Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

528. Freitagsbrief (vom 25.07.2012, aus dem Russischen von Martin Creutzburg).

Wladimir Mefodjewitsch Pleiko
Belarus
Gebiet Witebsk.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Guten Tag! Gestern habe ich in der Zeitung „Argumente und Fakten“ die Ansichten des Mitglieds des Vorstandes der deutschen öffentlichen Vereinigung „Kontakte-Kontakty“ Eberhard Radcuweit gelesen: „Der Krieg mit den Augen von Deutschen“. Ich, wie auch andere, die in den Kriegsjahren gelitten haben, unterstütze und begrüße Ihre Position. Ein wenig über mich.

Ich, Pleiko Wladimir Mefodjewitsch, wurde am 6. Juli 1937 in der Stadt Osweja, Werchnedwinsker Rayon, Witebsker Gebiet, Belorussland, geboren. Als der Krieg begann, war ich 4 Jahre alt. Alle Ereignisse, von denen ich berichte, sind natürlich Erinnerungen meiner Eltern, die ich für mein ganzes Leben im Gedächtnis behalten habe. Da ich mich in diesem Alter nicht erinnern konnte. Sie waren unmittelbare Zeugen und Teilnehmer dieser Ereignisse in den Jahren des Krieges.

Ende Juli 1941, nach der Bombardierung unserer Wohnsiedlung, drangen die Deutschen in die Stadt ein. Das erste, was sie machten, war, dass sie eine Gruppe von Juden erschossen, wo heute im Park die Gräber und Gedenksteine sind. Nach diesen Ereignissen zogen wir in das Dorf Abrasejewo, wo mein Großvater väterlicherseits wohnte. Mein Vater, Jahrgang 1912, war Invalide seit der Kindheit und war von der Wehrpflicht befreit. Aber lange konnten wir in Abrasejewo nicht leben. Es begannen Razzien, Tötungen, und wir alle aus dem Dorf, die konnten, gingen in den Wald, verließen Haus und Besitz. Wir bauten Erdhütten, Erdgruben, in denen wir den ganzen Krieg über wohnten. Als die deutschen Razzien durch die Erdhütten kamen, wurden alle, die vorgefunden wurden, erschossen.

Wir hatten Glück, wir blieben am Leben. Im Februar bis März 1943 haben die Hitlerschen Halsabschneider die nächste schreckliche Operation unter der Bezeichnung „Winterzauber“ durchgeführt. Der gesamte Osweijsker Rayon wurde faktisch vom Gesicht der Erde getilgt, in ihm blieb nicht ein einziges Gebäude ganz. Die „Osweijsker Tragödie“ – ist die schrecklichste und tragischste Seite in der Geschichte des Krieges auf dem Territorium Belorusslands. Bei dieser Operation wurden 2/3 der Bevölkerung des Rayons getötet, mehr als 6000 hauptsächlich Kinder, Alte und Frauen.

Aber ich möchte von einem Fall berichten, an den ich mich erinnern kann, da ich schon 7 war und er dauerte drei Tage, als die Rote Armee uns befreite. Wir versteckten uns im Gebüsch südlich von Osweja im Forst Michalino, unweit des Dorfs Abrasejewo. Wir waren etwa 20 Kinder, Alte, Frauen. Wir befanden uns im Niemandsland zwischen den Deutschen im Westen und den Russen im Osten. Wir liefen und machten dann eine Rast, da war sehr hohes Gras und reichlich Tau. Plötzlich kamen auf unserem Pfad drei deutsche Soldaten mit Maschinenpistolen und einer Rolle Telefondraht. Das waren Nachrichtenleute, die eine Leitung verlegten. Wir waren alle ganz verwirrt von dem plötzlichen Erscheinen der Soldaten. Aber sie waren nicht aggressiv. Die Sprache nicht kennend zeigten die Frauen mit Gesten, was sie brauchten, nämlich Streichhölzer. Ein Soldat gab Streichhölzer, zeigte auf den Himmel und sagte: „Russ –bom –bom“. Gab uns zu verstehen, dass man nachts kein Feuer machen sollte, weil russische Flugzeuge kommen und Bomben werfen. Ich erschrak sehr und begann, auf die Hände meines Vaters zu weinen. Ein Soldat kam zu mir streichelte meinen Kopf und gab mir eine Tafel Schokolade. Das war die erste und letzte Tafel Schokolade meiner Kindheit. Das habe ich für mein ganzes Leben im Gedächtnis behalten, habe meinen Kindern und Enkeln davon erzählt. Ich bin jetzt 75 Jahre alt. Am 28. April 2012 habe ich mit meiner Frau Rimma Franzewna goldene Hochzeit gefeiert. Bei uns ist alles in Ordnung. Die Ironie des Schicksals will, dass meine Kinder, Enkel und Enkelinnen in Kaliningrad wohnen und Freunde in Deutschland haben.

Hochachtungsvoll Wladimir Pleiko.

P.S. Indem ich diese Episode den Kindern und Enkeln erzählte, wollte ich damit sagen, dass nicht alle Deutschen Killer und Halsabschneider waren.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.