dem Rückzug waren, verharrte die sowjetisch-deutsche Front lange, von Oktober 1943 bis Juni 1944, in der Gegend von Tschawussy am Fluss Pronja. Neun Monate lang wurde erbittert gekämpft. Von der Kreishauptstadt Tschawussy war nichts mehr übrig, nur zwei Friedhöfe und viele Soldatengräber. All diese Ereignisse sind im Buch „Befreiung …“ beschrieben.

Auf diese Weise befand mein Dorf sich plötzlich im Frontgebiet. Alle jungen Männer waren seinerzeit in die Sowjetarmee geholt worden, und niemand kehrte nach Hause zurück. Im Krieg fiel auch mein älterer Bruder, die Nachbarn verloren vier Söhne.

In den besetzten Gebieten fühlten sich die Deutschen wie die Hausherren. Deshalb zwangen sie auch Frauen dazu, Verteidigungsgräben zu schaufeln, und die älteren Männer, die aufgrund ihres Alters nicht in die sowjetische Armee eingezogen worden waren, zwangen sie, den Wald entlang der Eisenbahngleise abzuholzen. Und eines Tages traf mein Vater den Draht einer Mine, die die Partisanen gelegt hatten, sie explodierte, und mein Vater erlitt eine schwere Schädeprellung. Lange konnte er nichts mehr hören, und später quälten ihn Kopfschmerzen bis ans Ende seines Lebens.

Die Dorfbewohner hatten sehr viel Angst vor den Deutschen, darum hoben sie im Wald Erdhütten-Gruben aus und versteckten sich darin. Was ist eine Erdhütten-Grube? Das ist ein bis zu 1,5–2 Meter tiefes Loch in der Erde. Ein Dach aus kleineren Hölzern, obenauf mit Moos maskiert. Und ein Durchschlupf. Man saß und schlief auf Tannenzweigen. So viele Menschen, wie gerade hineinpassten.

Die Menschen waren halbverhungert, hatten keine Banja, wechselten ihre Sachen nicht, Wasser war knapp. Von dem Dreck und der Enge verbreiteten sich schnell massenhaft Läuse. Ich weiß noch, wie wir einmal über dem Feuer Kartoffeln kochten, anstatt Salz nahmen wir Dünger. Das gab einen schwarzen Schaum. Alle aßen diese Kartoffeln, und es kam uns so vor, als gäbe es nichts Besseres.

Unser Dorf Riminka war groß, um die 150 Höfe. Es war in drei Siedlungen unterteilt. Und eines Tages brannten die Deutschen aus irgendeinem Grund das ganze Dorfbis auf das letzte Haus nieder. Auch die umliegenden Dörfer wurden abgebrannt. Unser Dorf lag am Rande eines großen Waldes, dazwischen verlief ein kleiner Fluss. Manche traten an den Rand des Waldes hinaus uns sahen, wie ihre Häuser brannten, und alles andere auch.

Wir hatten keinen Ort zum Überwintern, und so brachen wir nach Osten in die Evakuierung auf. Fuhrwerke gab es nur wenige, denn es gab keine Pferde. Kleine Kinder wurden mitgenommen, die Erwachsenen gingen zu Fuß. Wir schliefen nachts unter freiem Himmel. Einmal hielten wir zum Rasten auf einem Feld mit Heuhaufen. Daneben war Wald. Plötzlich tauchten deutsche Flugzeuge auf und warfen Flaschen ab, die mit Brandbeschleuniger gefüllt waren. Ich erinnere mich, dass auf einmal Feuer loderten, die Heuhaufen brannten. Die Menschen rannten in den Wald, aus den Flugzeugen wurde geschossen. Der Wald entpuppte sich als Sumpf. Ich rannte zusammen mit meiner großer Schwester, aber ich war langsamer und ging verloren. Fremde Menschen fanden mich und übergaben mich an meinen Vater, der gerade dabei war, fremde Kinder zu retten. Zum Glück überlebten wir. Die Flugzeuge waren weg. Nass, durchgefroren und hungrig vergruben wir uns im Heu und schliefen ein.

Dann zogen wir weiter. Unsere Familie blieb in der Nähe der Stadt Kritschew, im Dorf Djagowitschi. In dem Haus lebte eine Frau. Sie teilte einfach alles mit uns. Wir, meine Schwester und ich, hatten ständig Hunger. Manchmal baten wir unsere Eltern um Essen, und sie sagten: „Macht die Augen zu, legt euch hin und schlaft ein, dann geht der Hunger weg.“ Und als die Hausfrau im Frühling Bohnen im Garten gepflanzt hatte, lief ich hinter die Scheune, grub die Bohnen aus und aß sie ungewaschen. Dann entdeckte die Hausfrau, warum die Bohnen nicht aufgingen. Ich bekam schlimmen Ärger, damit ich das nicht nochmal machte.

Als wir aus der Evakuierung nach Riminka zurückkehrten, gab es nichts, wo man hätte wohnen können. Mein Vater baute eine Erdhütte und darin einen Ofen aus selbstgemachten Ziegeln. Wir rührten Ton an und fertigten die Ziegelsteine selbst. Dann baute Vater ein kleines Häuschen aus Holz, das später unsere Scheune wurde. Mit der Zeit errichtete mein Vater dann ein richtiges Haus.

Zu essen hatten wir nichts. Im Frühling durchpflügten unsere Eltern und wir Kinder die Kolchosefelder auf der Suche nach liegengebliebenen Kartoffeln. Wuschen sie, machten die Schale ab und brieten Puffer. Damals schien es uns, es sei das leckerste Essen der Welt. Im Sommer sammelten wir Beeren, Pilze, Ampfer, aus dem wir Suppe kochten. Feste Schuhe hatten wir keine, deshalb liefen in der kalten Jahreszeit sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder in Bastschuhen herum.

Wie wir damals überlebten, das lässt sich heute mit dem Verstand nicht mehr erklären. Wahrscheinlich, weil wir Kinder die Angst, die Not, das Leid, die Kälte und den Hunger anders als die Erwachsenen erfuhren. So war meine Kindheit. Im Grunde hatte ich keine, genau wie alle meine Altersgenossen in meiner Belarus. Heute haben wir, natürlich nicht ohne Grund, einen Haufen Krankheiten, die damals gesät wurden, in der kalten und hungrigen Kindheit, in der ständigen Angst um unser Leben.

Hochachtungsvoll

Dmitrijewa T. F.

Aus dem Russischen von Jennie Seitz.

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